Das Dorf

Ich weiß, bloggen geht kürzer. Aber für den Anfang mal etwas Futter und mitten rein in die Themenwelt, über die ich hier in Zukunft scheiben möchte.

Wie war das möglich?

Wie oft haben wir beklagt, wie unsolidarisch, unpolitisch und träge die schwule Community geworden ist, daß es eigentlich gar keine Community mehr gibt und vielleicht ja auch gar keine mehr geben muss.
Jeder macht sein eigenes Ding – hauptsächlich im Internet – die Interessen sind zu verschieden, die großen Kämpfe alle gekämpft, und die Jungschwulen interessieren sich sowieso nur für Gucci, Prada und Britney Spears. Und daß Schwule und Lesben im gleichen Boot sitzen, war doch schon in den 80ern nur eine Illusion, und nicht mal eine schöne.

Doch gestern war alles anders. Laut einer Agenturmeldung waren 2000 von uns zum Protest erschienen. Es gab nichts zu feiern, nichts zu gucken, nichts zu tanzen. Es gab nicht mal einen Namen für das, was da passierte und trotzdem war es auf einmal da und– vielleicht zum ersten Mal – gemeinsam auf den Beinen: Es, das imaginäre schwul-lesbische Zweitausendseelen- Dorf, daß sich sonst in seine vielfältigen virtuellen und realen Räume und Keller verkriecht. Zum ersten mal konnte man es sich anschauen, dieses Dorf und seine Bewohner. An einem ganz normalen Winterfeldtmarkt- Samstag, ohne Touristen und Straßenfestausnahmezustand. Es waren nicht – zumindest nicht nur – die üblichen Verdächtigen da, die Politiker, die Szene-Gesichter, und die im Tageslicht noch kurioseren Schwestern der Perpetuellen Indulgenz. Obwohl ich in den letzten Jahren kaum einen CSD ausgelassen habe, habe ich selten so viele ältere und auch ganz alte Männerpärchen gesehen. Es gab viele junge Schwule, die ganz selbstverständlich die Regenbogenfahne hielten, und es gibt sie doch, die Lesben und auch die schwulen Väter, die ihren Kindern erklären mussten, warum man sich vor einer Eisdiele trifft, ohne da auch ein Eis zu essen.

Fast alles Menschen, die – wie ich – einmal hierher gezogen sind, um sich fern der Heimat ein Zuhause zu schaffen: Ein Zuhause in einem Viertel, in dem man ganz einfach für das, was und wie man ist, weder bedroht noch blöd angeschaut wird.

Was war passiert? Vor ein paar Tagen hatte der Chef der Eisdiele „Dolce Freddo“ wiedermal ein lesbisches Pärchen attackiert, weil es sich vor seinem Laden geküsst hatte. Schon seit Jahren pöbelt und droht er dort gegen Schwule und Lesben und wird auch schonmal handgreiflich.

Bisher ist er immer damit durchgekommen, sein Laden blieb voll, weil die die Lage mitten im Epizentrum des schwulen Kiez zu gut und sein Eis wohl zu lecker ist. Es ist leicht, gegen Achmadinechad, gegen den Papst oder homophobe Wirtschaftskonzerne zu demonstrieren, aber gegen die beste Eisdiele am Platz wird es schwer.

Doch, wie gesagt, diesmal war alles anders. Die beiden Frauen zeigten ihn bei der Polizei an. Vielleicht war das der Auslöser für den überwältigenden Protest: ein Aha-Effekt, die kollektive Erkenntnis, dass Diskriminierung nicht nur widerlich, sondern auch verboten ist, dass man sich nicht nur ärgern, sondern auch wehren kann. Vielleicht war es auch der Film über Harvey Milk, der uns vor ein paar Wochen im Abspann mit dem Gefühl alleine gelassen hatte, wie notwendig aber auch wie schön es wäre, etwas gemeinsam zu tun.
Auf jeden Fall war es zumindest auch das Internet, wobei es „das“ Internet ja nicht gibt, wohl aber ein sich dort gemeinsam verstärkendes Gefühl für das, was wichtig ist und wird. „Im Internet kursierte“ heißt es dann immer so schön, wenn etwas verbreitet wird, so als ab da eine geheimnisvolle Macht die Strippen zieht, tatsächlich sind es aber ganz reale Freunde, Bekannte, „Kontakte“, die uns etwas mitteilen und uns in der Ahnung bestärken, daß wir mit irgendetwas nicht alleine sind, – in diesem Fall mit unserer Wut.

Und so standen wir vor „Dolce Freddo“. Es wurde kein albernes Happening, wie die auf Facebook veröffentlichte Aufforderung zum gemeinsamen „Kiss In“ befürchten ließ (was nicht heißt, dass die Aufforderung nicht genau richtig so war!). Es wurde eine ernsthafte, emotionale Veranstaltung, das gemeinsame Ziehen einer Roten Linie: Hier hört der Spaß auf, das Hinnehmen von Angriffen auf unsere Würde und vor allem die Bereitschaft zum Bagatellisieren. So eindringlich habe ich das zum ersten Mal erlebt. Daß da etwas Neues passiert ist, lässt sich auch in der hilflosen Art ablesen, wie die meisten Medien dieses Ereignis (wenn überhaupt) einzuordnen versuchten. Schwule und Lesben, die weder schrill, noch Opfer, noch lächerlich sind, scheinen ein Problem zu sein. Schwule, die ohne Federboa und nacktem Arsch einfach nur für ihre verfassungsmäßigen Rechte eintreten, gar eine Provokation.

Es ist interessant zuzuschauen, was passiert, wenn der vermeintliche Konsens einer liberalen Gesellschaft im ganz konkreten Fall mal eingefordert ist. Wenn es nicht um Mahnwachen oder Gedenktage geht, sondern darum, was wir uns im Alltag gefallen lassen müssen. Die spannendsten Verrenkungen dazu sind wohl Harald Martenstein vom „Tagesspiegel“ gelungen. Was er bedenklich findet, sind nicht etwa die immer häufiger auftretenden Tätigkeiten gegen Schwule und Lesben, sondern angebliche Tätigkeiten durch Schwule und Lesben. Martenstein behauptet, die Pizzeria „Dolce Pizza“, die nicht nur neben der „Dolce“-Eisdiele liegt, sondern auch noch so ähnlich heißt, hätte sich mit einer Regenbogenfahne gegen solche Bedrohungen schützen müssen.

Jeder, auch jeder nicht vor Ort war – und somit auch Martenstein – weiß, wie lächerlich das ist.

Mir ist kein einziger Fall von schwulem Protest in Deutschland bekannt, der in Gewalt umgeschlagen ist. Bei fast jedem einzelnen Fussball-Zweitligaspiel gibt es wahrscheinlich mehr Ausschreitungen als bei allen CSDs in Deutschland der letzten 20 Jahre zusammen. Doch die Gewalt gegen Schwule hat in der letzten Zeit zugenommen. In der Kleiststrasse, also nur wenige hundert Meter von der Eisdiele entfernt, ist noch im Januar ohne erkennbaren Grund ein schwules Pärchen fast tot geprügelt worden.

Ich kenne Martenstein nicht, und deshalb kann ich nicht beurteilen, ob er homophob ist. Seine Argumentation jedenfalls ähnelt stark der der Schwulenhasser. Übrigens auch der des Wirts des Dolce Freddo.

„Ich habe ja nichts gegen Schwule, aber…..“.

Aber! Aber müssen die sich denn unbedingt auch noch auf der Strasse küssen? Aber müssen die sich denn wirklich so aufregen?

Ja, müssen wir!!

, Community, Hauptstadt, Politik

5 “Kommentare ”

  1. @jk … Hier in Köln waren am Wochenende 500 menschen, die gegen die Versammlung der Pro- Köln protestiert haben, das war gut so! Habe jedoch das Gefühl, das jenes durch die Medien gegangen ist, wie „geschnitten Brot“ und das, was quasi zeitgleich 2000 Menschen in Berlin vor der Eisdiele aus oben beschriebenen Grund versammelt hat, mich nur erreicht haben, weil ich – zum Glück- auch ein wenig virtuell organisiert bin, danke dir dafür!
    PS. Wenn man aus dem Tierheim ein Tier holt, wird man einer gewissen Eignungsprüfung unterzogen, ob man denn dem Tier auch gut tut. Inklusive Kontrolle nach ein paar Wochen vor Ort. Manchmal frage ich mich, ob es nicht auch sinnvoll ist, so was in diversen anderen Bereichen einzuführen, haha. Das ist nun wohl aber auch zu diskriminierend 😉

    Wir müssen uns immer so aufregen, das soll so bleiben und ist auch gut so!

  2. freut mich, dass hier durch politisches handeln das bild der schwulen und lesben als reine spass-szene zurechtgerückt wurde. und handeln ist hier weiterhin an vielen stellen notwendig. vielelciht ist das ja ein anfang, dass mehr politisch gehandelt wird.

  3. Ob nun die Thematik selbst „spannend“ ist – bleibt für meine Begriffe subjektiv zu bewerten. Schön wäre es allerdings, wenn sich diese „Bewegung und solidarische Haltung“ – abseits der Dolce-Freddo-Thematik, generell ins Alltägliche transportieren liesse. So zum Beispiel, wenn sich dies auch bei Entlassungen Homosexueller aus „homophoben“ Gründen bewerkstelligen liesse oder wenn sich alleine die nächste „schwul-lesbische“ Knutsch-Kuss-Demo am schwul-lesbischen Denkmal nicht nur vor Ort machbar wäre, sondern überall. Denn was bringt eine solch politische Aktion, wenn sie denn doch lokal dort zu orten ist, wo ohnehin „Homosexuelle sein dürfen“?…

  4. Pingback: Der Imbiß »

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