{"id":499,"date":"2010-08-15T11:36:12","date_gmt":"2010-08-15T09:36:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=499"},"modified":"2019-03-02T11:31:40","modified_gmt":"2019-03-02T09:31:40","slug":"die-schande-eine-replik-auf-henryk-m-broder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=499","title":{"rendered":"Die Schande. Eine Replik auf Henryk M. Broder"},"content":{"rendered":"<p>Au\u00dfenminister Westerwelle nimmt seinen Partner nicht auf Staatsbesuche in L\u00e4nder mit, in denen auf Homosexualit\u00e4t die Todesstrafe steht. Dass er das damit begr\u00fcndet, nicht un\u00fcberlegt handeln zu wollen, findet Henryk M. Broder <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,711574,00.html\">eine Schande<\/a>.<\/p>\n<p>Broder hat recht, dass diese Entscheidung Westerwelles eine moralische Katastrophe ist. Ist diese jedoch dem Aussenminister vorzuwerfen? Oder entspricht sie nicht dem deutschen Interesse oder zumindest dem, was die meisten Deutschen (und auch die meisten Schwulen in Deutschland) daf\u00fcr halten?<\/p>\n<p>Broder meint, den Deutschen sei ziemlich egal, ob ein Politiker schwul ist. Was will er damit sagen? Dass den Deutschen auch der Kampf um die Selbstverst\u00e4ndlichkeit schwuler Liebe im Zweifel wichtiger ist als die Wahrung anderer strategischen Interessen?<\/p>\n<p>Es ist es naiv anzunehmen, dass die Tatsache, dass eine (angenommene) Mehrheit, glaubt, nichts gegen Schwule zu haben auch besagt, dass dem so ist. Man braucht gar nicht in die Umfragen (z.B die \u00fcber die wachsenden Homo-Resentiments bei Jugendlichen) zu schauen. Ein kurzer Blick in die <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=455\">Kommentarspalten im Internet<\/a> zeigt, dass sobald Homosexuelle wegen irgendetwas in der Kritik stehen, es fast ausschliesslich ihre Homosexualit\u00e4t ist, die die Menschen aufregt und nicht der Grund, warum sie eigentlich in die Kritik geraten sind. Solange Schwule den Erwartungen oder W\u00fcnschen der Gesellschaft entsprechen, werden sie weitgehend toleriert, spannend wird es aber, wenn die Erwartungen gebrochen werden.<br \/>\nDas Eis ist d\u00fcnn, doch ausgerechnet mit diesem Eis sollen wir wir jetzt homofeindliche Diktaturen bewerfen. Nein, nicht wir, Westerwelle solls machen. Wir gucken dann am Fernseher zu, auch die, die der Meinung sind, ein Outing im Versicherungsb\u00fcro sei nun wirklich ein unzumutbares berufliches Risiko, werden dann den Daumen senken oder heben, wie sich das Aussenministerpaar geschlagen hat.<\/p>\n<p>Um kein Zweifel aufkommen zu lassen: Die Zust\u00e4nde in diesen L\u00e4ndern sind f\u00fcr Schwule unertr\u00e4glich und dringend muss etwas passieren.<\/p>\n<p>Aber nicht der Aussenminister ist das Problem sondern der bequeme Mainstream, der relativieren und nicht so genau hin gucken m\u00f6chte (wozu Westerwelle \u00fcbrigens auch vor seiner Wahl nie geh\u00f6rt hat).<\/p>\n<p>Als im Iran 2005 zwei junge Schwule M\u00e4nner nach Ansicht vieler Beobachter nur aufgrund ihrer Homosexualit\u00e4t geh\u00e4ngt wurden, nutzte die <a href=\"http:\/\/www.bildblog.de\/699\/wo-schwulsein-nicht-normal-ist\/\">BILD-Zeitung<\/a> den Abdruck des Bildes der beiden am Galgen nicht zum Protest gegen das Regime, sondern \u00fcbernahm dessen offizielle Propaganda Sprachregelung: \u201eHier werden zwei Kindersch\u00e4nder geh\u00e4ngt\u201c.<\/p>\n<p>Nur mal als Gedankenspiel: Wie w\u00fcrde eigentlich die BILD-Zeitung darauf reagieren wenn Klaus Wowereit darauf bestehen w\u00fcrde, zu einer Papst-Audienz seinen Partner mitzubringen? W\u00fcrde sie den Papst auffordern, ein Zeichen zu setzten und in Zukunft auch andere schwule Politiker auffordern, bei solchen Terminen ihren Mann mitzubringen? Oder w\u00fcrde sie eher als Provokation empfinden, die dann doch etwas zu weit geht?<\/p>\n<p>Als Papst Benedikt gew\u00e4hlt wurde, outete sich Broder als Papst Fan. Das \u00e4nderte sich (zumindest \u00f6ffentlich) auch nicht, als dieser erkl\u00e4rte, dass Homosexualit\u00e4t ein Angriff auf die Sch\u00f6pfung sei. Man stelle sich mal die Aufregung vor, irgendjemand w\u00fcrde behaupten, das emanzipierte Leben von Schwarzen, Juden oder Moslems k\u00e4me <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/gesellschaft\/0,1518,598189,00.html\">\u201eeiner Selbstzerst\u00f6rung des Menschen und der Zerst\u00f6rung von Gottes Werk selbst&#8220;<\/a> gleich! Bei den Schwulen geht das irgendwie durch. Da entschlie\u00dft sich das \u201eWir sind Papst\u201c- Land, den guten Mann dann doch nicht ganz ernst zu nehmen oder das Geasgte f\u00fcr nicht so schlimm.<br \/>\nWie wollen wir fernen Diktatoren erkl\u00e4ren, dass Schwule Rechte nicht relativierbar sind, wenn wir im eigenen Kulturkreis schon so rumeiern? Broder jedenfalls stellte sich erst gegen den Papst, als dieser plante, sich mit der Piusbruderschaft samt ihrem antisemitischen Bischof Williamson zu vers\u00f6hnen. Dass die Piusbr\u00fcder gleichsam gegen Schwule hetzten, war \u00fcbrigens kein besonders grosser Aufreger in diesem Zusammenhang.<\/p>\n<p>Auch als die Bruderschaft im gleichen Jahr den CSD in Stuttgart als \u201eUmzug der sexuellen Perversion\u201c bek\u00e4mpfte, war die Protestwelle eher klein bis unsichtbar. Die Ergebnisse einer Untersuchung, wie viel Prozent der Deutschen dieser Beschreibung insgeheim zustimmt, m\u00f6chte man lieber nicht lesen. Als Ministerpr\u00e4sident Mappus f\u00fcr den Stuttgarter CSD 2010 um ein Gru\u00dfwort der Landesregierung gebeten wurde, delegierte er es an seine Sozialministerin, die dann aber entschied, dies lieber sein zu lassen. Seit zehn Jahren gilt in Baden W\u00fcrtemberg das Thema CSD-Grusswort als <a href=\"http:\/\/www.openpr.de\/news\/430379\/Kein-Grusswort-der-Landesregierung-zum-CSD-Stuttgart.html\">heisses Eisen<\/a>. Sieht so die Entschlossenheit eines Landes aus, die ihren Aussenminister in einen Kulturkampf schicken m\u00f6chte?<\/p>\n<p>Als in Maybrit Illners Talkshow \u00fcber die umstrittene Auswahlpraxis bei den Delegationsmitgliedern seiner Auslandsreisen diskutiert wurde, meinte Hans-Olaf Henkel, dass dies nicht das Problem sei. Sinngem\u00e4\u00df orakelte er lieber dar\u00fcber, dass es aus deutscher Sicht viel problematischer sei, wenn ein schwuler Au\u00dfenminister in Kulturkreise reise, die eine andere Auffassung zur Homosexualit\u00e4t h\u00e4tten. Zumindest dieser Teil seiner Ausf\u00fchrungen bleib weitgehend unwidersprochen.<\/p>\n<p>Wenn Westerwelle schwule Rechte wirklich am iranischen Elberus verteidigen w\u00fcrde, st\u00fcnde er dann nicht vielleicht ziemlich alleine da? Und was w\u00fcrde dieses Signal f\u00fcr den Kampf von Schwulen und Lesben weltweit bedeuten? Geht es Broder \u00fcberhaupt um Schwule oder nicht doch eigentlich um etwas ganz anderes? Warum polemisiert er gegen Schwule, die sich gegen Homophobie im eigenen Land engagieren?<\/p>\n<p>Auch wenn Homophobie in Deutschland zur Zeit nicht besonders chic ist, ist sie allgegenw\u00e4rtig und verfehlt ihre subtile Wirkung nicht. Von dem von Broder beschriebenen Stolz darauf, dass wir in Deutschland einige schwule Spitzenpolitiker haben, kommt an den Schulen, an denen \u201eSchwule Sau\u201c immer noch das beliebteste Schimpfwort ist, wenig an. Die Selbstmordrate unter Jugendlichen bei uns wird auf ein vielfach h\u00f6heres gesch\u00e4tzt als bei heterosexuellen Altersgenossen. Nicht nur der Iran, auch unsere Gesellschaft hat ihre homosexuellen Todesopfer. Das zu bagatellisieren macht es noch schlimmer. Es ist eine Schande!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Au\u00dfenminister Westerwelle nimmt seinen Partner nicht auf Staatsbesuche in L\u00e4nder mit, in denen auf Homosexualit\u00e4t die Todesstrafe steht. Dass er das damit begr\u00fcndet, nicht un\u00fcberlegt handeln zu wollen, findet Henryk M. Broder eine Schande. Broder hat recht, dass diese Entscheidung Westerwelles eine moralische Katastrophe ist. Ist diese jedoch dem Aussenminister vorzuwerfen? Oder entspricht sie nicht &#8230; <a title=\"Die Schande. Eine Replik auf Henryk M. Broder\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=499\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Die Schande. Eine Replik auf Henryk M. Broder\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[156,1],"tags":[],"class_list":["post-499","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-156","category-politik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/499","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=499"}],"version-history":[{"count":22,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/499\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5656,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/499\/revisions\/5656"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=499"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=499"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=499"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}