Anderssein und Popkultur: Wenn alle das gleiche Lied singen

(Foto: Max Giesinger By Sven Mandel(Own work) [CC BY-SA 4.0] , via Wikimedia Commons)

Am 6. April, einen Tag vor der Echo­-Verleihung 2017, sendete Jan Böhmermann in seiner Sendung Neo Magazin Royale einen 20-­minütige Polemik auf einige der beliebtesten Stars der deutschen Pop-Industrie. Er warf u.a. Max Giesinger, Mark Forster und Tim Bendzko vor, dass ihre Texte nicht von ihnen selbst geschrieben sind und diese aus kommerziellen Gründen austauschbar seien. Er beklagte die Belanglosigkeit der Songs der „neuen deutschen Pop­Poeten“, die wie Werbebotschaften klingen würden.

Quasi als Beweis für seine Vorwürfe präsentierte er dann als „Jim Pandzko“ (ein Pseudonym aus „Tim Bendzko“ und „Schimpanse“) in einem Musikvideo eine sehr nach Max-Giesinger-Hit klingende Song­parodie: Die Lyrics von „Menschen Leben Tanzen Welt“ hatten angeblich fünf Affen aus dem Gelsenkirchner Zoo aus Schnipseln deutscher Pop­ und Werbetexte zusammengefügt.

Jakob Buhre, der Betreiber des Internet-­Portals „Planet Interview“,  hatte einige Wochen später mit Mark Forster ein Gespräch geführt, in dem auch die Böhmermann-­Kritik Thema war. Er stellte ihm u.a. die Frage:

„Böhmermann hat ja in besagtem Video über deutschen Pop gesagt, es werde Musik produziert, die ‚unpolitisch‘ und ‚abwaschbar‘ ist – welchen Song von dir würdest du ihm entgegenhalten?“

Eine Antwort auf diese oder die anderen im Interview gestellten Fragen sind auf „Planet Interview“ nicht zu finden.

Buhre erklärt dazu:

„Das Gespräch dauerte gut eine Stunde, die Atmosphäre reichte von heiter bis wolkig, zum Ende hin fragte mich Forster, ob er das Gespräch nochmal gegenlesen könne, was ich bejahte, verbunden allerdings mit meiner Bitte, nicht rigoros ganze Antworten zu streichen.Im Anschluss an das Interview bat ich Mark außerdem, mit mir über die Autorisierung direkt zu kommunizieren. Beides war vergeblich. Mark Forster löschte das gesamte Interview.“

Stattdessen findet sich auf Planet Interview nun eine Dokumentation der Fragen, dessen Antworten nicht veröffentlicht werden durften, verbunden mit einer aufwändigen Recherche darüber, wer die beteiligten Urheber an Songs von Mark Forster sind, und was diese mit den Songs anderer Stars ausdem deutschen Musikbusiness zu tun haben. Wer diese Recherche liest, staunt darüber, wie flexibel offensichtlich einige der an Forster-­Titeln beteiligten Kreativen sind.

Wie etwa Vincent Stein, der bei Forsters Album „Tape“ vier Songs mitgetextet und mitkomponiert habe und der „Beat-Produzent“ Konstantin Scherer:

„Inhaltlich und geschmacklich scheint das Duo Scherer­-Stein keine Präferenzen zu haben. So produzierten sie neben Helene Fischer auch Romanzen wie die Ballade ‚Bitte‘ von Doreen, den schwulenfeindlichen Song ‚Stress ohne Grund‘ von Bushido und den Schlager ‚Federleicht‘ von Beatrice Egli.“

Das, was Buhre da an Informationen und Querverbindungen zusammengetragen hat, scheint die von Böhmermann artikulierte Behauptung zu unterstützen: Das Authentizitäts-­Gebahren vieler der bekanntesten deutschen Pop­heroes entpuppt sich, zumindest was das Songwriting betrifft, als Pose. Statt individuellen, persönlich begründeten Haltungen und Profilen, herrscht eine beachtliche Austauschbarkeit. Nun ist es natürlich naiv, dem Pop-­Business vorzuwerfen ein Business zu sein. Und es ist mehr als unfair, den Künstlern von heute vorzuwerfen, dass sie nicht die von damals sind.

Aber es ist doch ein interessantes Phänomen: Dass es diesen Künstlern offensichtlich wichtig ist, als „Poeten“, Individualisten, als unverwechselbare Charaktere wahrgenommen zu werden, es aber zumindest inhaltlich kaum möglich erscheint, Charakteristisches in ihrem Werk zu identifizieren. Fast verzweifelt sucht Buhre in den Texten der Forster­Songs nach etwas, wo sich der Sänger zu so etwas wie einer dezidierten Meinung hinreißen lässt. Immerhin habe der Sänger sich nach der Veröffentlichung des Videos zu seinem Song „Flash mich“ zu einem Statement veranlasst gesehen, weil er in den Kommentaren zum Clip „echt komische Sachen“ gelesen habe.

Buhre:

„Forster schrieb auf Facebook: ‚Das Pärchen sind halt zwei Jungs. Könnten auch zwei Mädels sein. Oder Mädchen und Junge. Voll egal, finde ich. Aus dem Alter sich über sowas völlig Normales aufzuregen müsste unsere Gesellschaft schon eine Weile raus sein.‘“

Aber:

„In seinen Texten kommt so eine Positionierung nicht vor. Ein Zeile die möglicherweise politischenSubtext hat, gibt es in ‚Au Revoir‘: ‚Ich sag dem alten Leben Tschüss, Affe tot, Klappe zu. Wie die Kinder in Indien, ich mach ’n Schuh.‘ Womöglich ist das Kritik an Kinderarbeit in Indien. Oder ein Witz darüber. Allerdings singt die Zeile nicht Forster selbst sondern Co-­Autor Sido.“

Ich weiß gar nicht, ob ich unbedingt kritisieren möchte, dass es offensichtlich keine oder wenig klare Aussagen in den Texten der erfolgreichsten Pop-­Künstler zu Fragen wie Flüchtlinge, Populismus, geschweige denn Schwule, Lesben, Gender gibt. Vielleicht ist das ja sogar ehrlicher, konsequenter, als das, was deutsche Stars vergangener Jahrzehnte dazu gesungen haben. Aber wenn schon im Pop eines Landes nicht sichtbar ist, was in dem Land passiert (erst recht, wenn so viel passiert, wie in diesem Land!), wo soll es dann sichtbar sein? Wenn schon Campino von den Toten Hosen sich wünscht, dass Angela Merkel – und damit ja auch die CSU -im Amt bleibt, was soll man dann den jungen Kollegen eigentlich vorwerfen?

Doch wenn alles miteinander kompatibel ist, wenn sich nichts ausschließt, wenn Pop gar keine Meinung mehr hat, also wirklich gar keine, wenn Sido und Mark Forster und Helene Fischer irgendwie das Selbe ist, gleichzeitig aber Sido und Mark Forster und Helene Fischer und wie sie alle heißen darauf beharren, so sehr sie selbst, so sehr authentisch, also anders als die anderen zu sein: Was bedeutet denn das für das gesellschaftliche Konzept von Anderssein, von Differenz?

Alles nur eine Frage des Kostüms, der Choreographie, der Sounds?

In den Talkshows, so kommt es mir vor, klatschen die Leute, wenn jemand sagt, wir schaffen das. Und die selben Leute klatschen, wenn jemand sagt, wir schaffen das nicht. Irgendwie alles das gleiche.

Auch wenn jemand sagt, er findet das toll, dass Lesben und Schwule jetzt heiraten dürfen, werden alle klatschen. Aber auch wenn jemand findet, dass man das jetzt nicht gebraucht hätte.

Irgendwie alles das Gleiche. Aber es ist nicht das Gleiche.

Doch wer will das hören, wenn alle, das gleiche Lied singen? ♦

Schon dabei? Das Nollendorfblog ist unabhängig und werbefrei und lebt von der freiwilligen Unterstützung seiner Leserinnen und Leser. 

 

Mehr dazu: Das Nollendorfblog braucht Deine Unterstützung.

hier kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.