Das Stück

Dass Schwule alle so kreativ sind und so viel Stil haben, lässt sich zumindest anhand der Mottos der letzten CSDs (ja, die Mehrzahl von „Motto“ ist tatsächlich „Mottos“) nicht unbedingt nachweisen. Auch die Headline der diesjährigen Berliner Parade klingt wiedermal nach diesen selbtgemalten und etwas verunglückt selbstgedichteten Schaufensterwerbeplakaten, die uns davon abhalten, die dazugehörigen trashigen Nagelstudios, Boutiquen und Bars wirklich zu betreten, und das, obwohl sie wahrscheinlich ganz nett sind. *

„Stück für Stück ins Homo Glück. Alle Rechte für Alle“ heißt es tatsächlich, und der Impuls, da weiter gar nicht drüber nachzudenken ist so verständlich wie schade. Hintergrund ist die Diskussion um Artikel 3 des Grundgesetzes.
Dort ist geregelt, daß niemand wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, Rasse, Sprache, Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden darf. Die sexuelle Identität ist nicht genannt; ein Versuch, dies in die Verfassung zu schreiben, scheiterte 1994 am Nein der CDU/CSU und an der Enthaltung der FDP.

Heute hat das Berliner Abgeordnetenhaus den Senat zur Einreichung einer Bundesratsinitiative aufgefordert, um das Diskriminierungsverbot im Grundgesetz um das Merkmal der sexuellen Identität zu erweitern. Obwohl es sich hierbei nur um die Initiative einer Initiative eines (kleinen) Landes im Bundesrat handelt, der ja im Falle einer dortigen Mehrheit auch noch eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag finden müßte, lassen sich die Fronten auch in dieser Phase bereits gut erkennen: Die CDU stimmte geschlossen und die FDP bis auf einen Abgeordneten dagegen. Der Vorsitzende des Rechtsausschusses Andreas Gram (CDU) hatte für die Ablehnung im Berliner Kurier auch eine schöne Erklärung:

„Wir dürfen nicht zu viele Sonderrechte ins Grundgesetz schreiben. Als nächstes kämen Dicke und Dünne, Hochintelligente und nicht so Schlaue und würden Extrarechte einklagen.“

Schluck.. Das fiese ist ja: Die, die sich immer mit Händen und Füßen gegen schwul-lesbische Rechte gewehrt haben, weil Homosexualität so unnormal sei, versuchen es seit einiger Zeit mit dem genauen Gegenargument: Da ihr so normal seid, braucht Ihr doch auch keine Extrawurst. Jemand, der findet, dass Schwule jetzt mal den Ball flach halten sollen mit dem ganzen Antidiskriminierungsblödsinn, muss also nicht mehr sagen, wie gefährlich, dekandent oder sonstwie schlimm sie sind. Er muss einfach nur sagen, dass er sie ganz normal findet.

Natürlich ist das Argument, daß es im Grundgesetzt und besonders in den erste Kapiteln nicht um Sonder-, sondern um Grundrechte geht und sich die Verfassung da auf das Notwendigste beschränken sollte. Doch gerade deshalb ist Artikel 3 der richtige Ort für eine unmissverständliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben. Jemand, der Sexualität mit Übergewicht oder Dummheit gleichsetzt, hat nicht verstanden, daß es im Gegensatz zu den „Merkmalen“ Intelligenz und Dickleibigkeit bei sexueller Ausrichtung kein Mehr oder Weniger gibt.

Um im Bild zu bleiben: Schwule und Lesben wollen nicht geschützt werden, weil sie sich gegenüber einer „normalgewichtigen“ Norm als zu dick oder zu dünn empfinden. Im Gegenteil. Sie sind nicht bereit, diese Norm zu akzeptieren. Es gibt nicht mehr oder weniger, nicht bessere oder schlechtere Identität, sondern unzählige verschiedene, die alle anders und alle gleichwertig sind. Dies sollte eigentlich Konsens sein. Daß es diesen Konsens in unserer Gesellschaft nicht gibt, merkt man an allen Enden.

Nicht nur der Anstieg der Übergriffe, sondern besonders eine feindlicher werdende Grundstimmung müssten eigentlich alarmieren. Dieses Problem ist nicht durch einen Zusatz im Grundgesetz zu lösen. Aber nirgendwo außer im Grundgesetz lässt sich so schön einfach festhalten, was richtig und was falsch ist. So einfach, daß es auch die verstehen würden, an die sich Herr Gram mit seiner Argumentation zu wenden versucht.

* Nachtrag (28.06.09): Habe gestern rund um den Berliner CSD mehrmals über diesen Beitrag diskutiert und sowohl dabei als auch durch den Kommentar von Steffl (s.u.) ist mir aufgefallen, daß ich eines nicht klar genug herausgestellt habe: Mich stört nicht der Inhalt des Mottos, ich finde es nur schade, daß es so blöde formuliert ist. Danke für´s Feedback.

Hauptstadt, Politik

4 “Kommentare ”

  1. Zugegeben, dass Motto wirkt im ersten Moment etwas seicht. Aber wird es der Veranstaltung nicht auch gerecht?
    Es gibt die unterschiedlichsten Motive einen Christopher-Street-Day zu besuchen. Die hedonistische Fraktion mit ihren freien Oberkörpern und dem offen zur Schau gestellten Alkoholkonsum hat andere Beweggründe als die Fraktion der „Bewegungsschwestern“. Beide Fraktionen werden sich aber irgendwie in diesem Motto wiederfinden. Und vermutlich auch die ganzen anderen Fraktionen, die an so einem Tag auf die Straße gehen.
    Für die politischeren Themen eignen sich doch viel mehr kleinere Veranstaltungen. Das wurde doch gerade in den letzten Monaten deutlich.

    Das Motto erinnert mich übrigens an den alten Anarcho-Spruch: Alles für alle! Vielleicht findet er deshalb auch meine Gnade.

  2. Die Argumentation der CDU ist einfach abzuhandeln. Wie im Artikel gut beschrieben ein perfider Versuch, den Legitimationsanspruch der Community in Absprache zu stellen, indem sie behauptet, es gäbe gar kein Problem.
    Dass es aber in den Gesetzen gar keine Unterscheidung zwischen verschieden intelligenten bzw schweren Menschen gibt, sehr wohl aber zwischen Menschen verschiedener sexueller Identität, vergisst die CDU dabei offenbar all zu gerne.

    Die FDP ist da subtiler, aber nicht minder unverschämt. Ich vermute mal, meine persönliche Anfrage wird auf ewig unbeantwortet bleiben, gegenüber dem Tagesspiegel aber sagte Dr. Sebastian Kluckert:
    “Auch die Liberalen haben verfassungsrechtliche Bedenken. Außerdem sei der Begriff ’sexuelle Identität‘ nicht eindeutig definiert. Darunter könnten schließlich auch Sodomisten oder Pädophile fallen.”
    Ach so? Da machen es sich die Liberalen (warum auch immer sie sich so nennen) ja leicht: bevor sie das bürgerliche Klientel verprellt, indem es die Lippenbekenntnisse gegenüber der GLBT-Wählerschaft wahr macht, wird mal eben ein Griff in die Kiste der Abstrusitäten gemacht. Ausgelebte Pädophilie widerspricht dem GG, allein schon dem ersten Artikel. Und Sodomie hab ich bisher noch nie als gesellschaftsrelevantes Problem wahrgenommen. Ob Sodomie und Pädophilie wirklich unter das allgemeine Verständnis der sexuellen Identität fallen? Was das ist, kann auch an anderer Stelle definiert werden, sollte jemand außerhalb der FDP dafür Bedarf sehen. Pädophilie und Sodomie werden nicht dabei sein.
    Es ist mal wieder das alte Muster der FDP: wenn es darauf ankommt, stimmen sie gegen GLBT-Rechte. Wobei das hier gar nicht stimmt: es kam gar nicht drauf an; Rot-Rot-Grün war eh in der Mehrheit, die FDP ist also nicht nur bigott, sondern auch strategisch dämlich.

    Warum dürfen Wagen der CDU und FDP auf dem CSD, der genau die Forderung stellt, die von ihnen abgelehnt wird, mitfahren? Man komme mir nicht mit dem Argument, dass das die „Strömung“ innerhalb der Parteien sei, die dafür kämpfe. Tut sie nicht, sonst käme was bei rum, sie versagen einfach nur, statt zu kämpfen.
    Man kann die Leute auf dem Wagen ausbuhen, weil sie sich entweder instrumentalisieren lassen als „Quotenhomos“, die beweisen, dass die Partei es so schlimm ja nicht mit den GLBTs meinen kann oder die sogar die Politik rechtfertigen (Sascha Steuer, CDU), oder man kann sie ausbuhen aufgrund ihrer Inkompetenz auch nur das Geringste zu bewirken bzw ihrer Naivität, dass sie glauben, dass sie es könnten. Und man kann sie ausbuhen, weil sie die Frechheit besitzen, zu versuchen durch ihre Wagen den Eindruck zu erwecken, man könnte sie wählen, obwohl man in der Konsequenz zum Kalb wird, das seinen Schlachter selber wählt. Wenn die mitfahren dürfen, sollte die katholische Kirche nächstes Jahr auch ein Wagen kriegen. Dieselbe Antipolitik, dieselbe geheuchelte Menschenliebe.

  3. @ Jan: danke für den Hinweis zur FDP Argumentation,

    “Auch die Liberalen haben verfassungsrechtliche Bedenken. Außerdem sei der Begriff ’sexuelle Identität’ nicht eindeutig definiert. Darunter könnten schließlich auch Sodomisten oder Pädophile fallen.”

    das kannte ich so gar nicht. Das ist wirklich besonders verlogen. Mit dem gleichen Argument müßte man den halben jetzt bestehenden GG Artikel 3 streichen, da dieser ja dann auch z.B. Islamisten durch das Kriterium „Glaube“ und Nazis wegen der „politischen Ansichten“ schützen würde.

  4. Jemand, der findet, dass Schwule jetzt mal den Ball flach halten sollen mit dem ganzen Antidiskriminierungsblödsinn, muss also nicht mehr sagen, wie gefährlich, dekandent oder sonstwie schlimm sie sind. Er muss einfach nur sagen, dass er sie ganz normal findet.

    Das ist heftig. Aber ich denke das wird den „Gegnern“ auch nicht viel helfen. Ist eben nur ne andere Masche.

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