„Ehe für Alle“: Ein offener Brief an Roman Herzog

Lieber Herr Bundespräsident,

in Ihrer mittlerweile berühmten „Berliner Rede“ haben sie 1997 gefordert, „ein Ruck“ müsse durch unser Land gehen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich habe es bis jetzt noch nicht so richtig rucken hören.

Aber ich habe das Gefühl, dass da gerade wieder etwas passiert in Deutschland, ja, dass ein solcher Ruck vielleicht jetzt endlich möglich ist.

Das hat auch mit Ihnen zu tun. Ich meine dabei nicht so sehr Ihre Rede von damals, auch gar nicht so sehr den Einfluss, den Sie auf die Regierungspartei CDU, die ja ihre alte Partei ist, heute noch haben mögen.

Nein, es geht um Sie. Als Mensch. Und um Ihre Geschichte.

Im Juni 2000 ist ihre Frau Christiane nach 40 gemeinsamen Ehejahren gestorben. Ich kann mich daran erinnern, wie groß die öffentliche Trauer und auch die Anteilnahme an ihrem persönlichen Verlust damals gewesen ist. Genauso weiß ich noch um die allgemeine ehrliche Freude, als es ein Jahr später wieder eine neue Partnerin an ihrer Seite gab. Es war eine Beziehung, die Ihnen offensichtlich so wertvoll und so wichtig war, dass sie sich noch einmal dazu entschlossen hatten, eine Ehe einzugehen.

Seit vierzehn Jahren sind sie nun verheiratet. Jeder freut sich mit Ihnen. Und natürlich gibt es niemanden, der die Legitimität Ihrer Ehe und ihre Akzeptanz in unserer Gesellschaft infrage stellt. Warum auch.

Einerseits. Andererseits:

Warum eigentlich nicht?

Es ist nicht meine Meinung, was ich jetzt hier ausführe, um Gottes willen! Es sind die aktuellen Stimmen aus ihrer eigenen Partei, nach deren Logik das von ihnen gewählte Lebensmodell nicht mit dem Konzept einer verfassungskonformen Ehe übereinstimmt. Ja, wenn die das wirklich ernst meinen, was sie da gerade von sich geben, dann dürfte es eine Ehe wie die Ihre nach Meinung Ihrer Parteifreunde gar nicht geben.

Ja, das klingt absurd, aber Politiker ihrer Partei argumentieren so: Die Ehe steht nur deshalb unter dem besonderen Schutz der Verfassung, weil sie grundsätzlich auf die Weitergabe von Leben, also dem Zeugen von Kindern ausgerichtet sei.

Diese Politiker sehen zwar ein, dass ein Großteil der Kinder in diesem Land gar nicht in einer Ehe aufwachsen. Und auch, dass sich sehr viele Ehepaare bewusst gegen Kinder entscheiden. Nach ihrer Argumentation ist das Kriterium für eine „richtige“ Ehe nicht die Frage, ob es auch tatsächlich Kinder gibt oder geben soll.

Sondern, ob es welche geben könnte.

Die FAZ beschreibt diese Position so:

Es geht nämlich (…) um eine Kernfrage der Gesellschaft, um ihre Keimzelle. Zwar bringt auch nicht jede Ehe Kinder hervor, wie Karlsruhe messerscharf beobachtete, doch ist die Verbindung zwischen Mann und Frau nun einmal die einzige, die Kinder hervorbringen kann.

Es ist mir unangenehm, das jetzt hier herauszustellen. Aber: Ihre jetzige Frau war 60, als Sie sie geheiratet haben. Es ist also nahezu ausgeschlossen, dass ein Kind in dieser Ehe hätte geboren werden können. Mit Verlaub, aber Ihre Ehe kann das nicht bieten, was von ihrer Partei als das alles entscheidende Unterscheidungskriterium gegenüber nicht-ehelichen Beziehungsformen herangeführt wird:

Die Fähigkeit zur „Keimzelle“.

Wie Sie heiraten jedes Jahr Zigtausende ältere Menschen in Deutschland, bei denen es um alles Mögliche, aber bestimmt nicht ums Kinderkriegen geht. Es passiert täglich und überall. Niemand betrachtet das als Problem. Weil es keines ist. Kein einziges Kind wird deswegen weniger geboren. Und niemand kommt auf die Idee, dass das Institut der Ehe dadurch irgendwie geschwächt werden könnte.

Und niemand erwartet von Ihnen, sich für Ihre Ehe in irgendeiner Art und Weise rechtfertigen zu müssen. So muss es sein.

Lieber Roman Herzog, Sie und Ihre Frau sind ein schönes Beispiel dafür, dass eine Ehe für alle in Deutschland sehr gut möglich ist.

Eine Bitte: Könnten Sie das bitte weitersagen?

Und bei dem Ruck mache ich gerne mit♦

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4 “Kommentare ”

  1. Schluss mit der Diskriminierung von seitens dem Staat .Homosexuelle Mensch sich zu 100% Mensch und nicht 50%

  2. Ich denke es ist an der Zeit andere Wege zu gehen. Wir müssen noch deutlicher werden. Wir müssen weiter kämpfen. Wir werden unseren Traum nicht aufgeben. Unser Vermächtnis an folgende Generationen ist die ABSOLUTE Gleichheit. Erkämpft, gelebt und IMMER geliebt.

  3. Das perverse an dieser „die Ehe steht unter besonderen Schutz“ Geschichte ist, dass dieser unsägliche Art. 6 GG eigentlich hauptsächlich als Abwehr-Recht gegenüber dem Staat gedacht war. Dem Staat sollte es verboten werden sich in die private Lebensführung von Familien einzumischen. Und Leuten nicht sagen, dass sie sich Scheiden lassen müssen oder ihnen das Heiraten verbieten.
    Aber wie es Möchtegern-Faschisten immer so gerne machen, hat man das sehr schnell ins Gegenteil verkehrt

  4. Also das ist schon sehr geschmacklos hier den Tod von Frau Herzog im Zusammenhang mit der Ehe für alle zu nennen. Ich hoffe der Brief wurde nicht abgeschickt. Wir alle wissen, dass CSU/CDU-Politiker NICHT immer ihre eigenen Werte leben… Ich bin mir dennoch sicher, dass wir unser Ziel auch ohne derartige Vergleiche erreichen.

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