{"id":567,"date":"2011-09-08T09:53:15","date_gmt":"2011-09-08T07:53:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=567"},"modified":"2019-03-02T11:33:19","modified_gmt":"2019-03-02T09:33:19","slug":"gegen-was-demonstrieren-wir-hier-eigentlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=567","title":{"rendered":"Gegen was demonstrieren wir hier eigentlich?"},"content":{"rendered":"<p>Damit kein Zweifel aufkommt: Ich bin ein Gegner der katholischen Kirche. Ich halte sie f\u00fcr gef\u00e4hrlich, und m\u00f6chte auch ihre staatlich garantierte Rolle in unserer Gesellschaft nicht akzeptieren. Wenn der Papst am 22. September nach Berlin kommt (was sein gutes Recht ist) und im Bundestag spricht (was ich sehr bedenklich finde) erwartet ihn hoffentlich der Protest, den er verdient.<\/p>\n<p>Doch: wo gegen protestieren wir eigentlich? Mit \u201cwir\u201d meine ich, soweit es sie geben kann, eine lesbisch &#8211; schwule Sicht: eine aus unseren eigenen Interessen motivierte Kritik.<\/p>\n<p>Der LSVD hat im Internet \u00fcber m\u00f6gliche Slogans f\u00fcr die Papstdemo abstimmen lassen. Diese Abstimmung sei nicht verbindlich, sondern ein \u201eStimmungsbild\u201c, das beim n\u00e4chsten Netzwerktreffen pr\u00e4sentiert werde, \u201ebei dem \u00fcber das Motto unserer gemeinsame Demo am 22. September 2011 abschlie\u00dfend abgestimmt wird\u201d hei\u00dft es auf der <a href=\"http:\/\/derpapstkommt.lsvd.de\/?p=991\">Website<\/a>.<br \/>\n\u00dcber 2000 Leute haben an diesem \u201cStimmungsbild\u201d mitgemalt. Das ist nicht nur quantitativ sehr beachtlich, sondern auch qualitativ, da es nicht nur um einen kurzen \u201eI like\u201c &#8211; Reflex handelt, sondern um die Besch\u00e4ftigung mit zehn Leitspr\u00fcchen und der Entscheidung f\u00fcr einen eigenen Favoriten.<\/p>\n<p>Relativ abgeschlagen, und uns somit hoffentlich erspart, bleiben uns die eher ballermannesquen Vorschl\u00e4ge wie \u201eRatzi, gib Gummi\u201c und \u201eLieber Kondom statt Petersdom\u201c was wohl bei letzterem nicht nur an der grammatikalischen Unm\u00f6glichkeit liegt.<\/p>\n<p>Gewonnen hat ein Bonmot von Max Frisch, \u201eOhne Kirche \u2013 keine H\u00f6lle\u201c. Ein sch\u00f6ner Satz, ein spannendes Thema. Aber was hat er mit unserem Anliegen bei der Papst-Demonstration zu tun? Wollen wir wirklich gegen die Kirche insgesamt demonstrieren?<\/p>\n<p>Die Lustfeindlichkeit, der Z\u00f6libat, ja sogar das Verbot eines offen schwulen Priestertums sind erst mal kircheninterne Probleme, die uns nur dann etwas angehen, wenn dadurch die sexuelle oder irgendwie anderswie gelagerte Ausbeutung gef\u00f6rdert wird. Niemand mu\u00df katholischer Priester werden, und wer es trotzdem tut, kennt die Spielregeln.<\/p>\n<p>Wenn ich in einen Verein der Vollbarttr\u00e4ger eintrete, und in der Satzung steht, da\u00df alle Repr\u00e4sentanten einen Vollbart zu tragen haben, mu\u00df ich eben meine Konsequenzen ziehen, wenn ich irgendwann doch lieber ohne Bart weiterleben m\u00f6chte. Oder ich klebe mir, zumindest \u00f6ffentlich, einen Faschingsbart an und leide dann unter der st\u00e4ndigen Verwandlung. M\u00f6glicherweise genie\u00dfe ich sie auch.<br \/>\nVielleicht mu\u00df ich auch mit der unguten Situation leben, die dann eintritt, wenn der sich der Klebebart an einer Seite zu l\u00f6sen beginnt. Vielleicht habe ich dann ein Identit\u00e4tsproblem, vielleicht suche ich mir auch nur einen besseren Kleber.<br \/>\nMan kann auch die Frauenmitglieder verstehen, die eine solche Satzung nicht so toll finden, aber das sind alles Vereinsprobleme. Jedenfalls so lange, wie ein solcher Verein nicht versucht, seine Satzung auf die ganze Gesellschaft zu \u00fcbertragen, doch dazu kommen wir sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Ja, f\u00fcr viele ist die Kirche die H\u00f6lle, aber hat nicht jeder nicht nur das Recht auf seinen eigenen Himmel, sondern auch auf seine eigene H\u00f6lle? Ja, es gibt viel dar\u00fcber zu sagen, da\u00df die Kirche auch auf Erden die H\u00f6lle mit im Gep\u00e4ck hat. Aber wollen wir wirklich die Endlosdiskussion f\u00fchren, in der die guten und die schlechten Wirkungen der Kirche gegeneinander abgewogen werden?<\/p>\n<p>Ist dieser rituelle Kampf nicht mittlerweile zur gegenseitigen Selbstbefriedigung geworden? Gegenseitige Emp\u00f6rung, die dazu noch in die H\u00e4nde der Kirche spielt.<\/p>\n<p>Fakt ist: Der Mehrheit der Gesellschaft ist die Kirche egal. Aber: Der Mehrheit der Gesellschaft sind wir auch egal.<\/p>\n<p>Der Besuch des Papstes in der Hauptstadt seines Heimatlandes stellt eine historisch besondere Situation dar. Entsprechend steht auch die Demonstration gegen ihn in einem besonderen Fokus. Wollen wir die von uns erwartete Protestfolklore bieten, auf die der Vatikan hofft,in dem wir ihn die Zunge heraus und den Arsch entgegen strecken. Mit Kondomen schmei\u00dfen? Wollen wir diese einmalige Aufmerksamkeit wirklich damit verschwenden, uns an der Kirche im Allgemeinen abzuarbeiten?<\/p>\n<p>F\u00fcr viele Menschen bedeutet die Kirche Trost, und sie verdienen Respekt f\u00fcr das was sie glauben, egal wie absurd es manchem vorkommen mag. Jeder kann glauben was er will. Und jeder kann auch der Meinung sein, da\u00df in der Bibel festgeschrieben ist das Homosexualit\u00e4t b\u00f6se ist. Das sollte uns eigentlich nicht weiter beunruhigen, zumal es ja meist die selben Menschen sind, sie daran glauben, da\u00df man zum Kinderkriegen nicht unbedingt einen m\u00e4nnlichen Samen ben\u00f6tigt.<br \/>\nJeder darf ein Freak sein! Das erlaubt ihm das Grundgesetz. Es verbietet ihm aber auch, die W\u00fcrde anderer Menschen anzugreifen.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Papstbesuch w\u00fcrde ich gerne die Frage, ob die Kirche allgemein das Problem ist, einfach mal verschieben. Viele Menschen glauben nicht nur an Gott, sie glauben an die Kirche. \u00dcber Glauben kann man nicht streiten. Gegen Glauben kann man nicht demonstrieren. Gegen politische Agitation schon.<\/p>\n<p>Warum sinnieren wir \u00fcber Sinn und Unsinn der Kirche? Warum verteidigen wir nicht einfach nur unsere Interessen? Vielen gesellschaftlichen Gruppen stehen Ungeheuerlichkeiten der katholischen Kirche entgegen.<br \/>\nUnsere hei\u00dft Homophobie. Ich finde, darauf sollten wir uns konzentrieren. Nicht, weil die Kirche so toll ist. Sondern weil jeder allgemeine Protest, jede allgemeine Provokation die Kirche davor sch\u00fctzt als das da zu stehen, was sie ist: Eine gef\u00e4hrliche homophobe Organisation.<\/p>\n<p><strong>Tipp:<br \/>\n\u00dcber einen m\u00f6glichen Grund von Homophobie in der Kirche habe ich <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=487\">hier gebloggt<\/a>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Damit kein Zweifel aufkommt: Ich bin ein Gegner der katholischen Kirche. Ich halte sie f\u00fcr gef\u00e4hrlich, und m\u00f6chte auch ihre staatlich garantierte Rolle in unserer Gesellschaft nicht akzeptieren. Wenn der Papst am 22. 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