LSVD: Es ist alles noch viel schlimmer!

“ … liegt die Kritik von Herrn Kram vielleicht ganz woanders und er nutzt die Russland frage um sein generelles LSVD Gehetze wieder aufzuwärmen. Siehe den Blog-Beitrag und diverse Postings und Stellungnahmen zu dem Thema.“

Tobias* Zimmermann, LSVD Bundesvorstand

Ooops.

Dass da irgendetwas falsch läuft beim LSVD, hatte ich ja geahnt. Dass es aber so schlimm ist, konnte ich mir nun wirklich nicht vorstellen.

Aber immerhin. Was hätte eigentlich schon vor einigen Monaten stattfinden müssen, scheint jetzt endlich möglich: Endlich stellen sich hohe Vertreter des LSVD einer Diskussion über ihr eigenwilliges Verhalten in der Sotschi-Frage. Allerdings möchte man im Sinne des LSVD hoffen, dass diese nicht im Sinne des Gesamtverbandes sprechen.

Aber der Reihe nach.

Gestern habe ich hier in diesem Blog unter der Überschrift „Der deutsche Sport kuscht vor Russland und der LSVD macht sich zum Feigenblatt“ über den Selbstvertretungsanspruch des Lesben- und Schwulenverbandes geschrieben und darüber, wie dieser meiner Meinung nach angesichts der Ereignisse um die Olympischen Spiele in Moskau „auch immer mehr zum Problem“ werde.

Ich hatte vorab ausdrücklich darauf hingewiesen, wie wichtig der LSVD ist, wie sehr die Szene von ihm profitiert hat. Auch, dass es mir in diesem Beitrag nicht um die Position des LSVD zu Sotschi geht, sondern darum, wie diese legitimiert ist, im Namen der Lesben und Schwulen in Deutschland mit öffentlichen Institutionen zu sprechen. Ich habe das geschrieben, weil ich das so sehe, aber auch, weil ich aufgrund früherer Erfahrung eine Ahnung davon hatte, wie schnell man durch Kritik am LSVD als Gegner des Verbandes gilt.

Die Diskussion, die aufgrund des Beitrages entstanden ist, hat mich dann dennoch überrascht. Wie ich das sehe, fand sie vor allem auf der Facebook-Seite des „Männer“-Chefredakteurs David Berger statt. David hatte den Blogbeitrag auf seiner Chronik gepostet und mit der Frage „Wird der LSVD zunehmend zu einem Problem für Schwule und Lesben?“ verbunden.

Und dann ging es los.

Gleich drei LSVD Bundesvorstände und sogar Volker Beck, nicht nur unbestrittener Held und Symbolfigur des LSVD sondern auch der gesamten deutschen LGTB-Bewegung, fühlten sich bemüßigt, die Ehre des Verbandes zu verteidigen.

Wenn diese Herren auch nur annähernd die Meinungsbildungs- und Kommunikationskultur ihres Verbandes widerspiegeln, dann ist alles, ja wirklich alles, was ich in diesem Blog bisher am LSVD kritisiert habe eine harmlose Untertreibung.

Freund-Feind-Denken – Wer nicht für uns ist, ist gegen uns – Wer uns kritisiert, schadet der ganzen Bewegung: Wenn es nicht so schrecklich wäre, müsste man wirklich denken, dass selbst der neue Papst seiner Organisation mehr Diskussionskultur zutraut als die Leute vom LSVD ihrer.

Niemand griff wirklich das eigentliche Thema das Blogbeitrages auf. Keiner von ihnen hat verstanden, dass Legitimität nicht nur bedeutet, sich im Vorstand nach bestem Wissen und Gewissen eine Position erarbeitet zu haben. Sondern dass man diese auch einen Meinungsbildungsprozess widerspiegeln sollte innerhalb der Klientel, die man zu vertreten vorgibt. Dass man begründen und für seine Positionen werben muss statt sie nur zu verlautbaren. Dass es nicht ausreicht, auf die Positionen der russischen Verbände zu verweisen, sondern – im Gegenteil – sogar deren Legitimität in Zweifel zieht, wenn man zeigt, wie egal einem diese im eigenen Land ist.

Die Kritik am Verfahren wird zur Kritik an der Sache. Der Kritiker zum Verräter. Dass man mit seiner Kritik an einem Verband, den man für wichtig hält, ihn nicht gleich in Frage stellt, kann man sich dort offensichtlich gar nicht vorstellen.

Das Argument, dass der LSVD mit ca. 4000 Einzelmitgliedern nun wirklich keinen großen Organisationsgrad in der Szene genießt, habe ich bisher nicht vorgebracht. Ich fand es zu billig und dachte wirklich, dass man sich auch einer inhaltlichen Ebene mit ihm auseinandersetzen kann. Doch der LSVD sieht seine geringe Mitgliederzahl offensichtlich gar nicht als eine eigene offene Flanke. Sondern als die seiner Kritiker:

„Der LSVD besteht überwiegend aus Freiwilligen, ehrenamtlichen Menschen. JEDER kann mitmachen. Statt ihn unkonstruktiv schlecht zu reden sollte man vielleicht einfach mitmachen (das bezieht sich jetzt auf den Blog). Jegliche unkonstruktive öffentliche Kritik schadet letztlich der ganzen Sache“

schreibt LSVD-Vorstand Tobias Zimmermann. Besser und zugleich schlimmer hätte er den von mir kritisierten Alleinvertretungsanspruch nicht bestätigen können. „Mitmachen“ für die Interessen von Lesben und Schwulen und Lesben kann man also nur, wenn man das über den LSVD tut.

Liebe Leute vom LSVD: Es gibt verdammt viele Leute, die mitmachen. Das habt ihr bloss noch nicht gemerkt!

Ja, ich hätte gerne eine Diskussion über das Pro und Contra eines Olympia-Boykottes erlebt. Aber nicht nach Eurer Entscheidung, sondern davor. Ist das so schwer zu verstehen?

* In der ersten Blogversion hatte ich „Tobias Zimmermann“ geschrieben, wurde dann von einem Leser auf einen vermeintlichen Fehler hingewiesen und habe daraufhin „Tobias“ zu „Thomas“ gemacht, ohne das noch einmal zu checken. Ich bitte diese (zwischenzeitlich behobene) Unkorrektheit zu entschuldigen.

3 “Kommentare ”

  1. Danke für diesen Beitrag! Es wurde wirklich Zeit, diese Verbands-Meierei und das Funktionärsgehabe des LSVD mal offen zu benennen. Nur dass sich vorher keiner getraut hat. Hut ab, Johannes!!
    Thomas Hackenberg,
    Köln

  2. Johannes,
    wie immer hast Du den Nagel auf den Kopf getroffen! Der LSVD hält sich anscheinend für eine Art Regierungsvertretung der Schwulen und Lesben. Und verhält sich auch so.
    Kritik pauschal als ‚unkonstruktiv‘ abzutun erinnert sehr an das Gehabe derjenigen, die sich dauernd im Recht sehen. Peinlich!

    Manuel

  3. Lieber Johannes, wissen Sie dass Diverssion un Boykott auch eine Form von Gewalt sind? Wissen Sie, dass wegen Positionen wie Ihre, viele soziale Initiativen, die uns schwule Menschen aus Russland hilfreich waeren eingestellt werden? Waren Sie jemals in Russland, kennen Sie unsere brutale geschcichte, unsere autoritaeren Politiker, von gestern und vor allem heute? Das ist kein Land, das mit die Bedrohung eine Minderheit, nicht an einer Sportveranstaltung teilzunehmen oder keine Cola zu trinken anfaengt sein Kurs zu aendern! Die meisten leute verurteilen was passiert und erwarten nicht Ihre Reden, sondern internationale Zusammanarbeit und soziale Projekte mit West-Laendern, die uns mehr zeigen, was Demokratie ist! Machen Sie den Vergleich zu Moskau 1980 und nicht yu Berlin 1939! Und vergessen Sie, dass sie fuer alle die Russisch sprechen, sie der fuer Diverssion plaediert, aus BERLIN sprechen! Ich will die LSVD gar nicht in Schutz nehmen, denn sie weiss auch nicht was hier laeuft, Volker Beck hat auch Faeler gemacht, als er bei uns war, hat er nur mit Extremisten gesprochen, aber das was Sie machen, ist ganz falsch und stellt nichts anderes als die gleiche Anstiftung zu Gewalt dar!!!

hier kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.