{"id":7353,"date":"2016-12-04T11:54:43","date_gmt":"2016-12-04T09:54:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=7353"},"modified":"2019-03-02T11:54:27","modified_gmt":"2019-03-02T09:54:27","slug":"effekthascherei-ueber-die-instrumentalisierung-von-trans-in-der-bildblog-kolumne-politically-correct","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=7353","title":{"rendered":"\u201eEffekthascherei\u201c: \u00dcber die Instrumentalisierung von Trans* in der BILDblog-Kolumne \u201ePolitically Correct\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\"><i>Auf meine letzte Kolumne auf BILDblog gab es einige kritische Reaktionen von Transmenschen. Diese hier erschien zun\u00e4chst auf einer eher privaten Website. Mit Erlaubnis des Verfassers darf ich sie nun hier ver\u00f6ffentlichen.\u00a0 Johannes<br \/>\n<\/i><\/p>\n<p class=\"western\">&#8212;<\/p>\n<h3 class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\">&#8222;Man kann sich ohne weiteres f\u00fcr beides einsetzen. Man kann beides zusammen denken: Akzeptanz aller sexuellen Orientierungen und aller Identit\u00e4ten&#8220;<\/span><\/h3>\n<p class=\"western\"><b>von Jonas<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Mitte November erschien in Johannes Krams <a href=\"http:\/\/www.bildblog.de\/83381\/nein-die-transen-und-die-homos-sind-nicht-schuld-an-trump\/\">Reihe \u201ePolitically Correct\u201c auf dem BILDblog <\/a>ein Beitrag, der sich mit der \u201eHaben wir keine wichtigeren Probleme als\u2026\u201c-Rhetorik derjenigen besch\u00e4ftigt, die auf die <i>political correctness<\/i> schimpfen. Der Artikel kritisiert diese Rhetorik zu Recht als populistisch und argumentiert, dass \u2013 wenn wir es mit der \u201eWertegemeinschaft\u201c ernst meinen \u2013 die Rechte marginalisierter Gruppen ebenso viel Beachtung finden m\u00fcssen, wie die der Mehrheitsgesellschaft:<\/p>\n<p class=\"western\">\u201eDie NATO, also das, um was sich Journalisten wie Kohler gerade Sorgen machen, ist eben nicht wichtiger als die \u201aRechte der Schwulen\u2018, sie ist im Gegenteil unter anderem auch daf\u00fcr da, diese zu garantieren. Zumindest dann, wenn man die Werte im Begriff \u201aWertegemeinschaft\u2018 als universal begreift\u201c.<\/p>\n<p class=\"western\">Soweit so richtig. Aber es gibt ein \u201eaber\u201c.<\/p>\n<p class=\"western\">Denn Johannes Kram benutzt in der \u00dcberschrift neben einer abwertenden Bezeichnung f\u00fcr Homosexuelle ein Schimpfwort, das sich gegen trans* Menschen \u2013 und zwar fast ausschlie\u00dflich gegen trans*weibliche Personen \u2013 richtet: \u201eNein, die **** und die **** sind nicht Schuld an Trump\u201c.<\/p>\n<p class=\"western\">Ich sto\u00dfe mich massiv an der Verwendung dieses transmisogynen (also transfrauenfeindlichen) Schimpfworts. Es soll \u2013 zusammen mit dem kompletten Beitrag \u2013 dazu dienen, die Abwertung, die transgeschlechtliche Menschen erfahren, als Abwertung \u201eerkennbar\u201c machen und sie \u201evorf\u00fchren\u201c. So beschrieb es Johannes in seiner Antwort auf meine zun\u00e4chst per Direktnachricht formulierte Kritik. Also: das Schimpfwort soll einen Missstand entlarven.<\/p>\n<p class=\"western\">Dazu ein paar Gedanken aus Sicht einer trans*m\u00e4nnlichen Person.<\/p>\n<p class=\"western\">Ein abwertender Begriff kann von denen, gegen die er sich richtet, in einem Akt des \u201eReclaiming\u201c zur\u00fcckerobert werden. Durch dieses Reclaiming k\u00f6nnen die Begriffe einen Bedeutungswandel, eine erneute positive Besetzung erfahren. Die Verwendung pejorativer Begriffe als Selbstbezeichnung kann als Strategie des Empowerment, der (Selbst)Erm\u00e4chtigung, gesehen werden. Ein Beispiel f\u00fcr ein solches Reclaiming ist z.B. der Begriff \u201equeer\u201c, der mittlerweile wieder positiv besetzt ist und nicht mehr als Beschimpfung wahrgenommen wird.<\/p>\n<p class=\"western\">Jetzt geht es in der \u00dcberschrift des Blogbeitrags nicht direkt um ein Reclaiming \u2013 dem Schimpfwort soll hier keine neue, positive Bedeutung gegeben werden. Aber es ist ein rhetorisches Mittel, mit dem eine bestimmte, idealerweise positive, Wirkung erzielt werden soll. Die Frage ist nun, wie beim Reclaiming auch: Welche Folgekosten hat es diesen Begriff zu verwenden, solange er eben noch negativ besetzt ist? Denn egal, wie das Wort und seine Verwendung \u201egemeint\u201c sind \u2013 es ruft bestimmte Assoziationen bei den Leser*innen hervor. Und es wird unweigerlich bei Menschen, gegen die es schon verwendet wurde, Erinnerungen an negative Erlebnisse (Abwertungen, Beschimpfungen, Gewalterfahrungen) ausl\u00f6sen.<\/p>\n<p class=\"western\">Ich finde, es geh\u00f6rt zur Verantwortung von Autor*innen, abzuw\u00e4gen ob die sprachlichen Mittel die sie in einem solchen Fall w\u00e4hlen dem Ziel wirklich angemessen sind. Und \u2013 das ist f\u00fcr mich einer der Knackpunkte \u2013 die Entscheidung dar\u00fcber Worte zu verwenden, die f\u00fcr eine marginalisierte Gruppe negative Konsequenzen haben k\u00f6nnen, kann aus meiner Sicht nur von der betroffenen Gruppe selbst getroffen werden. In diesem Fall sind das weder cisgeschlechtliche Menschen \u2013 also Menschen, die nicht trans* sind \u2013 noch m\u00e4nnliche Personen, egal ob cis oder trans*. Denn weder Cismenschen noch m\u00e4nnliche Personen trifft diese Beschimpfung in der Regel. Den Schaden haben vor allem trans*weibliche Personen.<\/p>\n<p class=\"western\">Was f\u00fcr ein Schaden denn? Sind doch nur Worte, oder?<\/p>\n<p class=\"western\">Nein, sind es nicht. Worte verletzen, Worte traumatisieren. Und gerade das von Johannes Kram verwendete Schimpfwort ruft einen Diskurs auf, unter dem trans* Weiblichkeiten massiv zu leiden haben und der gepr\u00e4gt von ist Fetischisierung und Objektifizierung und von einhergehenden gewaltsamen Akten.<\/p>\n<p class=\"western\">Und wisst ihr, was die Ironie ist? Eine solche Objektifizierung erfahren trans* Menschen auch in Johannes Krams Artikel. Er zaubert sie aus dem Hut als er eine Menschengruppe braucht, mit der sich \u201eAndersartigkeit\u201c besonders gut illustrieren l\u00e4sst:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"western\"><a name=\"_GoBack\"><\/a> \u201eEs gibt nur noch eine Gruppe, die sich noch besser zum liebsten Hass-Symbol der Demagogen eignet: Transmenschen. Der \u201eGrad\u201c ihrer Andersartigkeit verbunden mit der Tatsache, dass die allermeisten Trump-W\u00e4hler nie bewusst einen von ihnen zu Gesicht bekommen werden, machten sie zu deren idealem Schreckgespenst\u201c.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"western\">Vor und nach dieser Passage spielen transgeschlechtliche Menschen und ihre Rechte keine Rolle in dem Beitrag. Es geht um die Rechte von homosexuellen Menschen. Es geht um die Akzeptanz ihrer sexuellen Orientierung und um eine \u201eEhe f\u00fcr alle\u201c (die keine Ehe f\u00fcr alle ist, solange wir an einem bin\u00e4ren Geschlechtermodell festhalten, aber das nur am Rande). Der Artikel \u2013 wie \u00fcbrigens auch schon der an die \u201elieben Heteros \u201c gerichtete <a href=\"http:\/\/(https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=6562\">Beitrag Johannes Krams zum Orlando-Massaker<\/a>\u00a0 \u2013 kommt komplett ohne das Konzept von Cisgeschlechtlichkeit aus. Johannes Kram blendet damit eine Dimension von Diskriminierung vollst\u00e4ndig aus, unter der trans* Menschen massiv leiden und die nicht verschwunden sein wird, wenn gleichgeschlechtliche Paare endlich heiraten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"western\">Ich m\u00f6chte die Ehe f\u00fcr alle. Ich m\u00f6chte sie unbedingt und ich setze mich f\u00fcr sie ein! Aber ich m\u00f6chte auch das Recht, in meinem Geschlecht anerkannt zu werden &#8211; ohne unn\u00f6tige H\u00fcrden. Ich m\u00f6chte Selbstbestimmung dar\u00fcber, welcher Name und welches Geschlecht in meinen amtlichen Dokumenten steht, ohne mich pathologisierenden Begutachtungsverfahren aussetzen zu m\u00fcssen und ohne die damit verbundenen Kosten.<\/p>\n<p class=\"western\">Man kann sich ohne weiteres f\u00fcr beides einsetzen. Man kann beides zusammen denken: Akzeptanz aller sexuellen Orientierungen und aller Identit\u00e4ten. Aber Johannes Kram gelingt das im BILDblog nicht \u2013 wie schon in dem oben erw\u00e4hnten Artikel zu Orlando. Es ist symptomatisch, wie auch dort die_der \u201eHetero\u201c als absoluter Gegensatz von LGBTIQAA* positioniert wird. (Freundliche Erinnerung: Auch trans* oder intergeschlechtliche Menschen k\u00f6nnen hetero sein). Dadurch erscheint es so, als w\u00fcrden sich die Probleme der Menschen im trans* oder inter Spektrum dann schon irgendwie l\u00f6sen, wenn wir nur mehr Akzeptanz f\u00fcr \u201esexuelle Vielfalt\u201c erreichen.<\/p>\n<p class=\"western\">Das funktioniert so nicht! Und ich empfinde es vor diesem Hintergrund als Hohn, wenn mir suggeriert wird, dass die Nutzung des transfeindlichen Schimpfworts doch durch den Nutzen zu rechtfertigen sei, den wir davon haben.<\/p>\n<p class=\"western\">Ich kann aus meiner allt\u00e4glichen Erfahrung versichern, dass vielen Menschen der abwertende, verletzende Charakter des verwendeten Worts nicht bewusst ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich daran nach dem BILDblog-Artikel nichts ver\u00e4ndert hat. Genauso wenig, wie der Beitrag ein gr\u00f6\u00dferes Bewusstsein f\u00fcr die Art der Diskriminierung schafft, die trans* Menschen erfahren. Die Nutzung des Worts ist f\u00fcr mich vor diesem Hintergrund nur eine weitere Instrumentalisierung von trans* Menschen.<\/p>\n<p class=\"western\">Effekthascherei \u2013 auf unsere Kosten.\u2666<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Man kann sich ohne weiteres f\u00fcr beides einsetzen. Man kann beides zusammen denken: Akzeptanz aller sexuellen Orientierungen und aller Identit\u00e4ten.&#8220;  Nach meiner letzten \u201ePolitically Correct\u201c-Kolumne auf BILDblog gab es einige kritische Reaktionen von Transmenschen. Hier begr\u00fcndet Jonas seinen Widerspruch. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":7359,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[162,145,74,1,141],"tags":[],"class_list":["post-7353","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-162","category-gastbeitraege","category-medien","category-politik","category-trans"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7353","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7353"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7353\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7361,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7353\/revisions\/7361"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/7359"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7353"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7353"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7353"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}