{"id":11585,"date":"2020-01-25T15:49:59","date_gmt":"2020-01-25T13:49:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=11585"},"modified":"2020-01-26T12:14:34","modified_gmt":"2020-01-26T10:14:34","slug":"koelner-csd-motto-nicht-die-hymne-ist-unantastbar-unsere-wuerde-ist-es","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=11585","title":{"rendered":"K\u00f6lner CSD-Motto: Nicht die Hymne ist unantastbar. Unsere W\u00fcrde ist es."},"content":{"rendered":"<p>Ich gebe zu: Auch ich habe am Anfang gedacht, dass &#8222;Einigkeit! Recht! Freiheit&#8220; vielleicht gar keine so schlechte Idee f\u00fcr das K\u00f6lner CSD-Motto sein k\u00f6nnte, habe gedacht, dass das Entscheidende eben die Ausrufezeichen sind und die damit verbundenen Forderungen an diese Begriffe. Und nicht die normative Macht, die diese Begriffe auch im negativen Sinne haben, da sie eben der Norm huldigen und nicht deren Infragestellung. <em>(Hier die <a href=\"https:\/\/www.queer.de\/detail.php?article_id=35325\">Zusammenfassung<\/a> der Ereignisse.)<\/em><\/p>\n<p>Meine Hoffnung war am Anfang die, die Patrick Bahners am Ende, also nach der Absetzung des Claims, \u00fcber die Begriffe in der <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/koelner-christopher-street-day-motto-wieder-verworfen-16593812.html\">FAZ formuliert<\/a> hatte:<\/p>\n<blockquote><p>Sie w\u00e4ren als Forderungen artikuliert worden, und das Publikum am Stra\u00dfenrand h\u00e4tte begriffen und gesp\u00fcrt, dass f\u00fcr das Recht und die Freiheit der Menschen, deren Geschlechtsleben von der alten Norm abweicht, in dieser Republik noch nicht alles erreicht ist.<\/p><\/blockquote>\n<p>Doch wie falsch diese Annahme war und wie richtig, ja notwendig es war, dieses Motto zu kippen, zeigt sich an den Reaktionen. Ja, es waren nicht, wie so oft behauptet, &#8222;die Linken&#8220;, die das Motto verhindert haben. Es war der b\u00fcrgerliche konservative Mainstream, der ein solches Motto unm\u00f6glich macht, der\u00a0 &#8211; anders als von den Erfindern des Mottos vorausgesetzt &#8211; eben nicht in der Lage ist, es als Druck auf den Staat zu verstehen. Sondern auf das Gegenteil.<\/p>\n<blockquote><p>Kann man nicht doch \u00fcber das Gewaltsame und Chauvinistische schon des fr\u00fchen Nationalismus sprechen, ohne das Emanzipatorische und Egalit\u00e4re eines Volksbegriffs zu leugnen, der \u00fcbrigens ebenfalls schon in Volksfesten Gestalt gewann?<\/p><\/blockquote>\n<p>fragt Bahners. Nein, das kann man leider nicht.<\/p>\n<p>Wie unglaublich schief ein solches Motto verstanden werden kann, zeigt etwa der <a href=\"https:\/\/donotlink.it\/BJrAA\">Kommentar<\/a> des (mutma\u00dflich heterosexuellen) Sport(!)-Chefs der BILD-Zeitung, Alfred Draxler:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Bei der Fu\u00dfball-WM 2006, dem \u201eSommerm\u00e4rchen\u201c, hatten wir alle schwarz-rot-goldene F\u00e4hnchen an unseren Autos. Wir haben der ganzen Welt bewiesen, dass wir ein friedliches Land sind, vor dem niemand mehr Angst zu haben braucht. Wir haben uns als fr\u00f6hliches und gastfreundliches Land pr\u00e4sentiert. Und in jedem Stadion wurde laut die Hymne gesungen.<br \/>\n<\/strong><br \/>\n\u201eMein\u201c Deutschland von heute gef\u00e4llt mir viel besser als \u201emein\u201c Deutschland von fr\u00fcher. Und ich bin sicher kein Nationalist.<\/p>\n<p><strong>Einigkeit und Recht und Freiheit sind die Grundpfeiler unseres Zusammenlebens \u2013 ich bin stolz darauf!<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Er f\u00fchrt vor, was die meisten Kritiker der Motto-Absetzung bestreiten: Wie spalterisch der Claim ist. Denn die, die jetzt die Absetzung des Mottos kritisieren, sind vor allem dar\u00fcber einig, dass es doch auch irgendwie der Staat, bzw. &#8222;das Volk&#8220; gewesen ist, die uns unsere Einigkeit, unser Recht, unsere Freiheit erm\u00f6glicht haben.<\/p>\n<p>Doch je sehr jeder einzelne von uns ganz pers\u00f6nlich stolz und dankbar auf diesen Staat sein mag: Wir mussten diesem Staat jedes bisschen W\u00fcrde abringen, das uns sein Grundgesetz verspricht. Dieser Staat hat uns verfolgt, uns unsere Freiheit versagt und einem Teil der Community versagt er sie noch immer. Wir als Bewegung sind diesem Staat nichts schuldig. Er ist und bleibt in unserer Schuld.<\/p>\n<p>Dass BILD und anderen in der Argumentation eben nicht die noch immer nicht verwirklichte Freiheit von inter und <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?cat=141\">trans<\/a> Menschen in den Sinn kommt, sondern die Freiheit, sich mit deutschen Symbolen wieder stolz zu f\u00fchlen, zeigt, wie \u00fcberf\u00e4llig es war, die Motto-Notbremse zu ziehen. Es sind nicht die angeblich alle linken Motto-Kritiker, die die Hymnen-Begriffe mit deutschen Chauvinismus in Verbindung bringen, sondern &#8211; ganz abgesehen von den Rechten und Rechtsextremen &#8211; die b\u00fcrgerlichen und konservativen Bef\u00fcrworter selbst. Und das mit einer nicht zu \u00fcberbietenden Ignoranz vor den Forderungen und Zielen unserer Communities.<\/p>\n<p>Noch perfider als Draxler in der BILD schaffte das <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/debatte\/kommentare\/article205211459\/Christopher-Street-Day-Warum-das-Deutschlandlied-zur-Schwulenparade-gehoert.html\">Claudia Becker in der WELT<\/a>, einer Zeitung, die tats\u00e4chlich von sich glaubt, irgendeine CSD-Kompetenz zu besitzen, obwohl niemandem dort bisher aufgefallen ist, dass an dieser (bis heute online so ver\u00f6ffentlichten) \u00dcberschrift irgendwas nicht stimmt:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"c-headline o-dreifaltigkeit__headline o-headline--is-emphasis rf-o-headline\" data-qa=\"Headline\">Warum das Deutschlandlied zur Schwulenparade [ sic!]\u00a0passt<\/p>\n<\/blockquote>\n<p data-qa=\"Headline\">Becker schreibt:<\/p>\n<blockquote><p>Einigkeit, Recht, Freiheit. Das sind die Werte, auf denen das Grundgesetz beruht, Werte, die f\u00fcr jeden gelten, unabh\u00e4ngig von Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Vorliebe. Werte, die daf\u00fcr sorgen, dass die Diskriminierung, der die LGBTIQ-Community viel zu lange auch bei uns ausgesetzt war und die sie in einem Gro\u00dfteil der Welt noch immer durch harte Strafen bis zur Hinrichtung erf\u00e4hrt, in der Bundesrepublik heute deutlich zur\u00fcckgegangen ist.<\/p><\/blockquote>\n<p>Mal ganz abgesehen davon, dass unser Grundgesetz die sexuelle Identit\u00e4t eben nicht explizit sch\u00fctzt, mal angesehen davon, dass inter und trans (und vieles andere auch) nichts oder wenig mit &#8222;sexueller Vorliebe&#8220; zu tun hat, sie also hier ganz grunds\u00e4tzlich nicht verstanden hat, worum es geht, hat sie auch ganz grunds\u00e4tzlich nicht verstanden, wof\u00fcr dieses Motto h\u00e4tte k\u00e4mpfen sollen: Becker hat \u00fcberhaupt nicht mitbekommen, dass es eben nicht darum gehen sollte, wie sehr die Diskriminierung in diesem Land &#8222;deutlich zur\u00fcckgegangen ist&#8220;, sondern wie sehr diese bis heute noch besteht. Hier vor allem auf das Ausland zu zielen, hei\u00dft, die Ausrufezeichen nicht sehen zu k\u00f6nnen. Oder zu wollen.<\/p>\n<p>Ich musste in der ganzen Diskussion viel an Spieler der Fu\u00dfballnationalmannschaft denken, die &#8211; ebenfalls von Spinger-Medien aufgehetzt &#8211; vom deutschen Volksp\u00f6bel angeschrien werden, doch endlich die Hymne mitzusingen. Die Schei\u00df-Ausl\u00e4nder sollen sich endlich integrieren. Die Schei\u00df-Homos sollen sich endlich integrieren. Niemand fragt, warum das Mitsingen so schwerf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Doch darum m\u00fcsste es doch gehen.<\/p>\n<p>Wieso kann diese Bundesrepublik, die im Homosexuellen-Verfolgen immer noch erfolgreicher, noch stolzer und noch tugendhafter war als im internationalen Fu\u00dfballspielen, nicht verstehen, wie sehr das Besingen von Einigkeit und Recht und Freiheit auch Hohn und Schmerz bedeutet?\u00a0 Und selbst, wenn es erstrebenswert w\u00e4re, dies zu \u00e4ndern: Nicht wir als Bewegung sind es, die sich mit diesem Staat vers\u00f6hnen muss. Es ist umgekehrt. Nicht die Nationalhymne ist unantastbar, unsere W\u00fcrde ist es.<\/p>\n<p>Was tut der Staat, was tut dieses &#8222;Volk&#8220; eigentlich daf\u00fcr, die von ihm Entrechteten und Verfolgten Teil dieser beschworenen &#8222;Einigkeit&#8220; werden zu lassen? Warum wird so wenig verstanden, dass Einigkeit im Land des Leitkulturfetisch eben auch eine Drohung sein kann? Was ist das Recht wert, wenn es unter der Scham zerbr\u00f6selt? Warum gelingt es etwa nicht, dass diejenigen, denen Entsch\u00e4digung zusteht, diese Entsch\u00e4digung auch anzunehmen und f\u00fcr sich geltend machen? Warum sch\u00e4mt sich keiner dieser Einigkeit-und-Recht-und-Freiheit-Stolzen f\u00fcr dieses entw\u00fcrdigende <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=10421\">Transsexuellengesetz<\/a>? Wie kann in diesem Land jemand Verteidigungsministerin (und m\u00f6glicherweise auch Bundeskanzlerin) werden, die zu Freiheit und Recht unserer Minderheiten vor allem Spott und Ausgrenzung einf\u00e4llt? <em>(Alles zur <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?tag=annegret-kramp-karrenbauer\">AKK hier im Archiv<\/a>.)<\/em><\/p>\n<p>Was wir gelernt haben: Die Hymne ist keine Einladung zur Einigkeit, sie ist ein Befehl. W\u00e4re sie eine Einladung, k\u00f6nnte man sie auch ablehnen ohne den Vorwurf, die Werte des Staates infrage zu stellen. Doch genau das passiert jetzt. Hinter all dem steckt das homophobe Narrativ: Ihr seid selber schuld f\u00fcr die Angriffe gegen Euch!<\/p>\n<p>Nein, nicht der K\u00f6lner CSD hat die Begriffe der Hymne den Rechten \u00fcberlassen. Es ist der Widerwille der b\u00fcrgerlichen Mitte, diese Begriffe wirklich ernst zu meinen.<\/p>\n<p>W\u00fcrden all die, die darum streiten, Einigkeit und Recht und Freiheit nicht \u201eden Rechten zu \u00fcberlassen\u201c, genauso darum streiten, Recht, Freiheit und Dazugeh\u00f6ren denen zu gew\u00e4hren, denen unser Staat dies immer noch verwehrt, m\u00fcsste man sich um die Rechten viel weniger Sorgen machen.<\/p>\n<p><em><strong>Vielen Dank an alle, die dieses Blog mit ihren Beitr\u00e4gen erm\u00f6glichen! <\/strong>Als unabh\u00e4ngiges und werbefreies Blog brauchen wir Deine Hilfe. 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