{"id":10596,"date":"2019-06-24T05:10:49","date_gmt":"2019-06-24T03:10:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=10596"},"modified":"2019-11-12T21:18:02","modified_gmt":"2019-11-12T19:18:02","slug":"widerspruch-zu-joachim-gauck-nein-die-cdu-muss-nicht-noch-mehr-nach-rechts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=10596","title":{"rendered":"Widerspruch zu Joachim Gauck: Nein, die CDU muss nicht noch mehr nach rechts!"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-small-font-size\">Foto: Joachim Gauck (c)<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/User:J._Patrick_Fischer\"> J. Patrick Fischer<\/a> <a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/c\/c1\/2011_Joachim_Gauck.jpg\">Wikipedia Commons<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Seit ein paar Jahren gibt es diesen politischen Rechentrick: Um die AfD schw\u00e4cher zu machen, m\u00fcsste die CDU endlich wieder konservativer werden. Die sei n\u00e4mlich in den letzten Jahren sozialdemokratisiert worden. Man m\u00fcsse also nur die Sozialdemokratisierung der CDU beenden, damit stramme Konservative endlich wieder dort ein zu Hause finden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant ist, dass das nicht nur die Konservativen in AfD und Union fordern, sondern auch einige ihrer Gegner. <\/p>\n\n\n\n<p>Etwa <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article161433320\/Linke-Politiker-Gysi-wuenscht-sich-konservativere-Union.html\">Gregor Gysy 2017<\/a>:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p> \u201eIm Kern ist es so, dass die Union wieder eine konservative Partei  werden muss, um konservative W\u00e4hler, die inzwischen W\u00e4hler der AfD sind,  wieder zu integrieren.\u201c <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Auch ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo meinte das bereits 2016:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p> &#8222;Ich glaube, auch die CDU muss sich die Frage stellen, ob es richtig ist, den konservativen Teil der W\u00e4hler heimatlos zu machen. Traditionell geh\u00f6ren die ja zu ihnen&#8220;. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und nun noch der ehemalige Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck Mitte <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/plus\/joachim-gauck-wir-muessen-lernen-mutiger-intolerant-zu-sein-a-00000000-0002-0001-0000-000164407502\">Juni in einem SPIEGEL-Interview<\/a>:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p> <strong>Gauck:<\/strong>  (&#8230;) Ich  f\u00fcrchte, dass wir akzeptieren m\u00fcssen, dass es immer Menschen geben  wird, f\u00fcr die Sicherheit und gesellschaftliche Konformit\u00e4t wichtiger  sind als Freiheit, Offenheit und Pluralit\u00e4t und die lieber im Status quo verbleiben als einen unsicheren Fortschritt riskieren. Fr\u00fcher waren  diese Menschen in einer CDU\/CSU von Dregger und Strau\u00df beheimatet. Doch  seitdem die CDU sozialdemokratischer wurde, sind sie heimatlos geworden.<\/p><p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Sie meinen, die CDU muss zur\u00fcck nach rechts r\u00fccken?<\/p><p> <strong>Gauck:<\/strong>   Die CDU muss f\u00fcr diesen Typus des Konservativen wieder Heimat werden. Deswegen werbe ich im Buch auch f\u00fcr eine erweiterte Toleranz in Richtung  rechts. Wir m\u00fcssen zwischen rechts \u2013 im Sinne von konservativ \u2013 und   rechtsextremistisch oder rechtsradikal unterscheiden. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ich finde, dass Gauck hier einen gef\u00e4hrlichen Mythos f\u00fcttert. <\/p>\n\n\n\n<p>Hinter der Beschreibung einer &#8222;Sozialdemokratisierung&#8220; der CDU steht ja die Annahme, die CDU h\u00e4tte &#8222;bei sich&#8220; bleiben k\u00f6nnen, h\u00e4tte sie einfach ihre fr\u00fcheren Positionen beibehalten. So, als ob es keinen gesellschaftlichen Wandel, keinen gesellschaftlichen Fortschritt geben w\u00fcrde, den alle politischen Kr\u00e4fte nat\u00fcrlich in irgendeiner Form in sich aufnehmen m\u00fcssen, um Teil des w\u00e4hlbaren politischen Spektrums zu bleiben. <\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht hilft ja eine kleine Zeitreise, um daran zu erinnern, wen Gauck da als positive Symbolfiguren des &#8222;Konservativen&#8220; empfiehlt. Etwa ein Blick auf das Beispiel Apartheid, deren Fans Dregger und Strau\u00df waren.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=4545\">Strau\u00df fand seinerzeit<\/a> die Idee einer Gleichstellung von Schwarzen und Wei\u00dfen &#8222;unverantwortlich\u201c und lobte die \u201ehohe religi\u00f6se und moralische Verantwortlichkeit\u201c der  s\u00fcdafrkanischen Regierung, die diese verhinderte. <\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber den damaligen hessischen Landesvorsitzenden schrieb <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-40680583.html\">SPIEGEL 1977 <\/a>anl\u00e4sslich einer S\u00fcdafrika-Reise:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>    Alfred Dregger hatte gesprochen. st\u00fcrmisch umjubelt von seinen  s\u00fcdafrikanischen Gastgebern. Als Polit-Beau von den Damen umschw\u00e4rmt,  als einflu\u00dfreicher CDU-Politiker von dem Apartheids-Regime hofiert,  revanchierte sich der hessische Christdemokrat auf seinem S\u00fcdafrika-Trip  mit strammer Gesinnung.&#8220; Wenn ich Bure w\u00e4re&#8220;, so versicherte er seinen rassistischen Freunden, &#8222;w\u00fcrde ich mich auch auf die Festung  zur\u00fcckziehen und um mich schie\u00dfen.&#8220; Soviel Ermunterung und Verst\u00e4ndnis hatte die von aller Welt  kritisierte wei\u00dfe Minderheitsregierung schon lange nicht mehr von einem  westlichen Politiker erfahren, einem Mann zumal, der, wie der  s\u00fcdafrikanische Staatsrundfunk erl\u00e4uterte, &#8222;als Kanzler im Gespr\u00e4ch ist,  wenn seine Partei die n\u00e4chste Wahl gewinnt&#8220;.   <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dass solche Positionen, aber auch ein Frauenbild, das etwa die Vergewaltigung in der Ehe rechtfertigte, in der heutigen CDU nicht mehr vorstellbar sind, hat nichts damit zu tun, dass die CDU &#8222;sozialdemokratisiert&#8220; wurde. Wenn \u00fcberhaupt hat sich die Gesellschaft &#8222;sozialdemokratisiert&#8220;, aber auch das stimmt nicht. Sie hat sich schlichtweit weiterentwickelt. Rollen haben sich ver\u00e4ndert. Genau so wie die Sensibilit\u00e4t der  Mehrheitsgesellschaft zu Rassismus und Sexismus. Man nennt es Fortschritt. Doch genau den leugnet Gauck, wenn er so tut, als k\u00f6nnte man an Parametern von fr\u00fcher heutige Politik verorten. <\/p>\n\n\n\n<p> Nat\u00fcrlich hat Gauck Recht mit seiner Binse, dass es immer Milieus geben  wird, denen &#8222;Sicherheit und gesellschaftliche Konformit\u00e4t wichtiger sind  als  Freiheit, Offenheit und Pluralit\u00e4t und die lieber im Status quo  verbleiben&#8220;. Trotzdem bewegen sich selbst diese Menschen, relativ gesehen, weiter. Nur eben zeitversetzt, nicht so schnell und nicht so deutlich. Ein in &#8222;wilder Ehe&#8220; lebender Politiker ist heute selbst bei der AfD kein Thema. Und zumindest offiziell fordert in der AfD niemand, den \u00a7175 wieder einzuf\u00fchren, w\u00e4hrend die Union sich noch in den 90gern lange str\u00e4ubte, ihn abzuschaffen. Frauen haben in der AfD zwar wenig zu melden, doch immerhin sehr viel mehr als zu den Dregger-Strau\u00df-Zeiten der Union. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie falsch die Rechnerei Gaucks ist, zeigt sich daran, dass vieles von dem, was Leute wie Strau\u00df und Dregger damals sagten, heute rechts von der AfD einzuordnen w\u00e4re. Empfiehlt Gauck also auch, dass die AfD, parallel zur CDU, ebenso ein St\u00fcck nach rechts springt?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie konservativ die CDU tats\u00e4chlich ist, zeigt sich nicht daran, wie viele ihrer Positionen aus den 1970ern sie abger\u00e4umt hat, sondern wie sie im Vergleich zu international vergleichbaren politischen Kr\u00e4ften aufgestellt ist. Und ist es da wirklich so, dass die CDU (jetzt mal abgesehen von der Fl\u00fcchtlingspolitik Angela Merkels) besonders links erscheint? Die Partei, die an einem im europ\u00e4ischen Vergleich fast schon reaktion\u00e4r-undurchl\u00e4ssigen Bildungssystem festh\u00e4lt? Die Partei, der sogar die britischen Torys vormachen musste, dass man zur &#8222;Ehe f\u00fcr alle&#8220; nicht gezwungen werden muss?<\/p>\n\n\n\n<p>Ist es nicht sogar umgekehrt so, dass sich auch in der CDU die Grenzen des Sagbaren verschoben haben und eben nicht nach links, sondern nach rechts? Und was bringt es im Kampf gegen die AfD, wenn die Afd kleiner ist, daf\u00fcr aber die CDU eine AfD-light ist? <\/p>\n\n\n\n<p>Und \u00fcberhaupt: Welche konkreten &#8222;konservativen&#8220; Positionen stellt sich Gauck denn f\u00fcr die CDU vor, die keine objektiven Arschloch-Positionen sind? Und warum sagt Gauck nicht, was in seiner Logik eigentlich unvermeidbar w\u00e4re, und was den <a href=\"http:\/\/CDU und CSU erkl\u00e4ren Homophobie zu ihrem Markenkern: Warum die Union in diesem Jahr f\u00fcr Lesben und Schwule tabu sein sollte\">&#8222;Konservativen&#8220;<\/a> in der Union sowieso immer einf\u00e4llt, wenn die ihren &#8222;Markenkern&#8220; beschw\u00f6ren wollen: Dass die CDU noch mehr auf die &#8222;Genderwahn&#8220;-Taste dr\u00fccken m\u00fcsste? Dass sie noch mehr gegen Minderheiten austeilen m\u00fcsste?<\/p>\n\n\n\n<p>Woher kommt dieser Fortschritts-Furcht, dass selbst die, die sich fortschrittlich f\u00fchlen, aus Angst vor dem R\u00fcckschritt den R\u00fcckschritt fordern?  \u2666 <\/p>\n\n\n\n<p><em>Mehr zum Thema in diesem Blog:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=1442\">\u00dcber Homophobie als &#8222;Markenkern&#8220; der Union<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?tag=cdu-csu\"><em>Archivsammlung: Die Homophobie der CDU \/ CSU<\/em><\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=5942\"><em>Lieber die AfD im Bundestag als alle im Bundestag vertetenen Parteien auf AfD-Kurs<\/em><\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=4545\"><em>Die schmutzige Geschichte des Anti-Gleichstellungskampfes der CSU<\/em><\/a><\/p>\n\n\n<p><strong>Bitte mach mit! <\/strong>Als unabh\u00e4ngiges und werbefreies Blog brauchen wir Deine Hilfe. 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Die Rechnung geht auf Kosten von Minderheiten.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":10608,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[165,1],"tags":[],"class_list":["post-10596","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-165","category-politik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10596","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10596"}],"version-history":[{"count":31,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10596\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10637,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10596\/revisions\/10637"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/10608"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10596"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10596"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10596"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}