{"id":4193,"date":"2014-10-20T19:05:58","date_gmt":"2014-10-20T17:05:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=4193"},"modified":"2019-03-02T11:45:48","modified_gmt":"2019-03-02T09:45:48","slug":"schluss-mit-dem-theater-geht-ins-theater","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=4193","title":{"rendered":"Schluss mit dem Theater! Geht ins Theater!"},"content":{"rendered":"<p>Wo steht die Bewegung im Jahr 2014 und wo soll sie hin? Wer und wo sind unsere Feinde und was k\u00f6nnen wir, was sollten wir gegen sie tun?<\/p>\n<p>Die Organisationen, die die Bewegung mit in Gang gebracht haben, die aus der Bewegung hervorgegangen sind, scheinen an diesen Fragen zu scheitern. Und zwar <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?cat=67\">grandios<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?cat=83\">spektakul\u00e4r<\/a>.<\/p>\n<p>So etwas wie den sogenannten Berliner <em>CSD-Streit<\/em>\u00a0dieses Fr\u00fchsommers, bei dem alle Alles aufgeboten haben, um um Nichts zu k\u00e4mpfen, so was muss man erst mal hinbekommen.<\/p>\n<p>Und so einen bundesweiten Interessenverband wie den LSVD muss man sich mal vorstellen k\u00f6nnen, einen der sich als W<em>orst Case Szenario<\/em>\u00a0f\u00fcr Krisenzeiten positioniert, unvorstellbar, wenn es\u00a0diese Krisenzeiten und die\u00a0entsprechenden S<em>zenarien<\/em>\u00a0nicht auch tats\u00e4chlich gegeben h\u00e4tte. (Etwa beim Vorgef\u00fchrt-werden durch den Deutschen Olympischen Sportbund, mit dem\u00a0man durch wichtigtuerisches Rumgekunel\u00a0unter Ausschluss der Bewegung tats\u00e4chliche dachte, irgendetwas Sinnvolles gegen Putins Homophobie-Politik auf die Beine stellen zu k\u00f6nnen.)<\/p>\n<p>Das Schlimme an der planlosen Hyperaktivit\u00e4t der queeren Verb\u00e4nde ist, dass sie das wilde Umherschlagen, das hohle-Phrasen-Deschen, das Hauptsache-irgendwas-auf-die-Beine-Stellen f\u00fcr einen Plan halten. Aber\u00a0sie k\u00f6nnen gar nicht anders. Sie m\u00fcssen das tun.<\/p>\n<p>Denn die\u00a0real existierende Bewegung ist zur puren\u00a0Verwaltung ihrer selbst\u00a0geworden, der\u00a0Prozess wurde zur\u00a0Struktur und die Struktur hat\u00a0Themen zu Planstellen gemacht hat. Was nur funktioniert, wenn diese Themen planbar sind. Man k\u00f6nnte auch sagen: tot.<\/p>\n<p>Viele sagen, das <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=3022\">ganze<\/a> <a title=\"Zum Koalitionsvertrag: Wir haben keine Antworten. Wir haben ja nicht einmal die richtigen Fragen.\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=3014\">Szene<\/a>&#8211;<a title=\"Russland-Demo: Die Kraft des Regenbogens und die wahre Gr\u00f6\u00dfe von Renate K\u00fcnast\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=2338\">Theater<\/a> <a title=\"Der deutsche Sport kuscht vor Russland und der LSVD macht sich zum Feigenblatt\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=2860\">des<\/a> <a title=\"LSVD: Es ist alles noch viel schlimmer!\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=2868\">letzten<\/a> <a title=\"Nollendorfblog macht Sendepause\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=3109\">Jahres<\/a>, der Streit um Formeln,\u00a0Strukturen, die inhaltliche Fast-Kernschmelze der letzen Monate habe nur Verlierer erzeugt. Doch das stimmt nicht. Planstellen k\u00f6nnen nicht verlieren. Jedenfalls nicht, solange man sie nicht abschafft. Einige Verantwortliche werden ihre Funktionen wechseln, einige werden sie auch aufgeben. Doch im Endeffekt werden es die gleichen Leute sein, die sich jetzt wieder zusammenraufen, zusammen\u00a0streiten und zusammensetzen werden und von Neuem anfangen werden das Alte zu tun:<\/p>\n<p>Sie werden neue Koalitionen, neue Gegner, neue Formeln finden, neue Resolutionen, Beschl\u00fcsse und Kampagnen beschliessen. Denn schliesslich gibt es ja Strukturen. \u00a0Strukturen sind wie Schl\u00e4uche, die immer wieder gef\u00fcllt werden m\u00fcssen. Egal mit was.<\/p>\n<p>Sie werden sich schw\u00f6ren, dass\u00a0man aus den vergangenen Fehlern gelernt hat. Aber nat\u00fcrlich werden sie nicht dar\u00fcber reden, was das f\u00fcr Fehler sind, warum diese Fehler passiert sind, vielleicht ja auch passieren mussten.<\/p>\n<p>Denn w\u00fcrden sie das tun (also nicht nur scheinbar, sondern frei und unabh\u00e4ngig, und alles &#8211; auch sich selbst &#8211; in Frage stellend), dann m\u00fcssten sie zu dem Punkt kommen, dass\u00a0einer der gr\u00f6\u00dften Fehler darin besteht,\u00a0dass sie diejenigen sind, die sich daf\u00fcr pr\u00e4destiniert f\u00fchlen, diese Fehler\u00a0l\u00f6sen zu wollen.<\/p>\n<p>Es gibt verdammt viel Bewegung im Jahr 2014. Es passieren unglaubliche Dinge, es stellen sich v\u00f6llig neue Fragen. Und der Hauptvorwurf, den man den Verb\u00e4nden machen muss, besteht nicht darin, dass sie auf diese\u00a0Fragen keine Antworten haben. Man muss ihnen vorwerfen, dass sie sich f\u00fcr zust\u00e4ndig halten, dass sie so tun, als k\u00f6nnten sie f\u00fcr diese Bewegung sprechen, sie begreifen, f\u00fcr sie verhandeln, oder sogar\u00a0anf\u00fchren. Man muss ihnen vorwerfen, dass sie nicht zugeben k\u00f6nnen, dass auch sie \u00fcberfordert sind.<\/p>\n<p>Der LSVD sucht jetzt eine\/n neue\/n PressesprecherIn. Und beim Berliner CSD e.V. gelobt man, in Zukunft\u00a0&#8222;Kommunikation in den Mittelpunkt&#8220;\u00a0zu stellen. Am Ende alles nur eine Frage der Vermittlung? \u00a0Es\u00a0sieht so aus, als folge dem <em>CSD-Streit<\/em> irgendwann eine <em>CSD-Einigung<\/em>. Doch das w\u00e4re dann das noch gr\u00f6\u00dfere, noch restaurierendere \u00a0Desaster,\u00a0weil alle noch unverbl\u00fcmter so tun k\u00f6nnten, als h\u00e4tte der ganze \u00c4rger nur mit Sachen &#8222;Kommunikation&#8220; zu tun. Und nicht darum, dass niemand wei\u00df, was durch wen eigentlich kommuniziert werden soll. Und an wen.<\/p>\n<p>Mir ist oft vorgeworfen worden, dass ich versucht habe, die queeren Interessensvertretungen durch harte Kritik in diesem Blog zu schw\u00e4chen.\u00a0Mein Ziel war jedoch das Gegenteil. Aber ich bin fest davon \u00fcberzeugt, dass eine neue\u00a0St\u00e4rke nicht durch Selbstbeschw\u00f6rung, sondern nur durch ein neues Selbstbewusstsein gewonnen werden kann. Selbstbewusstsein heisst wissen, wer wir sind, was wir wollen, k\u00f6nnen. Und auch was nicht.<\/p>\n<p>Vielleicht habe ich mich so sehr an den\u00a0Verirrungen der Institutionen abgearbeitet, weil ich Ihnen eine Relevanz\u00a0gew\u00fcnscht habe, an die sie selbst gar nicht glauben. Vielleicht reicht es ihnen, irgendwie wichtig zu sein. Wichtig ist sexy, Relevanz ist kompliziert und nervt.\u00a0Vielleicht wollen sie wirklich nur in Ruhe gelassen werden, und vielleicht ist es ist gut, wenn man sie einfach weitgehend in Ruhe l\u00e4sst. Vielleicht ist es wirklich ungerecht, sie an dem zu messen, was sie zu sein vorgeben und man sollte stattdessen\u00a0froh und dankbar \u00fcber das, was sie mittlerweile tats\u00e4chlich sind: Vereine zur Pflege des Brauchtums und Dienstleister einer gesellschaftlichen Interessengruppe.<\/p>\n<p>Man sollte ihnen nicht daf\u00fcr b\u00f6se sein, dass sie versuchen, Diskurse zu ersticken, sondern sie daf\u00fcr loben, dass sie sich nicht daf\u00fcr zu schade sind, eine holzschnittartige Grundversorgung an Protest-Ritualen zu gew\u00e4hrleisten. Das\u00a0ist doch schonmal was. Aber eines ist es eben nicht: Politik im Sinne von Ver\u00e4ndern-K\u00f6nnen-Wollen. Es ist Politik-Folklore. Auch so etwas muss es geben.<\/p>\n<p>Doch wo sind heute die Antriebskr\u00e4fte zu finden? Gibt es sie \u00fcberhaupt? Wo sind die R\u00e4ume, wo die\u00a0Impulse, wo die Gelegenheiten, in denen Bewegung nicht nur behauptet, sondern wieder gesp\u00fcrt werden kann? Wo werden Fragen gestellt, statt Antworten zementiert? Wo f\u00fchrt das Auftauchen von Widerspr\u00fcchlichem nicht automatisch dazu, dass diese\u00a0ganz schnell \u00fcberwunden werden m\u00fcssen, sondern dass sie\u00a0betrachtet, gesp\u00fcrt, und vielleicht sogar auch etwas begriffen werden d\u00fcrfen?<\/p>\n<p>Die gute Nachricht ist: Es findet statt. Es ist da, das ernsthafte Ringen um Emanzipation und Identifikation, das ehrliche Ersp\u00fcren und Suchen von Kraft\u00a0und M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Den besten Blick darauf bietet wohl gerade das Theater.\u00a0Bei Falk Richters St\u00fcck <em>Small Town Boy<\/em> kann man gerade i<span style=\"color: #444444;\">n Berlin live dabei sein, wie queere Bewegung radikal neu gedacht, debattiert und illustriert wird. Nichts wie hin!\u00a0<\/span>Oder, um es in es in der Logik von Amazon-Buchempfehlungen auszudr\u00fccken: Wenn Dir die gro\u00dfen queeren Bewegungsfilme gefallen haben, weil sie wichtig und richtig waren, Du danach aber etwas vermisst hast, n\u00e4mlich was das alles jetzt mit Dir, Deiner Zeit, und Deiner Situation zu tun hat: Dann solltest Du Dir dieses St\u00fcck anschauen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #444444;\">Wem diese Aussicht, dieses Versprechen reicht, um ins Theater zu gehen,\u00a0der sollte das wirklich auch tun. Denn alles, was im Folgenden \u00fcber das St\u00fcck gesagt werden wird, kann\u00a0das\u00a0nicht besser sagen, als das St\u00fcck es selber kann. Wenn man denn hin geht. Dies ist keine Rezension, dies ist ein Appell. Man kann nicht sagen, wie es ist, vom 10-Meter-Brett zu springen. Man kann nur sagen: Tu es! Es tut nicht weh, und wenn doch: Dann hat es sich trotzdem gelohnt. Und wenn Du, wenn Sie nicht in Berlin sind, dann haben Sie\u00a0jetzt einen richtig guten Grund daf\u00fcr. Und wenn Sie das ungerecht empfinden, wenn Sie der Meinung sind, dass ein solches St\u00fcck &#8222;nur&#8220; in Berlin stattfindet, und nicht da, wo Sie wohnen, dann manchen Sie\u00a0doch da, wo Sie wohnen, den Vorschlag, dass es dort gespielt werden soll.\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Tu es! Tu es alleine schon, weil Du es satt bist, Dir von den Altvorderen dauernd erz\u00e4hlen zu lassen, wie toll und einmalig es damals war, als Rosa von Praunheims &#8222;Nicht der Homosexuelle ist pervers &#8230;&#8220; erschienen ist, und dass es etwas vergleichbar tolles, relevantes und motivierenderes heute ja gar nicht mehr geben kann.<\/p>\n<p>Doch. Kann es.<\/p>\n<p>Und lass Dir nicht einreden, dass es so etwas wie schwules Theater eigentlich ja heute <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/falk-richters-theaterstueck-ueber-sexuelle-identitaet-a-943074.html\">nicht mehr geben m\u00fcsste<\/a>, sollte, d\u00fcrfe. Sondern schau Dir an, was schwules Theater heute sein kann: Ein Ort, in dem Du Dich nicht in einer Dir\u00a0zugewiesenen Rolle\u00a0erkennst. Sondern in allen.<\/p>\n<p><em>Small Town Boy<\/em>\u00a0tut zun\u00e4chst einmal das, was am Anfang eines politischen Prozesses stehen sollte, aber von den real existierenden politischen Prozess- und Diskussionsf\u00fchrern vermieden wird: Es ist eine Stoffsammlung, ein Einsammeln von Themen, Personen und Geschichten schwuler Gegenwart. Es ist das Passierenlassen, von dem, was zur Zeit passiert. Ungeordnet, einfach so,\u00a0ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit. Und gerade weil hier nicht kategorisiert wird, weil hier niemand jemanden\u00a0repr\u00e4sentiert au\u00dfer sich selbst, weil hier einfach Gespr\u00e4che, Gedanken und Gef\u00fchle ungeordnet und unkommentiert aufeinander prallen k\u00f6nnen, vervollst\u00e4ndigt sich das Bild.<\/p>\n<p>Auf einmal ist alles da.<\/p>\n<p>In einem Interview mit &#8222;Theater heute&#8220; vom 29. 05.2014 beschreibt Richter seine Figuren:<\/p>\n<blockquote><p>Klischees produzieren Klischees, die dann Realit\u00e4t werden. Um Klischees zu brechen und zu entlarven, muss man diese zun\u00e4chst einmal in ihren Umrissen sichtbar machen, um sie dann &#8211; und auf der B\u00fchne ist das ja m\u00f6glich &#8211; ironisch oder \u00fcberh\u00f6ht oder gebrochen oder widerspr\u00fcchlich in der Re-Inszenierung g\u00e4ngiger Geschlechterzuschreibungen auszuhebeln. Die Figuren in meinem St\u00fcck sind getrieben von Selbstzweifeln, \u00c4ngsten, Verunsicherungen und haben einen sehr kritischen Blick auf sich selbst und ihr Leben. Ihr Konflikt besteht in der Kluft zwischen den \u00e4u\u00dferen medial und gesellschaftlich vorproduzierten Bildern und Erwartungshaltungen und den inneren Bildern von Lebensentwurf, Individualit\u00e4t und Identit\u00e4t. Sie arbeiten sich ab an Zuschreibungen, vorgeschriebenen Rollenbildern, versuchen, Klischees aufzusprengen, werden br\u00fcchig, verhalten sich widerspr\u00fcchlich oder leiden bewusst an ihrer Konformit\u00e4t.<\/p><\/blockquote>\n<p>Falk Richter schafft es, dass\u00a0wir uns wieder und immer wieder erkennen. Dass irgendwann etwas von jedem von uns da auf der\u00a0der B\u00fchne steht. Und das, obwohl es f\u00fcr dieses &#8222;Wir&#8220; keine Klammer gibt,\u00a0wahrscheinlich aber noch eher: Weil es diese Klammer nicht gibt. Es ist ein St\u00fcck \u00fcber Schwule, weil es ein St\u00fcck \u00fcber Menschen ist. Weil es nicht versucht, den Heteros die Homos zu erkl\u00e4ren, zu verteidigen, zu vermitteln. Weil es darauf vertraut, dass\u00a0Mensch Mensch sehen und verstehen kann, wenn Mensch Mensch sich zeigt, wie er ist und nicht, wie er denkt, sein zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ohne, dass wir es merken, ohne, dass wir dazu aufgefordert werden, passiert auf einmal so etwas Ungeheuerliches wie Identifikation. Das ist ungewohnt, irgendwie\u00a0seltsam. Denn durch das,\u00a0was wir heute\u00a0in der Gesellschaft vor allem sein wollen,\u00a0n\u00e4mlich &#8222;angekommen&#8220; scheint ein solches Verbundenheitsgef\u00fchl nur noch (wenn \u00fcberhaupt) als\u00a0politisch notwendige Strategie (und nicht als ein pers\u00f6nlich Sinn stiftendes Bed\u00fcrfnis) seine Berechtigung zu haben.<\/p>\n<p>Was wir dabei aus dem St\u00fcck \u00fcber uns lernen k\u00f6nnen, hat der Berliner Autor und Blogger Hans H\u00fctt so erkl\u00e4rt:<\/p>\n<blockquote><p>\u00a0&#8222;Wenn es eine unverfallbare Kraft in uns allen gibt, dann ist es die lebensgeschichtlich eingeborene erinnerbare Kraft: Differenzen wahrzunehmen. Wir verk\u00f6rpern Differenz. Nicht nur in den Augen der anderen. Auch und besonders im eigenen Erfahren. Wo diese innere Stimme verstummt (&#8230;), laufen wir wie richtungslos durch die Welt, gehen wir verloren. Sie macht uns kenntlich f\u00fcr uns selbst.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Nicht nur Richters St\u00fcck, sondern auch das <a href=\"http:\/\/www.gorki.de\/spielplan\/small-town-boy\/1035\/\" target=\"_blank\">Essay von H\u00fctt<\/a>, das sich zu gro\u00dfen Teilen auf dieses bezieht,\u00a0bilden gerade eine homopolitische Sensation. Einmal,\u00a0weil beiden Texten gelungen ist,\u00a0eine h\u00f6chstm\u00f6gliche W\u00fcrdigung und Anerkennung f\u00fcr eine\u00a0Betrachtung der Bewegung ausserhalb der Bewegung zu erreichen. Aber auch, weil die Bewegung die in den Werken\u00a0vorgef\u00fchrten Gedanken und Debatten nahezu gar nicht zur Kenntnis nimmt.<\/p>\n<p>H\u00fctts Essay &#8222;Angst vor der Gleichheit \/\u00a0Kritik des homophoben Denkens&#8220;\u00a0wurde letzte Woche\u00a0mit dem renommierten Michael-Althen-Preis der FAZ im Deutschen Theater ausgezeichnet.<\/p>\n<p>Die <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/hans-huett-nimmt-den-michael-althen-preis-entgegen-13212660.html\" target=\"_blank\">FAZ schreibt<\/a> \u00fcber die Ehrung H\u00fctts und seines Textes:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Sein langer Essay bringt so disparate Themen wie die politischen Zust\u00e4nde in Frankreich, eine biographische Skizze von Alan Turing und ein Theaterst\u00fcck von Falk Richter zusammen und l\u00e4uft am Ende auf ein Lob der Differenz hinaus. Und obwohl er nur in einer um knapp die H\u00e4lfte gek\u00fcrzten Version vorgetragen werden konnte, lie\u00df sich erahnen, welchen Eindruck dieser Bewusstseinsstrom auf die Jury (die Schauspielerin Claudia Michelsen, der Schriftsteller Daniel Kehlmann sowie die Regisseure Dominik Graf und Tom Tykwer) ausge\u00fcbt hat.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass dieser\u00a0von Leuten wie Richter und H\u00fctt durch genaues Hinschauen und Hinzeigen\u00a0initiierte\u00a0Bewusstseinsstrom es nicht in die Szene schafft,\u00a0die er reflektiert, ist eigenartig.<\/p>\n<p>Eigenartig gut, weil dadurch noch nicht bis zur Unkenntlichkeit mit den \u00fcblichen Reflexen und Floskeln der queeren Politikszene codiert. Aber auch eigenartig befremdlich, weil\u00a0es zeigt, wie sehr\u00a0wir uns an den Bewegungs-Automastismus gew\u00f6hnt haben, der\u00a0uns mit <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=4016\">Schein-Debatten<\/a> und leeren <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=4083\">Kampagnen<\/a> davon abh\u00e4lt,\u00a0zu ersp\u00fcren, wer wir heute sind und was wir wollen.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, das klingt alles etwas zu sehr nach Feuilleton und zu wenig nach konkretem politischen Ansatz.\u00a0Aber das stimmt nicht. Falk Richter und Hans H\u00fctt \u00a0begn\u00fcgen sich nicht mit Nabelschau. Sie nehmen nicht nur sich \/ uns selbst ins Visier, sondern auch die, die uns daf\u00fcr hassen, dass wir sind, was wir sind.<\/p>\n<p>Hans H\u00fctt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die Angst vor der Gleichheit nimmt ihre aggressiven Impulse aus verweigerter Freiheit. Denn wenn wir die Differenzen verk\u00f6rpern, wenn unsere Sehnsucht nach Autonomie den anderen Angst einfl\u00f6\u00dft, dann liegt das auch daran, dass wir in jedem Augenblick unseres Lebens die Idee der Freiheit verk\u00f6rpern. Wir haben uns die Freiheit genommen, Differenzen sichtbar zu machen. Wir zeigen, dass Freiheit m\u00f6glich ist.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Freiheit. Gleichheit. Br\u00fcderlichkeit. Das Wunderbare an H\u00fctts Analyse des Aktuellen sind\u00a0die alten Begriffe, in er diese packt, das klug konstruierte Pathos, mit dem es ihm gelingt,\u00a0die Bewegung zu unterf\u00fcttern. Nein, die Bewegung ist nicht am Ende. Sie k\u00f6nnte, wenn sie wollte, jetzt ihre wahre Kraft entdecken. H\u00fctt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die Differenz zu suchen, zu finden, zu bezeugen und auszuhalten, verstehe ich schlie\u00dflich als das beste Gegengift gegen die Gleichg\u00fcltigkeit. Wir sind empfindlicher, als wir oft zugeben. Die darin liegende Kraft ist unermesslich.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Empfindlich sein, aushalten, bezeugen. Wie schwer das genau f\u00e4llt (auch heute, gerade heute!), das f\u00e4llt auf, wenn man durch etwas wie ein Theaterst\u00fcck dazu gebracht wird, e einfach auszuhalten.\u00a0\u00a0Aushalten, weil es &#8211; ganz banal &#8211; im\u00a0Theatersaal kein second screening gibt, keine R\u00fcckkopplung ins Social Media. Wenn wir auf einmal wieder sozial sind, in dem wir eben nicht social sind. Also nicht das, was wir jetzt in und um uns herum erleben augenblicklich sortieren und bewerten zu versuchen. Und nicht versuchen, das, was wir davon halten sollen, dadurch abzusichern,\u00a0dass\u00a0wir anderen dabei zu schauen, wie sie das genau das\u00a0tun.\u00a0Small Town Boy zeigt uns, wie sehr uns in einer digitalen Welt all diese M\u00f6glichkeiten verunsichern, schafft es aber, daraus eben keinen Kulturpessimismus erwachsen zu lassen, sondern &#8211; ganz im Gegenteil: Das Zutrauen in die St\u00e4rken von Kultur.<\/p>\n<p>Was ist schwule* Kultur? Schwule Politik? Worauf basiert sie, wozu ist sie gut? Nat\u00fcrlich nicht eine exklusive, hermetische Veranstaltung, die sich durch Definitionen bestimmen l\u00e4sst. Und doch l\u00e4sst sie sich greifen.<\/p>\n<p><em>Small Town Boy<\/em>, der Song,\u00a0ist jetzt genau 30 Jahre alt. Was kann er heute noch bedeuten.<\/p>\n<p><em>Small Town Boy<\/em>, das St\u00fcck von heute geht dieser Frage nach, in dem er uns einem alten Bekannten vorstellt.\u00a0\u00a0Der Bekannte\u00a0ist wie ein seltsamer Onkel, wir waren ihm als Kind sehr nah, aber heute scheint er nicht mehr in die Zeit zu passen. Er l\u00f6st heute eher\u00a0Scham in uns aus, die uns unangenehm ist und verst\u00f6rt. Dieser alte Onkel, ja klar, das \u00a0das sind wir selbst, wir als Kind, als\u00a0Small Town Boy, als\u00a0Kleinstadtkind, das weg musste von dem, wo es nicht sein konnte, was es war.<\/p>\n<p>Unsere Kultur ist\u00a0eine Vertriebenenkultur. \u00a0Wir alle mussten irgendwo hin. Ich wei\u00df, das h\u00f6rt sich Scheisse an. Nach Opfer und \u00fcberhaupt nicht nach &#8222;angekommen&#8220;. Deswegen wehren wir uns und lassen uns einreden, wir m\u00fcssten uns zwischen Rebellion und Anpassung entscheiden. Was ja realistischerweise anpassen bedeutet.<\/p>\n<p>Aber so ist das nicht.<\/p>\n<p>Noch mal Hans H\u00fctt:<\/p>\n<blockquote><p>Die Differenz zu suchen, zu finden, zu bezeugen und auszuhalten, verstehe ich schlie\u00dflich als das beste Gegengift gegen die Gleichg\u00fcltigkeit. Wir sind empfindlicher, als wir oft zugeben. Die darin liegende Kraft ist unermesslich.<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8212;<\/p>\n<h4>Small Town Boy ist am Samstag, dem 25. Oktober\u00a0wieder im Berliner Maxim Gorki Theater zu sehen. Der Autor und Regisseur Falk Richter wird anwesend sein und im Anschluss an die Vorstellung ein Gespr\u00e4ch mit der Gruppe <em>Enough is Enough<\/em> \u00fcber deren politisches Engagement f\u00fchren. Die Tantiemen der Vorstellung stellt der Autor f\u00fcr Aktivit\u00e4ten von <em>Enough is Enough<\/em> zur Verf\u00fcgung.<\/h4>\n<h4><del>Karten gibt es hier.<\/del><\/h4>\n<p><em>* Mir ist bewusst, dass ich hier oft &#8222;schwul&#8220; schreibe und dass es wahrscheinlich oft einfach &#8222;homo&#8220; heissen k\u00f6nnte bzw. m\u00fcsste. Aber an den Stellen, um denen es um das\u00a0St\u00fcck\u00a0eines Schwulen \u00fcber Schwule geht, m\u00f6chte ich weder jemanden vereinnahmen noch \u00a0ausschliessen. Auch wenn die W\u00f6rter dies tun.<\/em><\/p>\n<blockquote><p>&nbsp;<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies ist keine Rezension, dies ist ein Appell. W\u00e4hrend die queere Politik in der Hauptstadt Theater macht, macht das Theater queere Politik. Am Samstag wird &#8222;Small Town Boy&#8220;am Maxim Gorki Theater aufgef\u00fchrt. Danach spricht der Autor Falk Richter mit den Aktivisten von &#8222;Enough is Enough&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4214,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[160,55,79,98,3,74,1],"tags":[],"class_list":["post-4193","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-160","category-community","category-die-neue-homophobie","category-film-theater","category-berlin","category-medien","category-politik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4193","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4193"}],"version-history":[{"count":47,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4193\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5826,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4193\/revisions\/5826"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/4214"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4193"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4193"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4193"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}