{"id":6469,"date":"2016-06-05T17:54:01","date_gmt":"2016-06-05T15:54:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=6469"},"modified":"2019-03-02T11:52:58","modified_gmt":"2019-03-02T09:52:58","slug":"der-neue-berlin-tatort-ist-eine-sensation-auch-weil-er-keine-sensation-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=6469","title":{"rendered":"Der neue Berlin-Tatort ist eine Sensation. Auch weil er keine Sensation ist."},"content":{"rendered":"<p>Ja, es geht hier um den neuen Berliner Tatort<em> \u201eWir \u2013 Ihr \u2013 Sie\u201c<\/em> , ja genau den, bei dem der Kommissar Sex mit einem Mann hat. Aber es geht um viel mehr. Deshalb erstmal eine kleine W\u00fcrdigung dessen, was da bisher so alles schief gewesen ist.<\/p>\n<p>Noch bevor ich selber wusste, dass ich es war, ja, bevor ich \u00fcberhaupt richtig kapierte, was das eigentlich ist, schwul, wusste ich, dass es so mit die gr\u00f6\u00dfte Schei\u00dfe sein muss, die einem passieren kann. Einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr war, dass es die Schulleitung meines Gymnasiums eine tolle Idee fand, einen katholischen Priester (einen, und das war Teil des Problems, sehr freundlichen, aufrichtigen, aber trotzdem halt katholischen Priester) uns das mit der Sexualit\u00e4t erkl\u00e4ren zu lassen. Ein anderer Grund war Derrick.<\/p>\n<p>Neben den sch\u00f6nen Villen der mordverd\u00e4chtigen oberen Zehntausend ist mir vor allem Schwulsein als Todesursache im Ged\u00e4chtnis geblieben, die immer kurz vor Ende aus dem Hut gezaubert wurde, also dann, wenn alles, was eigentlich plausibel gewesen w\u00e4re jetzt doch irgendwie nicht mehr sein kann. Wenn nichts mehr ging, ging immer noch Tod wegen schwul. Egal, ob es dann was mit Familienschande, einer ungl\u00fccklichen unm\u00f6gliche Liebe, einem unm\u00f6glichen Leben oder mit Erpressung zu tun hatte: Ich lernte schnell, dass Schwulsein etwas war, von dem man mindestens so viel Angst haben musste, wie vor Verkehrsunf\u00e4llen, Naturkatastrophen und b\u00f6sen n\u00e4chtlichen Monstern. Das war in den 70ern. Aber auch heute noch werden Krimis so erz\u00e4hlt. Ralf Husmann, der\u201eStromberg\u201c-Autor schrieb seinen Dresdner Tatort \u201eAuf einen Schlag\u201c, der Anfang M\u00e4rz diesen Jahres <a href=\"http:\/\/www.mz-web.de\/panorama\/fernsehen\/-tatort--kritik--auf-einen-schlag--aus-dresden-figuren--die-wie-abziehbilder-wirken-23677244\">ausgestrahlt<\/a> wurde,\u00a0 genau nach diesem Strickmuster.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu seinen fr\u00fcheren Kollegen darf vermutet werden, dass Husmann nicht selbst der Meinung ist, dass Schwulsein irgendwie Mist ist, ja, dass er wahrscheinlich sogar die, die so denken, kritisieren m\u00f6chte. Dass er die homophoben Verh\u00e4ltnisse \u00e4ndern m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Tut er aber nicht. Mit seiner haneb\u00fcchenen Story von einem, der sterben muss, weil sein Schwulsein schlecht f\u00fcrs Schlager-Image ist, konstruiert er eine irrige Realit\u00e4t, die nat\u00fcrlich keine schlimmen Zust\u00e4nde beschreibt und anprangert, sondern die Angst und die Logik, die solchen Zust\u00e4nden zugrunde liegen, restauriert und beschw\u00f6rt. Oder, um es anders zu sagen: Man w\u00fcnscht sich, dass m\u00f6glichst wenige Coming-out-Schwule sich diesen Tatort angesehen haben.<\/p>\n<p>Aber das darf Kunst. Kunst darf dummer Bl\u00f6dsinn sein. Auch leichtsinniger, gef\u00e4hrlicher, angstmachender, verletzender Bl\u00f6dsinn. Gerade was deutsche Fernsehkrimis betrifft, sind Lesben und Schwule jahrzehntelang damit aufgewachsen, damit irgendwie klarzukommen. (Hier dazu ein sch\u00f6ner <a href=\"http:\/\/www.morgenpost.de\/kultur\/tv\/article207644265\/Der-Berliner-Tatort-zeigt-erstmals-schwule-Sex-Szene.html\">TV-Geschichtsr\u00fcckblick<\/a> f\u00fcr dpa von Gregor Tholl) Eine Story muss nicht stimmen. Sie muss nur gut sein.<\/p>\n<p>Doch darum geht es hier nicht, das hier ist kein Kritiker-Blog. Hier besch\u00e4ftige ich mich in Bezug auf Medien damit, was sie mit oder aus Homosexuellen, vor allem Schwulen machen, wie sie sich (bewusst oder unbewusst) f\u00fcr oder gegen unsere Emanzipation stellen, wie sie die Herausforderung einer angemessenen Besch\u00e4ftigung mit neuen und alten homophoben Mechanismen und Entwicklungen meistern.<\/p>\n<p>Und wie sie daran scheitern:<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Husmanns Tatort-Vorg\u00e4nger ihre Schwulenstorys vor allem dadurch verkl\u00e4rten, dass sie die Homos als Freaks zeigten, ist es heute \u00fcblich, die Homohasser zu Freaks zu machen. Bei \u201eAuf einen Schlag\u201c waren das depperte Volks- und Schlagermusiker. Irgendwelche offensichtlich aus der Zeit gefallenen Idioten halt, \u00fcber die sich der Alltagshomophobiker dann erheben kann, und sich dann trotzdem als Opfer f\u00fchlen darf, wenn man ihn f\u00fcr sein &#8222;Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber&#8220; kritisiert.<\/p>\n<p>So sind &#8211; und da ist das deutsche Fernsehen ja voll davon &#8211; auch gut gemeinte Geschichten \u00fcber Homosexuelle im Endeffekt homophobe Geschichten, weil sie einen Konsens beschw\u00f6ren, bei dem die Homohasser (die Rassisten, die Fremdenfeinde, die Frauenfeinde) immer die anderen sind. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses schreckliche \u00f6ffentlich-rechtliche Konsens-Narrativ, dieses &#8222;Wir sitzen alle auf einer Couch&#8220;-Prinzip mit dazu beigetragen hat, dass Deutschland ein Land ist, in dem selbst Leute wie Beatrix von Storch der Meinung sind, sie seien nicht homophob.<\/p>\n<p>Aber es geschehen eben noch Wunder. Und eines davon ist eben der neue Berliner Tatort. Dass da zum ersten Mal mit Mark Waschke als Kommissar Karow ein Ermittler beim gleichgeschlechtlichen Sex gezeigt wird, ist nicht das Besondere. Nach ein paar Hundert Folgen war es einfach an der Zeit. Das Besondere ist, dass dieser Zeitwechsel hinein in die Realit\u00e4t fast alles richtig macht, was sonst fast immer, wenn es um Homosexualit\u00e4t in den Medien geht, falsch gemacht wird. (\u00dcber die Obsession von TV-Machern, Schwulenbars als Fetisch-L\u00e4den &#8211; in dem Fall Toms Bar umgestylt als &#8222;Maybe&#8220; &#8211; darzustellen, gehen wir heute mal g\u00fctig hinweg.) Also, richtig gemacht:<\/p>\n<p>Es f\u00e4ngt damit an, dass der Sex unmissverst\u00e4ndlich sichtbar ist (mit einem passiven Kommissar, was f\u00fcr viele Zuschauer die Unmissverst\u00e4ndichkeit noch unterstreichen k\u00f6nnte). Aber der Blick auf die beiden ist weder voyeuristisch nah, noch wendet er sich angeekelt ab, er will weder erotisieren, noch provozieren. Er will einfach nur erz\u00e4hlen: Kommissar Karo wird gerade gefickt. Die Szene taugt nur f\u00fcr die als Skandal, f\u00fcr die Homosexualit\u00e4t sowieso ein Skandal ist. (<em>Hier geht es zum <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?tag=bild\">Nollendorfblog-Archiv<\/a> \u00fcber die Homophobie der BILD-Zeitung<\/em>)<\/p>\n<p>Aber eine Sensation ist sie trotzdem. Und zwar, weil sie alles vermeidet, was eine Sensation daraus machen k\u00f6nnte und normalerweise macht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend gleichgeschlechtlicher Sex im deutschen Fernsehen wahlweise als mutig, lustig, peinlich oder pikant zu gelten hat, ist es hier einfach nur, was es eben ist: Sex. Und da es im echten Leben wie auch in diesem Drehbuch Leute gibt, die das nicht so sehen k\u00f6nnen, f\u00e4llt ein Satz, auf den Generationen von queeren Kindern vor deutschen Fernsehern innerlich gehofft haben, dass es einmal so einen Satz geben kann.<\/p>\n<p>Es ist die Stelle, als die Kollegen das Videoband einer \u00dcberwachungskamera sichten, und ihrem vorgesetzten Kommissar jetzt beim Geschlechtverkehr mit einem Mann zuschauen. Und dann der eine Kollege dar\u00fcber einen Witz machen will, was er da gerade sieht. Und dann \u00fcberraschenderweise der Kommissar selbst dazu kommt, also jetzt neben seinen Kollegen steht, die ihm gerade beim Sex zusehen. Und dann zu dem Witzbold bezogen auf seinen guten Sex sagt: &#8222;Davon kannst Du nur tr\u00e4umen&#8220;.<\/p>\n<p>Puh! Es geht doch. Endlich mal eine coole schwule Hauptfigur (oder zumindest ein Mann, der mit einem anderen Mann Sex hat, das ist noch nicht ganz klar &#8230;) die kein Freak, kein Opfer ist, die sich nicht sch\u00e4mt, sich nicht versteckt, nicht verkl\u00e4rt. Die einfach nur Sex hat und zeigt, dass dar\u00fcber nur geredet wird, weil die anderen dar\u00fcber reden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist auch das nicht &#8222;normal&#8220; im Sinne, dass so was, wenn es stattfinden w\u00fcrde, unbedingt so laufen w\u00fcrde. Es ist nicht mal wahrscheinlich. Aber es kann eben so laufen.<\/p>\n<p>Und es k\u00f6nnte noch \u00f6fter so laufen, wenn Medien sich das auch vorstellen k\u00f6nnten. Und wenn Medien (wie der rbb, der diesen Tatort entwickelt hat)\u00a0 darauf verzichten, daraus einen Coup zu landen, wenn sie nicht alles wieder kaputt machen, weil sie sich daf\u00fcr feiern lassen, wie mutig sie waren. Und wenn Schauspieler einfach nur Schauspieler sind, die sich ihrer Rolle und deren Geschichte verpflichtet f\u00fchlen und nicht dadurch ein ganz anderes Kopfkino starten, indem sie dar\u00fcber reden, wie es ist, als Hetero einen Schwulen beim Sex zu spielen.<\/p>\n<p>Ob dieser Tatort auch f\u00fcr Jungendliche geeignet ist? Ja, ganz besonders gut sogar!<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #000000;\">Hier der Vorbericht zum Tatort \u201eWir \u2013 Ihr \u2013 Sie\u201c:<\/span><span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\"> <a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" title=\"Permanentlink zu BILD versaut schwulen \u201eTatort\u201c \u2013 Sex\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=6367\" rel=\"bookmark\">BILD versaut schwulen \u201eTatort\u201c \u2013 Sex<\/a><\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p><em>Hier Nollendorfblog-Archiv zum Thema<span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\"> <a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?cat=74\">&#8222;Homosexuelle in den Medien&#8220;<\/a><\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p><em>N\u00e4chste Woche erscheint hier die TV-Krimi-\u201eHomo-Z\u00e4hlung\u201c. Bitte helft noch mit, eine Auflistung aller deutschen TV-ErmittlerInnen zu erstellen und ihrer Sexueller Identit\u00e4ten zu erstellen:<\/em><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline; color: #000000;\"><em><a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" title=\"Permanentlink zu Alles klar Herr Kommissar? Auf zur Krimi- und Homoz\u00e4hlung!\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=5888\" rel=\"bookmark\">Alles klar Herr Kommissar? Auf zur Krimi- und Homoz\u00e4hlung!<\/a><\/em><\/span><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>Das Vorschaubild (siehe <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\">Startseite<\/a>) zeigt den (heterosexuellen) Schauspieler Felix Betzin, der in \u201eWir \u2013 Ihr \u2013 Sie\u201c u.a. die Sex-Szene mit\u00a0Mark Waschke spielt. Auch er konnte der Anfrage des Nollendorfblogs widerstehen, dar\u00fcber zu reden. <\/em><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>Diesen Beitrag auf Facebook liken \/ sharen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es geschehen noch Wunder. Und eines davon ist der neue Berliner Tatort \u201eWir \u2013 Ihr \u2013 Sie&#8220;. Dass da zum ersten Mal mit Mark Waschke als Kommissar Karow ein Ermittler beim schwulen Sex gezeigt wird, ist nicht das Besondere, sondern, dass die Macher fast alles richtig gemacht haben, was sonst fast immer falsch gemacht wird, wenn es um Homosexualit\u00e4t in den Medien geht. Foto: (c) Felix Betzin.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6508,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[162,101,98,74],"tags":[],"class_list":["post-6469","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-162","category-applaus-statt-meckern","category-film-theater","category-medien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6469","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6469"}],"version-history":[{"count":67,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6469\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6537,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6469\/revisions\/6537"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/6508"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6469"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6469"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6469"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}