{"id":10461,"date":"2019-05-26T12:47:01","date_gmt":"2019-05-26T10:47:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=10461"},"modified":"2020-08-08T06:18:45","modified_gmt":"2020-08-08T04:18:45","slug":"alternative-fakten-und-verschwoerungsfimmel-die-geburt-der-annegret-trump-karrenbauer-3-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=10461","title":{"rendered":"Warum Ralf K\u00f6nig Deutschlands bedeutendster lebender schwule Autor ist"},"content":{"rendered":"\r\n<p>Als ich in einem Chat mit einem Freund schrieb, dass ich gerade Ralf K\u00f6nigs neues Buch lese, textete der zur\u00fcck: \u201eDu meinst sein neues Comic-Buch?\u201c. Das Problem an Textnachrichten ist, dass die Zwischent\u00f6ne auf der Strecke bleiben. Ich konnte also nicht wissen, ob es eine reine Verst\u00e4ndnisfrage war, er also sichergehen wollte, um welches Buch es sich handelte. Oder ob da auch mitschwang: Du meinst schon sein Comic-Buch, oder schreibt der auch \u201erichtige\u201c B\u00fccher?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ralf K\u00f6nig ist unbestritten einer von Deutschlands bedeutendsten Comic-Zeichnern, ganz sicher nat\u00fcrlich der bedeutendste schwule deutsche Comiczeichner, wenn nicht sogar weltweit. Aber K\u00f6nig ist viel mehr als das. Auch unabh\u00e4ngig der Kategorie \u201eComic\u201c m\u00fcssten diese Superlative gelten. Denn Ralf K\u00f6nig ist nicht nur der bedeutendste deutsche schwule Comic-Zeichner\/Autor:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Er ist Deutschlands bedeutendster lebender schwule Autor.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Niemand hat schwules Leben in Deutschland so konsequent, so erfolgreich, so geistreich, so vielschichtig und, das ist wahrscheinlich am wichtigsten: so ehrlich, so witzig, so traurig, so kompromisslos, so ausdauernd gezeichnet. In seinen Bildern, aber eben auch in seinen Geschichten und Dialogen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Keine Ahnung, warum das, was doch eigentlich so offensichtlich ist, so schwer \u00fcber die Zunge geht. Keine Ahnung, warum er zwar alle bedeutenden Comic- und Community-Preise abger\u00e4umt hat, aber noch nie einen Literaturpreis. Denn abgesehen von allem, wof\u00fcr man ihn nat\u00fcrlich ehren muss: Warum nicht einfach daf\u00fcr, dass das, was er da macht, ganz gro\u00dfe, wichtige Literatur ist? Liegt es daran, dass seine Bilder zu gut, zu selbsterkl\u00e4rend sind, dass man vergisst, dass das f\u00fcr die Inhalte der Sprechblasen eben auch gilt?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Liegt es daran, dass er &#8211; besonders in Deutschland \u2013 in der doppelten Nische einsortiert ist? Dass in einem Land, das immer noch zwischen \u201eE\u201c (ernsthafter) und \u201eU\u201c (unterhaltender) Kultur unterscheidet, Comic immer noch zu \u201eU\u201c ist? Und dass das ganz \u00e4hnlich auch f\u00fcr das Etikett \u201eschwul\u201c gilt, dass jemand, der so konsequent eine bestimmte Zielgruppe bedient, zu unwichtig f\u00fcr das gro\u00dfe Ganze erscheint? Dabei m\u00fcsste doch f\u00fcr auszeichnungsw\u00fcrdige Literatur genau das gelten: Dass sie sich dadurch auszeichnet, durch den Blick auf eine bestimmte Szenerie so viel Wahres, Kluges und Nachdenkenswertes \u00fcber das ganze Leben, die ganze Gesellschaft offenbar wird.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Sein vorletztes Buch<a href=\"https:\/\/www.rowohlt.de\/hardcover\/ralf-koenig-herbst-in-der-hose.html\"> \u201eHerbst in der Hose\u201c<\/a> etwa, bei dem es um schwules Altwerden geht, ist grausam und brutal, weil es bei der Darstellung von Verfall, Zur\u00fcckweisung und L\u00e4cherlichkeit nichts, wirklich nichts, ausl\u00e4sst. Aber genau das alles ist eben gleichzeitig auch so r\u00fchrend, z\u00e4rtlich, so echt und auf wunderbare Weise trotzdem hoffnungsvoll.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Seine Geschichten sind f\u00fcr Deutschland das, was die \u201eStadtgeschichten\u201c von Armstead Maupin f\u00fcr Amerika sind: Sie haben Community beschrieben und gleichzeitig auch gemacht:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Wir erkennen uns wieder im anderen. Wir erkennen andere wieder in uns. Das schafft Identit\u00e4t. Seine Geschichten sind eben nicht noch Chroniken, sondern haben Typen, Situationen, Codes, Klischees eingefangen, geformt. Und als St\u00e4rkeres, etwas Allgemeing\u00fcltiges auf die Welt losgelassen, die sich dadurch ebenso ver\u00e4ndert hat.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der \u201ebewegte Mann\u201c hat nicht nur das schwule, sondern das ganze Deutschland bewegt. Mit allem, was dazu geh\u00f6rt, also auch den Risiken und Nebenwirkungen, die jede Ver\u00e4nderung provoziert. Das Gro\u00dfe am gro\u00dfen Autor K\u00f6nig ist, dass er all die Widerspr\u00fcche, all die Folgen und neuen Grenzen zum Teil seiner Kunst gemacht hat, dass er gerade jetzt, beim \u00c4lterwerden eben nicht doziert und erkl\u00e4rt, sondern weiter hinterfragt, noch genauer hinschaut.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Im <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/plus\/ralf-koenig-wie-der-bewegte-mann-ins-visier-von-gender-aktivisten-geriet-a-00000000-0002-0001-0000-000163955890\">SPIEGEL<\/a> erschienen anl\u00e4sslich seines neuen Buches \u201eStehaufm\u00e4nnchen\u201c vor einer Woche vier Seiten \u00fcber ihn unter der \u00dcberschrift \u201eWie der \u201aBewegte Mann\u2018 ins Visier von Gender-Aktivisten geriet.\u201c Doch die wahre Geschichte ist noch viel besser als der SPIEGEL sie erz\u00e4hlt: Ja, es stimmt, dass Ralf K\u00f6nig aufgrund stereotyper Darstellungen eines Wandbildes in die Kritik geriet, die auch beim n\u00e4heren Hinsehen als ungerechtfertigt erscheint. Aber es ist eben nicht so, dass K\u00f6nig diese Kritik kalt abwiegelt. Vor allem aber l\u00e4sst er sich eben nicht einfach instrumentalisieren von denen, die behaupten, dass man nun gar nichts mehr sagen, \u00fcber gar nichts mehr lachen, dass man nun gar keine Klischees mehr verwenden darf.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>K\u00f6nig hat sich stattdessen mit der Kritik sehr intensiv auseinandergesetzt. Er hat sie zur\u00fcckgewiesen, aber eben auch seinen Standpunkt erkl\u00e4rt und auch gesagt, was er heute anders machen w\u00fcrde.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Auf Facebook schrieb er:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\r\n<p>Ok, ich w\u00fcrde die Lippen der schwarzen Lesbe auf dem Wandbild nicht noch mal so unbedarft knallrot schminken, weil ich jetzt lerne, dass jemand das nicht als Lippenstift sehen k\u00f6nnte, sondern als feindseligen Spott. Meine Intention war aber das Gegenteil, f\u00fcr mich ist das immer noch eine stolze, lebenslustige Figur! Die Tunte ist eine Drag, sie ist das, was einst Divine war, wie wir\u2019s bei Little Britain sehen, wie sie zu Hunderten \u00fcber die CSDs und Travestieb\u00fchnen und hier im Karneval rumst\u00f6ckeln und wie ich damals als \u201aElvira Brunftschrei\u2018 selber drauf war! Dieser Spass, tr\u00fcmmerig zu sein! (Auch der gute alte Begriff \u201aTr\u00fcmmertunte\u2019 fliegt mir nun um die Ohren\u2026)<br \/>Ich liebe sie, ich zeichne sie! Wer mir unterstellt, ich \u201etrampele auf den Gef\u00fchlen von Transpersonen herum\u201c, ignoriert das, wof\u00fcr ich seit Jahrzehnten stehe. Wohl, weil er oder sie wohl kaum je einen Comic von mir gelesen hat.<\/p>\r\n<\/blockquote>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>In einer Zeit, in der es so oft um das Rechthaben geht, setzt er auf Dialog. In einer Zeit, in der so viele die eigene Perspektive als die einzig richtige erkl\u00e4ren, macht er seine Subjektivit\u00e4t deutlich. Er macht sich eben nicht einfach, macht sich nicht wie andere zum Opfer der Reibung, die er selbst erzeugt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ralf K\u00f6nig rettet mit <a href=\"https:\/\/www.rowohlt.de\/hardcover\/ralf-koenig-stehaufmaennchen.html\"> \u201eStehaufm\u00e4nnchen\u201c<\/a> die Welt. Er macht das, was man von uns \u00f6ffentlichen Schwulen immer wieder einfordert: Eben nicht nur immer um sich selbst zu kreisen und stattdessen auch auf die globalen Weltprobleme zu zielen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Doch sein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Umweltschutz und die Bewahrung unserer nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen ist eben nicht nur Weltrettung im \u00f6kologischen Sinne. Er &#8222;rettet&#8220; sozusagen unsere Welt auch kulturell: Er zeigt, wie sehr die Karikatur, der Humor, die Vereinfachung, die \u00dcbertreibung den Blick f\u00fcr das Detail sch\u00e4rfen k\u00f6nnen. Nie war Gender-Gaga mehr gaga. Aber eben gleichzeitig auch so unwirklich, so weit weg, dass hinter den Stereotypen Strukturen sichtbar werden. Strukturen, \u00fcber die man reden kann und muss.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Im Kulturkampf zwischen den angeblich so dogmatischen Politisch-korrekten und den angeblichen Verteidigern der freien Sprache scheint K\u00f6nigs Kunst genau das zu sein, was einen Ausweg verspricht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p><!--StartFragment--><\/p>\r\n<hr \/>\r\n<p><strong>Bitte mach mit! <\/strong>Als unabh\u00e4ngiges und werbefreies Blog brauchen wir Deine Hilfe. 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