{"id":3149,"date":"2014-02-11T19:41:47","date_gmt":"2014-02-11T17:41:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=3149"},"modified":"2020-12-06T17:14:01","modified_gmt":"2020-12-06T15:14:01","slug":"waldschloesschen-appell-sandra-maischberger-macht-homosexualitaet-zur-gesinnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=3149","title":{"rendered":"Maischberger erkl\u00e4rt Homosexualit\u00e4t zur &#8222;Gesinnung&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Ein knappes Jahr hat es gedauert, bis der <a href=\"http:\/\/www.queer.de\/detail.php?article_id=19402\">&#8222;Waldschl\u00f6sschen-Appell&#8220;<\/a> gegen Homosexuellenfeindlichkeit in den <a href=\"http:\/\/meedia.de\/2014\/02\/11\/schwulen-debatte-maischberger-kontert-queer-kritik\/\">Medien<\/a> auch <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/weltspiegel\/queer-sandra-maischberger-und-der-waldschloesschen-appell-im-wortlaut\/9464484.html\">au\u00dferhalb<\/a> der lesbisch-schwulen Medien diskutiert wird. Der Aufruf selbst ist aus einem D\u00e4mmerschaf erwacht. Innerhalb von wenigen Stunden haben sich heute mehrere hundert Unterst\u00fctzer neu eingetragen. Es sieht so aus, dass die entsprechende Website (<a href=\"http:\/\/www.der-appell.de\/\">hier kann man unterschreiben)<\/a> heute noch die Marke von 2000 Facebook- Shares \u00fcberspringen kann.<\/p>\n<p>Zu verdanken ist dies Sandra Maischberger, die im Vorfeld ihrer heutigen Sendung die homo-feindlichen Ressentiments zweier ihrer Studiog\u00e4ste zur &#8222;Meinung&#8220; erkl\u00e4rt hat und Michael Schulze von queer.de, der das nicht akzeptieren wollte und sich dabei auf die <a href=\"http:\/\/www.queer.de\/detail.php?article_id=20996\">Argumentation des Appells berief.<\/a><\/p>\n<p>Wie richtig die aus dem Appell abgeleiteten Vorw\u00fcrfe gegen Sandra Maischberger sind, best\u00e4tigte die Moderatorin gestern \u00a0selbst:<\/p>\n<blockquote><p>Man k\u00f6nne die Debatte nicht unter lauter Gleichgesinnten f\u00fchren, teilte Maischberger der Nachrichtenagentur dpa mit. Es k\u00e4me sofort der Vorwurf der Einseitigkeit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Damit macht Maischberger genau das, wovor der Waldschl\u00f6sschen Appell warnt: Sie erkl\u00e4rt Homosexualit\u00e4t zur Gesinnungssache und inszeniert damit Krawall auf dem R\u00fccken von Lesben und Schwulen. Denn, was der Appell verhindern m\u00f6chte ist bei ihr vorprogrammiertes Kalk\u00fcl. Im Appell hei\u00dft es:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wir fordern Journalistinnen und Journalisten dazu auf, (&#8230;)\u00a0Homosexuelle in Beitr\u00e4gen und Diskussionen nicht l\u00e4nger in die Situation zu bringen, sich f\u00fcr ihre sexuelle Orientierung rechtfertigen zu m\u00fcssen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Die \u00c4u\u00dferungen von Sanda Maischberger gegen\u00fcber dpa zeigen, dass sie es offensichtlich genau auf ein solches Szenario abgesehen hat.\u00a0Wie gut das funktioniert, zeigt sie bereits jetzt auf ihrer Facebook-Seite, auf der sich Lesben und Schwule gegen den Vorwurf der &#8222;Intoleranz&#8220; wehren m\u00fcssen, weil sie darauf bestehen, nicht als unnormal und gesellschaftssch\u00e4digend tituliert zu werden.<\/p>\n<p>Unredlich von Maischberger ist vor allem, dass sie sich in ihrer Erkl\u00e4rung d\u00fcmmer macht, als sie (hoffentlich) ist:<\/p>\n<blockquote><p>\u00abWir bieten bei &#8222;Menschen bei Maischberger&#8220; niemandem ein Podium oder Forum, sondern bitten Menschen mit ganz unterschiedlichen Meinungen in unsere Runde, damit sie ihre Argumente miteinander austauschen\u00bb.<\/p><\/blockquote>\n<p>Denn nat\u00fcrlich kann man dar\u00fcber diskutieren, ob und wie sexuelle Vielfalt im Unterricht verankert wird. Aber man kann nicht dar\u00fcber diskutieren, ob es diese sexuelle Vielfalt gibt. Dieser kleine aber entscheidende Unterschied ist der Gifttropfen zum Gebr\u00e4u des Populismus.<\/p>\n<p>Sie setzt im Setting ihrer Sendung die Gleichwertigkeit von Homosexualit\u00e4t bewusst nicht als gegeben voraus, sondern als etwas, das sich erst noch beweisen m\u00fcsse:<\/p>\n<blockquote><p>\u00ab &#8230;. das zeigen nicht nur die vielf\u00e4ltigen und verst\u00e4ndlicherweise auch emotionalen Reaktionen beider Seiten.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>Darum geht es also: Zwei Seiten. Duell. Der Aggressor steht auf dem gleichen Fundament wie der Angegriffene. Der St\u00e4rkere m\u00f6ge gewinnen.<\/p>\n<p>Genau diesen Ansatz kritisiert der Waldschl\u00f6sschen-Appell und fordert daher, dass Homo-Hasser unter diesen Bedingungen nicht in Talk-Shows eingeladen werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Doch auch der Appell selber steht in der Kritik derer, die Maischberger f\u00fcr die Pr\u00e4misse ihrer Sendung kritisieren.<\/p>\n<p>Stefan Niggemeier schreibt<a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/maischberger-sorgt-sich-um-traditionelle-werte-und-umerziehung-der-kinder\/\"> in seinem Blog<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Ich w\u00fcrde gar nicht so weit gehen wie der \u00bbWaldschl\u00f6sschen-Appell. (&#8230;) Ich glaube, dass es nicht hilft, wenn man Leute wie Hartmut Steeb, der froh ist, dass keines seiner zehn Kinder homosexuell ist, oder Birgit Kelle aus dem Diskurs verdammt. Man muss sich mit ihnen und ihrer Forderung auseinandersetzen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Dabei hat Stefan Niggemeier nat\u00fcrlich Recht damit, dass man sich mit Homo-Hassern in den Medien auseinandersetzen muss und sie dort auch mit ihren Thesen auftreten lassen muss. Jedoch sind die Bedingungen entscheidend, unter denen das passiert. Der Waldschl\u00f6sschen-Appell fordert eine journalistische Einordnung dessen, was Meinung ist und was eben nicht. Wie eine Redaktion dies l\u00f6st, kann und will der Appell nicht vorgeben.<\/p>\n<p>Anne Wills letzte Talkshow zu einem &#8222;Homo-Thema&#8220; entstand unmittelbar nach der Ver\u00f6ffentlichung des Appells. Auch sie hatte Homo-Hasser eingeladen. Aber sie hatte sich f\u00fcr einen Aufbau der Sendung entschieden, der genau<a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=1723\"> die Differenzierung erm\u00f6glichte<\/a>, die Maischberger gerade zu verhindern versucht.<\/p>\n<p>Ob der Waldschl\u00f6sschen-Appell damals mit dazu beitrug, dass Anne Will sich f\u00fcr eine solche Struktur der Sendung entschieden hatte, wird sie vielleicht irgendwann einmal selbst erz\u00e4hlen. Geschadet hat es sicherlich nicht.<\/p>\n<p>Und damit kommen wir dazu, was der Waldschl\u00f6sschen Appell eigentlich ist und was er sein kann. Auch innerhalb der Szene bezeichnen ihn einige als den Versuch, &#8222;Denk-Verbote&#8220; auszusprechen, oder werfen ihm vor, in die journalistische Freiheit der Medien einzugreifen.<\/p>\n<p>Dabei geht es genau um das Gegenteil. Wir brauchen eine Debatte. Dringend. Wir brauchen eine Auseinandersetzung vor allem mit denjenigen, die sich schwer mit einer Gleichstellung Homosexueller tun, denjenigen, die aus Angst, Unsicherheit, religi\u00f6sen Gef\u00fchlen oder was wei\u00df ich ihre Probleme mit uns haben. Es w\u00e4re gef\u00e4hrlich, dumm aber einfach auch nur ungerecht, wenn diese Menschen das Gef\u00fchl h\u00e4tten, dass sie nicht mehr sagen d\u00fcrften, was sie f\u00fchlen und denken.<\/p>\n<p>Nur wenn wir genau dar\u00fcber reden k\u00f6nnen, kommen wir weiter. Es gibt Homophobie in Deutschland. Wir k\u00f6nnen sie nicht verbieten. Wir m\u00fcssen sie \u00fcberwinden, zumindest jedenfalls, so gut wie es geht.<\/p>\n<p>Ich bin froh f\u00fcr jeden Hetero, der mir offen sagen kann, dass er sich komisch f\u00fchlt, wenn er auf der Stra\u00dfe zwei k\u00fcssende M\u00e4nner sieht. Ich kann das verstehen. Ich glaube, jeder kann das verstehen. Und ich glaube auch, dass jeder genau so verstehen kann, was es f\u00fcr zwei M\u00e4nner bedeuten kann, sich nicht nur zu Hause zu k\u00fcssen, sondern sich auch dann dabei wohl zu f\u00fchlen, wenn es &#8222;drau\u00dfen&#8220; geschieht.<\/p>\n<p>Wir alle m\u00fcssen lernen, und ich glaube die \u00fcberwiegende Mehrheit der Gesellschaft ist bereit dazu. Im Kleinen findet diese Debatte bereits statt, in den Familien, in den Firmen und auch in den Schulen. \u00a0Und genau deshalb k\u00f6nnen wir von &#8222;den&#8220; Medien erwarten, dass sie sich diesem &#8222;Diskurs&#8220; \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Doch so lange Leute wie Maischberger versuchen, diesen gesamtgesellschaftlichen Prozess durch Show-K\u00e4mpfe zu torpedieren, m\u00fcssen wir widersprechen. Leute wie Maischberger beleidigen mit ihrer Duell-Inszenierung nicht nur Lesben und Schwule. Sie beleidigen auch die allermeisten Menschen, die aus welchen Gr\u00fcnden auch immer noch Vorbehalte gegen Homosexuelle haben. Von solchen Freaks wie Hartmut Steeb und Birgit Kelle vertreten zu werden, haben sie nicht verdient.<\/p>\n<p>Und noch was:<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist der &#8222;Waldschl\u00f6sschen-Appell&#8220; keine Gesetzesinitiative, sondern eine Messlatte, die dazu beitragen soll, dass Homosexualit\u00e4t in den Medien angemessener stattfindet.<\/p>\n<p>Wir wollen niemandem etwas verbieten.<\/p>\n<p>Aber wir sollten schon das fordern, was in unserem Interesse ist.<\/p>\n<p>Manchmal habe ich das Gef\u00fchl, dass einige von uns Angst davor haben, dass das, was wir fordern, auch eintreten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte jedenfalls nichts dagegen, wenn Maischberger in ihrer Sendung heute zur\u00fcck rudern sollte. Mit dem\u00a0Vorwurf der \u00a0&#8222;Homo-Lobby&#8220; kann ich jedenfalls gut leben. Sollen sie doch ruhig glauben, dass es sie gibt.<\/p>\n<p>&#8212;-<\/p>\n<p><em>Offenlegung:<\/em><\/p>\n<p><em>Dieses Blog befindet sich generell noch in Sendepause. Dieser Beitrag sei als kleiner Zwischenruf des <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!132525\/\">noch anhaltenden Aktivistendaseins<\/a> zu verstehen.<\/em><\/p>\n<p><em>Das Nollendorfblog hat den &#8222;Waldschl\u00f6sschen-Appell&#8220; zusammen mit dem Bund Lesbischer und Schwuler JournalsitInnen <a href=\"http:\/\/www.blsj.de\/\">(BDLSJ)<\/a> im Juni 2013 ver\u00f6ffentlicht. Vorausgegangen war eine Debatte und der Beschluss einer gemeinsamen Initiative vieler unterschiedlicher &#8222;queerer&#8220; Medienleute beim einer Tagung (\u201cWie schwule und lesbische Themen in die Medien kommen. Seminar f\u00fcr lesbische Journalistinnen, schwule Journalisten, Medienleute und BloggerInnen\u201d ), die im M\u00e4rz 2013 in der Bildungsakademie Waldschl\u00f6sschen stattgefunden hatte.\u00a0<\/em><em>Am 4. bis 6. April 2014 findet im Waldschl\u00f6sschen eine Folgetagung statt.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em> Ich bin Verfasser des Appells und verantwortlicher Betreiber der dazugeh\u00f6rigen <a href=\"http:\/\/www.der-appell.de\/\">Internetseite<\/a>.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em><span style=\"text-decoration: underline;\">Nachtrag: 12.02.2014<\/span><\/em><\/p>\n<p>Stefan Niggemeier reagiert auf diesen Blogeintrag in seiner Kurzkritik zur Maischberger-Sendung <a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/der-unterschied-zwischen-schwulen-gegnern-und-schwulen-gegner-gegnern\/\">&#8222;Der Unterschied zwischen Schwulen-Gegnern und Schwulen-Gegner-Gegnern&#8220;<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;&#8230; Ich halte den \u00bbWaldschl\u00f6sschen-Appell\u00ab, wie gesagt, f\u00fcr problematisch. Weil man ihn so verstehen kann, als sollten bestimmte, missliebige Positionen aus der \u00f6ffentlichen Debatte ausgeschlossen werden. Aber er hat das Ziel, genau das zu verhindern, was bei Maischberger nicht nur passierte, sondern von der Moderatorin auch noch aktiv gef\u00f6rdert wurde: Dass der Eindruck entsteht, Diskriminierung von Minderheiten und Nicht-Diskriminierung von Minderheiten seien zwei gleichwertige Positionen oder \u00bbMeinungen\u00ab, die man in einem Duell gegeneinander antreten lassen kann. Als sei \u00bbzu schwulenfreundlich\u00ab ein nat\u00fcrlicher und sinnvoller Gegensatz zu \u00bbzu schwulenfeindlich\u00ab und das gesunde Ma\u00df irgendwas in der Mitte.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>mehr zum Thema:<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\"><em>Queer.de:\u00a0Homo-Hasser bei Maischberger \u2013 <a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" href=\"http:\/\/www.queer.de\/detail.php?article_id=21017\">Der Beipackzettel<\/a><\/em><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\"><em>Interview zum &#8222;Waldschl\u00f6sschen Appell&#8220; auf MEEDIA:\u00a0<a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" href=\"http:\/\/meedia.de\/2013\/06\/12\/der-spiegel-hat-homo-tourette-syndrom\/\">&#8222;Der Spiegel hat ein Homo-Tourette-Syndrom&#8220;<\/a><\/em><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\"><em>Frank Plasberg homophobelt bei &#8222;Hart aber Fair&#8220;\/ Auf VOCER zum &#8222;Waldschl\u00f6sschen Appell&#8220;: <a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" href=\"http:\/\/www.vocer.org\/die-geschichte-des-menschenzoos\/\">&#8222;Die Geschichte des Menschenzoos&#8220;<\/a><\/em><\/span><\/span><\/p>\n<h1><\/h1>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sanda Maischberger ist unredlich, macht sich d\u00fcmmer als sie (hoffentlich) ist. 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