{"id":7363,"date":"2017-01-06T14:22:53","date_gmt":"2017-01-06T12:22:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=7363"},"modified":"2020-07-20T13:33:52","modified_gmt":"2020-07-20T11:33:52","slug":"silvester-in-koeln-aus-schwuler-sicht-wer-sicherheit-will-darf-sie-nicht-fuer-absolut-erklaeren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=7363","title":{"rendered":"Silvester in K\u00f6ln aus schwuler Sicht: Wer Sicherheit will, darf sie nicht f\u00fcr absolut erkl\u00e4ren!"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>&#8222;Ich hab ja nichts gegen Ausl\u00e4nder, aber &#8230;&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Geht es nur mir so? Selten hat mich eine \u201eDebatte\u201c, in Deutschland so irritiert, wie das, was gerade nach der K\u00f6lner Silvesternacht passiert. Einmal, weil das Debattenhafte schon kurz nach dem Anfang verloren ging, weil schon die Grundvoraussetzung daf\u00fcr \u2013 n\u00e4mlich dass man dar\u00fcber debattieren kann \u2013 mit einer Vehemenz in Zweifel gezogen wurde, die an die ich mich so nicht erinnern kann. Zu dieser Vehemenz geh\u00f6rt nicht nur das Absolute, mit der man sich sicher ist, \u00fcber irgendetwas nicht diskutieren zu m\u00fcssen, sondern auch, wie gro\u00df die Koalition derer ist, die es als dumm, absurd, ja teilweise sogar als gef\u00e4hrlich betrachten, die Frage nach der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit zu stellen. Es sind eben nicht nur die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen, sondern auch Stimmen, die ich sonst als reflektiert wahrnehme, darunter auch auff\u00e4llig viele Schwule, die sonst jeden Aufruf gegen Diskriminierung, Homophobie und Rassismus weiterposten, von denen ich immer gedacht hatte, dass die eigene Diskriminierungserfahrung und die Besch\u00e4ftigung damit dazu gef\u00fchrt hat, dass sie eine Sensibilit\u00e4t entwickelt haben, die sie im Fall der F\u00e4lle davor sch\u00fctzt, in den Chor der Erregten einzustimmen, der jede Mehrstimmigkeit als st\u00f6rend empfindet.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte wirklich nicht gedacht, dass es in Deutschland so schnell m\u00f6glich ist, Sicherheit als einen absoluten Wert auszurufen, dem alle anderen Aspekte unterzuordnen sind. Ich h\u00e4tte nicht gedacht, dass man das 2017 wirklich noch begr\u00fcnden muss, aber ganz offensichtlich m\u00fcssen wir genau da hin, zur\u00fcck auf Anfang, zur\u00fcck zu den Fragen, was unsere Gesellschaft zusammenh\u00e4lt, und ja: auch sicher macht. Denn schon allein aus Gr\u00fcnden der Sicherheit m\u00fcsste es einleuchten, dass sich jede Ma\u00dfnahme, die ihrer Gew\u00e4hrleistung dienen soll, dies auch \u00fcber den Moment hinaus anstreben muss. Und dazu geh\u00f6rt eben auch, dass es im Interesse der Gesamtgesellschaft ist, wenn der Umgang mit \u201eproblematischen\u201c Gruppen so angemessen ist, dass diese m\u00f6glichst nicht abgewertet, ausgegrenzt werden, um deren Isolierung, Kriminalisierung und auch Radikalisierung bestm\u00f6glich entgegenzuwirken. Das hat nichts mit Gutmenschentum oder Kuschelp\u00e4dagogik zu tun, sondern mit knallharten Sicherheitsinteressen.<\/p>\n<p>Die Frage nach der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit eines Vorgehens bedeutet nicht, dieses abzulehnen, zu kritisieren, die Beteiligten zu verurteilen, sondern sie ins Verh\u00e4ltnis zu unseren Grundwerten zu setzen. Sind wir in Deutschland echt so weit, dass es \u201eabsurd\u201c, \u201edumm\u201c und \u201egef\u00e4hrlich\u201c ist, dies zu tun? Ist es nicht eine der wichtigsten Erkenntnisse unserer Geschichte, eine der gro\u00dfen Konstanten unserer Bildungs- und Kulturerfahrung nach dem zweiten Weltkrieg, dass das \u201eNie wieder\u201c bedeutet, diese Werte gerade dann zu verteidigen, wenn es schwierig ist? Und schwierig hei\u00dft richtig schwierig. Ist Silvester in K\u00f6ln schon der Worst Case, bei dem all das nicht mehr gilt? Ja, es gab eine bedrohliche Situation, ja, die Polizei musste handeln, ja, es gibt keine perfekten L\u00f6sungen, ja, die Polizei braucht unsere R\u00fcckendeckung, unsere Dankbarkeit, ja, nachher wei\u00df man alles besser. Aber was von alldem rechtfertigt eine Stimmung im Lande, das Nachfragen und die Betrachtung von Alternativen ablehnt, die so tut, als ob das Bestehen einer Gefahr eine Erm\u00e4chtigung daf\u00fcr ist, alles andere als nicht geboten, nicht wichtig zu erkl\u00e4ren? Was eigentlich genau wollen wir unseren Vorfahren in den 30ern (nicht den Nazis, sondern den Mitl\u00e4ufern, die diese gew\u00e4hren lie\u00dfen) vorwerfen, als sie sich nach und nach mit der Relativierung zivilisatorischer Grundprinzipien arrangierten, als sie sich daran gew\u00f6hnten, wegzugucken? Mit welchem Recht verurteilen wir die Amerikaner daf\u00fcr, dass sie mehrheitlich nach 9\/11 die Irak-Invasion billigten, angesichts einer mit Silvester in K\u00f6ln nicht im Ansatz zu vergleichenden Bedrohungssituation? Sind wir wirklich so viel aufgekl\u00e4rter, besonnener? Deutschland h\u00e4lt sich f\u00fcr ein pazifistisches Land. In diesen Tagen werde ich das Gef\u00fchl nicht los, dass das mehr mit Folklore zu tun hat, als wir bisher dachten. Dass Deutschland wom\u00f6glich doch eher wie ein Sleeper funktioniert, wie jemand, der lange Zeit ruhig und besonnen ist, aber schon durch eine vergleichsweise simple Bedrohungslage aus der Spur ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Wer die Frage nach Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit, die Frage nach besseren L\u00f6sungen f\u00fcr absurd erkl\u00e4rt, folgt einer Logik, die die Grundfeste einer freien Gesellschaft infrage stellt. Jede Sicherheitsma\u00dfnahme muss sich zu jeder Zeit diesen Fragen stellen. Das schw\u00e4cht nicht die Gesellschaft und auch nicht die Polizei. Im Gegenteil.<\/p>\n<p>Ganz abgesehen davon sollten gerade Schwule sich in diesen Tagen in Erinnerung rufen, wie sehr die eigene Diskriminierung auf den Mechanismen beruht, die gerade sichtbar werden. So ungeeignet der Begriff \u201eHomophobie\u201c in den meisten Diskussionen heute ist, so sehr zeigt er doch, wie sehr unsere Situation lange von der von uns gesch\u00fcrten Angst gepr\u00e4gt wurde. Schwule nicht nur als Gefahr f\u00fcr die Sitten, sondern f\u00fcr die Grundfeste der Gesellschaft, f\u00fcr die Familie, und ja, auch f\u00fcr die Sicherheit. (Wer seine Erinnerung daran etwas auffrischen m\u00f6chte, kann das z.B. <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=7238\"><span style=\"text-decoration: underline;\">hier <\/span><\/a>, <span style=\"text-decoration: underline;\"><a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=1723\">hier<\/a> <\/span>oder <span style=\"text-decoration: underline;\"><a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=4337\">hier<\/a><\/span> tun.) Auch wir standen und stehen unter Generalverdacht. Merkels \u201eBauchgef\u00fchl\u201c ist auch symptomatisch f\u00fcr den Blick auf uns, dem es nicht gelingt, uns als potentielle Kindersch\u00e4nder auszublenden. Es sind viele Situationen vorstellbar, in denen dieser Blick an Macht gewinnen kann, in denen wir danach rufen werden, dass die Werte, die uns sch\u00fctzen nicht einfach wegkippen, weil etwas Schreckliches passiert ist. Oder weil Sicherheit vor geht, weil es Wichtigeres gibt als die R\u00fccksicht auf Minderheiten.<\/p>\n<p>Wer wirklich f\u00fcr Sicherheit ist, der streitet f\u00fcr ihre Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit. Wer wirklich gegen Rassismus ist, der wei\u00df, dass sie in unserer Gesellschaft allgegenw\u00e4rtig ist, dass es f\u00fcr jeden von uns fast unm\u00f6glich ist, frei davon zu sein. Auch in Situationen, die nicht so komplex sind, wie die an Silvester. Und dass deshalb auch ein Polizeieinsatz, der nicht rassistisch motiviert ist, sich Fragen nach Rassismus stellen muss. Das ist kein Angriff auf die Polizei. Das ist ein Gebot an jeden von uns. \u2666<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #000000;\">PS: Am Anfang habe ich noch an eine angemessene Debatte nach Silvester geglaubt. Ich habe mich geirrt. <strong><a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/www.bildblog.de\/84813\/2017-auferstanden-aus-ruinen\/\">Hier meine Kolumne<\/a><\/strong> im medienkritschen Watchblog BILDblog vom 2. Januar.<\/span> <\/em><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>Hier weitere Beitr\u00e4ge in diesem Blog zum Thema Rassismus:<\/em><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\"><em><a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" title=\"Permanentlink zu Eurovision und Xavier Naidoo: Die ARD bastelt sich einen \u201ewunderbaren Neger\u201c\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=5221\" rel=\"bookmark\">Eurovision und Xavier Naidoo: Die ARD bastelt sich einen \u201ewunderbaren N.-Wort\u201c<\/a><\/em><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\"><em><a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" title=\"Permanentlink zu \u00dcber Gauland, Boateng und die Witwe in uns, die verhindert hat, dass hier ein Schwarzer einziehn kann.\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=6384\" rel=\"bookmark\">\u00dcber Gauland, Boateng und die Witwe in uns, die verhindert hat, dass hier ein Schwarzer einziehn kann.<\/a><\/em><\/span><\/span><\/p>\n<header id=\"masthead\"><\/header>\n<div id=\"main\">\n<section id=\"primary\">\n<div id=\"content\">\n<article id=\"post-6993\">\n<header><span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\"><em><a style=\"color: #000000; text-decoration: underline;\" title=\"Permanentlink zu Rassismus: Warum Nina Queer nicht Borat ist\" href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=6993\" rel=\"bookmark\">Rassismus: Warum Nina Queer nicht Borat ist<\/a><\/em><\/span><\/span><\/header>\n<header>..<\/header>\n<header>Diesen Beitrag auf Facebook liken &amp; sharen<\/header>\n<\/article>\n<\/div>\n<\/section>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer wirklich f\u00fcr Sicherheit ist, der streitet f\u00fcr Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit. 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