Weil Toleranz böse ist: Einmal Akzeptanz bitte. Pur!

Stellen Sie sich also vor, wir sitzen an einer Bar und betrachten die Begriffe „Akzeptanz“ und „Toleranz“ wie zwei Getränke, die wir hier bestellen können. Der Vergleich hinkt, geschenkt, aber die Begriffe selbst hinken auch, also machen wir das jetzt mal so: Akzeptanz oder Toleranz, was darf’s denn sein, bitte? Schwule und Lesben, die Toleranz für eine geeignete Wahl halten, behaupten, dass es diese Wahl in Wahrheit gar nicht gibt. Akzeptanz ist demnach eigentlich gar nicht im Angebot, es steht nur auf der Karte wie ein unverschämt teuerer Rotwein oder Whiskey, von dem eh niemand weiß, ob er überhaupt auf Lager ist, weil niemand auf die Idee käme, ihn zu bestellen. Und wenn, dann wäre ja der Preis so hoch, dass man ihn sowieso nicht geniessen könnte. Ein Preis also, der dadurch als unbezahlbar gilt, weil er das zerstört, was es doch eigentlich zu geniessen gelte.

Die theoretische Existenz der Akzeptanz-Flasche vermag das Niveau der Bar zu heben. Durch sie schmecken auch die anderen Getränke besser. So funktioniert gutes Marketing: durch einen guten Mythos. Jemand, der in dieser Bar nicht negativ auffallen möchte, tut gut daran, das nicht in Frage zu stellen. Eine gut funktionierende Bar ist auch deshalb eine gut funktionierende Bar, weil ihre Stammgäste ihren Mythos nicht zerstören wollen.

Das sagen sie natürlich nicht, die Lesben und Schwulen, die Toleranz für eine gute Offerte halten. Sie wehren sich gegen den Vorwurf, einen verlogenen Mythos am Leben zu halten. Niemand gibt gerne zu, Teil eines Systems sein zu wollen, dass ihn im Grunde ablehnt. Es ist eine bittere, eine verletzende Wahrheit, und es ist niemandem vorzuwerfen, dass er sich nicht bitter und verletzt fühlen möchte, und deshalb nach dem greift, was ihm vor die Nase gehalten wird. Toleranz ist ein Angebot, das man schlecht ablehnen kann, und deswegen sollten wir die nicht beschimpfen, die dies tun, die sich vom billigen verschnittenen Fusel benebeln lassen. Wir sollten die Dealer bekämpfen, nicht die Junkies. Und trotzdem sollten wir ihnen klarmachen, von was sie sich hier eigentlich abhängig und klein halten lassen. Deshalb hier der Warnhinweis:

Toleranz ist nicht der gleiche Drink wie Akzeptanz nur mit weniger Promille und Wirkung. Toleranz ist nicht weniger von etwas, was eigentlich gut ist. In der Essenz der Toleranz ist das Böse, das Zerstörerische bereits enthalten, da sie nicht darauf angelegt ist, Abwertung zu überwinden.

Doch wie ist zu erklären, dass viele Lesben und Schwule jetzt bereit sind, aus dem vergifteten Becher zu trinken, also sich nicht dagegen wehren, geduldet zu werden? Einmal hat das sicherlich mit einer nicht überwundenen internalisierten Homophobie zu tun, mit einem tief sitzenden Selbsthass, der die Ablehnung der eigenen Sexualität durch die Gesellschaft und das familiäre Umfeld nicht überwunden hat. Ich weiß, dieser Beitrag trieft jetzt schon vor überstrapazierten gedanklichen Bildern, doch manchmal sind Wörter einfach so abgelutscht, dass sie nicht mehr zur Aufklärung beitragen können. Es recht, wenn es um Muster der Selbstzerstörung geht. Aus diesem Grund wird es demnächst auf Zigarettenschachteln Bilder von schwarzen Lungen geben. Ein abgedroschenes Bild. Aber wirksam. Wie das vom schwarzen Schaf. Das schwarze Schaf fühlt sich schuldig, weil es schwarz ist. Es mag zwar verstehen können, dass es selbst so wenig für seine Farbe kann. Es ist aber bereit, die Ablehnung der anderen Schafe zu ertragen, weil die ja auch nichts für ihre Farbe können und man es ihnen nicht zu verdenken kann, dass sie das für normal halten, was sie selber sind offensichtlich den allergrößten Teil der Herde auszeichnet.

Bleiben wir noch etwas im Bild. Denn es erklärt nicht nur ein psychologisches Phänomen, sondern auch ein gesellschaftliches. Zumindest in diesem Land. Deutschland betrachtet sich als eine einigermaßen homogene Mehrheitsgesellschaft, die Minderheiten mit dem Angebot gegenübertritt, sich in sie integrieren zu dürfen. Leitkultur bedeutet in diesem Zusammenhang Leithammelkultur, die aufgrund der herrschenden Verhältnisse weiss, hetero und christlich ist. Wer all das nicht ist, wird trotzdem toleriert, darf also dabei sein, soll sich aber bitte nicht darüber beschweren. Die Basis dieser Toleranz-Kultur wird von der Annahme getragen, dass die Alternative zu ihr nicht Akzeptanz sondern Verfolgung ist. Als Franz Josef Wagner in der BILD-Zeitung von zwei Jahren von einer „glorreichen Zeit“ für Homosexuelle sprach, weil diese nicht mehr ins Gefängnis gesteckt würden, mochte ihm keiner der Vertreter einer deutschen Leitkulturidee widersprechen. Wer sich mit Toleranz zufrieden gibt, bedankt sich dafür, nicht verfolgt zu werden. Wer sich dafür bedankt, nicht verfolgt zu werden, wird es irgendwann wieder werden.

Toleranz funktioniert nicht. Sie konserviert das Ressentiment, das Gefühl, dass der andere nur deswegen so anders als man selbst sein darf, weil man es hinnehmen muss. Und nicht, weil Menschen eben anders sind und das gut so ist. Den Schafen ist es egal, welche Farbe sie haben und es gibt nur deshalb so viele weiße unter ihnen, weil man sie fürs Geschorenwerden so domestiziert hat. Toleranz möchte das Anderssein des anderen überwinden und nicht das Problem, was Menschen mit dem Anderssein von Menschen haben.

Einen Menschen zu akzeptieren bedeutet nicht, dass man toll finden muss, was er macht, ist und denkt. Aber im Gegensatz zum Tolerieren bedeutet Akzeptieren, dass man es als gleichwertig anerkennt.
Und um nichts anderes sollte es gehen: Um Wertigkeit, Gleichwertigkeit, und nicht darum, für die von anderen als solche empfundenen Minderwertigkeit nicht verfolgt zu werden.

Zurück an die Bar. Manchmal muss man etwas bestellen, was dort niemand ausschenken möchte. Auch auf die Gefahr, etwas seltsam zu wirken und zu nerven. Das gibt sich. Einmal Akzeptanz bitte. Pur.

Mehr zum Thema aus diesem Blog:

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Brandpost von Franz-Josef Wagner

Das Lexikon der Homophobie

Dieser Beitrag wurde in der Januar-Ausgabe des Magazins „Männer“ als Debattenbeitrag zum Thema „Akzeptanz oder Toleranz erstveröffentlicht. Die Gegenmeinung, ein Plädoyer für Toleranz, schrieb Christian Mentz. 

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3 “Kommentare ”

  1. Das Motto des diesjährigen Christopher Street Day-Festivals in Stuttgart – „Akzeptanz! Was sonst?“ – passt perfekt zu diesem Blogbeitrag. Oder umgekehrt, wie man gerne möchte. 😉

    Das Team des CSD Stuttgart kann sich daher nur anschließen: den Akzeptanz-Trink bestellen wir auch. Pur. Prost!

    Mehr Infos zum CSD-Motto „Akzeptanz! Was sonst?“:
    http://www.csd-stuttgart.de/2015/index.php/demonstrieren/motto

    Details zur Spendenaktion der Stuttgarter Akzeptanz-Tüte:
    http://www.csd-stuttgart.de/2015/index.php/demonstrieren/akzeptanz-tuete

  2. Jep, auch DANKE von mir, sehr schön formuliert! Hatte zumindest schon mal den Begriff der Gleichwertigkeit auf der Zunge (bzw. in der Tastatur), als ich in der Zeitung lesen durfte, dass es böse sei, Leute homophob zu nennen, die nur die heterosexuelle Variante als akzeptabel ansehen (ja, es ging um die Eltern, die besorgten, die ihre Kinder ja nur schützen wollen), aber leider nicht halb so gut geschrieben …

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