{"id":3468,"date":"2014-03-26T01:36:03","date_gmt":"2014-03-25T23:36:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=3468"},"modified":"2019-03-02T11:45:49","modified_gmt":"2019-03-02T09:45:49","slug":"stefan-raab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=3468","title":{"rendered":"Die Geschichte von Stefan Raabs dummen Hund und der schwulen Sau"},"content":{"rendered":"<p>\u201eErwarten Sie jetzt bitte keine billigen Schwulenwitze von mir\u201c, sagte Stefan Raab in seiner ersten TV-Total Sendung nach dem Coming Out des ehemaligen Fu\u00dfball-Bundesliga-Profis Thomas Hitzlsperger.<\/p>\n<p>Raab wusste, dass man heute ganz genau hin h\u00f6ren w\u00fcrde. Denn so unerwartet das Coming Out des Ex-Spielers Hitzlsperger auch war, so sehr wurde das Coming Out eines prominenten Fussballers erwartet, ersehnt, und von manchen auch gef\u00fcrchtet. Die Reaktionen der Medien w\u00fcrden zeigen, ob offenes Schwulsein im Jahr 2014 nicht nur okay ist sondern auch m\u00f6glich. M\u00f6glich auch in dem dem Sinne, nur weil man offen schwul ist ,nicht gleichzeitig ungefragt als frivole Witzvorlage herhalten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Stefan Raab hat gewusst, was er da macht. Und machte es trotzdem. Hitzelsperger? \u201eEin verdienter Fu\u00dfballspieler: VfB Stuttgart hat er gespielt, Zenit St. Penisburg, Erzgebirge Aua, Manfister United, und so weiter. Mehr brauche ich nicht zu sagen.\u201c Nein, mehr brauchte er nicht so sagen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3474\" aria-describedby=\"caption-attachment-3474\" style=\"width: 350px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-3474 \" src=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/M\u00e4nnerGrafik.png\" alt=\"M\u00e4nnerGrafik\" width=\"360\" height=\"478\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3474\" class=\"wp-caption-text\">Dieser Text ist Teil meines Artikels aus dem aktuellen &#8222;M\u00e4nner&#8220;-Heft zum Schwerpunkt &#8222;Schwule in den Medien&#8220;.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Als ich Stefan Raab Ende der 90er kennen lernte, war er nicht mehr VIVA und noch nicht Pro7. Er war dabei eine neue Rolle zu finden, nicht mehr Nische sondern grosses Fernsehen. Ich war damals Manager von Guildo Horn, noch war offen, mit welchem Song der \u201eMeister\u201c beim bevorstehenden deutschen Vorentscheid des Eurovision Songcontest auftreten w\u00fcrde, und Raab hatte \u00a0\u201eGuildo hat Euch lieb!\u201c produziert, den Titel, der es dann auch werden sollte. Bei einer unserer Treffen in seinem Studio spielte er einen Song vor, den er \u00a0gerade f\u00fcr das neue Album f\u00fcr die Band \u201eDie Prinzen\u201c geschrieben hatte: \u201eMein Hund ist schwul, die dumme Sau\u201c heisst es da im Refrain. Das ginge nat\u00fcrlich \u00a0nicht gegen die Schwulen, meinte er, sondern gegen den Hund. Der eben etwas komisch sei. Ob ich das lustig f\u00e4nde, wollte von mir wissen. Von mir als Schwuler.<\/p>\n<p>Damals war es schwer, Raab nicht lustig zu finden. Erstens, weil er es war. \u00a0Und zweitens, weil Raabs Respektlosigkeit, sein R\u00fctteln an erstarrter Korrektheit schon einen Wert an sich darstellte. Wer Raab nicht lustig fand, war nicht locker. Und Nicht-Locker-sein war so ziemlich das Schlimmste, was man zu Beginn der Nuller Jahre sein konnte.<\/p>\n<p>Im folgenden Jahrzehnt wurde Raab und das von ihm propagierte Lockerheit zum Leitprinzip eines neuen Unterhaltungsfernsehens. Alles, was schr\u00e4g und schrill war, war klar im Vorteil. In den Nachmittag-Talkshows der Privatsender herrschte der Gender-Zoo. Schwul war cool, und man h\u00e4tte es fast geglaubt, wenn es nicht immer auch wie eine Beschw\u00f6rung geklungen h\u00e4tte. Denn parallel zum Aufstieg Raabs als Held einer neuen Generation von Fernsehguckern machte auch ein Begriff Karriere, der f\u00fcr diese Generation so selbstverst\u00e4ndlich geworden ist, wie die Tatsache, dass Menschen mit Wok-Pfannen unter dem Hintern Eispisten herunter jagen. Es ist die Karriere des Adjektivs \u201eschwul\u201c als Dehnbegriff des Unaussprechlichen. \u00a0Es funktioniert vom Pullover der \u201evoll schwul\u201c ist bis zur Sau, der schwulen, die als Lieblingsbeleidigung nicht nur von den Schulh\u00f6fen nicht mehr weg zu denken ist.<\/p>\n<p>Schuld daran ist nicht der Prinzen-Raab Song vom schwulen Hund, der es nicht zum Hit geschafft hat. Schuld daran ist auch nicht Stefan Raab, das w\u00e4re zu einfach, denn auch er kann nur Trends aus etwas machen, das es schon gibt und eine Dauerpointe nur so lange strapazieren, wie man \u00fcber sie lacht. Und doch war und ist die Geschichte von Raab und den Schwulen pr\u00e4gend f\u00fcr das Bild vom Schwulen in den Medien. Es ist eine verh\u00e4ngnisvolle Medienaffaire. Verh\u00e4ngnisvoll vor allem f\u00fcr die Schwulen.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eMein Hund ist schwul, die dumme Sau<\/p>\n<p>er macht nicht kl\u00e4ff, er macht nur wau er ist als Pudel ein \u00c4sthet<\/p>\n<p>dem \u00f6fter mal die Nudel steht<\/p>\n<p>was meistens nur im Rudel geht.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass ich dar\u00fcber nicht lachen kann, kann Raab nicht verstehen. Er will dar\u00fcber diskutieren. Nein, auch wenn er immer so tut, es ist ihm nicht egal, was andere denken, was andere f\u00fchlen. Raab will polarisieren, aber im Endeffekt will er von allen geliebt werden, auch von den Schwulen. Raab sagt, er h\u00e4tte den Song ganz vielen schwulen Freunden und Kollegen vorgespielt und die h\u00e4tten alle kein Problem damit.<\/p>\n<p>Stimmt das?<\/p>\n<p>Ich sage ihm, dass ich das bezweifele. Aber warum sollten sie so etwas sagen, wenn es nicht stimmt, fragt mich Raab. Ja, warum?<\/p>\n<p>Vor einigen Jahren habe ich f\u00fcr meinen Blog eine Talk-Veranstaltung zum Thema \u201eSchwulsein in der Schule\u201c besucht. Dort sprach u.a. ein Schulsprecher, Gymnasiast, schwul, selbstbewusst. Wie auch die an der Diskussion beteiligten Lehrer und Bildungspolitiker behauptete er, dass die \u201eschwule Sau\u201c nichts mit \u201eschwul\u201c zu tun habe. Sie sei weder als Beleidigung von Schwulen gemeint sei, noch werde sie von ihnen als solche wahrgenommen.<\/p>\n<p>Auch ihn habe ich gefragt, ob das wirklich stimmt.<\/p>\n<p>Ich habe ihn gefragt, ob seine Unbedenklichkeits-Erkl\u00e4rung in Sachen \u201eschwul\u201c als Schimpfwort nicht auch mit der Gleichg\u00fcltigkeit der Heteros zu tun habe, vor allem der der Lehrer, die darin kein Problem sehen wollten. Ob es nicht doch versetzend sei, \u00a0\u201eschwul\u201c immer wieder als etwas zu h\u00f6ren, dass man tunlichst vermeiden sollte. Ob er und andere Schwule auf dem Pausenhof \u00a0vielleicht einfach gelernt h\u00e4tten, einfach wegzustecken, auch wenn es eigentlich weh tut. Erst schwieg er eine Weile. Ruhig und sichtlich bewegt erz\u00e4hlte er dann davon, wie allt\u00e4glich diese Beleidigungen seien, und wie sehr er gelernt habe, diese nicht als solche empfinden zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Es gibt einen Unterschied zwischen \u201e\u00fcber etwas lachen k\u00f6nnen\u201c und \u201eetwas l\u00e4cherlich machen\u201c. Der Witz an Raabs schwulem Hund ist dessen L\u00e4cherlichkeit, und das ist nicht witzig. \u2666<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>(Nachtrag: 27. M\u00e4rz 2014:\u00a0<\/em><em><a style=\"color: #000000;\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=3508\">\u201cDie Prinzen\u201d und der \u201cschwule Hund\u201d: Wieso regen sich eigentlich alle \u00fcber Bushido auf?<\/a>)<\/em><\/span><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>Dieser Text ist ein Auszug aus \u201eIhr d\u00fcrft dabei sein, aber treibt es nicht zu weit\u201c, einem Artikel, den ich f\u00fcr das Schwerpunktthema \u201eHomosexuelle in den Medien\u201c der aktuellen\u00a0\u201eM\u00e4nner\u201c geschrieben habe. Die aktuelle Print-Ausgabe des \u201eM\u00e4nner\u201c-Magazins (mit vielen Geschichten \u00fcber Schwule in den Medien) ist ab heute am Kiosk erh\u00e4ltlich. Digital kann man sie <a href=\"http:\/\/shop.brunos.de\/neu\/frisch-eingetroffen\/maenner-2014-04.html\">hier<\/a> erwerben.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Vom 4. &#8211; 6. April findet in der Akademie Waldschl\u00f6sschen eine Tagung zum Thema &#8222;Homosexuelle in den Medien&#8220;\u00a0statt, bei der sich queere Medienmacher aus allen Bereichen treffen werden. Noch kann man sich dort anmelden. Ich werde auch dort sein. <\/em><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #000000;\">Hier weitere Beitr\u00e4ge aus dem Nollendorfblog zum Thema &#8222;Homosexuelle in den Medien&#8220;:<\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><em><span style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\"><a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=3149\">Maischberger erkl\u00e4rt Homosexualit\u00e4t zur Gesinnung<\/a>\u00a0<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><em><span style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\"><a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=1657\">Frank Plasberg und der &#8222;Menschenzoo&#8220;<\/a>\u00a0<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><em><span style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\"><a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=1284\">BILD erkl\u00e4rt, was &#8222;schrill&#8220; ist<\/a>\u00a0<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><em><span style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\"><a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=1723\">Das Trauma der Erika Steinbach und das Verdienst von Anne Will<\/a>\u00a0<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><em><span style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\"><a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=1163\">Der Quasi-Rassismus von Katherina Reiche und die Verantwortung von G\u00fcnther Jauch<\/a><\/span><\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte von Raab und den Schwulen ist pr\u00e4gend f\u00fcr das Bild vom Schwulen in den Medien. Es ist eine verh\u00e4ngnisvolle Medienaffaire. Verh\u00e4ngnisvoll vor allem f\u00fcr die Schwulen. &#8211; Eine Vorab-Ver\u00f6ffentlichung aus der aktuellen &#8222;M\u00e4nner&#8220; &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[160,74,153],"tags":[],"class_list":["post-3468","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-160","category-medien","category-pop-musik-show"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3468","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3468"}],"version-history":[{"count":43,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3468\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8379,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3468\/revisions\/8379"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3468"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3468"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3468"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}