Der Stammtisch

Früher waren die Stammtische das Problem. Hier vermuteten die Volksparteien eine „schweigende Mehrheit“ eine nicht gerade liberal gesinnte Bevölkerungsschicht, der man eine homofreundliche Politik nicht vermitteln, nicht zumuten könne.

Die Stammtische – zumindest als nebulöses Schreckgespenst – waren schuld daran, warum vieles in der Bundesrepublik zunächst gar nicht, und dann erst so spät geschehen konnte. Etwa der Paragraph 175 von 1872, der erst 1994 abgeschafft wurde, oder das Lebenspartnerschaftsgesetz das erst 2001 eine erste staattlich Anerkennung von homosexuellen Partnerschaften ermöglichte.

Früher waren die Stammtische das Problem. Heute sind es die Champagnertheken.

Hier tummeln sich Leute, die wissen, daß es Ihrer Boulevard-Credibility schadet, wenn sie plump gegen Schwule pöbeln. Selbst die „Ich hab ja nichts gegen Schwule“-Camouflage scheint Ihnen nicht sicher genug, sie drehen gerne noch eine Piruette weiter. Sie finden Schwule sogar richtig chic, es sei denn… ja es sei denn sie sind schwul.

Philipp v. Studnitz ist seit einigen Wochen „Leitender Redakteur und Kolumnist für Gesellschaft“ bei B.Z. und B.Z. am Sonntag und hat sich für einen Artikel über einen Film, in dem sich zwei Männer küssen, folgenden Einstieg einfallen lassen:

„Falls Sie auch nach dem ganzen CSD-Quatsch noch Wohlwollen für ausgelebte Zwischenmännlichkeit empfinden, haben wir hier eine nette Nachricht: Deutschlands Sex-Symbol Moritz Bleibtreu zeigt vor der Kamera ganz unaufgeregt, wofür all die Feder-Boa-Herrschaften zwischen Nollendorfplatz und Leder-und-Ketten-Karussell mit Nachdruck demonstrierten: Dass ein Kuss zwischen Männern nun wirklich nichts Unansehnliches ist.“

Ich weiss nicht ob Philipp v. Studnitz schwul ist oder nicht, ob es schwuler Selbthass ist, der ihn treibt, oder alles ganz simpel ist, und er wirklich einfach nur homophob ist. Ich bin (im Gegensatz zu v. Studnitz) kein Literaturwissenschaftler, und weiß daher auch nicht, wie sich die Wörter „Zwischenmännlichkeit“ und „ausgelebt“ zueinander verhalten, vielleicht ja so wie die Wörter „schlimme Krankheit“ und „ausgebrochen“ oder so wie „Pickel“ und „ausgedrückt“.

Und nein, ich will mich nicht darüber aufregen, daß er sein Bild über die Zusammensetzung der CSD-Teilnehmerschaft offensichtlich nur aus seiner eigenen Zeitung bezieht (oder es wider besseres Wissen darauf reduziert). Ich glaube, daß selbst die BZ-Leser wissen, daß Studnitz da Stuss schreibt, aber auch das ist nicht der Punkt.

Wahrscheinlich hat jeder beim CSD schonmal geschluckt und sich gefragt, ob dieses oder jenes Outfit- oder Nicht-Outfit da wirklich hingehört. Aber v. Studnitz beschwert sich ja nicht über Sado Maso Kostüme oder Nacktheit, auch weil er weiß, das dies weder die schwule Szene noch den CSD charakterisiert. Er moniert nicht die Auswüchse des CSD, sondern den CSD im Ganzen, den „CSD Quatsch“. Er kritisiert nicht die Schwulen, sondern wie Schwule (zumindest auch) sind, und vor allem, wie sie nicht sind, nämlich sexy, adrett, smart und „unaufgeregt“ wie Moritz Bleibtreu in dem Film.

Als ästhetischer Diskurs mag man das ja mal zu Ende denken, man könnte ja beispielsweise auch überlegen, Fußball-Bundesligaspiele nach Mitternacht ausrichten zu lassen, weil man der Meinung sein könnte, daß die dort (mehrheitlich) aufgeregte und ausgelebte Heteromännlichkeit vor- und hinterher in den Innenstäden unansehlich sei. Das dürfte man so denken, sagen und auch schreiben. Problematisch würde es dann, wenn man die Frage der Ästhetik zum Gradmesser für die Akzeptanz einer gesellschaftlichen Gruppe macht (in diesem Fall die Hetero-Männer, nicht die Fußball-Fans). Doch wahrscheinlich geht es ja in Wirklichkeit gar nicht um die Ästhetik.

Gesellschafts-Kolumnist Philipp v. Studnitz ist in guter Gesellschaft. Z.B. mit seiner Freundin Gloria von Thurn und Taxis. Mit ihr teilte er gerüchteweise so einiges, das jetzt nicht hierhingehört, bestätigterweise nicht nur die sonst nicht soweit verbreitete Leidenschaft, mit katholischen Bischhöfen über die Bibel zu reden, und das dann als Buch herauszubringen (hier und hier), sondern auch des Piruettendrehens zum Thema Homosexualität. Gloria v. Thurn und Taxis hat auch nichts gegen Schwule, empfiehlt ihnen aber, sich gesundzubeten.

Thurn und Taxis war 2004 Mitglied der Bundesversammlung und wurde 2006 mit dem Verdienstkreuz I. Klasse der Bundesrepublik Deutschland geehrt.
Manchmal vermisse ich den Stammtisch.

4 “Kommentare ”

  1. … hübsch geschrieben, Baby. Die Frage der „Unansehlichkeit“ ist heute ein vermeintlich harmloses Gebiet in dem sich das heteronormative Begehren meint austoben zu dürfen und dabei noch eine schmunzelnde Symphatie zwischenmännlicher Küsser erwartet. Das liegt vielleicht daran, dass die Schwule Szene für eine Art Lehrmeister in Sachen Ästhetik gehalten wird, von dem Heteromänner lernen können wie ihr armseliges Leben etwas aufgepeppt werden kann. Die Frage der Ansehlichkeit sozusagen als entsexualisierte Zone der Kommunikation zwischen hetero und homo, als Bereich in dem man sich „versteht“ und einen Konsens darüber finden kann was ok ist und was zu weit geht, zu sehr aufregt … und so weiter.
    Es ist an der Zeit ekliger und unansehlicher zu werden!

  2. Guter Beitrag! Die Tatsache, dass dieses Blatt ihren Lesern nahelegt, dass dies nichts Unansehnliches sei, heißt wiederum auch, dass man über die geistige Reife seiner Leserschaft durchaus im Bilde ist. Sie zu bedienen ist wirtschaftlich nachvollziehbar, aber zu sehr wünschte ich mir, dass man mit einem großen Peng mal liberal provoziert und die Reaktionen abwartet. Gerade habe ich das Bild aus Uhrwerk Orange im Kopf, als man mit Hölzern zwischen den Lidern (…) – vielleicht eine viel zu radikale Methode. 😉

    Gerne würde ich in deinem Blog mal blättern, statt zu scrollen.

  3. die verbindung von spass und politik, wie im csd gelebt, war schon 68 den spiessern schwer zu vermitteln…

  4. Schwieriges Zitat. Denn von der Aussage her ist es erstmal eine Paradekritik, weitergehende Kritikpunkte sind schnell im Reich der Unterstellungen zu Hause. Aber ich denke, dass ist das, was er erreichen wollte. Er greift sich ganz konkret den Männerkuss raus, den er „verteidigt“ (wenn man überhaupt noch von einer Verteidigung sprechen kann, wenn sie mit Beleidigungen einher geht), lässt die Kritik aber im Diffusen.. So hat das ganze ein Geschmäckle, aber das läuft irgendie auf einem andere Kanal, denn kongnitiv kommt ja erstmal an, dass er pro-schwule-Küsse daher kommt.
    Man könnte sich ja einfach mal seiner Waffen bedienen und über Studnitz so ein „Lob“ anbringen:

    Falls Sie auch nach dem ganzen B.Z.-Quatsch noch Wohlwollen für Philipp von Studnitz empfinden, haben wir eine nette Nachricht: Studnitz twittert auch über das aktuelle Tagesgeschehen, ganz unaufgeregt und abseits von sonstigen homophoben und beleidigenden Äußerungen gegen den CSD. Er zeigt, dass Meinungsmache auch fair funktionieren kann..

    Ob er nun meint, das sei ein pro-Studnitz-Beitrag?

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