Das Fazit der Rainbow Flame: Die Lobby sind wir!

Während ich dieses schreibe, brennt sie noch eine knappe Stunde, die Flamme. Seit fast zwei Wochen. 24 Stunden. Es gab schon kältere Winter in Berlin, aber trotzdem war es oft schweinekalt, und das nicht nur zwischen drei oder vier Uhr morgens.

Um als Demo zu gelten, mussten mindestens drei Menschen immer vor Ort sein. Es waren fast immer sehr viel mehr, auch und gerade um drei Uhr morgens. Und immer, wenn es einmal knapp war, wenn es so aussah, dass jemand fehlen könnte für eine dieser 24 stündlichen Mahnwachen am Tag, dann stand auch nachts innerhalb von wenigen Minuten jemand bereit.

In diesen knapp zwei Wochen ist so ziemlich alles widerlegt worden, was über den Stand der Szene als „gesetzt“ galt:

Dass man die Leute nur zusammen bekommt, wenn es um Spass geht, dass sich die meisten sich nicht so richtig für Politik interessieren, und wenn, dann nur oberflächlich und nicht nachhaltig. Dass die Szene so zersplittert ist, dass man Lesben und Schwule, Alte und Junge, Engagierte und die „Stillen“ nur schwer für eine gemeinsame Aktion zusammen bekommt. Dass sich eine im Internet funktionierende Bewegung, eine online geführter Austausch von Informationen und Meinungen nicht im „echten Leben“ auf der Strasse weiterführen lässt. Dass in der Szene nur wenige bereit sind, Geld für die gemeinsame Sache auszugeben und dass man sich deshalb von Sponsoren, „Marketingkonzepten“ oder öffentlichen Geldern abhängig machen muss.

Jeder, der in diesen Tagen dabei war, hat mitbekommen, dass all das nicht stimmt. Zumindest nicht stimmen muss.

Die Zahlen können das nicht einfangen. Aber trotzdem sind sie beeindruckend:

  • Um die „Mindestpräsenz“ an Demonstranten vor der Flamme abzusichern, wären 1155 Mahnwachen-Schichten (eine Person, eine Stunde) nötig gewesen. Tatsächlich gab es über 1600 vorab im Internet eingetragene Schichten. Vor Ort waren dann noch mal sehr, sehr viel mehr.
  • Es hatten sich 685 Personen als freiwillige Helfer gemeldet, im Schnitt war jeder 2,5 Stunden vor Ort.
  • 31.070 Euro wurden gespendet. Es gab über 750 über Einzelspenden.
  • Auf der „Enough is Enough!“-Facebook-Seite, Plattform der enorm breiten und intensiven Kommunikation zur Rainbow Flame, haben sich (nach alter FB-Gender-Definition) 12.800 Männer, 11.000 Frauen eingetragen. Weniger ein Fünftel davon leben in Berlin.
Ich nenne diese Zahlen nur, weil ich in den letzten Tagen viele Gespräche geführt habe mit „Protagonisten“ der Szene, mit Menschen, die sich darüber Gedanken machen, was der Erfolg der Rainbow Flame denn nun bedeuten könne. Die Deutung der Rainbow Flame hat bereits begonnen, und ich hoffe, dass solche Zahlen zumindest einige der nahe liegenden aber zu simplen Schlussfolgerungen erledigen können, die jetzt von Vertretern aller möglichen Interessensgruppen zum Behaupten ihrer Standpunkte angebracht werden.
Im letzten November hatte ich in diesem Blog angesichts der gescheiterten Bemühungen um die Gleichstellung unserer Rechte beklagt: „Wir haben keinerlei Druckpotential, keine Interessenvertretung, die unsere Macht bündeln kann, keine Protestform, die wirklich Eindruck macht.“
Aus dieser Äußerung entwickelte sich eine Diskussion um die Notwendigkeit einer „Homo-Lobby“, die in fast allen queeren Medien, teilweise mit erschreckender Schärfe, geführt wurde. Die Debatte drehte sich vor allem um die Frage, ob es denn überhaupt so etwas wie ein gemeinsames Interesse gebe, geben sollte, und wer das und wie vertreten sollte. Und ob überhaupt. Das Übliche.
In der anschwellenden Hitze des Gefechtes wurde es damals für mich immer schwerer, herauszustellen, worum es mir eigentlich ging. Und da gerade in Streit im Gang ist, bei dem es wieder um Texte, Thesen, Macht und Personen geht, erlaube ich mir, die Passage von damals noch einmal zu zitieren:

“Lobby” bedeutet die Summe aller Personen und Institutionen, die für ein bestimmtes Interesse streiten und ihre Bedeutung bemisst sich an der Fähigkeit und Bereitschaft, dieses Interesse durchzusetzen. Die Lobby sind also wir alle, und alle, die uns unterstützen.

Umgekehrt heißt keine Lobby zu haben, dass es diese Fähigkeit und diese Bereitschaft eben nicht gibt. Also genau das, was wir gerade erleben.

Aber wir haben nicht nur keine Lobby, wir wissen nicht einmal, was diese für uns tun sollte, wenn es sie gäbe. Welchen Kampf sie für uns kämpfen sollte. Wenn überhaupt. Und noch schlimmer: Wir haben uns nicht einmal Gedanken darüber gemacht. Vielleicht sollten wir zumindest damit langsam anfangen.

Es geht nicht darum, uns auf die eine Stimme zu einigen, die uns alle vertritt. Wir haben genügend starke Stimmen und unsere Stärke ist nicht das Unisono sondern die Vielfalt. Wenn ich beklage, dass wir keine Lobby haben, die “unsere Macht bündeln kann” meine ich etwas anderes. Es muss eine ehrliche Analyse unserer derzeitigen “Tools” geben und die Bereitschaft, diese an den unseren Bedürfnissen auszurichten. Dass es “die” Bedürfnisse nicht gibt, sondern ganz viele, ist dabei kein Hindernis sondern Teil der Aufgabe, der wir uns stellen müssen: Das Schaffen von Plattformen, die eine breite Meinungs- und Willensbildung ermöglichen und sichtbar machen. Das offene und konstruktive Suchen und Streiten um Gemeinsamkeiten. Aber auch die Ehrlichkeit darüber, wo es diese nicht gibt.

Auf dieser Prämisse basiert die Idee der Rainbow Flame. Keine neue Organisation. Keine neue Flagge, die uns die Richtung weist. Es ging darum, zu reden. Ein Gefühl dafür zu bekommen, wer wir sind. Oder ob es uns überhaupt gibt.

In den letzten zwei Wochen wurden Tausende solcher Gespräche geführt. Mit Bürgern dieser Stadt und mit ihren Besuchern aus der ganzen Welt. Aber vor allem hat es Tausende Gespräche gegeben unter uns, unter Menschen, die sich irgendwie als Teil einer Community fühlen möchten. Die interessiert daran waren, zu erzählen, zu diskutieren, zuzuhören. Etwas zu lernen. Ich habe viel gelernt.

Sinn der Rainbow Flame war es nicht, neue Wege vorzugeben. Sinn war es, dass sich das zusammen finden kann, was uns verbindet. Das alleine ist noch keine politische Agenda. Aber wenn es eine geben sollte, wäre es die Voraussetzung dafür.

Doch dazu gehört noch etwas anderes:

Als sich die Gruppe von „Enough is Enough!“ dazu entschieden hatte, die Idee der Rainbow Flame umzusetzen, war das mehr als ein gewagtes Unterfangen. Es gab kein Geld, keine Zeit, keine erprobte Unterstützergruppe, keine Realisatoren, auf die man zurück greifen konnte. Ich habe damals mehr als einmal gefragt, ob die Flamme denn wirklich den ganzen Zeitraum brennen müsse, ob es realistisch sei, die dafür notwendigen Gelder und hunderte von Unterstützern innerhalb von so kurzer Zeit zu mobilisieren.

Im Nachhinein weiss es natürlich jeder besser. Aber im Endeffekt ging es um Mut und Risiko. Es war wirklich der Mut, der Entschluss der Macher, das irgendwie hinzubekommen, sich all dem zu stellen, von dem es heisst, das es nicht geht, das man das nicht so macht, so machen kann.

Es war das Gefühl, Verantwortung  übernommen zu haben, aus der man sich auf gar keinen Fall weg ducken kann. Die Bereitschaft, wieder und wieder auch die nervigsten und aberwitzigsten Hindernissen zu überwinden, und ja, besonders wichtig war:

Wieder und wieder zu kommunizieren, erklären, fragen, überzeugen. Flexibel sein, Das Können, dass Wissen und das Wollen gang vieler verschiedener Menschen nicht nur suchen, sondern auch einbinden zu können.

Dieser Mut und diese Bereitschaft war ansteckend. Sie können berichten, die vielen Menschen, die durch die Flamme zusammen gefunden haben, und gemeinsam Solidarität mit Menschen gezeigt haben, die so sind wie wir.

Sie können darüber berichten. Und sie werden es tun.

Es wird weiter brennen. Join us to protect the flame! ♦

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