{"id":4431,"date":"2015-01-26T21:26:41","date_gmt":"2015-01-26T19:26:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=4431"},"modified":"2019-03-02T13:18:13","modified_gmt":"2019-03-02T11:18:13","slug":"weil-toleranz-boese-ist-einmal-akzeptanz-bitte-pur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=4431","title":{"rendered":"Weil Toleranz b\u00f6se ist: Einmal Akzeptanz bitte. Pur!"},"content":{"rendered":"<p>Stellen Sie sich also vor, wir sitzen an einer Bar und betrachten die Begriffe &#8222;Akzeptanz&#8220; und &#8222;Toleranz&#8220; wie zwei Getr\u00e4nke, die wir hier bestellen k\u00f6nnen. Der Vergleich hinkt, geschenkt, aber die Begriffe selbst hinken auch, also machen wir das jetzt mal so: Akzeptanz oder Toleranz, was darf&#8217;s denn sein, bitte? Schwule und Lesben, die Toleranz f\u00fcr eine geeignete Wahl halten, behaupten, dass es diese Wahl in Wahrheit gar nicht gibt. Akzeptanz ist demnach eigentlich gar nicht im Angebot, es steht nur auf der Karte wie ein unversch\u00e4mt teuerer Rotwein oder Whiskey, von dem eh niemand wei\u00df, ob er \u00fcberhaupt auf Lager ist, weil niemand auf die Idee k\u00e4me, ihn zu bestellen. Und wenn, dann w\u00e4re ja der Preis so hoch, dass man ihn sowieso nicht geniessen k\u00f6nnte. Ein Preis also, der dadurch als unbezahlbar gilt, weil er das zerst\u00f6rt, was es doch eigentlich zu geniessen gelte.<\/p>\n<p>Die theoretische Existenz der Akzeptanz-Flasche vermag das Niveau der Bar zu heben. Durch sie schmecken auch die anderen Getr\u00e4nke besser. So funktioniert gutes Marketing: durch einen guten Mythos. Jemand, der in dieser Bar nicht negativ auffallen m\u00f6chte, tut gut daran, das nicht in Frage zu stellen. Eine gut funktionierende Bar ist auch deshalb eine gut funktionierende Bar, weil ihre Stammg\u00e4ste ihren Mythos nicht zerst\u00f6ren wollen.<\/p>\n<p>Das sagen sie nat\u00fcrlich nicht, die Lesben und Schwulen, die Toleranz f\u00fcr eine gute Offerte halten. Sie wehren sich gegen den Vorwurf, einen verlogenen Mythos am Leben zu halten. Niemand gibt gerne zu, Teil eines Systems sein zu wollen, dass ihn im Grunde ablehnt. Es ist eine bittere, eine verletzende Wahrheit, und es ist niemandem vorzuwerfen, dass er sich nicht bitter und verletzt f\u00fchlen m\u00f6chte, und deshalb nach dem greift, was ihm vor die Nase gehalten wird. Toleranz ist ein Angebot, das man schlecht ablehnen kann, und deswegen sollten wir die nicht beschimpfen, die dies tun, die sich vom billigen verschnittenen Fusel benebeln lassen. Wir sollten die Dealer bek\u00e4mpfen, nicht die Junkies. Und trotzdem sollten wir ihnen klarmachen, von was sie sich hier eigentlich abh\u00e4ngig und klein halten lassen. Deshalb hier der Warnhinweis:<\/p>\n<p>Toleranz ist nicht der gleiche Drink wie Akzeptanz nur mit weniger Promille und Wirkung. Toleranz ist nicht weniger von etwas, was eigentlich gut ist. In der Essenz der Toleranz ist das B\u00f6se, das Zerst\u00f6rerische bereits enthalten, da sie nicht darauf angelegt ist, Abwertung zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Doch wie ist zu erkl\u00e4ren, dass viele Lesben und Schwule jetzt bereit sind, aus dem vergifteten Becher zu trinken, also sich nicht dagegen wehren, geduldet zu werden? Einmal hat das sicherlich mit einer nicht \u00fcberwundenen internalisierten Homophobie zu tun, mit einem tief sitzenden Selbsthass, der die Ablehnung der eigenen Sexualit\u00e4t durch die Gesellschaft und das famili\u00e4re Umfeld nicht \u00fcberwunden hat. Ich wei\u00df, dieser Beitrag trieft jetzt schon vor \u00fcberstrapazierten gedanklichen Bildern, doch manchmal sind W\u00f6rter einfach so abgelutscht, dass sie nicht mehr zur Aufkl\u00e4rung beitragen k\u00f6nnen. Es recht, wenn es um Muster der Selbstzerst\u00f6rung geht. Aus diesem Grund wird es demn\u00e4chst auf Zigarettenschachteln Bilder von schwarzen Lungen geben. Ein abgedroschenes Bild. Aber wirksam. Wie das vom schwarzen Schaf. Das schwarze Schaf f\u00fchlt sich schuldig, weil es schwarz ist. Es mag zwar verstehen k\u00f6nnen, dass es selbst so wenig f\u00fcr seine Farbe kann. Es ist aber bereit, die Ablehnung der anderen Schafe zu ertragen, weil die ja auch nichts f\u00fcr ihre Farbe k\u00f6nnen und man es ihnen nicht zu verdenken kann, dass sie das f\u00fcr normal halten, was sie selber sind offensichtlich den allergr\u00f6\u00dften Teil der Herde auszeichnet.<\/p>\n<p>Bleiben wir noch etwas im Bild. Denn es erkl\u00e4rt nicht nur ein psychologisches Ph\u00e4nomen, sondern auch ein gesellschaftliches. Zumindest in diesem Land. Deutschland betrachtet sich als eine einigerma\u00dfen homogene Mehrheitsgesellschaft, die Minderheiten mit dem Angebot gegen\u00fcbertritt, sich in sie integrieren zu d\u00fcrfen. Leitkultur bedeutet in diesem Zusammenhang Leithammelkultur, die aufgrund der herrschenden Verh\u00e4ltnisse weiss, hetero und christlich ist. Wer all das nicht ist, wird trotzdem toleriert, darf also dabei sein, soll sich aber bitte nicht dar\u00fcber beschweren. Die Basis dieser Toleranz-Kultur wird von der Annahme getragen, dass die Alternative zu ihr nicht Akzeptanz sondern Verfolgung ist. Als Franz Josef Wagner in der BILD-Zeitung von zwei Jahren von einer &#8222;glorreichen Zeit&#8220; f\u00fcr Homosexuelle sprach, weil diese nicht mehr ins Gef\u00e4ngnis gesteckt w\u00fcrden, mochte ihm keiner der Vertreter einer deutschen Leitkulturidee widersprechen. Wer sich mit Toleranz zufrieden gibt, bedankt sich daf\u00fcr, nicht verfolgt zu werden. Wer sich daf\u00fcr bedankt, nicht verfolgt zu werden, wird es irgendwann wieder werden.<\/p>\n<p>Toleranz funktioniert nicht. Sie konserviert das Ressentiment, das Gef\u00fchl, dass der andere nur deswegen so anders als man selbst sein darf, weil man es hinnehmen muss. Und nicht, weil Menschen eben anders sind und das gut so ist. Den Schafen ist es egal, welche Farbe sie haben und es gibt nur deshalb so viele wei\u00dfe unter ihnen, weil man sie f\u00fcrs Geschorenwerden so domestiziert hat. Toleranz m\u00f6chte das Anderssein des anderen \u00fcberwinden und nicht das Problem, was Menschen mit dem Anderssein von Menschen haben.<\/p>\n<p>Einen Menschen zu akzeptieren bedeutet nicht, dass man toll finden muss, was er macht, ist und denkt. Aber im Gegensatz zum Tolerieren bedeutet Akzeptieren, dass man es als gleichwertig anerkennt.<br \/>\nUnd um nichts anderes sollte es gehen: Um Wertigkeit, Gleichwertigkeit, und nicht darum, f\u00fcr die von anderen als solche empfundenen Minderwertigkeit nicht verfolgt zu werden.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck an die Bar. Manchmal muss man etwas bestellen, was dort niemand ausschenken m\u00f6chte. Auch auf die Gefahr, etwas seltsam zu wirken und zu nerven. Das gibt sich. Einmal Akzeptanz bitte. Pur.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>Mehr zum Thema aus diesem Blog:<\/em><\/p>\n<p><em><span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\"><a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" title=\"ARD Themenwoche: BR-Intendant Wilhelm bleibt nur Klarstellung oder R\u00fccktritt!\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=4309\">ARD-Themenwoche &#8222;Toleranz&#8220;: BR-Intendant Wilhelm bleibt nur Klarstellung oder R\u00fccktritt.\u00a0<\/a><\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\"><a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=2107\">Brandpost von Franz-Josef Wagner<\/a><\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\"><a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?cat=32\">Das Lexikon der Homophobie<\/a><\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag wurde in der Januar-Ausgabe des Magazins &#8222;M\u00e4nner&#8220; als<span style=\"color: #000000;\"> <a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/m-maenner.de\/2015\/01\/akzeptanz-oder-toleranz\/\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Debattenbeitrag zum Thema &#8222;Akzeptanz oder Toleranz<\/span>&#8222;<\/a> erstver\u00f6ffentlicht. Die Gegenmeinung, ein<\/span> Pl\u00e4doyer f\u00fcr Toleranz, schrieb Christian Mentz.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Toleranz ist nicht der gleiche Drink wie Akzeptanz nur mit weniger Promille und Wirkung. Toleranz ist nicht weniger von etwas, was eigentlich gut ist. 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