{"id":11097,"date":"2019-10-26T15:06:19","date_gmt":"2019-10-26T13:06:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=11097"},"modified":"2019-11-12T21:15:48","modified_gmt":"2019-11-12T19:15:48","slug":"der-beruehrende-brief-um-das-grosse-leben-und-die-grosse-liebe-unseres-helden-manfred-bruns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=11097","title":{"rendered":"Der ber\u00fchrende Brief um das gro\u00dfe Leben und die gro\u00dfe Liebe unseres Helden Manfred Bruns"},"content":{"rendered":"\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Seitdem die Gleichstellung erreicht und die Ehe f\u00fcr alle ge\u00f6ffnet ist, habe ich Gott sei Dank wieder so viel Zeit, dass ich die Abende mit Lesen verbringen kann.&#8220;<\/p><cite>Manfred Bruns am 17. Oktober 2017<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr ein Leben! Was f\u00fcr ein Vorbild! <\/p>\n\n\n\n<p>Der Bundesanwalt am Bundesgerichtshof, der zu dem Anwalt der Community in Deutschland wurde: Zum juristischen Wegbereiter und Ausfechter der rechtlichen Gleichstellung Homosexueller, der Abschaffung der Strafverfolgung und der Rehabilitierung der Opfer. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Manfred-Bruns-Foto-by-Dietrich-Deitermann-Fresh-2-667x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-11105\" width=\"334\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Manfred-Bruns-Foto-by-Dietrich-Deitermann-Fresh-2-667x1024.jpg 667w, https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Manfred-Bruns-Foto-by-Dietrich-Deitermann-Fresh-2-195x300.jpg 195w, https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Manfred-Bruns-Foto-by-Dietrich-Deitermann-Fresh-2.jpg 693w\" sizes=\"auto, (max-width: 334px) 100vw, 334px\" \/><figcaption>Manfred Bruns bei der Verleihung der Kompassnadel des Schwulen Netzwerks NRW 2017, Foto: FRESH\/Dettmann<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Der unerm\u00fcdliche und unerschrockene Dauer- und Langzeitk\u00e4mpfer, der, als er sich 2016 nach 30 Jahren Engagement im LSVD aus dem Bundesvorstand zur\u00fcckzog, seinen VerbandskollegInnen und uns allen auf den Weg gab:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eWir haben unsere Erfolge nur dadurch erreicht, dass wir uns nie haben entmutigen lassen. Wir haben viele Urteile von den Obergerichten bekommen, wo ich gedacht habe, also jetzt ist es aus, das geht nicht mehr und dann haben wir doch weitergemacht und am Ende haben wir uns durchgesetzt. Und das w\u00fcnsche ich mir von Euch, dass ihr weiter so arbeitet.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der Mensch und Partner, der &#8211; obwohl zusammen mit Volker Beck einer der beiden wichtigsten &#8222;V\u00e4ter&#8220; der Ehe f\u00fcr alle &#8211; diese f\u00fcr sich selbst und seinen Partner, seine gro\u00dfe Liebe, nicht &#8222;nutzte&#8220;. Seine Frau, die er 1963 heiratete und mit der er drei Kinder aufzog, und er haben sich nie scheiden lassen und pflegten einen guten Kontakt. <em>(Volker Becks Erinnerung an seinen Freund und Mitstreiter <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesellschaft\/queerspiegel\/volker-beck-ueber-seinen-freund-manfred-bruns-sein-lebensweg-war-krumm-gradlinig-war-nur-er\/25145650.html\">hier im Tagesspiegel.<\/a>)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist Manfred Bruns im Alter von 85 Jahren verstorben. Wir, die Community, verlieren, ja, sprechen wir das Wort ruhig aus: Einen unserer gr\u00f6\u00dften Helden. Ja, das klingt pathetisch, aber in dem wir uns vor ihm, seiner Leistung und seinem Leben verneigen, sch\u00f6pfen wir Kraft, die wir so dringend brauchen. Wir sch\u00e4rfen unseren Blick f\u00fcr das, was wirklich wichtig ist im Kampf, den er f\u00fcr uns gef\u00fchrt hat und den wir nun ohne ihn weiterf\u00fchren m\u00fcssen. Den wir aber eben auf seinen Schultern weiterf\u00fchren d\u00fcrfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ja, wir brauchen Helden und wir brauchen auch Heldenverehrung: Damit wir nicht immer wieder von vorne anfangen m\u00fcssen. Damit auch wir uns trauen, Grenzen zu \u00fcberwinden, uns trauen, uns unm\u00f6glich erscheinende Dinge vorzustellen und nicht von der Arbeit, dem Frust, den Unannehmlichkeiten zur\u00fcckschrecken, die es eben auch gibt und geben muss. Vor allem aber: Damit wir uns anschauen k\u00f6nnen, was f\u00fcr eine Befreiung, was f\u00fcr ein Gl\u00fcck es ist, f\u00fcr etwas zu k\u00e4mpfen, f\u00fcr etwas einzustehen, das gr\u00f6\u00dfer ist als wir selbst. Dass uns aber auch selbst gr\u00f6\u00dfer, weil freier macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Und der Tod von Manfred Bruns und der Blick auf seine Gr\u00f6\u00dfe erinnern uns im zu Ende gehenden 50sten Stonewall-Jubil\u00e4umsjahr daran, dass wir nicht \u00fcber den gro\u00dfen Teich schauen m\u00fcssen, um Geschichten \u00fcber uns zu finden, die zum Weitererz\u00e4hlen taugen, also Geschichten dar\u00fcber, wie wir wurden, was wir sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Eben, weil ich wichtig finde, dass wir uns auch in Deutschland mehr mit unseren Vork\u00e4mpferinnen und Vork\u00e4mpfern und deren Leben zu besch\u00e4ftigen, wollte ich vor zwei Jahren in diesem Blog ein Projekt starten, dass dann aber nichts geworden ist. &#8222;Schuld&#8220; daran ist auch Manfred Bruns. <\/p>\n\n\n\n<p>Worum es ging: Ich hatte f\u00fcr bedeutende (zun\u00e4chst M\u00e4nner-) Figuren der Community einen Fragebogen entwickelt (angelehnt an den des FAZ-Magazins von fr\u00fcher), mit dem ich &#8222;Wichtiges und Nichtiges rund um schwule Kultur und schwule Klischees&#8220; erfragen wollte.  (Ja, es war f\u00fcr den Anfang ganz bewusst kein queerer, sondern ein schwuler Fragebogen, denn es ging ja auch darum, schwule Klischees zu strapazieren und zu hinterfragen.) <\/p>\n\n\n\n<p>Nach und nach sollten h\u00f6chst unterschiedliche Pers\u00f6nlichkeiten zu den immer gleichen 37 Fragen (z.B. &#8222;<em>In welcher Stadt h\u00e4ttest Du gerne Dein Coming Out gehabt?&#8220; \/\u00a0&#8222;In welcher Stadt hattest Du Dein Coming Out?&#8220; &#8222;Der sch\u00f6nste schwule Film?&#8220; \/&#8220;Der wichtigste schwule Film?&#8220; \/&#8220;Deine Lieblingsoper?&#8220; \/ &#8222;Community bedeutet f\u00fcr Dich?&#8220;<\/em> &#8230; ) zu Wort kommen und ich verspracht mir f\u00fcr meine Leserinnen und Leser dadurch interessante Vergleiche und Bez\u00fcge. Ich bat Manfred Bruns, als einer der ersten bei diesem Spiel mitzumachen, &#8222;das sowohl die Befragten als auch die Leser dazu herausfordert, sich selber zu verorten, sich anregen und \u00fcberraschen zu lassen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Manfred Bruns hat mich dann tats\u00e4chlich \u00fcberrascht, aber anders als ich mir das vorgestellt hatte. Er schickte mir als Antwort eine Mail in der er sich weigerte, meine Fragen zu beantworten. Aber gleichzeitig beantworte er sie doch. In dem er meine Fragen ablehnte und begr\u00fcndete, warum er das tat, erz\u00e4hlte er mir, was ich wissen wollte, ja viel mehr, als ich zu fragen gewagt hatte. Er spielte mein Spiel mit, aber er \u00e4nderte die Spielregeln. Er zerst\u00f6rte mein Format. Und schickte mir eines der ber\u00fchrendsten Schreiben, die ich je bekommen habe. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe es damals nicht ver\u00f6ffentlicht. Warum nicht, kann ich nicht mehr so genau sagen. Wahrscheinlich, weil ich hoffte, mein Fragebogen-Projekt doch noch zu realisieren und in dem Zusammenhang dann auch den Bruns-Brief zu ver\u00f6ffentlichen. Aber wahrscheinlich war mein Fragebogen Projekt eine unsinnige Formalie. Und Manfred Bruns hat mir (zwei Jahre vor seinem Tod und nur zwei Wochen nach der Abschaffung des Eheverbots) vorgef\u00fchrt, was mit unsinnigen Formalien passiert, wenn sie auf Manfred Bruns treffen: Sie werden abgeschafft. Was f\u00fcr ein Gl\u00fcck! Danke Manfred Bruns.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schreiben ist vom 17. Oktober 2017:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Hallo Johannes Kram,<\/p><p><strong>(<\/strong>&#8230;) ich muss Sie leider entt\u00e4uschen.<\/p><p>Ich bin Jahrgang 1934, also jetzt 83 Jahre alt. Ihre Fragen nach meinem Coming-out haben mit meinem Leben nichts zu tun. Meine Jugend f\u00e4llt in die vierziger und f\u00fcnfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als Schwule verfolgt, bestraft und als Asoziale ausgegrenzt wurden. Ich habe meine Homosexualit\u00e4t erst Anfang der achtziger Jahre zugelassen, weil ich psychisch am Ende war und es nicht mehr fertig brachte, mich dauernd zu verleugnen. Das war aber auch damals noch sehr schwierig.<\/p><p>Ich lebe mit meinem 79j\u00e4hrigen Mann seit 25 Jahren zusammen. Wir leben au\u00dferhalb der schwulen Kultur und fernab vom Mainstream. Wir haben seit 1994 kein Auto mehr. Wir besitzen zwar ein Fernsehger\u00e4t, schauen aber nie Fernsehen. Wir h\u00f6ren zwar viel Radio, aber nur Kulturprogramme mit klassischer Musik. Wir haben uns schon seit Jahren keine Filme mehr angeschaut und kein Theater oder Oper besucht. Die Theater und Opernbesuche haben wir aufgegeben, weil uns die Regieeinf\u00e4lle oft so auf den Wecker gingen, dass wir das Theater schon in der Pause verlassen haben. Wir besuchen auch keine Lokale, au\u00dfer gelegentlich mittags, wenn mein Mann nicht kochen kann oder will. Wir haben vor Ort auch keinen schwulen Freundeskreis. Den Seniorenstammtisch \u201e40 na und\u201c haben wir eine Zeit lang besucht, aber dann haben uns die Gespr\u00e4che dort nicht mehr gereizt.<\/p><p>Wir sind von au\u00dfen betrachtet zwei Eigenbr\u00f6tler, die sich ganz auf sich konzentrieren, sich dabei aber sehr wohl f\u00fchlen. Wir wissen nat\u00fcrlich, dass das ein Problem wird, wenn demn\u00e4chst einer von uns sterben wird.<\/p><p>Unser gemeinsames Hobby ist das Fahrradfahren. Wir fahren jeden Nachmittag zwei Stunden in die sch\u00f6ne Karlsruher Umgebung und legen dabei im Durchschnitt 25 km zur\u00fcck. Bis vor zwei Jahren habe wir im Sommer jeweils mehrere gro\u00dfe Fahrradtouren unternommen und dabei &#8211; mit Ausnahme von England, Irland, Skandinavien und Spanien &#8211; ganz Europa erkundet. Es gibt kaum einen gr\u00f6\u00dferen Ort in Europa, den wir nicht besucht haben. Seit zwei Jahren machen wir im Hinblick auf unser Alter solche gro\u00dfen Touren nicht mehr, sondern mieten uns im Sommer in Hotels in sch\u00f6nen Gegenden ein und unternehmen von dort aus Tagestouren in die Umgebung.<\/p><p>Unser zweites Hobby ist das Lesen. Seitdem die Gleichstellung erreicht und die Ehe f\u00fcr alle ge\u00f6ffnet ist, habe ich Gott sei Dank wieder so viel Zeit, dass ich die Abende mit Lesen verbringen kann.<\/p><p>Das alle klingt f\u00fcr j\u00fcngere Leute sicher sehr absurd. Aber wir f\u00fchlen uns sehr wohl. Die letzten 25 Jahre zusammen mit meinem Mann waren die sch\u00f6nsten meins Lebens.<\/p><p>Herzliche Gr\u00fc\u00dfe<\/p><p>Beste Gr\u00fc\u00dfe<\/p><p>Manfred\u00a0Bruns<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Er spielte mein Spiel mit, aber er \u00e4nderte die Spielregeln. Er zerst\u00f6rte mein Format. 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