{"id":2982,"date":"2013-11-18T23:46:20","date_gmt":"2013-11-18T21:46:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=2982"},"modified":"2019-03-02T12:43:28","modified_gmt":"2019-03-02T10:43:28","slug":"queer-de-als-trittbrettfahrer-der-bild-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=2982","title":{"rendered":"Queer.de als Trittbrettfahrer der BILD-Zeitung:    Unsere Medien sind nur so gut, wie wir sie sein lassen!"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Wie war das mit dem Sex, Herr Landrat&#8220; titelte &#8222;Bild am Sonntag&#8220; gestern\u00a0\u00a0\u00fcber einen Artikel, der eine ehemalige Affaire eines schwulen Landrates zum Thema hat. Das Blatt zitiert dabei h\u00f6chst private Details, was presserechtlich nur erlaubt ist, sollte ein \u00fcbergeordnetes \u00f6ffentliches Interesse in diesem &#8222;Fall&#8220; vorliegen. Der Beitrag versucht durch eine Reihe von Skandalisierungen, ein solches \u00f6ffentliches Interesse zu konstruieren. Es ist aber offensichtlich, dass die eigentliche Erregung dieser Geschichte sich nur aus der Tatsache ergibt, dass es sich dabei um Sex zwischen M\u00e4nnern handelt.<\/p>\n<p>Der wahre Skandal liegt also nicht im Verhalten des Landrats, sondern in dem der Springer-Zeitung.<\/p>\n<p>Viele Medien tun seit gestern so, als w\u00fcrden sie \u00fcber die Angelegenheit berichten. Doch in Wahrheit erz\u00e4hlen sie nur die Geschichte aus der Sicht der &#8222;BamS&#8220; weiter, machen also nicht nur das Opfer weiter zum T\u00e4ter sondern legitimieren somit auch die entw\u00fcrdigende &#8222;Berichterstattung&#8220; des Blatts. Sie tun so, als h\u00e4tte der Artikel etwas journalistisches, als ginge es um Aufkl\u00e4rung und nicht um das genaue Gegenteil.<\/p>\n<p>Der Vorfall ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr, wie wenig das Bekenntnis vieler Medien und Verlage wert ist, nicht Homosexuellen-feindlich zu sein, wenn es um die M\u00f6glichkeit geht, mit Homosexuellenfeindlichkeit Aufmerksamkeit zu erzeugen.<\/p>\n<p>Jede Redaktion, die so tut, als m\u00fcsse sie diese privaten Details schildern, um angemessen \u00fcber die Geschichte zu berichten, macht sich was vor. Sie macht sich zum Trittbrettfahrer der Schmutzpresse, sie st\u00e4rkt die Schmutzpresse und sie macht es noch schwieriger, das Schmutzwerfen der Schmutzpresse zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Da hilft es auch nicht, wenn man beim Trittbrettfahren eine gekr\u00fcmmte Haltung einnimmt, in der Hoffnung, dabei einigerma\u00dfen sauber bleiben zu k\u00f6nnen. Nein, das geht nicht, und das muss man leider auch den Kollegen von queer.de sagen.<\/p>\n<p>Die hatten in ihrer Version der Story zwar den &#8222;BamS&#8220;-Text als &#8222;Kampagne unter der G\u00fcrtellinie&#8220; kritisiert, dann aber im eigenen Artikel nur auf wenige private Details der &#8222;Enth\u00fcllungen&#8220; verzichten wollen und auch nicht davor zur\u00fcck geschreckt, das alles unter eine Sex &amp; Drugs Headline zu ver\u00f6ffentlichen. \u00a0Damit haben sie es wohl geschafft, dass auch die Menschen aus dem privaten Umfeld des Landrates nun Mitwisser einiger seiner Privatgeschichten sind, denen es sonst gelingt, gegen den Schmutz der BILD-Familie immun zu sein.<\/p>\n<p>In einem &#8222;Update&#8220; von heute pflegt queer.de \u00a0weiter die von der &#8222;BamS&#8220; eingef\u00fchrten Schuld-Kategorien in dem sie es mit den Worten \u00a0&#8222;&#8230; entschuldigt sich bei B\u00fcrgern und Lebenspartner&#8220; anteasern, obwohl die entsprechende Erkl\u00e4rung vor allem dadurch beeindruckt, wof\u00fcr der Politiker sich aus gutem Grund nicht entschuldigen m\u00f6chte.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 13px;\">Vielleicht redet sich die queer.de &#8211; Redaktion ihre Berichterstattung ja mit dem Argument sch\u00f6n, dass, das, was in der BILD-Zeitung steht, sowieso schon alle wissen, und es deshalb egal ist, wenn man es nacherz\u00e4hlt. Doch so ist das nicht. Die Macht der BILD-Zeitung beruht zum Gro\u00dfteil darauf, dass alle meinen, dass sie m\u00e4chtig ist. Das Weitertragen von Schmutz erzeugt Schmutz, den es sonst nicht gegeben h\u00e4tte. Ein Skandal ist nur ein Skandal, wenn auch andere Medien behaupten, es sei einer.<\/span><\/p>\n<p>Die &#8222;Zweitverwerter&#8220; einer Geschichte entscheiden, was daraus wird. Aber meist nutzen sie ihre M\u00f6glichkeiten nicht, aus Angst vom fahrenden Zug zu fallen.<\/p>\n<p>Auch queer.de ist oft in der Position des Zweitverwerters, jedoch unter ganz anderen Vorzeichen. Queer.de ist in der Zielgruppe ohne ernsthafte Konkurrenz; was\u00a0lesbische und schwule Storys geht, geniessen die K\u00f6lner eine Schl\u00fcsselposition.\u00a0Sie sind\u00a0<em>das<\/em>\u00a0lesbisch-schwule &#8222;Leitmedium&#8220; und als solches auch \u00a0eine Art Grundversorger der sozialen Netzwerke mit &#8222;queeren Themen&#8220;.<\/p>\n<p>Die Redaktion ist in der Lage das zu tun, was nur wenige Redaktionen k\u00f6nnen: Themen setzen und die Richtung einer Debatte bestimmen. Ohne queer.de w\u00e4re wohl die Barilla-Geschichte nicht so ein gro\u00dfes Ding geworden, ohne queer.de w\u00e4re dieses, wie auch viele andere Themen, nicht in die Mainstream-Medien \u00fcbergesprungen. Und es ist ein Gl\u00fcck, dass die Seite von Leuten gemacht wird, die sich vielleicht nicht ihrer Macht bewusst sind, aber ihrer Verantwortung durchaus und offenbar einen guten Weg gefunden haben, mit ihr umzugehen.<\/p>\n<p>Sie haben es bisher geschafft, ihre Unabh\u00e4ngigkeit weitgehend zu verteidigen. Mit einem kleinen Team gelingt ihnen meist aktueller, kritischer und fundierter Journalismus. Sie \u00a0beleuchten nicht nur die Themen, die gro\u00dfe Klickraten versprechen.<\/p>\n<p>Doch auch die Unabh\u00e4ngigkeit von queer.de st\u00f6\u00dft an ihre Grenzen. Die Geschichte mit dem Landrat zeigt, wo diese Grenzen liegen: In den Erwartungen der mehrheitlich schwulen Leser.<\/p>\n<p>Bevor es wieder Pr\u00fcgel gibt: Nein, es gibt nicht &#8222;den&#8220; schwulen Leser. Aber es gibt wohl einige Konsumgewohnheiten, die man wohl vielen schwulen Lesern unterstellen darf. \u00a0Denn schliesslich bem\u00fchen sich &#8222;unsere&#8220; Medien nicht ohne Grund und Aufwand, diesen gerecht zu werden.<\/p>\n<p>So k\u00f6nnte die Kritik am Verhalten von queer.de f\u00fcr uns als &#8222;mutma\u00dflicher&#8220; Leser solcher Geschichten Anlass daf\u00fcr sein, \u00fcber unserer eigenen Gewohnheiten nachzudenken. Und vielleicht sogar versuchen, uns von der ein oder anderen zu trennen.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass das so einfach nicht gehen wird. Aber wenn uns bewusst ist, dass &#8222;unsere&#8220; Medien nur so gut sein k\u00f6nnen, wie wir es ihnen erlauben, m\u00fcsste uns das doch leichter fallen. Schlie\u00dflich geht es darum, ob wir uns darin gefallen, uns selbst mit dem Schmutz zu bewerfen, die die, die uns hassen, \u00a0uns daf\u00fcr bereit stellen.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 13px;\">Denn eine der Gewohnheiten, die wir uns langsam abgew\u00f6hnen sollten, ist eine, die uns oft im Weg steht, weil sie das Schlechteste in uns hervorzubringen vermag. Es ist die Gewohnheit,\u00a0<\/span>ohne die das Gesch\u00e4ftsmodell der BILD-Zeitung nicht m\u00f6glich w\u00e4re: Sich am Leid des Anderen erg\u00f6tzen, um uns gross zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Es ist ein armseliges Verhalten und wir wissen das. \u00a0Aber wir tun oft so, als k\u00f6nnen wir nicht anders. Doch das stimmt nicht. Wir k\u00f6nnen das anders, und wenn wir es nicht k\u00f6nnen, dann m\u00fcssen wir es eben lernen. Der Grund ist ganz einfach:<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 13px;\">Der Landrat hat das nicht verdient. Keiner von uns hat das verdient.\u00a0<\/span><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>PS: Ich habe in diesem Beitrag ausnahmsweise bewusst auf das Setzen von Links verzichtet. Wer gerne einen tieferen Einblick in dieser Sache erhalten m\u00f6chte, dem empfehle ich die Lekt\u00fcre, des &#8222;Waldschl\u00f6sschen-Appells&#8220;.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wie war das mit dem Sex, Herr Landrat&#8220; titelte &#8222;Bild am Sonntag&#8220; gestern\u00a0\u00a0\u00fcber einen Artikel, der eine ehemalige Affaire eines schwulen Landrates zum Thema hat. Das Blatt zitiert dabei h\u00f6chst private Details, was presserechtlich nur erlaubt ist, sollte ein \u00fcbergeordnetes \u00f6ffentliches Interesse in diesem &#8222;Fall&#8220; vorliegen. 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