Fussball WM und Berliner CSD an einem Tag? Geht´s noch?

Es macht sprachlos mit anzusehen, wie sehr in Berlin die offiziellen Vertreter der Bewegung jedes Gefühl für Relevanz verloren haben.

Erst versucht der LSVD, die Protestbewegung gegen die russische Homo-Politik mit einer Gegenbewegung zu konterkarieren. Sie trafen sich dann zum Olympia-Start vor dem Brandenburger Tor und versuchten Bilder in die Welt zu schicken, auf denen Partei-Funktionäre ihre Flaggen  in die Kamera hielten.

Gleichzeitig streitet sich der Berliner CSD mit dem Rest der Szene darüber, ob man diesen nicht lieber in „Stonewall Parade“ oder so ähnlich umbenennen soll. Doch statt ein nachvollziehbares Konzept vorzulegen, dass den Sinn eines solchen Aktion erklären könnte, glaubt man, alleine die Behauptung, dass man die Parade somit politischer machen könnte, wäre schon ein Argument.

Und statt in die Szene hinein zu gehen und für etwaige Inhalte zu werben, erwarten die Macher jetzt, dass das verwirrte Szene-Volk zu ihnen kommt, dass man antanzt bei einer Veranstaltung, die sie „CSD-Forum“ nennen. Es ist ein  Format, von dem alle Beteiligte wissen, dass es zur Meinungsbildung innerhalb der Szene völlig ungeeignet ist und nur dazu dient, nachher sagen zu können, dass die, die den Unsinn für Unsinn halten ja an diesem Unsinn hätten teilnehmen können.

Als ob das nicht absurd genug wäre, finden sich die Homo-Sektionen der Berliner Parteien zu einer GroGroKo zusammen und spielen sich als die Wächter der Szene auf, die man nicht übergehen dürfe. Alle schreiben lange Texte, Forderungen, die niemand ausserhalb dieser Funktionärs- Clique wirklich lesen möchte. Aber das wirklich Schlimme ist: Alle Beteiligten halten das für Politik.

Dabei ist es genau das Gegenteil: Es ist das Simulieren von Politik, das Abspulen von Ritualen, das Behaupten von Inhalten, das Imitieren von Kommunikation.

All das hat mit der Wirklichkeit in der Szene nichts zu tun.

Wie gross dieser Realitätsverlust der untereinander debattierenden Homo-Funktionäre ist, zeigt sich daran, dass ein nicht ganz unwichtiges Detail der CSD-Planung so gut wie keine Rolle spielt.

Am Tag der Parade findet nämlich das WM-Spiel Deutschland – Ghana statt. Jeder, der irgendetwas für dieses Jahr plant, versucht eine solche Termin-Kollision zu verhindern aber die CSD-Macher steuern genau darauf zu.

Das einzige Problem, was die CSD-Macher darin sehen ist ein logistisches: Sie streiten sich mit der Verwaltung darüber, wo die Parade angesichts der gleichzeitig stattfindenden Fanmeile stattfinden darf.

Name und Ort: Gleich zwei weitgehend inhaltsleer kommunizierte Fragen werden zum Machtkampf der Bewegung stilisiert.

Dabei müsste doch jedem klar sein, dass an diesem Tag eine ganz andere Frage im Vordergrund steht.

Ich finde, der CSD hat einen eigenen Tag verdient. Und der Fussball auch. Ich will mich nicht für eine von zwei Flaggen entscheiden müssen. Und zwei sind mir zu schwer! ♦

Nachtrag:

Aufgrund diverser Kommentare hier Klarstellungen:

1.) Meine Sorge ist nicht die Kollision mit Fussballfans. Meine Sorge ist die Kollision mit mir selbst. Viele Lesben und Schwule möchten gerne das Spiel und den CSD feiern. Warum macht man das so schwer?

2.) Das Problem ist nicht, dass es gleichzeitig eine WM gibt, sondern ein Spiel der Deutschen Mannschaft.

5 “Kommentare ”

  1. „All das hat mit der Wirklichkeit in der Szene nichts zu tun“ … das gilt leider nicht nur für die hier von Johannes Kram kritisierten Institutionen, sondern man könnte das noch in viele andere LGBTI-Bereiche weiterfragen: die große Kluft zwischen Fußvolk und Berufsschwulen

  2. Das Kurzeitgedächtnis scheint schon gelitten zu haben, denn bereits 2006 mußte sich der CSD-Berlin die Straße des 17.Juni mit der Fan-Meile teilen..
    Ebenso 2010..
    2011 mußten wir als Gruppe sogar unsere Ferienwohnung schon Sonntag früh Morgens um 10. Uhr frei machen..
    Für die Frauen-Fußball-WM. denn Montags spielten die Mädels in Berlin..

  3. @ Heiko: Es geht eben nicht um die Fanmeile, sondern darum, dass an dem Tag das Deutschland-Spiel ist.

  4. Warum bemüht man sich nicht um eine bessere Kommunikation mit der Community?

  5. Das hatten wir schon mal in den 80er Jahren, als zeitgleich zum CSD ein Hertha-Fußballspiel im Olympia-Stadion lief und der CSD am Kuhdamm durch ein Spalier von Fußballfans marschierte. Ein paar Zuschauern mit Hertha-Schals klappte zwar der Kinnladen runter und für die Teilnehmer sah es auch teils nicht ungefährlich aus, passiert ist aber nichts.

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