„Aggressive Homosexualität“: Was die FAZ unter Missbrauch versteht

Noch spannender als die Frage, wer der neue Papst wird und wer der alte eigentlich ist, finde ich, welche Reflexe die Papstwochen auslösen. Fast scheint es so, als müsse man ein paar unumstößliche Wahrheiten noch einmal unumstoßbar festhalten, weil man ja doch nicht so genau weiss, was einmal werden wird, wenn wir mal nicht mehr Papst sind. Benedikt hat den Kampf gegen Homosexualität zu seinem heiligen Krieg gemacht, und es scheint einigen Soldaten dieser Mission gerade jetzt wichtig zu sein, ihre Angriffsfähig- und Willigkeit zu demonstrieren. Das ist nicht weiter schlimm, das laute Kriegsrufen im finsteren Wald ist man ja gewohnt. Etwas merkwürdiger ist es dann schon, wenn es auf einer besonders grossen freien Lichtung passiert. So wie die Seite Drei, der FAZ. Der
Am Tag nach dem Papst-Rücktritt gab es auch in der FAZ mehrere Seiten zum Thema mit Informationen und Bewertungen. Der grösste Beitrag füllte die ganze Seite drei, vom Genre her kein Meinungsartikel, eher ein Ratzinger/Benedikt Portrait, das seine Stationen und Positionen recht nüchtern benennt und einordnet. Fast bis zum Schluss hält der Autor das durch, doch dann irgendwann, sieht er sich gezwungen, ein paar Dinge einmal klar zu stellen. Zunächst stellt er klar, dass nicht die Positionen Benedikts das Problem  sind, sondern dass man sie nicht versteht: „Missverständliche Äußerungen des Papstes dienen als Beleg einer unvermindert repressiven Sexualmoral“. An dieser Stelle mag man denken, na ja, das ist halt die FAZ, sie ist eben -zumindest im Politikteil – eine konservative Zeitung, und sie ist es einem Grossteil ihrer Leser eben schuldig, dass man den Interpretationsspielraum auch nutzt, mit dem man das Wirken des Papstes etwas aufhübschen kann. Doch während man das so denken mag, überliest man fast ein kleines Wörtchen, das sich da so harmlos in Mitten der Auflistung der Geschehnisse versteckt und gerade dann zum Einsatz kommt, wenn es zum grössten bisher bekannten Skandal des Pontifikates geht: „sogenannte“. Ja, der Autor spricht tatsächlich von der Debatte „über den sogenannten sexuellen Mißbrauch“, verrät uns aber leider nicht, wie er das nennen würde. Nein, deutlicher wird er nicht, er belässt es bei dieser Andeutung. Er schreibt sie nicht, die die beliebte Katholikenthese dass es nicht die Kirche ist, die am Mißbrauch schuld war, sondern die Homosexuellen, die ja die Priester verführt haben. Ob er es nicht durfte oder wollte, wird nicht klar. Darauf, dass er aber in Sachen Homophobie fest an der Seite das Papstes steht, deutet eine andere Stelle hin. Es ist ein Outing auf Umwegen: In seinen Bemühungen, den Papst aus dem Schussfeld zu nehmen, beschreibt er dessen Engagement als vormaliger Präfekt der Glaubenskongregation, wie er in dieser Sogenannten-Sache gegen den damaligen Wiener Kardinals Groër vorgegangen sei. Herman wurde vorgeworfen, Jugendliche missbraucht zu haben. Der FAZ-Autor findet dafür andere Worte und nennt es  „aggressive Homosexualität“. Damit ist ihm ein echter homophober Doppelwhopper gelungen. Missbrauch, so scheint der Autor uns sagen zu wollen, ist die gesteigerte Form von Homosexualität, also etwas das im Wesen der Homosexualität verankert ist.  Wie Nationalismus, der aggressiv werden kann.  Oder Krebs. Wer auch hier an ein Missverständnis glaubt, der möge mir bitte erklären, was „aggressive Heterosexualität“ ist.
Ein Zufall kann jedoch die zweite Etage des Doppelwhoppers sein. „Agressive Homosexualität“ ist nämlich – zumindest in einem anderen Zusammenhang – keine Erfindung des FAZ-Autors. „Aggressive Homosexualität“ nennt man das, was Russland unter Strafe stellen möchte, nämlich homosexuelle „Propaganda“, womit schon das „Zur-Schau-Stellen oder Küssen von Schwulen und Lesben in der Öffentlichkeit“ gemeint ist. Als Begründung für dieses Vorhaben wird der Schutz von Kindern angegeben. Vielleicht ist das, wovor russische Kinder geschützt werden sollen ja aus der Sicht der FAZ ein richtiger Missbrauch, also keiner, den man nicht als „sogenannt“ relativieren muss.

Noch spannender als die Frage, wer der neue Papst wird und wer der alte eigentlich ist, finde ich, welche Reflexe die Papstwochen auslösen. Fast scheint es so, als müsse man ein paar unumstößliche Wahrheiten noch einmal unumstoßbar festhalten, weil man ja doch nicht so genau weiss, was einmal werden wird, wenn wir mal nicht mehr Papst sind. Benedikt hat den Kampf gegen Homosexualität zu seinem heiligen Krieg gemacht, und es scheint einigen Soldaten dieser Mission gerade jetzt wichtig zu sein, ihre Angriffsfähig- und Willigkeit zu demonstrieren. Das ist nicht weiter schlimm, das laute Kriegsrufen im finsteren Wald ist man ja gewohnt. Etwas merkwürdiger ist es dann schon, wenn es auf einer besonders grossen freien Lichtung passiert. Auf so einem Platz wie der Seite Drei der FAZ.

Es ist schon ein paar Tage her, aber damals kam ich nicht dazu, etwas zu schreiben. Ich ging eh davon aus, dass es einen Aufschrei Protest geben würde, irgendjemand würde sich schon der Sache annehmen. Ist aber immer noch nicht passiert. Deshalb erst heute als Nachtrag.

Am Tag nach dem Papst-Rücktritt gab es auch in der FAZ mehrere Seiten zum Thema mit Informationen und Bewertungen. Der grösste Beitrag füllte die ganze Seite Drei („Papst-Rücktritt: Der Mitarbeiter der Wahrheit“) vom Genre her kein Meinungsartikel, eher ein Ratzinger/Benedikt Portrait, das seine Stationen und Positionen recht nüchtern benennt und einordnet. Fast bis zum Schluss hält der Autor* das durch, doch dann irgendwann, sieht er sich gezwungen, ein paar Dinge einmal klar zu stellen. Zunächst stellt er klar, dass nicht die Positionen Benedikts das Problem sind, sondern dass man sie nicht versteht: „Missverständliche Äußerungen des Papstes dienen als Beleg einer unvermindert repressiven Sexualmoral“.

An dieser Stelle mag man denken, na ja, das ist halt die FAZ, sie ist eben -zumindest im Politikteil – eine konservative Zeitung, und sie ist es einem Grossteil ihrer Leser eben schuldig, dass man den Interpretationsspielraum auch nutzt, mit dem man das Wirken des Papstes etwas aufhübschen kann. Doch während man das so denken mag, überliest man fast ein kleines Wörtchen, das sich da so harmlos in Mitten der Auflistung der Geschehnisse versteckt und gerade dann zum Einsatz kommt, wenn es zum grössten bisher bekannten Skandal des Pontifikates geht:

„Sogenannte“.

Ja, der Autor* spricht tatsächlich von der Debatte „über den sogenannten sexuellen Missbrauch“.

Er verrät uns aber leider nicht, wie er das nennen möchte.

Nein, deutlicher wird er nicht, er belässt es bei dieser Andeutung. Er schreibt sie nicht, die beliebte Katholikenthese dass es nicht die Kirche ist, die am Missbrauch schuld war, sondern die Homosexuellen, die ja die Priester verführt haben. Ob er es nicht durfte oder wollte, wird nicht klar. Darauf, dass er aber in Sachen Homophobie fest an der Seite das Papstes steht, deutet eine andere Stelle hin. Es ist ein Outing auf Umwegen: In seinen Bemühungen, den Papst aus dem Schussfeld zu nehmen, beschreibt er dessen Engagement als vormaliger Präfekt der Glaubenskongregation, wie er in dieser Sogenannten-Sache gegen den damaligen Wiener Kardinal Groër vorgegangen sei.

Herman wurde vorgeworfen, Jugendliche missbraucht zu haben.

Der FAZ-Autor findet dafür andere Worte. Er nennt es „aggressive Homosexualität“.

Damit ist ihm ein echter homophober Doppelwhopper gelungen. Missbrauch, so scheint der Autor uns sagen zu wollen, ist die gesteigerte Form von Homosexualität, also etwas, das im Wesen der Homosexualität verankert ist. Wie Nationalismus, der aggressiv werden kann. Oder Krebs.

Wer auch hier an ein Missverständnis glaubt, der möge mir bitte erklären, was „aggressive Heterosexualität“ ist.

Ein Zufall kann jedoch die zweite Ebene  des Doppelwhoppers sein. „Agressive Homosexualität“ ist nämlich – zumindest in einem anderen Zusammenhang – keine Erfindung des FAZ-Autors. „Aggressive Homosexualität“ nennt man das, was Russland unter Strafe stellen möchte, nämlich homosexuelle „Propaganda“, womit schon das Zur-Schau-Stellen oder Küssen von Schwulen und Lesben in der Öffentlichkeit“ gemeint ist. Als Begründung für dieses Vorhaben wird der Schutz von Kindern angegeben, die ja einen Schaden dadurch erleiden könnten, wenn sie auf offener Strasse Homosexuelle zu Gesicht bekommen würden.  Vielleicht ist das, wovor russische Kinder geschützt werden sollen, ja aus der Sicht der FAZ ein richtiger Missbrauch. Also keiner, den man nicht als „sogenannt“ relativieren muss. ♦

* Nach der Lektüre des Artikels in der „Frankfurter Allgemeinen“  fragt man sich, ob sein Autor Daniel Deckers mit dem in der Überschrift benannten „Mitarbeiter der Wahrheit“ vielleicht gar nicht den Papst gemeint hat, sondern sich selbst.  Jedenfalls war es kein den Umständen geschuldeter Ausrutscher, dass es Deckers war,  der in der FAZ am Tag nach dem Papst-Rücktritt die Wahrheit verkünden durfte: Daniel Deckers ist bei der FAZ zuständig für die Berichterstattung über die katholische Kirche. In einem Video auf katholisch.de erklärt er , wie in seiner Zeitung Religion gemacht wird.

2 “Kommentare ”

  1. Das ist halt Herr Deckers, nachdem der auch in der FAS schrieb, habe ich mein Abo gekündigt.

  2. Pingback: Das Trauma der Erika Steinbach und der Verdienst von Anne Will »

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