Coming-out: Liebe Eltern, gebt Euch einen Ruck!

Liebe Eltern,

wahrscheinlich liebt Ihr Eure Kinder, Ihr seid verantwortungsbewusste Leute, Ihr tut alles dafür, dass es ihnen gut geht und dass sie es einmal gut haben werden.

Und Ihr braucht niemanden, der Euch erzählt, wie Ihr mit ihnen umgeht, erst recht nicht von jemanden, der weder Euch noch Eure Kinder persönlich kennt.

Trotzdem bitte ich Euch um ein paar Minuten Eurer Zeit. Ich möchte Euch eine Frage stellen:

Habt Ihr mit Euren Kindern jemals darüber gesprochen, wie es wäre, wenn sie homosexuell wären? Habt Ihr Ihnen jemals gesagt, dass es nicht nur völlig in Ordnung wäre, dass ihr sie genau so lieben würdest, dass Ihr sie unterstützen würdet, egal was da kommt?

Ich bin gerade viel im Land unterwegs auf Veranstaltungen, in denen es um Homophobie geht. Und wenn ich diese Frage an Eltern stelle, dann höre ich meistens Antworten wie:

„Das brauchen wir unseren Kindern nicht zu sagen.“

„Unsere Kinder wissen auch so, wie wir zu ihnen stehen.“

„Wir leben unseren Kindern Werte wie Toleranz vor, sie wissen, wie wir zu Homosexuellen stehen und dass wir da kein Problem mit haben.“

„Heute ist doch Homosexualität kein großes Thema mehr, unsere Kinder sind da locker.“

Was mir diese Eltern – und womöglich auch Ihr – mir sagen wollt, ist also: Es ist überflüssig, es explizit auszusprechen und ihnen Eure Liebe und Unterstützung zuzusichern. Ihr kennt Eure Kinder, Eure Kinder kennen Euch. Wenn sie homosexuell sind, wäre das kein Problem und sie wissen auch so, dass alles in Ordnung ist, das alles in Ordnung wäre.

Mag sein. Aber ich schreibe Euch diese Zeilen, um Euch zu sagen, dass es sehr wahrscheinlich nicht stimmt.

Da Ihr selbst wahrscheinlich heterosexuell seid, habt Ihr nie vor der Herausforderung eines Coming-outs gestanden. Und deswegen möchte ich Euch sagen, dass das leider nicht so easy ist, wie Ihr Euch das wahrscheinlich vorstellt.

Coming-out, und das zeigen alle Studien, ist auch heute in den meisten Fällen eine große Sache. Coming-out ist auch heute mit großen existentiellen Ängsten verbunden. Die Selbstmordrate von lesbischen, schwulen oder transsexuellen Jugendlichen ist um ein vielfaches höher ist als die ihrer heterosexuellen AltersgenossInnen. Aber nicht nur das: Sie denken auch sehr viel häufiger über Selbstmord nach. Wenn ihr Kind, homo- oder transsexuell ist, ist es nicht unwahrscheinlich, dass es auch solche dunklen Gedanken kennt.

Ich bekomme viel Rückmeldung von jungen Menschen, die ihr Coming-out hinter sich haben. Viele kommen aus liberalen, fürsorglichen Familien. Und trotzdem fiel es ihnen unglaublich schwer, mit ihren Eltern über ihre sexuelle Identität zu sprechen. Aus Angst, aus Scham, aus Unsicherheit. Selbst wenn sie geahnt hatten, dass es kein Problem geben würde: Ahnen ist eben nicht wissen. Sie waren sich ganz sicher. Nicht sicher genug für einen solchen Schritt. Ein Restzweifel genügt oft, es nicht zu wagen, den richtigen Moment wieder und wieder zu verpassen. Denn- ganz subjektiv gesehen, es steht ja auch viel auf dem Spiel: Warum soll ich – erst recht in einer Lebensphase, in der auch der die Gefühle auch bei heterosexuellen Jugendlichen Achterbahn fahren – meinen Halt riskieren? Das Bild zerstören, das meine Eltern von mir haben? Ihnen womöglich Angst machen? Sie enttäuschen? Ihre Liebe zu mir aufs Spiel setzen? Ja, das mag für sie übertrieben, gar absurd klingen. Aber bitte versuchen sie einfach mal, sich in die Situation homosexueller Heranwachsender hinein zu versetzen:

Ich erfahre oft, dass manchmal ein einziger nebenbei gesagter Satz, ein Lachen, ein Augenverdehen beim gemeinsamen Fernsehschauen, wenn dort gerade ein schriller Homo zu sehen war, den Coming-out-Vorsatz für Jahre begräbt. „Schwule Sau“ ist an Schulen das häufigste Schimpfwort. Gerade in einem Alter, in dem man dazugehören möchte, steht es für größtmögliche Ausgrenzung. Steht – gerade in der Pubertät – für eine Zuschreibung, die man da echt nicht gebrauchen kann: Ich bin kein richtiger Mann, ich bin keine richtige Frau.

Queere Kinder und Jugendliche beobachten sehr genau, wie die Gesellschaft aber auch das familiäre Umfeld über Menschen wie sie spricht. Sie entwickeln ein feines Gespür für die Ablehnung, den Spott und auch für die Zwischentöne, in denen diese geäußert werden. Man ist auf der Hut, wertet alles Mögliche als Indiz dafür, wie aufgeschlossen jemand mit dem Thema Homosexualität umgeht. Und sie wissen auch, dass es einen Unterschied macht, ob Eltern homosexuelle Freunde haben oder homosexuelle Kinder. Und selbst das wurde mir bereits mehrfach berichtet: Selbst wenn ein Geschwisterteil bereits ein positives Coming-out in der Familie hinter sich hat, reicht das oft als Sicherheit nicht aus, dass das bei dem eigenen auch so sein wird. Die Ängste sind diffus, teilweise surreal. Aber es ist ja auch eine surreale Situation: Ich muss meinen Eltern etwas „beichten“, für das ich gar nichts kann, etwas, das gar nicht mal schlimm ist. Und anstatt, dass ich erwarten kann, dass sie mich in einer Situation auffangen weiß ich, dass es in den meisten Fällen andersherum ist: Dass Kinder ihre Eltern stützen müssen, dass Kinder ihren Eltern ein gutes Gefühl geben müssen, die Angst nehmen müssen, statt umgekehrt.

Warum ist das so? Warum muss das in den allermeisten Fällen so sein?
Warum unterlassen so viele Eltern diese Hilfe, die doch so einfach ist. Ein einziger Satz. Wo ist das Problem?

Man muss wahrscheinlich gar nicht weiter reden nach diesem Satz. Er muss einfach nur ausgesprochen sein. Er muss verstanden worden sein. Für den Fall der Fälle.

Also, gebt Euch einen Ruck!

Was habt Ihr zu verlieren, wenn Ihr es Eurer Tochter, Eurem Sohn sagen? Wenn Euer Kind hetero ist: Prima, dann weiß es wenigstens, wie Ihr über das Thema denkt und hat in Euch ein gutes Vorbild. Und wenn Euer Kind wirklich lesbisch, schwul, oder trans ist: Was spricht dagegen? Wovor habt Ihr Angst? Und wenn es wirklich Angst ist: Warum erwarten Ihr, dass Euer Kind seine Angst überwinden soll, wenn Euch das als Erwachsene schon nicht gelingt?

Ich weiß, ich bin gerade übergriffig, wir kennen uns nicht, und ich habe kein Recht, so mit Ihnen zu reden. Sie wissen selbst, was gut für Ihr Kind ist. Aber: Es ist nur ein Satz. Was spricht gegen diesen einen Satz?

Danke für Eure Zeit. Und wenn Ihr das Gefühl habt, dass Euch all das nicht betrifft, dann leitet diese Zeilen doch einfach weiter.

Danke!

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