{"id":11157,"date":"2019-11-12T19:48:11","date_gmt":"2019-11-12T17:48:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=11157"},"modified":"2019-11-13T05:13:37","modified_gmt":"2019-11-13T03:13:37","slug":"was-die-trennung-von-anne-will-und-miriam-meckel-ueber-die-homophobie-in-diesem-land-verraet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=11157","title":{"rendered":"Was die Trennung von Anne Will und Miriam Meckel \u00fcber die Homophobie in diesem Land verr\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:11px\" class=\"has-text-align-right\">Vorschaufoto: Anne Will by <a href=\"http:\/\/photo.martinkraft.com\/\">Martin Kraft&nbsp;(photo.martinkraft.com)<\/a> License:&nbsp;<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/\">CC BY-SA 3.0<\/a><br>via&nbsp;<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:MJK_20339_Anne_Will_(Media_Convention_Berlin_2018).jpg\">Wikimedia Commons<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die Fernsehmoderatorin Anne Will und die Kommunikationswissenschaftlerin und Publizistin Miriam Meckel haben sich getrennt. \u00d6ffentlich kommuniziert (&#8222;Wir haben uns getrennt&#8220;) haben die beiden diesen Umstand genau so, wie sie einst ihr Zusammensein (<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/leben\/anne-wills-outing-der-schoenste-coming-out-satz-1.348604\">&#8222;Ja, wir sind ein Paar&#8220;)<\/a> bekundet hatten: auf die denkbar knappste Art. Gerade so, dass die Bescheid wissen, die es interessiert und etwas angeht. Gerade so, wie es die real existierenden Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der Medien verlangen: <\/p>\n\n\n\n<p>Wie sie <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/leute\/anne-will-und-miriam-meckel-haben-sich-getrennt-a-1295997.html\">sp\u00e4ter berichteten<\/a>, mussten sie damals ihre Beziehung quasi bekannt machen, um \u00fcberhaupt gemeinsam \u00f6ffentliche Veranstaltungen besuchen zu k\u00f6nnen, ohne weitere Verrenkungen und Verleugnungen durchleiden zu m\u00fcssen. Au\u00dferdem, so darf vermutet werden: Um nicht irgendwann als Paar (und damit ja gleichzeitig auch als Lesben) unter nicht selbstbestimmten Bedingungen geoutet zu werden. Genauso halbfreiwillig wie ihr damaliges &#8222;Liebesbekenntnis&#8220; war nun auch das &#8222;Bekenntnis&#8220; ihrer Trennung. <\/p>\n\n\n\n<p>Da sie sich ja damals bereits &#8222;offiziell&#8220; zum Paar erkl\u00e4rt hatten, mussten sie nun auch ihre Trennung offiziell machen, um sich nicht den Vorwurf gefallen zu lassen, eine Beziehung vorzuspielen, die \u00d6ffentlichkeit an der Nase herumzuf\u00fchren. Es ging den beiden bei der Bekanntgabe ihrer Trennung also ganz offensichtlich nicht darum, diese zum Thema zu machen. Sondern um das genaue Gegenteil: Mit m\u00f6glichst wenigen Worten zwar einer Art inoffizieller medialer Informationspflicht nachzukommen, aber eben so, dass das Ganze m\u00f6glichst kein Thema wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Dass es das trotzdem ist, dass die n\u00fcchterne und sogar mit &#8222;kurze Erkl\u00e4rung&#8220; sehr unspektakul\u00e4r angteaste dpa-Meldung zur Will\/Meckel-Trennung heute lange Zeit der meistgeklickte Beitrag auf <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/vermischtes\/article203399734\/Anne-Will-und-Miriam-Meckel-haben-sich-getrennt.html\">welt.de<\/a> ist, hat mit der Natur der Sache zu tun. Beziehungsweise der Natur zweier Sachen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die eine Sache hei\u00dft Prominenz. Die Leute wollen eben wissen, welcher Promi mit wem zusammen ist oder eben nicht. Die andere Sache hei\u00dft Homophobie. Denn w\u00e4hrend sich prominente Heteromenschen &#8222;nur&#8220; mit der Klatschsucht der \u00d6ffentlichkeit herumschlagen m\u00fcssen, gilt f\u00fcr Homos zus\u00e4tzlich noch die Aufmerksamkeit, die es f\u00fcr das immernoch-Skandal-Thema Homosexualit\u00e4t kostenlos obendrauf gibt: Da haben sich eben nicht nur zwei Promis getrennt, sondern zwei Homo-Promis. <\/p>\n\n\n\n<p>So finden sich in den Kommentarspalten der WELT zum dpa-Artikel musterg\u00fcltig alle zur Zeit en vogue befindlichen homophoben &#8222;ich hab ja nichts, aber&#8220;-Ressentiments in einer beeindruckenden Dichte aufgelistet. Und da in diesen Zeiten ja so gerne betont wird, wie egal es den Leuten doch ist, ob jemand homosexuell ist oder nicht, lohnt ein Blick in diese Abgr\u00fcnde, von denen man wissen muss, dass es ja nur die nett formulierten Abgr\u00fcnde sind: Die bei Homo-Themen \u00fcbliche Masse an offenem Hass wird bereits von den Online-Redaktionen vor Ver\u00f6ffentlichung herausgefischt. Aber selbst die Kommentare, die es auf die Website geschafft haben, offenbaren eindrucksvoll die Dimension des Homo-Hasses. Wie gro\u00df der K\u00fcbel G\u00fclle ist, den LeserInnen  wie die der WELT \u00fcber so einer Homo-Geschichte kippen, zeigt sich an dem,  was trotz der redaktionellen Sicherheitsma\u00dfnahmen in den Kommentarbereich hinein schwappt: W\u00e4hrend ich diesen Blogbeitrag schreibe, hat sich die Anzahl der auf welt.de ver\u00f6ffentlichten Kommentare von 187 auf 40 reduziert. Online (also nicht zugeh\u00f6rig zur vorab herausgefischten krassen Sorte) waren eben noch Meinungs\u00e4u\u00dferungen wie diese:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Naja liebe Leute &#8211; diese Meldung ist schon sehr, sehr wichtig! Durch die prominente Platzierung in einem ebenso prominenten Medium mu\u00df dem st\u00e4ndigen Geschrei von Minderheiten ja eine B\u00fchne geboten werden; Geht es doch nicht zuletzt auch darum, bei der breiten Masse den Eindruck zu erwecken, da\u00df die jeweilige Minderheit (hier: Lesben) ganz wichtig ist!<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Wie res\u00fcmieren: F\u00fcr diese Art von Beziehungen, in denen zwei Erwachsene gleichen Geschlechts einfach ein paar Jahre zusammenleben ohne die Aussicht, Nachkommen, zu zeugen oder irgendeine andere gesellschaftsst\u00fctzende Funktion auszu\u00fcben, gibt der Staat Millionen Euro j\u00e4hrlich in Form des Ehegattensplittings aus&#8230; Warum nochmal eigentlich?<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Ich m\u00f6chte mir weder das Zusammenleben noch die Trennung vorstellen.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wie gesagt: Das sind nicht die krasse Masse, das ist lediglich die Mitte des Eisbergs. Doch schauen wir uns nun dessen Spitze an, also den jetzt noch online einsehbaren Bereich mit den ganz wenigen einigerma\u00dfen zivilisierten LeserInnen-\u00c4u\u00dferungen. Da, wo der allerallergr\u00f6\u00dfte Teil der homophoben Ressentiments herausgefiltert wurde. Da, wo homophobe Ressentiments zumindest sch\u00f6ner verpackt werden. Etwa so:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p> Frau WILL w\u00fcrde ich auf Dauer auch nicht ertragen. Na zum Gl\u00fcck bin ich mit meinem Mann seit 30 JAHREN gl\u00fccklich.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Vielleicht zu viel Hedonismus und Scheinwelt gewesen?<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Traumpaar? F\u00fcr mich sind Traumpaare, Paare die es schaffen ihre Beziehung auf das Niveau einer Familie zu heben. Denn sie \u00fcbernehmen \u00fcber die Kinder Verantwortung f\u00fcr unsere Zukunft. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Doch so schlimm all das auch ist. Die Kommentare der WELT-LeserInnen zeigen noch eine ganz andere Dimension der Homophobie als die \u00fcblichen Abwertungen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist das homosexuelle &#8222;Egal-Dilemma&#8220;: <\/p>\n\n\n\n<p>Die Leute interessieren sich tierisch daf\u00fcr, wer und ob jemand homosexuell ist (sonst w\u00e4ren die Medien auch nicht so verbissen darauf, dies aufzuschreiben), gleichzeitig beteuern sie, wie egal ihnen das ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Oder, eine Ebene grunds\u00e4tzlicher betrachtet: Indem die Mehrheitsgesellschaft Homosexuelle durch ihre heterosexuelle Normvorgabe erst mal in den Schrank sperrt, zwingt sie diese \u00fcberhaupt dazu, da wieder herauszusteigen, also sich outen zu m\u00fcssen. Und wenn sie es dann tun, kritisieren sie sie dann daf\u00fcr, dass sie es tun.  Der doppelte Sinn des deutschen Wortes &#8222;egal&#8220; zeigt, wie vertrackt dieses Dilemma f\u00fcr Homosexuelle ist: Erst verwenden Heteros &#8222;egal&#8220; im Sinne von &#8222;gleichwertig&#8220;:  Ist mir doch egal, ob jemand homosexuell ist: Ich habe doch kein Problem damit. Gleichzeitig bedeutet dieses &#8222;egal&#8220; aber auch: Es ist mir egal, ich will nicht damit behelligt werden. Wieso macht ihr immer ein Problem damit?<\/p>\n\n\n\n<p>Durch das Egal-Dilemma k\u00f6nnen Homosexuelle nichts richtig machen. Selbst wenn sie, wie Will und Meckel das getan haben, von ihrem Privatleben nichts mitgeteilt haben, ist den Leuten das schon zu privat. Selbst, wenn sie sich trennen und daf\u00fcr die am wenigsten denkbare Anzahl von Worten benutzen, ist diese Anzahl viel zu viel. Es stimmt nicht, dass wir ihnen egal sind. Denn wenn wir egal w\u00e4ren, w\u00e4re nicht schon das Wenigste schon zu viel. <\/p>\n\n\n\n<p>Ja, es ist einfach so. Der Homosexuelle, wenn er sichtbar homosexuell ist, ist einfach schon zu viel, dadurch, dass er sichtbar homosexuell ist. Und das nicht nur in der WELT.  \u2666<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Aus dem Archiv:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=1723\"><em>Das Trauma der Erika Steinbach <\/em>und das Verdienst von Anne Will<\/a> (2013)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?tag=welt\"><em>Sammlung aller Beitr\u00e4ge im Blog zur Homophobie der WELT<\/em><\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Bitte mach mit!&nbsp;<\/strong>Als unabh\u00e4ngiges und werbefreies Blog brauchen wir Deine Hilfe. Hier kannst Du uns auf&nbsp;<strong><a href=\"https:\/\/www.paypal.com\/donate\/?token=Sx7UO35_SDcAJtU34UUHgtD5jyv1zex9ZEMhfnkmUSKCOtBwgAd3VhsSD8v7GsW2W2ygw0&amp;country.x=DE&amp;locale.x=de_DE\">Paypa<\/a>l<\/strong>&nbsp;unterst\u00fctzen. 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Egal gleich &#8222;ist nicht okay.&#8220; <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":11183,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[165,169,167],"tags":[35],"class_list":["post-11157","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-165","category-online","category-tv","tag-welt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11157","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11157"}],"version-history":[{"count":49,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11157\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11212,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11157\/revisions\/11212"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/11183"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11157"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11157"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11157"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}