{"id":12698,"date":"2021-03-07T19:53:36","date_gmt":"2021-03-07T17:53:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=12698"},"modified":"2021-07-11T21:38:04","modified_gmt":"2021-07-11T19:38:04","slug":"ich-bin-nicht-beleidigt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=12698","title":{"rendered":"Ich bin nicht beleidigt!"},"content":{"rendered":"<div>\n<div id=\"contentsContainer\" class=\"style-scope qowt-page\">\n<div id=\"contents\" class=\"style-scope qowt-page\">\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201cNicht so schnell beleidigt zu sein w\u00fcrde helfen.\u201d<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-weight: 400;\">Stefan Reinecke, taz<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Wolfgang Thierse und Gesine Schwan haben es geschafft, die bisher haupts\u00e4chlich konservativ bis rechts gef\u00fchrte Debatte \u00fcber das, was die so Debattierenden \u201cIdentit\u00e4tspolitik\u201d nennen, durch die Mitte hindurch bis tief ins linke Meinungslager zu ziehen. Flankiert vom <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=12675\">erschreckend starken Applaus<\/a> einer breiten \u00d6ffentlichkeit greifen sie Minderheiten daf\u00fcr an, dass sie von diesen kritisiert werden. Den Minderheiten werfen sie vor, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gef\u00e4hrden, weil diese an die Gemeinschaft \u00fcbertriebene und unbegr\u00fcndete Forderungen richteten. Sie nennen es \u201cIdentit\u00e4tspolitik\u201d,\u00a0 weil diese Forderungen nicht rational unterf\u00fcttert w\u00fcrden, sondern sich haupts\u00e4chlich aus der pers\u00f6nlichen \u201cBetroffenheit\u201d, aus der subjektiven \u201cIdentit\u00e4t\u201d speisten.\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Etwas verk\u00fcrzt gesagt: Gesellschaft k\u00f6nne eben nicht funktionieren, wenn jeder statt eines sachlichen Argumentes sein eigenes Beleidigtsein als Kriterium heranziehen w\u00fcrde. Und genau so sei das eben bei den Gruppen mit \u201cidentit\u00e4tspolitischen\u201d Forderungen: Statt zu argumentieren, seien diese einfach nur beleidigt.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Reden wir also \u00fcber Argumente. Und reden wir \u00fcber das Beleidigtsein. Und fangen wir bei mir damit an:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Ich bin nicht beleidigt. Die Forderungen, die ich und andere f\u00fcr die queere Community formulieren, begr\u00fcnden sich nicht daraus, dass meine Community beleidigt wird. Sie begr\u00fcnden sich daraus, dass sie diskriminiert wird.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Nat\u00fcrlich f\u00fchrt Diskriminierung auch dazu, dass auch viele &#8211; zu Recht! &#8211; beleidigt sind. Doch das Beleidigtsein ist sozusagen der Kollateralschaden und nicht die politische Kategorie, um die es hier geht. Und die politische Kategorie, also das, wof\u00fcr wir hier streiten, ist nicht irgendein wohliges Gef\u00fchl. Es geht nicht um Satisfaktion, sondern um Teilhabe. Wir wollen nicht, dass die Gesellschaft uns irgendetwas schenkt, irgendwelche Ma\u00dfnahmen einf\u00fchrt, damit wir weniger unter unserer pers\u00f6nlich gesp\u00fcrten Betroffenheit leiden m\u00fcssen. Wir wollen einfach nur gleichgestellt sein, und zwar nicht nur juristisch, sondern auch mit gleichen M\u00f6glichkeiten. Doch die sind strukturell nicht gegeben.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201eDer Weg zu gleichen Chancen auf ein gesundes Leben ist f\u00fcr LGBTQI*-Menschen steinig. Gesellschaftliche und institutionelle Diskriminierung gehen Hand in Hand mit einer deutlich h\u00f6heren psychischen und k\u00f6rperlichen Belastung\u201c, sagt Mirjam Fischer, die Co-Verantwortliche einer neuen Studie, die u.a. belegt, dass queere Menschen im Vergleich zu nicht-queeren Menschen in Deutschland fast dreimal so oft von Depressionen und Burnout betroffen sind, viel h\u00e4ufiger an vielen k\u00f6rperlichen Krankheiten wie Herz- oder R\u00fcckenproblemen zu leiden haben. Herzprobleme sind keine Beleidigung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Gesine Schwan wird nach dem queerfeindlich-entglittenen, von ihr moderierten <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=12565\">Online-Talk \u201cJour Fixe\u201d zu Actout<\/a>, vom Deutschlandfunk gefragt, ob sie in Bezug auf queere Menschen noch Nachholbedarf habe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Schwan:\u00a0<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">Nein, habe ich \u00fcberhaupt nicht. Ich habe in meiner Familie viele Schwule und ich habe wunderbare Verh\u00e4ltnisse zu ihnen und zu den Partnern. Die, die das mir vorwerfen, k\u00f6nnen das an keiner Stelle belegen, an keiner Stelle.\u00a0<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Reden wir \u00fcber Argumente: Ganz abgesehen davon, dass die Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission tats\u00e4chlich noch das alte Homophobie-Bingo \u201cAber meine besten Freunde sind doch schwul!\u201d spielen m\u00f6chte, und in dieser Veranstaltung an keiner einzigen Stelle den queerfeindlichen Positionen ihres Talkgastes <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=12535\">Sandra Kegel<\/a> widersprochen und sich mit dieser sogar gegen die queeren G\u00e4ste solidarisiert hatte: Sie selbst gab noch einen lesbophoben Witz zum Besten und sprach davon, dass sie sich nicht daf\u00fcr entschuldigen m\u00f6chte, nicht lesbisch zu sein.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Nat\u00fcrlich gelten solche Aussagen als homophob, weil sie eine T\u00e4ter-Opfer-Umkehr sind und so tun, als wollten Homosexuelle Heteros ihre \u201eLebensweise\u201c aufzwingen und diese in eine Rechtfertigungsposition bringen. Aber nat\u00fcrlich k\u00f6nnte Schwan auch argumentieren, warum ein solcher Satz, der hier und anderswo argumentiert und ihr vorgehalten wurde, nicht homophob ist.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Aber das macht sie eben nicht: Argumentieren. Sie behauptet einfach und damit muss Schluss sein.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Reden wir \u00fcber Argumente zum Thema Rassismus.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Auch diejenigen, die sich in unserer Gesellschaft gegen rassistische Praktiken und Begriffe engagieren, tun das &#8211; politisch gesehen &#8211; nicht, weil sie sich davon beleidigt f\u00fchlen. Sondern, weil das, was als Beleidigung von ihnen gesp\u00fcrt wird, viel mehr ist als das: Ausschluss und Zur\u00fcckweisung. Rassistische Praktiken und Begriffe f\u00fchren rassistische Gewohnheiten fort.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Wolfgang Thierse sagt im <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/wolfgang-thierse-spd-ueber-identitaetspolitik-ziemlich.694.de.html?dram:article_id=493111\">Deutschlandfunk<\/a> zur Rassismusdebatte:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">Aber das sch\u00f6ne Beispiel Berlin ist ja Onkel Toms H\u00fctte und Mohrenstra\u00dfe. Da hat sich ein heftiger Streit entbrannt und das muss weg, weil es Menschen gibt, die meinen, das sei rassistisch. Dabei ist die Tradition, die Geschichte dieser beiden Namen eine vollkommen andere, aber das will man gar nicht mehr wahrnehmen, weil eine differenzierte Betrachtung von Bedeutungsgeschichte ja nicht mehr erlaubt ist, sondern mein Gef\u00fchl der Betroffenheit, mein Gef\u00fchl des Ausgeschlossen seins. Das finde ich problematisch. Die Debatte ist notwendig.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Diese Debatte gibt es seit Jahren. Und sie wird gef\u00fchrt mit <a href=\"http:\/\/lernen-aus-der-geschichte.de\/Lernen-und-Lehren\/content\/12338\">beachtlichen historischen Fakten und Argumenten<\/a>, die aufzeigen, wie problematisch es aus der Bedeutungsgeschichte heraus ist, etwa am Namen der Mohrenstra\u00dfe festzuhalten. Es <\/span>ist<span style=\"font-weight: 400;\"> jedermanns und auch Thierses gutes Recht, zu all diesen Argumenten eine andere Meinung zu haben. Doch einfach zu behaupten, es g\u00e4be diese Argumente nicht, ist nicht nur intellektuell unredlich, sondern auch politisch verantwortungslos. Ein Mann, der immerhin mal als Bundestagspr\u00e4sident der zweith\u00f6chste Repr\u00e4sentant des Staates war und heute Teil der SPD-Grundwertekommission ist, redet denen nach dem Mund, die begr\u00fcndete Rassismusvorw\u00fcrfe pauschal als unbegr\u00fcndet abqualifizieren k\u00f6nnen.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Reden wir also \u00fcber Argumente.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Thierse ist in seinem eigenen Beispiel der, der glaubt, auf Argumente verzichten zu k\u00f6nnen. Er wei\u00df ja schlie\u00dflich Bescheid. Einzig er ist es, der aus seiner Identit\u00e4t heraus argumentiert: Aus der Identit\u00e4t des Bescheidwissers.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Genau so macht er es bei Thema Blackfacing, einer Praxis, die nicht nur von allen relevantem PoC-Gruppen als rassistisch betrachtet wird, auch dies mit einer kulturhistorischen Argumentation.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Im Deutschlandfunk-Interview wird er gefragt:\u00a0<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">\u2026. Das hei\u00dft, Sie meinen, Blackfacing m\u00fcsste noch weiterhin heute m\u00f6glich sein?<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Thierse: <\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">Kulturelle Aneignung \u00fcber Hautfarben und ethnische Grenzen hinweg muss m\u00f6glich sein. Das ist ein Wesenselement von Kultur, Grenz\u00fcberschreitung, Aneignung von anderem, von Fremdem, sich zu eigen machen, dabei die Unterschiede wahrzunehmen, das Eigene wahrzunehmen etc. Aber den lebendigen Prozess von Kultur in Schablonen zu gie\u00dfen, das halte ich f\u00fcr falsch. Das schadet der Kultur, schadet \u00fcbrigens auch der Pluralit\u00e4t. Es schadet auch dem friedlichen Zusammenleben.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Thierse spricht sich also nicht nur f\u00fcr eine rassistische Praxis aus, er begr\u00fcndet sie auch noch rassistisch: Erstens ist eine Hautfarbe keine Verkleidung. Der \u201cUnterschied\u201d des Schwarz-seins kann nicht dadurch \u201cangeeignet\u201d oder \u201cwahrgenommen\u201d werden, dass sich jemand eine Farbe ins Gesicht malt. Und zweitens: Wenn er von \u201cder Kultur\u201d spricht, meint er dann tats\u00e4chlich auch eine Kultur, in der Schwarze Menschen ganz selbstverst\u00e4ndlich vorkommen? Denn es gibt ja bereits eine Kultur, in der Blackfacing aus guten Gr\u00fcnden nicht praktiziert wird. Ja: Wo ist hier das Argument, au\u00dfer, dass Thierse nicht auf das verzichten will, was er kennt? Wieso schadet der Verzicht auf Blackfacing der Kultur? Was daran f\u00fchrt zum Unfrieden?\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Der Sturm der Entr\u00fcstung der beinahe gesamten Medien\u00f6ffentlichkeit hat sich \u00fcber die SPD-Parteivorsitzende Saskia Esken entladen, als sie in einer internen Mail &#8211; ohne Thierse namentlich zu nennen,<\/span> <span style=\"font-weight: 400;\">aber ihn wegen diesen und \u00e4hnlicher Aussagen offensichtlich zu meinen &#8211; von einem \u201er\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Bild der SPD\u201c sprach.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Ist das nicht das Mindeste, was die Vorsitzende einer fortschrittlichen Partei bei einer solchen Parteinahme von Blackfacing und anderem tun muss? Aber auch wenn man die \u00c4u\u00dferung Eskens unter Gesichtspunkten der politischen Opportunit\u00e4t bewerten und abwatschen m\u00f6chte: M\u00fcsste nicht zumindest der gesellschaftspolitische oder feuilletonistische Teil der ver\u00f6ffentlichen Meinung in Deutschland zumindest ansatzweise in der Lage dazu sein, Thierses \u00c4u\u00dferungen kritisch einzuordnen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Stattdessen wird Esken zur Verr\u00fcckten erkl\u00e4rt, weil sie einen so verdienstvollen Sozialdemokraten kritisiert habe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Reden wir \u00fcber Argumente: Was f\u00fcr eines ist das? Sind solche Aussagen wie die von Thierse weniger problematisch, wenn sie von jemand wie Thierse kommen? Findet die Auseinandersetzung dar\u00fcber, was Rassismus und Queerfeindlichkeit ist, nur dann statt, wenn sie von weniger beleumundeten Leuten kommen? Wie und mit welchen Argumenten soll man dann \u00fcberhaupt noch \u00fcber Rassismus und Queereindlichkeit reden?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Als der ehemalige Bundestagspr\u00e4sident von den \u00c4u\u00dferungen seiner Vorsitzenden erfuhr, schikanierte er diese mit einer Art \u00f6ffentlicher Erpressung, in dem er <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/debatte-um-queerness-thierse-stellt-in-brief-an-spd-chefin-esken-seinen-parteiaustritt-zur-debatte\/26968480.html\">mit seinem Parteiaustritt kokettierte<\/a> und sie damit unter Zugzwang zu einer starken \u00f6ffentlichen Reaktion setze. Er tat das, obwohl, und wahrscheinlich auch weil die SPD zu diesem Zeitpunkt gerade alle Aufmerksamkeit auf die Ver\u00f6ffentlichung des Wahlprogramms zu richten versuchte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Reden wir \u00fcber das Beleidigtsein: Wie schlimm muss die pers\u00f6nliche Betroffenheit geschmerzt haben, dass er diese nicht einmal einem gelungenen Wahlkampfstart seiner Partei unterordnen konnte? Daf\u00fcr spricht, dass Thierse immer weiter macht und weiter nachlegt. Im \u201cCicero\u201d <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/wolfgang-thierse-ueberwaeltigende-zustimmung-fuer-kritik-17230918.html\">br\u00fcstet er sich damit<\/a>, dass er f\u00fcr seine Kritik \u201c\u00fcberw\u00e4ltigende Zustimmung\u201c erfahren habe. Er k\u00f6nne sich vor E-Mails kaum retten, \u201czwischen 500 und 1000\u201d habe er bekommen.\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Reden wir \u00fcber Argumente: Was f\u00fcr eines ist das? Vor allem: Was f\u00fcr eines ist das in einer Debatte, in der es ja angeblich um das Austarieren von Mehrheits- und Minderheitsinteressen geht: Je mehr Mehrheit sich einig ist, desto weniger brauchen wir dar\u00fcber zu reden, ob nicht vielleicht das genau das Problem ist?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Im gleichen Interview sagte er\u00a0<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">Uns Sozialdemokraten muss es um die B\u00fcndelung von Interessen gehen und um die Formulierung von Gemeinsamkeiten.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Und warnte:\u00a0<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-weight: 400;\">\u201eDie Absolutsetzung des eigenen Betroffenseins, die Vorstellung, ich empfinde mich als Opfer, also habe ich recht, ist m\u00f6rderisch f\u00fcr eine demokratische Gespr\u00e4chskultur. Denn es gibt ja andere Betroffenheiten und da k\u00f6nnten andere sagen: Ich bin auch Opfer, ich meine das genaue Gegenteil.\u201c<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Minderheiten machen sich zum Opfer. Einfach so. Und m\u00f6rderisch ist das f\u00fcr die demokratische Gespr\u00e4chskultur. Aber die anderen, das sind die mit der \u201cCancel Culture\u201d.\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Warum wehren sich Thierse und Schwan gegen jede Evidenz? Wieso f\u00e4llt es ihnen so schwer, das, was sie als subjektive Betroffenheit abtun, als objektiv untermauerte diskriminierende Strukturen zu erkennen? W\u00e4re der \u201cJour Fixe\u201d- Talk auf Youtube auch dann so schrecklich nach hinten losgegangen, wenn auch nur eine*einer der beteiligten Sozialdemokrat*innen aufgefallen w\u00e4re, dass es den queeren Kritiker*innen von Sandra Kegel um ein ur-sozialdemokratisches Anliegen ging? Sie forderten das, was die SPD einmal gro\u00df gemacht hatte: Gleiche Teilhabe, gleiche und faire Zugangschancen zu dem von ihnen gew\u00e4hlten Beruf. Und sie argumentierten politisch, indem sie die strukturellen Barrieren benannten, die diese erschweren. Indem sich die SPD-Vertreter*innen aber mit Frau Kegel solidarisierten, solidarisierten sie sich auch mit deren Ressentiments und Abwehrreflexen, die genau diese Strukturen zementieren.<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Die SPD ist dank Schwan und Thierse gerade dabei, einen Gegensatz zu beschw\u00f6ren, den es nicht gibt: Minderheitenforderungen werden als identit\u00e4tspolitische Betroffenheit diffamiert und dann dem \u201ceigentlich\u201d wichtigen Ziel der sozialen Gerechtigkeit konkurrierend gegen\u00fcbergestellt.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Dabei sind diese Forderungen kein Widerspruch zur sozialen Frage, sondern ein wichtiger Teil von ihr. Ob Schauspieler*innen, Flie\u00dfbandarbeiter*innen oder Krankenpfleger*innen rassistisch oder queerfeindlichen Strukturen ausgesetzt sind, ist politisch gesehen keine Frage von Identit\u00e4t, sondern von Gerechtigkeit. Doch strukturelle Diskriminierung kann nur mit\u00a0 Hinweis auf Kategorien von Identit\u00e4t benannt werden, da diese ja der Gegenstand der Diskriminierung sind.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Ich bin nicht beleidigt. Aber wie wenig es in einer linken Partei bedarf, dass sich die \u00f6ffentliche Stimmung in dieser Wucht um diejenigen schart, die Solidarit\u00e4t gegen und nicht f\u00fcr Minderheiten einsammeln, das habe ich mir vor wenigen Wochen nicht vorstellen k\u00f6nnen.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400;\">Das Bem\u00fchen um Teilhabe als \u201cIdentit\u00e4tspolitik\u201d zu bek\u00e4mpfen ist eine Katastrophe f\u00fcr die betroffenen Minderheiten. Leider scheinen gro\u00dfe Teile der SPD nicht verstehen zu wollen, dass es das auch f\u00fcr ihre Partei ist.\u00a0<\/span><\/p>\n<p>In ihrem eigenen Interesse, aber auch dem der Minderheiten, sollte die SPD diesen Crash als Chance begreifen. Schadensbegrenzung darf jetzt nicht weiter <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=12561\">an den wahren Ursachen vorbei doktern<\/a>: Homophobie und Queerfeindlichkeit gibt es \u00fcberall, wir sind alle auch Teil des Problems und nat\u00fcrlich auch die SPD. Es wird immer Menschen geben, die denken, sie sind dagegen immun, und leider &#8211; siehe Thierse und Schwan &#8211; sind es oft diejenigen, die glauben, eine aufrechte Gesinnung machten dagegen immun.<\/p>\n<p>Homophobie und Rassismus \u00fcberwindet man nicht durch eine Gesinnung und Parteitagsbeschl\u00fcsse, sondern durch harte Arbeit. Nicht durch gegenseitige Vorw\u00fcrfe, sondern gegenseitiges Lernen. Wenn die SPD sich aufrichtig an diese Arbeit traut, w\u00e4re das ein Gewinn nicht nur f\u00fcr sie und die Minderheiten. Sondern ein wirklicher Beitrag f\u00fcr den Zusammenhalt der Gesellschaft.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&#8212;<\/p>\n<\/div>\n<p><strong><em>Folgt mir auf <a href=\"https:\/\/twitter.com\/nollendorfblog\">Twitter<\/a>, Instagram\u00a0<\/em><\/strong><strong><em>(<a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/insta_johanneskram\/\">@insta_johanneskram<\/a>) und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Nollendorfblog-459879804081681\">Facebook<\/a>!<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>Hintergrund:<\/em><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=12675\">Queer.de-Chef zur anti-queeren Eskalation in der SPD: \u201eEs geht ums Eingemachte\u201c<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Meine <strong><a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=12535\">Gegenrede zum queerfeindlichen FAZ-Artikel von Sandra Kegel zu &#8222;Act Out&#8220;<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=12565\">SPD-Talk zu Act Out: L\u00fcgt Sandra Kegel? ZDF widerspricht FAZ-Frau<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Dossier: Alle Beitr\u00e4ge zum Thema<strong><a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?cat=198\"> &#8222;Act Out&#8220;<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Dossier: Alle Beitr\u00e4ge zur <strong><a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?tag=spd\">SPD<\/a><\/strong><\/p>\n<div class=\"entry-content\">\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\"><strong><em>Als unabh\u00e4ngiges und werbefreies Blog brauchen wir Deine Hilfe. Hier kannst Du uns auf <a style=\"color: #ff0000;\" href=\"https:\/\/www.paypal.com\/donate\/?token=Sx7UO35_SDcAJtU34UUHgtD5jyv1zex9ZEMhfnkmUSKCOtBwgAd3VhsSD8v7GsW2W2ygw0&amp;country.x=DE&amp;locale.x=de_DE\">Paypa<\/a>l\u00a0unterst\u00fctzen. 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Leider scheinen gro\u00dfe Teile der SPD nicht verstehen zu wollen, dass es das auch f\u00fcr ihre Partei ist.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":12699,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[196,198,112],"tags":[34,200,89,201],"class_list":["post-12698","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-196","category-actout","category-rassismus","tag-faz","tag-sandra-kegel","tag-spd","tag-wolfgang-thierse"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12698","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12698"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12698\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12716,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12698\/revisions\/12716"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/12699"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12698"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12698"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12698"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}