{"id":2338,"date":"2013-09-04T18:45:24","date_gmt":"2013-09-04T16:45:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=2338"},"modified":"2019-03-02T11:39:00","modified_gmt":"2019-03-02T09:39:00","slug":"die-demo-der-tag-danach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=2338","title":{"rendered":"Russland-Demo: Die Kraft des Regenbogens und die wahre Gr\u00f6\u00dfe von Renate K\u00fcnast"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich wollte ich das schon am Sonntag Abend bloggen, direkt nach der <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=2244\">Demo gegen die russische Homo-Poltik<\/a>.\u00a0Doch irgendwie blieb ich h\u00e4ngen: Auf dem Sofa und im Internet. Ich schaffte es einfach nicht, Facebook zu schliessen. \u00a0Ich wusste nicht, warum ich nicht loslassen konnte, es war einfach zu faszinierend, was dort am Abend nach der Demo passierte.<\/p>\n<p>Marketing-Agenturen verwenden Social Media Monotoring Tools, um zu erfassen, wie und von welchen Zielgruppen sich \u00fcber eine Marke oder ein Ereignis (etwa bei Facebbook) ausgetauscht wird. Sie k\u00f6nnen daraus nicht nur quantitative Aussagen ableiten, also nicht nur wie oft ein Thema von wie vielen Nutzern gepostet und diskutiert wird, sondern auch qualitative: Wie wird das Thema bewertet, was sind die vorherrschenden Meinungen, welche Relevanz, welchen emotionalen Bezug hat es.<\/p>\n<p>Es w\u00fcrde mich sehr interessieren, was ein solches Monitoring \u00fcber die Russland-Demo und ihre Teilnehmer aussagen w\u00fcrde. Ob es sich mit dem deckt, wie ich die Resonanz auf Facebook in den letzten Tagen wahrgenommen hatte.<\/p>\n<p>\u00dcberraschend war dabei f\u00fcr mich nicht die grosse Anzahl der Beitr\u00e4ge und Fotos. Auch nach den CSDs gibt es diese Mitteilungswelle. Aber diese k\u00f6nnte unterschiedlicher sein zu der Reaktion auf die Russland-Demonstration am Sonntag.<\/p>\n<p>Schon den Fotos sieht man an, dass die Botschaft nach der Demo eine ganz andere war: Kein Kost\u00fcmwettbewerb, kein Schaulaufen einzelner Gruppen, weniger &#8222;Schaut, hier bin ich&#8220; und daf\u00fcr ganz viel &#8222;Hier sind wir!&#8220;. Und: &#8222;Wir sind Viele!&#8220;<\/p>\n<p>\u00c4hnlich dazu die Postings und Kommentare, die nach meinem Eindruck vor allem eine Richtung hatten: Erstaunen, Stolz, G\u00e4nsehaut, ein riesengrosses Wir-Gef\u00fchl, Freude dar\u00fcber, dass es gelungen ist, ein gemeinsames Zeichen zu setzten. Dass die Solidarit\u00e4t mit Lesben und Schwulen in Russland keine blo\u00dfe Formel, sondern ehrliches Anliegen war. Und immer wieder: So etwas hat es noch nicht gegeben! Die Szene kann mehr!<\/p>\n<p>Vieles von dem, was ich gelesen habe, deutet auch einen Aha-Effekt:\u00a0W\u00e4hrend der CSD zu einer Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner geworden ist, hat diese Demo gezeigt, dass es m\u00f6glich ist, die gesamte Bandbreite des Regenbogens durch gemeinsame Inhalte und Ausdrucksformen aufleben zu lassen.\u00a0Nat\u00fcrlich hatte das vor allem mit der Eindeutigkeit, Fassungslosigkeit und Einigkeit zu tun, mit der die russische Homo-Politik verurteilt wird.<\/p>\n<p>Trotzdem w\u00e4re es auch bei diesem Thema gut m\u00f6glich gewesen, dass der Protest wie so oft von einer Nabelschau der Szene \u00fcberlagert wird, bei nicht alle das gemeinsame Anliegen promoten sondern jeder nur sich selbst.<\/p>\n<p>Dass es dazu nicht gekommen ist, dass es vielmehr zu einer von vielen nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehaltenen gemeinsamen Fokussierung und Integration der gesamten Szene gekommen ist, liegt vor allem an der Vorbereitung der Veranstalter.<\/p>\n<p>Sie schafften es, fast alle Glaubenss\u00e4tze zu widerlegen, die bisher \u00fcber die Protestformen der LGBT-Szene im Umlauf waren: Dass es schwierig ist, Junge und \u00c4ltere zusammen zu bekommen, dass es keine kulturelle Codes und Symbole gibt, auf die sich alle verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen.\u00a0So war &#8222;Enough is Enough&#8220; auch ein gelungenes Experiment, das zeigt, was alles m\u00f6glich ist. Wenn man es denn richtig macht.<\/p>\n<p>Alleine, dass sie auf den Ehrgeiz zu verzichten hatten, ein eigenes Logo, eigene neue Identifikationssymbole zu schaffen hat wirklich etwas Grosses: Wer h\u00e4tte gedacht, dass ausgerechnet die &#8222;Vertreter&#8220; einer &#8222;Party-Generation&#8220;, also Leute dir \u00fcber Sachen wie Partykonzepte, Branding und Corporate Design nachdenken, ganz auf die Kraft der guten alte Regenbogenflagge vertrauen?\u00a0Wer, dass es m\u00f6glich ist, eine Demo mit Musik zu best\u00fccken, die alle verbindet, weil jeder merkt, dass jeder einzelne Song wohl \u00fcberlegt und richtig platziert ist, egal aus welcher Epoche oder Szene er stammt.<\/p>\n<p>Vor allem haben die Organisatoren, die sich selbst als eher unpolitisch bezeichnen, eine Demo hin bekommen, die h\u00e4tte kaum politischer sein k\u00f6nnen. Eine gewisse Unbefangenheit (etwas b\u00f6ser kann man auch sagen: eine gewisse Naivit\u00e4t) war daf\u00fcr kein Hindernis. Im Gegenteil: So wie wohl auch die meisten Demonstranten denken sie wenig in parteipolitischen Kategorien, machen sich wenig Gedanken um das politische Protokoll, sind frei von Verbandsdenken, frei von Loyalit\u00e4ten, unbeidruckt von politischer Prominenz.<\/p>\n<p>Man kann darin einen Schwachpunkt sehen, und im Vorfeld konnte es einem ja auch manchmal etwas schwindelig werden, etwa, als sie die Absage-Mail Wowereits in Netz stellten oder eine Online Petition <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=2226\">gegen Westerwelle <\/a>starteten (dieser solle sich endlich \u00e4u\u00dfern, was dieser l\u00e4ngst getan hatte) und damit Emotionen anheizten, die drohten, das gemeinsame Ziel aus den Augen zu verlieren.<\/p>\n<p>Man kann darin aber auch eine Entwicklung sehen, die l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig war: Dass sich eine junge Generation traut, die Initiative zu \u00fcbernehmen mit ihren eigenen M\u00f6glichkeiten, Methoden. Dass sie auch die Erfahrung macht, wie es ist, sich zu verrennen, Fehler zu machen und dar\u00fcber nachzudenken, wie sie mit ihnen umgeht. Kurz: was es bedeutet, Verantwortung zu haben.\u00a0Ob jemand mit mit Verantwortung umgehen kann, zeigt sich erst im Praxistest. Diesen Test haben die Veranstalter und im \u00fcbertragenen Sinn auch das von ihr repr\u00e4sentierte Umfeld, auf dem heraus sich die Demo entwickelte, bestanden.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 13px;\">Doch der Erfolg von &#8222;Enough is Enough&#8220; ist nicht nur das Ergebnis vieler kleiner richtiger Entscheidungen und Ma\u00dfnahmen der Veranstalter, sondern deren Entschlossenheit, diese auch umzusetzen.\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Auch ein paar Tage danach ist es immer noch schwer zu glauben, dass es wirklich m\u00f6glich war, den Logo &amp; Promo-Kanibalismus kommerzieller Firmen, Einzelgruppen und politischer Organisationen, der sonst Veranstaltungen der LGBT-Szene \u00fcberwuchert, zu \u00fcberwinden. Dass bis auf wenige Ausnahmen fast alle bereit waren, der Bitte der Veranstalter nachzukommen und statt eigener Transparente und Visuals die Regenbogenflagge als das gemeinsame Zeichen der Solidarit\u00e4t in den Vordergrund zu stellen.<\/p>\n<p>Dass es sich dabei nicht nur um \u00c4u\u00dferlichkeiten handelt, sondern um einen f\u00fcr die gesamte Szene wichtigen Kulturbruch, zeigt das Verhalten von Renate K\u00fcnast und anderen GR\u00dcNE-Politikern, die mit einem eigenen gr\u00fcnen Transparent samt (kleinem) Parteilogo erschienen waren.<\/p>\n<p>Die Veranstalter machten mehrere Anl\u00e4ufe, um sie davon zu \u00fcberzeugen, wie alle anderen Politiker auf das Partei-Transparent zu verzichten. K\u00fcnast konnte \u00fcberhaupt nicht verstehen worum es \u00fcberhaupt ging: Es k\u00f6nne doch nicht sein, dass man die Parteien erst um Unterst\u00fctzung bitten w\u00fcrde, und dann nicht dabei haben wollte. Das klang so ein bisschen wie ein CDU-Politiker, der sich wundert, dass er bei einer Tagung des Bundes der<a href=\"http:\/\/www.bund-der-vertriebenen.de\/\"> Vertriebenen<\/a> nicht mit Parteiflagge auf dem Podium sitzen darf.<\/p>\n<p>Ich hatte das Gef\u00fchl, dass Renate K\u00fcnast das Bed\u00fcrfnis hatte, sich bei irgendjemand beschweren zu wollen. Und das es normalerweise \u00fcblich ist, dass sie das kann. Dass es in einer solchen Situation jemanden gibt, man kennt sich eben, irgendein Vorstandsmitglied von irgendwas, der dann vermittelt, irgendeine L\u00f6sung findet.<\/p>\n<p>Doch diesen irgendjemand gab es nicht. K\u00fcnast musste ganz alleine entscheiden, ob sie Teil der Protestkultur dieser Demonstration sein wollte. Oder ob sie gegen diese demonstrieren wollte. Sie hat sich f\u00fcr Letztes entschieden.<\/p>\n<p>Dabei w\u00e4re es so einfach gewesen. Sie h\u00e4tte eine der Heldinnen der Demo sein k\u00f6nnen und dazu noch in allen Zeitungen. Wenn sie bereit gewesen w\u00e4re das zu sein, was fast alle an diesem Tag waren: Ein Teil des Regenbogens.<\/p>\n<p>PS:<\/p>\n<p>Frau K\u00fcnast hat dann doch noch eine L\u00f6sung gefunden, mit der sie zumindest sich selber \u00fcberzeugen konnte: Auf das grosse gr\u00fcne Banner wollte sie nicht verzichten, dachte aber, Gr\u00f6\u00dfe zu beweisen, in dem sie den Teil der Folie nach hinten knicken liess, auf dem das Parteilogo abgebildet war.<\/p>\n<p>Lange habe ich mich nicht mehr so f\u00fcr jemanden gesch\u00e4mt. Wer sich mit sch\u00e4men m\u00f6chte:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-large wp-image-2427\" src=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/2013-08-31-13.11.27-768x1024.jpg\" alt=\"2013-08-31 13.11.27\" width=\"620\" height=\"826\" srcset=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/2013-08-31-13.11.27-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/2013-08-31-13.11.27-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 13px;\">\u00a0PPS:<\/span><\/p>\n<p>Auch Anh\u00e4nger der FDP demonstrierten lieber unter eigener Flagge.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich wollte ich das schon am Sonntag Abend bloggen, direkt nach der Demo gegen die russische Homo-Poltik.\u00a0Doch irgendwie blieb ich h\u00e4ngen: Auf dem Sofa und im Internet. 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