{"id":3220,"date":"2014-02-13T18:00:58","date_gmt":"2014-02-13T16:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=3220"},"modified":"2019-03-02T13:18:13","modified_gmt":"2019-03-02T11:18:13","slug":"homophobie-bingo-mit-matthias-matussek","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=3220","title":{"rendered":"&#8222;Homophobie f\u00fcr alle!&#8220; &#8211; Ein Volksbildungskurs mit Matthias Matussek"},"content":{"rendered":"<p>Haben Sie keine Angst vor der Homophobie!<\/p>\n<p>Ja, fr\u00fcher galt Homophobie als dumm. Aber die Zeiten \u00e4ndern sich. Alles, was Sie brauchen ist ein gesunder Menschenverstand. Der Rest ist Handwerk. Und das l\u00e4sst sich lernen!<\/p>\n<p>Homophobie funktioniert wie ein schlechter Horrorfilm. Man glaubt immer zu wissen, was gleich kommt, und das Unglaubliche ist, dass es dann auch so kommt. Die Faszination liegt in der unbeirrbaren Vorhersehbarkeit. Man denkt: Das k\u00f6nnen die doch jetzt nicht machen!<\/p>\n<p>Doch. K\u00f6nnen sie.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/meedia.de\/2014\/02\/12\/maischbergers-entgleiste-lehrstunde-in-sachen-sexuelle-vielfalt\/\">Sandra Maischberger<\/a>\u00a0hat gerade einen Horrorfilm gedreht. Im \u00fcbertragenen Sinne, nat\u00fcrlich! Man wirft ihr vor, dass sie ihre \u201cHauptfiguren\u201d nicht besonders, sagen wir mal, \u201cdifferenziert\u201d angelegt hat. Aber wer so was behauptet, hat nat\u00fcrlich keine Ahnung. Dass Maischberger in Sachen Homophobie alles richtig gemacht hat, dass ihr ein regelrechter Coup gelungen ist, erkennt man alleine schon an der Zahl derer, die auf der neuen Welle mitschwimmen wollen.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dften Hoffnungen, eine der Ikonen der Bewegung zu werden, darf sich der Autor Matthias Matussek machen, der nur wenige Stunden nach Maischbergers schwarzer Messe bereits <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/debatte\/kommentare\/article124792188\/Ich-bin-wohl-homophob-Und-das-ist-auch-gut-so.html\">einen Text pr\u00e4sentierte<\/a>, den man als Befreiungsschlag f\u00fcr das unter den Fesseln des Zeitgeistes leidende B\u00fcrgertum verstehen darf.<\/p>\n<p>Es ist das\u00a0das Manifest einer\u00a0&#8222;Homophobie Nouvelle&#8220;. \u00a0Ja, w\u00e4re man er selbst (w\u00e4re man also bef\u00e4higt zu intellektuellem Pathos) k\u00f6nnte man sagen, dass dort nicht weniger als der Entwurf eines neuen Gesellschaftsvertrages geschrieben steht: Homo-Hass mit menschlichem Antlitz!<\/p>\n<p>Doch Handlungsaufforderungen in historisch bedeutenden Manifesten haben oft ein Problem: Sie drohen unter der Last der dort formulierten gewichtigen Ideen und Gedanken erdr\u00fcckt zu werden. Die Rethorik des matussekschen Homophobismus bedarf also einer allgemeinverst\u00e4ndlichen Handreichung. Die gute Nachricht: W\u00e4hrend die BILD-Zeitung noch daran arbeitet, sind wir schon so weit!<\/p>\n<p>Haben auch Sie es satt, immer nur am Stammtisch rumzup\u00f6beln? Kein Problem!\u00a0Werden auch Sie ein &#8222;Homphob Nouvel&#8220;, ein Homo-Feind mit Matussek!<\/p>\n<p>Und f\u00fcr alle die, die sich jetzt Gedanken \u00fcber richtiges und falsches Franz\u00f6sisch machen, gibt es schon mal eine Lektion vorab: Wenn Sie schon bei so was anfangen, kleinlich zu werden, werden Sie es nie schaffen.\u00a0Also, denken Sie nicht dar\u00fcber nach, ob etwas richtig ist oder nicht. Vertrauen Sie Ihrem Gef\u00fchl!<\/p>\n<p>Los geht&#8217;s. Das Nollendorfblog erkl\u00e4rt Ihnen das Manifest des Meisters und verr\u00e4t Ihnen seine besten Tricks!<\/p>\n<h3>Der Matussek Trick Nr 1: &#8222;Keine Tarnung ist die beste Tarnung&#8220;<\/h3>\n<p>Das Wichtigste zuerst: Ein richtiger Homofeind muss nat\u00fcrlich abstreiten, dass er ein Homofeind ist. Das Problem hierbei ist jedoch das sogenannte &#8222;Antibiotika-Schlamassel&#8220;: Die Strategie des Abstreitens wurde schon so oft verwendet, dass sie sich mittlerweile herumgesprochen hat und deshalb oft nichts mehr bringt.\u00a0Matussek macht es also genau anders herum, und das &#8211; Verwirrung total! &#8211; schon in der \u00dcberschrift:<\/p>\n<blockquote><p>Ich bin wohl homophob. Und das ist auch gut so<\/p><\/blockquote>\n<p>Haben Sie es gemerkt? W\u00e4hrend handels\u00fcbliche Homophobiker versuchen, ihre Homophobie mehr schlecht als recht in rhetorischen Fragen zu verstecken, nutzt Matussek das weitaus raffinierte Mittel der &#8222;rhetorischen Selbstbezichtigung&#8220;.\u00a0Dabei kommt ihm sein einzigartiger Zugang zur Welt der Literatur zugute. Ahnung von Literatur zu haben ist das eine. Die richtigen Schl\u00fcsse aus ihr ziehen zu k\u00f6nnen, das andere. Die &#8222;Keine Tarnung ist die beste Tarnung&#8220; &#8211; Finte hat sich Matussek n\u00e4mlich geliehen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eScherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalit\u00e4t. Aber die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>ist ein Zitat aus<em>\u00a0<\/em>\u201eBiedermann und die Brandstifter\u201c von Max Frisch.\u00a0Man kann Matussek sicherlich einiges vorwerfen. Aber wohl kaum, dass er nicht deutlich macht, auf welcher Seite des Dramas er stehen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Weiter geht\u00b4s:<\/p>\n<h3>Der Matussek Trick Nr 2: Die &#8222;Blinden-Falle&#8220;<\/h3>\n<p>Der Teaser beginnt:<\/p>\n<blockquote><p>Wer nicht begeistert \u00fcber Schwule spricht, ist gleich ein Schwulenhasser.<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine &#8222;Blinden-Falle&#8220; ist eine Falle, die so offensichtlich ist, dass sie selbst ein Blinder sieht.\u00a0Nat\u00fcrlich hat niemand \u00a0je irgendjemandem, der nicht begeistert \u00fcber Schwule spricht, \u00a0vorgeworfen ein\u00a0ein Schwulenhasser zu sein. Der einzige Grund, einen solchen Bl\u00f6dsinn zu behaupten ist die Zerst\u00f6rung aller zum Thema zugeh\u00f6rigen Sinnzusammenh\u00e4nge. Und die einzige nachvollziehbare Motivation f\u00fcr diese Zerst\u00f6rung\u00a0<span style=\"font-size: 13px;\">besteht darin, selber ein\u00a0Schwulenhasser zu sein.<\/span><\/p>\n<p>So weit, so logisch. Doch Matusseks Kalk\u00fcl ist es, dass man ihm genau dies vorwirft. Denn seine Aussage ist eine Gaga-Aussage, die es leicht macht, die, die sich an ihr reiben, selbst f\u00fcr Gaga zu erkl\u00e4ren.\u00a0Ich bin sicher, Matussek wartet darauf. Ein Shit-Storm mit Ansage. Quod erat demonstrandum: &#8222;Siehst Du, spricht man einmal nicht begeistert \u00fcber Schwule ist man schon ein Schwulenhasser!&#8220;<\/p>\n<p>Man kann eine &#8222;Blinden-Falle&#8220; ignorieren. Aber zerst\u00f6ren kann man sie nur, wenn man in sie hineinspringt: Matussek ist ein Schwulenhasser!<\/p>\n<h3>Der Matussek Trick Nr 3: &#8222;Irgendwas mit Auschwitz&#8220;<\/h3>\n<p>Martin Walser hat das Prinzip der &#8222;Auschwitz Keule&#8220; erfunden, und ist daf\u00fcr gepr\u00fcgelt worden. Matussek hat daraus gelernt. Sein Konzept ist eher das einer Schrotflinte:<\/p>\n<blockquote><p>Mittlerweile hat Homophobie dem Antisemitismus als schlimmste ideologische S\u00fcnde den Rang streitig gemacht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Hm. Vielleicht ist dieser Satz ja zur Exegese durch sp\u00e4tere Generationen gedacht. Doch, was k\u00f6nnte er bedeuten? Dass die Homos den Juden Auschwitz streitig machen wollen? Sollen sich die Homos nicht so anstellen? Oder die Juden? Sollten die sich vielleicht sogar freuen? Will er sagen, dass es da einen Zusammenhang gibt mit der Verfolgung der Juden und den Homosexuellen? Oder eben nicht? Oder will er sagen, dass die Homos jetzt nicht den selben Fehler machen sollten, den die Juden schon gemacht haben? N\u00e4mlich dass sie durch den Aufbau einer &#8222;Ideologie&#8220; selbst daf\u00fcr verantwortlich sind, dass man sie hasst?<\/p>\n<p>Sehen Sie: Matussek sagt es nicht. Er braucht es auch nicht. Man versteht auch so, was er meint. Irgendwas mit Auschwitz geht immer. Das ist so wie mit schlechtem Franz\u00f6sisch.<\/p>\n<h3>Der Matussek Trick Nr 4: &#8222;Gef\u00fchle? Fuck you, Gef\u00fchle!&#8220;<\/h3>\n<p>Der Artikel beginnt. Wir spulen etwas vor. Dann &#8230;<\/p>\n<blockquote><p>In der Maischberger-Runde sprach ein Familienvater \u00fcber seine Idealvorstellung einer Verbindung: Mann, Frau, Kinder, das klassische Modell, und die gute Sandra fragte besorgt: &#8222;Sind Sie nicht der Meinung, dass diese Aussage f\u00fcr Schwule kr\u00e4nkend sein k\u00f6nnte?&#8220;<\/p>\n<p>Darauf entfuhr es meinem Freund: &#8222;Wahrscheinlich darf ich jetzt auch in Gegenwart eines Rollstuhlfahrers nicht mehr von meinem Wanderurlaub erz\u00e4hlen, weil das kr\u00e4nkend sein k\u00f6nnte.&#8220; Nicht, dass er je so taktlos w\u00e4re, das zu tun. Aber, Sie verstehen, im Analogieschluss hatte er Homosexualit\u00e4t zu einem Handicap erkl\u00e4rt. Zu einer defizit\u00e4ren Form der Liebe.<\/p><\/blockquote>\n<p>Achtung. Nein, Matussek hat &#8211; auch nicht in einem &#8222;umgekehrten Umkehrschluss&#8220; &#8211; Homosexuelle NICHT mit Behinderten verglichen. Das w\u00e4re ja auch <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=1723\">Old School<\/a>.<\/p>\n<p>Nein, was er hier erzeugt, ist etwas viel Gr\u00f6\u00dferes, etwas, was es so noch nicht gegeben hat. Es ist, ganz in der Tradition eines Manifestes, eine neue Dialektik, ein Konstrukt von Schl\u00fcssen und Umkehrschl\u00fcssen f\u00fcr einen Bereich, dessen man bisher dachte mit solchen Kategorien nicht habhaft werden zu k\u00f6nnen: Es geht um den Bereich der Gef\u00fchle.<\/p>\n<p>Bisher gab es da so etwas wie einen zivilisatorischen Konsens, der darauf beruhte, dass Menschen die Gef\u00fchle anderer Menschen m\u00f6glich nicht verletzen sollten. Dieser Konsens wurde getragen von der F\u00e4higkeit und der Bereitschaft zur Empathie, manche nennen es Herzensbildung, es geht darum zu versuchen, jeden Menschen in seiner Situation verstehen zu k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich handelt es sich dabei um ein Ideal, das so nie erreicht werden kann.<\/p>\n<p>Matussek setzt diesem Ideal ein anderes Konzept entgegen:<\/p>\n<p>Wie in einer mathematischen Gleichung ersetzt er Variabeln durch Konstante\u00a0(<em>nicht \u00fcber Mathematik nachdenken jetzt!<\/em>), ob Gef\u00fchle tats\u00e4chlich verletzt werden ist so lange irrelevant, bis nicht nachgewiesen ist, dass sie es (bewiesen durch die aus Schl\u00fcssen und Umkehrschl\u00fcssen\u00a0gebildeten Formeln) auch k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das war jetzt doch etwas kompliziert?<\/p>\n<p>Dann werden wir die Lektion f\u00fcr heute erstmal beenden.<\/p>\n<p>Und am Schluss gibt es noch ein Leckerli. Einen Homophobie-Trick, den Sie schon lange kennen, und von dem Sie vielleicht dachten, er sei nicht mehr en vogue. Aber dank Matussek k\u00f6nnen wir uns zur\u00fcck lehnen.<\/p>\n<p>Denn, es gibt, ihn noch:<\/p>\n<h3>Der Matussek Trick Nr 5: Der Klassiker: &#8222;Viele meiner besten Freunde sind schwul.&#8220;<\/h3>\n<p>Er funktioniert immer. Denn selbst, wenn er nicht funktioniert, funktioniert er trotzdem. Weil dann nicht Sie daran Schuld sind. Sondern die Inquistion. Ja, wirklich! Sie sind ein Opfer die Inquisition! Und etwas Besseres kann einem als Schwulenhasser nicht passieren!<\/p>\n<p>Doch lesen Sie selbst:<\/p>\n<blockquote><p>Sie (Birgit Kelle, die Red.)\u00a0dachte wohl in der Sendung, sie sei vom Eis, nachdem sie gleich eingangs betont hatte, dass sie schwule Freunde habe, und dass sie selbstverst\u00e4ndlich nichts gegen Schwule habe, dass sie sie tolerieren w\u00fcrde, aber Sandra Maischbergers Sp\u00fcrsinn entging nicht die Verhaltenheit, ja eine gewisse innere emotional-affektive Reserve, die in eine dunkleren Seelenspalte eventuell homophobes Material versteckte vor den Suchscheinwerfern der \u00f6ffentlich-rechtlichen Inquisition.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ja, so einfach geht das.<\/p>\n<p>Sie denken: Das k\u00f6nnen die doch jetzt so nicht machen!<\/p>\n<p>Doch. K\u00f6nnen sie. \u2666<span style=\"font-size: 13px;\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Haben auch Sie es satt, immer nur am Stammtisch rumzup\u00f6beln? Kein Problem! 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