{"id":6993,"date":"2016-08-24T19:45:44","date_gmt":"2016-08-24T17:45:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=6993"},"modified":"2020-07-20T13:35:25","modified_gmt":"2020-07-20T11:35:25","slug":"rassismus-warum-nina-queer-nicht-borat-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=6993","title":{"rendered":"Rassismus: Warum Nina Queer nicht Borat ist"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Nina Queer reproduziert \u00fcbelste rassistische und kolonialistische Klischees, indem sie Afrikaner als dauererregte und hochpotente M\u00e4nner mit mangelnder Impulskontrolle verspottet.&#8220;<\/p>\n<p>Um die SPD im Wahlkampf zu treffen, <a href=\"https:\/\/www.landespressedienst.de\/kai-wegner-zu-nina-queer-toleranz-botschafterin-von-michael-mueller\/\">zielen CDU<\/a> und Junge Union gerade auf den von den Sozialdemokraten zu ihrer &#8222;Toleranzbotschafterin&#8220; gek\u00fcrten Drag-Star Nina Queer. Diese hatte 2011\u00a0 f\u00fcr das mittlerweile eingestellte Schwulenmagazin &#8222;Du &amp; Ich&#8220; eine Kolumne geschrieben, in der sie eine <a href=\"http:\/\/ninaqueer.com\/die-kolumnen\/\">deftige Geschichte<\/a> erz\u00e4hlt, in der sie sich als Sextouristin in Afrika &#8222;untenrum&#8220; begl\u00fccken l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die in diesem Text flei\u00dfig aneinandergereihten rassistischen Klischees, das ist leicht zu erkennen, waren keine Entgleisungen, sie waren der eigentliche Inhalt. Ob es sich allerdings dabei &#8211; wie die CDU &#8211; behauptet &#8211; um Rassismus handelt, ist eine andere Frage.<\/p>\n<p>Denn erstens ist der Text eindeutig Satire und zweitens ist Nina Queer eine Kunstfigur. Eine der Hauptfunktionen von Kunstfiguren ist es, Dinge zu sagen, da man als echter Mensch nicht sagen darf, die Kunstfigur lebt meist in einer erfundenen, k\u00fcnstlichen Welt. Sie erz\u00e4hlt erfundene Geschichten und nimmt eine Haltung ein, die nicht der des Menschen dahinter entsprechen muss, oft sogar dieser kontr\u00e4r gegen\u00fcbersteht.<\/p>\n<p>Man muss also dem Mensch hinter Nina Queer vor den Vorw\u00fcrfen der CDU in Schutz nehmen, man\u00a0 muss diesem Mensch zugute halten, dass seine Kunstfigur eben irgendwie Kunst ist, dass die Stereotypen, die die Figur vorbringt, m\u00f6glicherweise deswegen vorbringt, um diese zu entlarven, zu diskutieren oder wie auch immer zu betrachten. Der Mensch dahinter muss sich dazu nicht erkl\u00e4ren. Denn auch das Nichterkl\u00e4ren ist Teil der Kunst.<\/p>\n<p>Aber auch ein Problem.<\/p>\n<p>Das Problem kann man am Beispiel Borat leicht erkl\u00e4ren: Borat ist ganz eindeutig ein Antisemit und Rassist. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sacha_Baron_Cohen\">Sacha Baron Cohe<\/a>n, der Mann hinter Borat, ist es (nach allem, was man wei\u00df) nicht. Sacha Baron Cohen gibt sich als Sch\u00f6pfer seiner Figur zu erkennen, er taucht beispielsweise im Abspann des Borat-Films auf, schafft also eine Distanz zu dem Wesen, das er erschaffen hat. Cohan ist also der K\u00fcnstler, Borat ist das Werkzeug. Oder so.<\/p>\n<p>Bei Nina Queer ist das anders. Ihr Sch\u00f6pfer ist \u00f6ffentlich nicht pr\u00e4sent, \u00e4u\u00dfert sich nicht, die \u00d6ffentlichkeit wei\u00df nichts \u00fcber ihn und seine Haltungen. Er \/ sie l\u00e4sst die Figur f\u00fcr sich sprechen, es gibt keine Distanz.\u00a0 Das ist sein\/ihr Recht und auch k\u00fcnstlerisch konsequent und spannend.<\/p>\n<p>Allerdings muss er\/sie sich dann konsequenterweise auch gefallen lassen, wenn man die rassistischen \u00c4u\u00dferungen der Figur rassistisch nennt. Und da CDU und Junge Union nicht den Mensch dahinter, sondern die Figur angegriffen haben, ist es schon abenteuerlich absurd, wenn die Figur Nina Queer als Nina Queer in einem Statement gegen\u00fcber <a href=\"http:\/\/www.blu.fm\/blu\/szene\/berlinwahl2016-nina-queer-junge-union-rassismus-vorwurf\/\">blu behauptet<\/a>, es sei<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;einfach eine L\u00fcge von der Jungen Union, diese offensichtlich erfundene Geschichte als meine pers\u00f6nliche Aussage und Lebenseinstellung darzustellen\u201c.<\/p><\/blockquote>\n<p>Also gleichzeitig f\u00fcr sich reklamiert, Kunstfigur und nicht Kunst-Figur zu sein, ohne f\u00fcr das gerade zu stehen, was die Kunstfigur (wom\u00f6glich, wahrscheinlich ja aus gutem Grund!) verzapft hat.<\/p>\n<p>Aber auch hier w\u00fcrde man Nina Queer gerne in Schutz nehmen. Ihre Figur funktioniert eben auf den B\u00fchnen, die f\u00fcr sie geschaffen sind, oder denen, sie sich selbst baut.<\/p>\n<p>Aber auf der politischen wird sie zur Farce.<\/p>\n<p>Doch genau hier ist sie jetzt, es hat sie keiner gezwungen. Und wir diskutieren hier gerade nicht\u00a0 \u00fcber Stilfragen, nicht \u00fcber Make Up, Zickenstreit, Pointendichte oder Glamour.<\/p>\n<p>Wir reden hier \u00fcber Rassismus.<\/p>\n<p>Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die CDU in Berlin ist f\u00fcr mich unw\u00e4hlbar, auch weil ich sie in gro\u00dfen Teilen f\u00fcr homophob, sexistisch und mindestens latent-rassistisch halte. Doch nur weil ein Vorwurf von der falschen Seite kommt, ist er nicht automatisch falsch. Und wenn er falsch ist, dann muss man erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, warum das so ist. Ja: Von einem K\u00fcnstler\/einer K\u00fcnstlerin, die sich mitten in einem politischen Wahlkampf als &#8222;Toleranz-Botschafterin&#8220; berlinweit plakatieren l\u00e4sst, darf man erwarten, dass sie in der Lage ist, mit Rassismus-Vorw\u00fcrfen auf argumentativer Ebene umzugehen.<\/p>\n<p>Doch das ist sie offensichtlich nicht. Stattdessen macht sie sich zum Opfer. Nina Queer zu blu:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDass es die CDU n\u00f6tig hat, gerade eine Dragqueen anzugreifen, die ja nun wirklich eine ganz kleine Minderheit unter den Minderheiten darstellt, ist doch wirklich unterste Schublade!\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Was will sie damit sagen? Dass eine diskriminierte Minderheit nicht in der Lage ist, andere Minderheiten zu diskriminieren? Dass man es einer diskriminierten Minderheit nachsehen muss, wenn sie andere Minderheiten diskriminiert?<\/p>\n<p>So oder so offenbart ihre Reaktion eine Mischung aus Ahnungslosigkeit und Dreistigkeit, die es sehr schwer macht ihr zu glauben, irgendwas \u00fcber Rassismus verstanden zu haben.<\/p>\n<p>Auf der B\u00fchne mag das lustig sein. \u2666<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><em>Andere Blogbeitr\u00e4ge zum Thema Rassismus:<\/em><\/span><\/p>\n<p><em><span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\"><a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" title=\"Permanentlink zu \u00dcber Gauland, Boateng und die Witwe in uns, die verhindert hat, dass hier ein Schwarzer einziehn kann.\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=6384\" rel=\"bookmark\">\u00dcber Gauland, Boateng und die Witwe in uns, die verhindert hat, dass hier ein Schwarzer einziehn kann.<\/a><\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\"><a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" title=\"Permanentlink zu Eurovision und Xavier Naidoo: Die ARD bastelt sich einen \u201ewunderbaren Neger\u201c\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=5221\" rel=\"bookmark\">Eurovision und Xavier Naidoo: Die ARD bastelt sich einen \u201ewunderbaren N.-Wort\u201c<\/a><\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\"><a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" title=\"Permanentlink zu Und wenn er nicht \u201eNeger\u201c gesagt h\u00e4tte?\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=4785\" rel=\"bookmark\">Und wenn er nicht \u201eNeger\u201c gesagt h\u00e4tte?<\/a><\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>Diesen Beitrag auf Facebook sharen \/ liken:<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von einem K\u00fcnstler\/einer K\u00fcnstlerin, die sich mitten in einem politischen Wahlkampf als &#8222;Toleranz-Botschafterin&#8220; berlinweit plakatieren l\u00e4sst, darf man erwarten, dass sie in der Lage ist, mit Rassismus-Vorw\u00fcrfen auf argumentativer Ebene umzugehen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":7023,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[162,55,3,1,112],"tags":[],"class_list":["post-6993","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-162","category-community","category-berlin","category-politik","category-rassismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6993","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6993"}],"version-history":[{"count":46,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6993\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11999,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6993\/revisions\/11999"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/7023"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6993"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6993"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6993"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}