{"id":1,"date":"2009-05-10T21:07:16","date_gmt":"2009-05-10T19:07:16","guid":{"rendered":"http:\/\/nollendorfblog.de\/index.php?p=1"},"modified":"2019-03-02T13:21:36","modified_gmt":"2019-03-02T11:21:36","slug":"hello-world","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=1","title":{"rendered":"Das Dorf"},"content":{"rendered":"<p><em>Ich wei\u00df, bloggen geht k\u00fcrzer. Aber f\u00fcr den Anfang mal etwas Futter und mitten rein in die Themenwelt, \u00fcber die ich hier in Zukunft scheiben m\u00f6chte. <\/em><\/p>\n<p>Wie war das m\u00f6glich?<\/p>\n<p>Wie oft haben wir beklagt, wie unsolidarisch, unpolitisch und tr\u00e4ge die schwule Community geworden ist, da\u00df es eigentlich gar keine Community mehr gibt und vielleicht ja auch gar keine mehr geben muss.<br \/>\nJeder macht sein eigenes Ding &#8211; haupts\u00e4chlich im Internet \u2013 die Interessen sind zu verschieden, die gro\u00dfen K\u00e4mpfe alle gek\u00e4mpft, und die Jungschwulen interessieren sich sowieso nur f\u00fcr Gucci, Prada und Britney Spears. Und da\u00df Schwule und Lesben im gleichen Boot sitzen, war doch schon in den 80ern nur eine Illusion, und nicht mal eine sch\u00f6ne.<\/p>\n<p>Doch gestern war alles anders. Laut einer Agenturmeldung waren 2000 von uns zum Protest erschienen. Es gab nichts zu feiern, nichts zu gucken, nichts zu tanzen. Es gab nicht mal einen Namen f\u00fcr das, was da passierte und trotzdem war <em>es<\/em> auf einmal da und\u2013 vielleicht zum ersten Mal \u2013 gemeinsam auf den Beinen: <em>Es<\/em>, das imagin\u00e4re schwul-lesbische Zweitausendseelen- Dorf, da\u00df sich sonst in seine vielf\u00e4ltigen virtuellen und realen R\u00e4ume und Keller verkriecht. Zum ersten mal konnte man es sich anschauen, dieses Dorf und seine Bewohner. An einem ganz normalen Winterfeldtmarkt- Samstag, ohne Touristen und Stra\u00dfenfestausnahmezustand. Es waren nicht &#8211; zumindest nicht nur &#8211; die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen da, die Politiker, die Szene-Gesichter, und die im Tageslicht noch kurioseren Schwestern der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schwestern_der_Perpetuellen_Indulgenz\">Perpetuellen Indulgenz<\/a>. Obwohl ich in den letzten Jahren kaum einen CSD ausgelassen habe, habe ich selten so viele \u00e4ltere und auch ganz alte M\u00e4nnerp\u00e4rchen gesehen. Es gab viele junge Schwule, die ganz selbstverst\u00e4ndlich die Regenbogenfahne hielten, und es gibt sie doch, die Lesben und auch die schwulen V\u00e4ter, die ihren Kindern erkl\u00e4ren mussten, warum man sich vor einer Eisdiele trifft, ohne da auch ein Eis zu essen.<\/p>\n<p>Fast alles Menschen, die \u2013 wie ich &#8211; einmal hierher gezogen sind, um sich fern der Heimat ein Zuhause zu schaffen: Ein Zuhause in einem Viertel, in dem man ganz einfach f\u00fcr das, was und wie man ist, weder bedroht noch bl\u00f6d angeschaut wird.<\/p>\n<p>Was war passiert? Vor ein paar Tagen hatte der Chef der Eisdiele \u201eDolce Freddo\u201c wiedermal ein lesbisches P\u00e4rchen attackiert, weil es sich vor seinem Laden gek\u00fcsst hatte. Schon seit Jahren p\u00f6belt und droht er dort gegen Schwule und Lesben und wird auch schonmal handgreiflich.<\/p>\n<p>Bisher ist er immer damit durchgekommen, sein Laden blieb voll, weil die die Lage mitten im Epizentrum des schwulen Kiez zu gut und sein Eis wohl zu lecker ist. Es ist leicht, gegen Achmadinechad, gegen den Papst oder homophobe Wirtschaftskonzerne zu demonstrieren, aber gegen die beste Eisdiele am Platz wird es schwer.<\/p>\n<p>Doch, wie gesagt, diesmal war alles anders. Die beiden Frauen zeigten ihn bei der Polizei an. Vielleicht war das der Ausl\u00f6ser f\u00fcr den \u00fcberw\u00e4ltigenden Protest: ein Aha-Effekt, die kollektive Erkenntnis, dass Diskriminierung nicht nur widerlich, sondern auch verboten ist, dass man sich nicht nur \u00e4rgern, sondern auch wehren kann. Vielleicht war es auch der Film \u00fcber Harvey <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Milk_(Film)\">Milk<\/a>, der uns vor ein paar Wochen im Abspann mit dem Gef\u00fchl alleine gelassen hatte, wie notwendig aber auch wie sch\u00f6n es w\u00e4re, etwas gemeinsam zu tun.<br \/>\nAuf jeden Fall war es zumindest auch das Internet, wobei es \u201edas\u201c Internet ja nicht gibt, wohl aber ein sich dort gemeinsam verst\u00e4rkendes Gef\u00fchl f\u00fcr das, was wichtig ist und wird. \u201eIm Internet kursierte\u201c hei\u00dft es dann immer so sch\u00f6n, wenn etwas verbreitet wird, so als ab da eine geheimnisvolle Macht die Strippen zieht, tats\u00e4chlich sind es aber ganz reale Freunde, Bekannte, \u201eKontakte\u201c, die uns etwas mitteilen und uns in der Ahnung best\u00e4rken, da\u00df wir mit irgendetwas nicht alleine sind, &#8211; in diesem Fall mit unserer Wut.<\/p>\n<p>Und so standen wir vor \u201eDolce Freddo\u201c. Es wurde kein albernes Happening, wie die auf Facebook ver\u00f6ffentlichte Aufforderung zum gemeinsamen \u201eKiss In\u201c bef\u00fcrchten lie\u00df (was nicht hei\u00dft, dass die Aufforderung nicht genau richtig so war!). Es wurde eine ernsthafte, emotionale Veranstaltung, das gemeinsame Ziehen einer Roten Linie: Hier h\u00f6rt der Spa\u00df auf, das Hinnehmen von Angriffen auf unsere W\u00fcrde und vor allem die Bereitschaft zum Bagatellisieren. So eindringlich habe ich das zum ersten Mal erlebt. Da\u00df da etwas Neues passiert ist, l\u00e4sst sich auch in der hilflosen Art ablesen, wie die meisten Medien dieses Ereignis (wenn \u00fcberhaupt) einzuordnen versuchten. Schwule und Lesben, die weder schrill, noch Opfer, noch l\u00e4cherlich sind, scheinen ein Problem zu sein. Schwule, die ohne Federboa und nacktem Arsch einfach nur f\u00fcr ihre verfassungsm\u00e4\u00dfigen Rechte eintreten, gar eine Provokation.<\/p>\n<p>Es ist interessant zuzuschauen, was passiert, wenn der vermeintliche Konsens einer liberalen Gesellschaft im ganz konkreten Fall mal eingefordert ist. Wenn es nicht um Mahnwachen oder Gedenktage geht, sondern darum, was wir uns im Alltag gefallen lassen m\u00fcssen. Die spannendsten Verrenkungen dazu sind wohl Harald Martenstein vom<a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/zeitung\/Titelseite;art692,2793952\"> \u201eTagesspiegel\u201c<\/a> gelungen. Was er bedenklich findet, sind nicht etwa die immer h\u00e4ufiger auftretenden T\u00e4tigkeiten <strong>gegen<\/strong> Schwule und Lesben, sondern angebliche T\u00e4tigkeiten <strong>durch<\/strong> Schwule und Lesben. Martenstein behauptet, die Pizzeria \u201eDolce Pizza\u201c, die nicht nur neben der \u201eDolce\u201c-Eisdiele liegt, sondern auch noch so \u00e4hnlich hei\u00dft, h\u00e4tte sich mit einer Regenbogenfahne gegen solche Bedrohungen sch\u00fctzen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Jeder, auch jeder nicht vor Ort war &#8211; und somit auch Martenstein &#8211; wei\u00df, wie l\u00e4cherlich das ist.<\/p>\n<p>Mir ist kein einziger Fall von schwulem Protest in Deutschland bekannt, der in Gewalt umgeschlagen ist. Bei fast jedem einzelnen Fussball-Zweitligaspiel gibt es wahrscheinlich mehr Ausschreitungen als bei allen CSDs in Deutschland der letzten 20 Jahre zusammen. Doch die Gewalt gegen Schwule hat in der letzten Zeit zugenommen. In der Kleiststrasse, also nur wenige hundert Meter von der Eisdiele entfernt, ist noch im Januar ohne erkennbaren Grund ein schwules P\u00e4rchen fast tot gepr\u00fcgelt worden.<\/p>\n<p>Ich kenne Martenstein nicht, und deshalb kann ich nicht beurteilen, ob er homophob ist. Seine Argumentation jedenfalls \u00e4hnelt stark der der Schwulenhasser. \u00dcbrigens auch der des Wirts des Dolce Freddo.<\/p>\n<p>\u201eIch habe ja nichts gegen Schwule, aber&#8230;..\u201c.<\/p>\n<p><em>Aber!<\/em> <em>Aber<\/em> m\u00fcssen die sich denn unbedingt auch noch auf der Strasse k\u00fcssen? <em>Aber<\/em> m\u00fcssen die sich denn wirklich so aufregen?<\/p>\n<p>Ja, m\u00fcssen wir!!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wei\u00df, bloggen geht k\u00fcrzer. Aber f\u00fcr den Anfang mal etwas Futter und mitten rein in die Themenwelt, \u00fcber die ich hier in Zukunft scheiben m\u00f6chte. Wie war das m\u00f6glich? 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