{"id":6729,"date":"2016-06-23T21:07:54","date_gmt":"2016-06-23T19:07:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=6729"},"modified":"2019-03-02T13:18:12","modified_gmt":"2019-03-02T11:18:12","slug":"die-schrecklich-nette-homophobie-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=6729","title":{"rendered":"Die schrecklich-nette Homophobie der &#8222;Zeit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Auf der Titelseite der &#8222;Zeit&#8220; der letzten Woche hat sich in einem Artikel \u00fcber die Gr\u00fcnde des Orlando-Anschlags folgender Satz versteckt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Homophobie ist nicht zuletzt eine Reaktion auf die enormen Emanzipationsgewinne der Schwulen und Lesben.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieser Satz ist ein Hammer.<\/p>\n<p>Ungef\u00e4hr so ein Hammer wie der, dass der Rassenhass in Amerika nicht zuletzt eine Reaktion ist auf das Verbot der Sklaverei. Oder der, dass der Antisemitismus nicht zuletzt eine Reaktion ist auf die Gr\u00fcndung des Staates Israel.<\/p>\n<p>Die Emanzipation, die Befreiung, der Selbstschutz, die Selbstbestimmung sind Schuld, und nicht das, was das alles angreift und behindert. Oder, konsequent zu Ende gedacht: Der Schwarze, der Jude, der Homo.<\/p>\n<p>Das Schlimme (weil so brilliant-heimt\u00fcckische) an diesem Satz ist, dass er einfach f\u00fcr sich steht, also nicht als gewagte These diskutiert wird, sondern als Allgemeinplatz, der keiner weiteren Begr\u00fcndung bedarf. Und dass er es gleichzeitig schafft, all das zu verinnerlichen, was das homophobe State of the Art dieser Tage ausmacht:<\/p>\n<p>Die vermeintliche Harmlosigkeit, dieses gaulandsche: war ja nicht so gemeint, ich hab ja nur die Fakten gesagt, die Umkehrung der T\u00e4ter-Opfer Logik und die implizierte Andeutung, dass Emanzipation ein &#8222;Gewinn&#8220; f\u00fcr die einen in dem Sinne ist, dass er anderen irgendetwas weg nimmt, dass es also um einen Gruppenvorteil geht und nicht um Gerechtigkeit und Gleichheit, und somit etwas, was allen zugute kommt. Dass er im Prinzip nicht nur die Ursachen von Homophobie auf den Kopf stellt und somit unsichtbar macht, sondern auch die Chancen und M\u00f6glichkeiten, diese zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Doch noch schlimmer als der Satz selber ist, dass man \u00fcberhaupt begr\u00fcnden muss, was an ihm so schlimm ist, dass er &#8211; anders als wenn er von Beatrix von Storch oder von der &#8222;Jungen Freiheit&#8220; stammen w\u00fcrde &#8211; sich nicht rechtfertigen muss, keinen nennenswerten Protest ausl\u00f6st, sondern in dem Common Sense aufl\u00f6st, in den er hineingeschrieben ist.<\/p>\n<p>Das Schlimme an diesem Satz ist, dass ein homophober Satz in der Zeit nicht als ein homophober Satz gilt, da er ja in der &#8222;Zeit&#8220; steht.<\/p>\n<p>Dass das einfach so durch geht, zeigt, wie sehr die Autosuggestion vieler Links-Intellektueller fortgeschritten ist, in Sachen Entsolidarisierung ein Teil der L\u00f6sung, und nicht des Problems zu sein.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind es die neuen Rechten, die die Stimmung gegen Minderheiten, und insbesondere auch gegen Homosexuelle anheizen.<\/p>\n<p>Doch ihr Erfolg, ihre Debattenmacht ist vor allem deshalb m\u00f6glich, weil die Dehnung des Sagbaren nicht nur durch die Verschiebung des Parteienspektrums nach rechts stattgefunden hat, sondern dadurch, diese Verschiebung in allen &#8222;Milieus&#8220; mitger\u00fcckt ist, also auch im links-intellektuellem, das in Deutschland publizistisch besonders durch die &#8222;Zeit&#8220; repr\u00e4sentiert wird.<\/p>\n<p>Doch die &#8222;Zeit&#8220; hatte nicht nur keinen Sensor f\u00fcr den <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?cat=79\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Paradigmenwechsel<\/a>. Sie hat ihn selbst mit vorangetrieben, am sichtbarsten durch die (neben dem Chefredakteur und den Herausgebern) wohl markansteste \u00f6ffentliche Figur, ihren Magazin-Kolumnisten Harald Martenstein.<\/p>\n<p>Martenstein ist eine der deutschen Integrationsfiguren f\u00fcr all die, die ihre Ressentiments kultivieren, sich dabei aber doch noch irgendwie links und aufgekl\u00e4rt f\u00fchlen wollen. Er steht f\u00fcr das Bem\u00fchen der &#8222;Zeit&#8220;, ihren Lesern das Wohl-Gef\u00fchl zu vermitteln, mit Homophobie und Rassismus nichts zu tun zu haben. Wir sind die netten. Das Problem sind die anderen. Dabei w\u00e4re es in den letzten Jahren ihre Aufgabe als eine der f\u00fchrenden links-liberalen Meinungsmedien gewesen, die eigene Klientel mit ihrem eigenen Vers\u00e4umnissen beim Engagement f\u00fcr gleiche Rechte und gegen Diskriminierung zu konfrontieren, die Codes der Entsolidarisierung zu entschl\u00fcsseln und LGTBI als Menschenrechts &#8211; und nicht als Minderheitenthemen zu begreifen.<\/p>\n<p>Stattdessen Martenstein, der schon vor sieben Jahren, als ich hier begann, \u00fcber die wachsende Aggression gegen Homosexuelle zu schreiben, die eigentlichen aggressiven \u00dcbelt\u00e4ter unter den Homosexuellen ausmachte (<em>ja, das ist tats\u00e4chlich mein <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=1\">allererster Blogbeitrag<\/a><\/em>).<\/p>\n<p>Er ist nicht so dumpf und eindimensional wie AfD Politiker, immer ironisch, selbstironisch, er l\u00e4stert, statt zu p\u00f6beln und karikiert, statt offen zu beleidigen. Und doch bildet seine Agenda das immer bedrohlicher klingende Grundrauschen, auf dem die Besorgten B\u00fcrger ihre Angriffe blasen. Martenstein sieht sein Hetero-Mannsein von Feministinnen und Minderheiten bedroht und ist ein Vork\u00e4mpfer gegen alles, was irgendwie mit Gendergerechtigkeit zu tun hat. Schon bevor Amerikas Rechte die Frage, auf welche Toilette Transgender gehen sollten, zur Frontlinie eines neuen <a href=\"http:\/\/www.queer.de\/detail.php?article_id=25854\">Kulturkampfes<\/a> erkl\u00e4rten, hatte Martenstein begriffen, dass Trans- und Intermenschen ein besonders dankbares Opfer f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2013\/12\/Martenstein-Oeffentliche-Toiletten\">seine Stimmungsmache<\/a> sind.<\/p>\n<p>Chefredakteur Giovanni di Lorenzo findet das nicht problematisch. Im Gegenteil. Auf <a href=\"http:\/\/uebermedien.de\/465\/wo-ich-lautstarke-medienjournalisten-erwarte-hoere-ich-ohrenbetaeubendes-schweigen\/\">uebermedien.de<\/a> erkl\u00e4rte er, Martenstein sei ein<\/p>\n<blockquote><p>&#8220; .. ein Antikonformist par excellence und ein gl\u00e4nzender Kolumnist. Wenn man das, was er geschrieben hat, in ein paar Jahren nachliest, wird man vermutlich feststellen, dass er wie nur wenige den Blick f\u00fcr die Exzesse des Zeitgeistes hatte, auch f\u00fcr die \u00dcbertreibung der Political Correctness. (&#8230;) In erster Linie stellt er sich gegen den Mainstream und ist oft sehr lustig.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass der Kolumnist &#8222;oft sehr lustig&#8220; ist , kann man sicher so sehen. Dass er aber &#8222;wie nur wenige den Blick f\u00fcr die Exzesse des Zeitgeistes hatte&#8220; ist mehr als abstrus angesichts einer Grundstimmung im Land, die vor allem davon gepr\u00e4gt ist, dass ihm Minderheiten ganz geh\u00f6rig auf den Geist gehen. Martenstein stellt sich nicht gegen den immer<a href=\"http:\/\/m-maenner.de\/2016\/06\/hass-auf-minderheiten-nimmt-zu-mitte-studie\/\"> gruseligeren<\/a> Mainstream. Er bl\u00e4st ihn mit auf, und malt ihm dabei gleichzeitig ein harmloses, nettes Gesicht.<\/p>\n<p>So nett, dass alle Beteiligten einen hammerhomophoben Satz einfach \u00fcbersehen. Weil es Homophobie in der &#8222;Zeit&#8220; nicht geben kann, weil die &#8222;Zeit&#8220; ja nicht homophob ist. Und wenn auf der Titelseite doch ein homophober Satz steht, dann kann da irgendwas nicht stimmen. Mit der Homophobie.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>Mehr in diesem Blog zu Harald Martestein:<span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"color: #000000;\"> <a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=4830\">Gute Homos, b\u00f6se Fl\u00fcchtlinge<\/a><\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>Diesen Beitrag auf Facebook liken \/ sharen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Emanzipation, die Befreiung, der Selbstschutz, die Selbstbestimmung sind Schuld, und nicht das, was das alles angreift und behindert. 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