{"id":7467,"date":"2017-04-27T08:36:05","date_gmt":"2017-04-27T06:36:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=7467"},"modified":"2019-03-02T11:57:57","modified_gmt":"2019-03-02T09:57:57","slug":"das-problem-mit-patsy-lamour-lalove-ein-widerspruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=7467","title":{"rendered":"Mein Problem mit Patsy l&#8217;Amour laLove. Ein Widerspruch."},"content":{"rendered":"<p class=\"western\"><span style=\"color: #3a3e44;\">\u201e<span style=\"font-family: System Font,serif;\"><i>Da hat die aktivistische &#8218;Polittunte&#8216; Patsy l&#8217;Amour laLove offensichtlich den Finger in eine klaffende Wunde gelegt: So viele leidenschaftliche Pro- und Kontra-Reaktionen gab&#8217;s auf einen eher akademischen Sammelband mit Texten zur aktuellen LGBTIQ*-Szene wohl lange nicht. <\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #3a3e44;\"><span style=\"font-family: System Font,serif;\"><i>Diese reichen von w\u00fcsten Beschimpfungen, Boykottaufrufen und kopfsch\u00fcttelndem Unverst\u00e4ndnis dar\u00fcber, wie Patsy l&#8217;Amour laLove denn &#8217;so etwas&#8216; nur tun konnte, bis zu Applaus und Unterst\u00fctzung der Gegenseite daf\u00fcr, dass da &#8218;endlich mal jemand das ausspricht&#8216;, was vielen (wie es scheint) am aktuellen Diskurs in der queeren Szene so tierisch auf die Nerven geht.\u201c<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #3a3e44;\"><span style=\"font-family: System Font,serif;\"><i>Kevin Clarke auf <a href=\"http:\/\/www.queer.de\/detail.php?article_id=28655\">queer.de<\/a><\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #3a3e44;\"><span style=\"font-family: System Font,serif;\">Patsy l&#8217;Amour laLoves hat mit &#8222;Bei\u00dfreflexe&#8220; ein wichtiges Buch gemacht, sie hat die absurden Ausw\u00fcchse eines linken queeren Aktivismus beschrieben, der in niemandes Sinne sein kann. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #3a3e44;\"><span style=\"font-family: System Font,serif;\">W\u00e4hrend einer Pr\u00e4sentation des Sammelbandes im Berliner<a href=\"http:\/\/www.prinz-eisenherz.com\/Veranstaltungen\/955123683\/Patsy-LquotAmour-laLove---Beissreflexe\"> \u201eEisenherz\u201c<\/a> sagt sie, dass dieses Buch eine notwendige Debatte erm\u00f6glichen soll. Doch dann tut sie dann genau das, was sie den von ihr kritisierten AktivistInnen vorwirft: Sie verbringt einen Gro\u00dfteil des Abends damit, solche Themenfelder zu definieren, \u00fcber die ihrer Meinung nach diskutiert werden darf, und solche, wo es absurd sei, Diskussionen zu f\u00fchren<!-- Der Punkt k\u00f6nnet noch etwas pr\u00e4ziser und sch\u00e4rfer sein, finde ich -->. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #3a3e44;\"><span style=\"font-family: System Font,serif;\">Ein Beispiel: Ich bin ohne Wenn und Aber f\u00fcr die \u201eEhe f\u00fcr alle\u201c, ich teile nicht die Ansicht derer, die meinen, dass die normativen Nachteile eines Kampfes um rechtliche Gleichstellung \u00fcberwiegen<!-- Auch noch mal deutlicher sagen, welche? -->. Aber ich verstehe die Einw\u00e4nde, und gerade weil es so scheint, als ob eine rechtliche Gleichstellung bald Realit\u00e4t werden k\u00f6nnte, sollten wir uns mit ihnen auseinandersetzen. Auch wenn wir diese ablehnen, sollten wir uns mit der M\u00f6glichkeit konfrontieren, dass sie richtig sein k\u00f6nnten. Auf die Frage, warum sie solche Einw\u00e4nde nicht Teil der von ihr angestrebten Debatte sein sollten, antwortet Patsy erst gar nicht, sie erkl\u00e4rt sie einfach f\u00fcr falsch<!-- Vielleicht k\u00f6nnte man das hier noch auf die Frage der Widerspruchlichkeit zuspitzen: Man kann fur etwas sein, auch wenn man weiss, dass man sich damit gleichzeitig Probleme einhandelt... -->. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #3a3e44;\"><span style=\"font-family: System Font,serif;\">Es ist nicht so, dass ich Patsys Thesen im Grundsatz nicht teile<!-- Man m\u00f6chte hier eigentlich wissen, um welche Thesen es sich handelt. Ich wurde sie in zwei, drei Stichworten an dieser Stelle aufz\u00e4hlen -->. Im Gegenteil: Fast immer sehe ich die Dinge sehr \u00e4hnlich. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #3a3e44;\"><span style=\"font-family: System Font,serif;\">Aber im Gegensatz zu ihr bin ich eben der Meinung, dass es Thesen sind und keine ultimativen Wahrheiten. Patsy sagt, sie will diskutieren. Dabei will sie sagen, wie die Diskussion zu laufen habe, sie will festlegen, was diskutabel ist und was nicht. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><!-- Diesen Absatz finde ich noch etwas wirr. Den Vergleich mit \u201edenjenigen Kraeften\u201c wuerde ich nicht zu Anfang, sondern eher gegen Ende bringen., nachdem du deine Punkte dazu vorgebracht hast. Sonst drohst du in die Naehe derjenigen zu ruecken, die Patsy eher reflexhaft abwehren. Ich wuerde das mit den Kraeften also erst am Ende der Argumentationskette sagen, nachdem du das mit dem Notstand etc. vorgebracht hast --><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #3a3e44;\"><span style=\"font-family: System Font,serif;\">Es ist ein Unterschied ob ich einen Zustand beklage, gegen ihn argumentiere und darum k\u00e4mpfe ihn zu \u00e4ndern, oder ob ich diesen Zustand als eine Art Notstand beschreibe, der eine Gegenwehr erfordert, der eine sachliche Auseinandersetzung f\u00fcr nicht mehr sinnvoll erkl\u00e4rt<!-- Das ist echt ein wichtiger punkt! --><!-- -->. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #3a3e44;\"><span style=\"font-family: System Font,serif;\">Dabei will ich gar nicht abstreiten, dass sich die von Patsy beschriebene Aktivistenszene so festgefahren hat, dass eine Diskussion mit ihren VertreterInnen wirklich \u00fcberfl\u00fcssig ist. Aber hei\u00dft das auch, dass von diesen Leuten wirklich eine Gefahr ausgeht? Denn \u201eSprechverbote\u201c w\u00fcrden ja bedeuten, dass hier etwas verboten wird, etwas nicht stattfinden kann, dass hier irgendetwas genommen wird und man sich nicht wehren kann. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #3a3e44;\"><span style=\"font-family: System Font,serif;\">Ist es wirklich ein Sprechverbot, wenn Leute mit gewissen Thesen nicht auf Veranstaltungen auftreten d\u00fcrfen, die von Leuten gemacht werden, die dort lieber andere Thesen h\u00f6ren m\u00f6chten? Ist die Macht, die Patsy diesen Leuten zuschreibt nicht in Wahrheit die Orientierungslosigkeit derjenigen Aktivisten, die es nicht schaffen, konstruktive Diskurse zu beleben? K\u00f6nnte \/ m\u00fcsste die \u201eCommunity\u201c nicht auch eine geh\u00f6rige Portion Spinner- und Sektierertum aushalten k\u00f6nnen, ja, geh\u00f6rt das nicht (erst recht als akademische Aufw\u00e4rm-Folklore) dazu? <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #3a3e44;\"><span style=\"font-family: System Font,serif;\">Angesichts der Orientierungslosigkeit hat der Applaus, mit dem sie gerade von unterschiedlichsten (und sich ansonsten inhaltlich meist sehr entgegengesetzt positionierten) Heroen der Szene \u00fcbersch\u00fcttet wird, etwas sehr Irritierendes. Es ist ein bisschen so wie beim Erdogan-Gedicht von Jan B\u00f6hmermann, das wichtig und richtig war, aber das \u201eBefreiende\u201c daran auch eben war, gemeinsam \u00fcber T\u00fcrken als Ziegenficker lachen zu k\u00f6nnen.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #3a3e44;\"><span style=\"font-family: System Font,serif;\">Patsy bel\u00e4sst es eben nicht nur dabei zu beschreiben, was falsch l\u00e4uft, sie prangert nicht nur (zu recht!) das L\u00e4cherliche, Destruktive bis B\u00f6sartige eines Diskurses an. Sie tut so, als ob das, womit sich dieser Diskurs besch\u00e4ftigt, grunds\u00e4tzlich l\u00e4cherlich, destruktiv und b\u00f6sartig ist. Nat\u00fcrlich ist es etwa richtig, dass Schwule nicht f\u00fcr die mangelnde Sichtbarkeit von Lesben verantwortlich sind, und ja, es nervt verdammt, das dauernd vorgeworfen zu bekommen, zumal es auch dann passiert, wenn man sich wirklich darum bem\u00fcht, daran etwas zu \u00e4ndern. Aber trotzdem ist es ja nicht so, als h\u00e4tten Schwule nichts damit zu tun, nicht als individuell Verantwortliche, als Schuldige per se<!-- Oder vielleicht: individuell Verantwortliche? -->, schon klar, aber wer ist schuldlos &#8211; oder sagen wir: unbeteiligt &#8211; in einer Gesellschaft die strukturell Frauen diskriminiert? Es gibt nicht zu viel Diskussion dar\u00fcber, was Schwule Lesben antun (und umgekehrt!), was wir von einander erwarten d\u00fcrfen und k\u00f6nnen. M\u00fcsste nicht gerade jetzt, wo das gemeinsame Ziel der rechtlichen Gleichstellung an Bindekraft verliert, mehr, besser, differenzierter genau dar\u00fcber gesprochen werden?<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #3a3e44;\"><span style=\"font-family: System Font,serif;\">Je sp\u00e4ter der Abend wird, desto weniger ist Patsy bereit zu differenzieren. W\u00e4hrend in ihrem Buch noch davon die Rede ist, dass queere Fl\u00fcchtlinge vor dem Islamismus fliehen sagt sie nun, diese w\u00fcrden vor dem Islam fliehen, was nat\u00fcrlich nicht ganz falsch ist, aber eben auch nicht richtig. Dabei ist eine der gro\u00dfen St\u00e4rken des Buches, wie sehr es die Schwierigkeiten der LGBTIQ*-Szene beschreibt, dem Islam und die, die ihn predigen (und verharmlosen) mit einer angemessenen Religionskritik zu konfrontieren. Doch gerade weil dieses dar\u00fcber richtig reden noch gelernt werden muss, hat man das Gef\u00fchl, als m\u00fcsste man die Herausgeberin Patsy vor der Populistin Patsy in Schutz nehmen<!-- Finde ich einen super Satz! -->. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #3a3e44;\"> <span style=\"font-family: System Font,serif;\">Zu Beginn der Veranstaltung sie verteilt auf Papier kopierte Folien, die ihren Vortrag unterst\u00fctzen sollen. Ca. die erste H\u00e4fte der Folien besteht aus Tweets, die Abgr\u00fcnde aufzeigen und mit denen Patsy seit Erscheinen von \u201eBeissreflexe\u201c konfrontiert ist: Schm\u00e4hungen, Beleidigungen bis hin zu unverbl\u00fcmten Gewaltaufrufen. Das ist grausam und hoffentlich ist es auch justiziabel und wie sehr solche Angriffe diejenigen verletzen, die ihnen ausgesetzt sind, k\u00f6nnen nur sie selbst beschreiben. Trotzdem &#8211; oder: gerade deshalb &#8211; w\u00e4re es notwendig gewesen, klarzustellen, was diese Tweets nicht sind: Ein Hinweis darauf, dass die von Patsy im Buch beschriebenen AktivistInnen und Gruppen dahinter stehen. Denn nicht nur Patsy ist diesen Angriffen hilflos ausgeliefert, sondern auch diejenigen, f\u00fcr die sie zu sprechen vorgeben<!-- Bisschen unklar -->. Die Tweets sagen weder qualitativ noch quantitativ irgendetwas \u00fcber eine Gewaltbereitschaft dieser Szene aus. Wenn es Hinweise auf eine solche Gewaltbereitschaft g\u00e4be, w\u00e4re das wichtig zu wissen, dann h\u00e4tte Patsy diese benennen m\u00fcssen. Aber das hat sie nicht. Statt dessen verteilt sie anonyme Tweets, pr\u00e4sentiert sie quasi als einen Beweis daf\u00fcr, wie richtig und wichtig sie mit ihrem Beissreflexe-Vorwurf an die queere Aktivisten-Szene ist. Doch sie beweist gar nichts. Im Gegenteil. Sie verleumdet. In gewisser Weise kriminalisiert sie ihre Kritiker<!-- Im Prinzip stimme ich dir zu und ist das mit den Tweets eine scharf beobachtete Analyse. Troztdem kommt sie mir hier etwas uebertrieben vor, ich glaube, dass hat damit zu tun, dass sie am Ende des textes steht, so als waere das hier der staerkste Beweis ihres Populismus. Ist der das? -->. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #3a3e44;\"><span style=\"font-family: System Font,serif;\">Um eine redliche Diskussion \u00fcber ihr Buch zu erm\u00f6glichen, h\u00e4tte sie die, die sie damit kritisiert, vor diesen Verd\u00e4chtigungen sch\u00fctzen m\u00fcssen.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #3a3e44;\"><span style=\"font-family: System Font,serif;\">Ich finde nicht, dass ein LGBTIQ*-Populismus grunds\u00e4tzlich schlecht sein muss. Ich finde, es spricht nichts dagegen, wenn auch wir in der Lage sind, im Sinne unserer Interessen die Dinge zuzuspitzen. Doch Patsy bel\u00e4sst es nicht beim Zuspitzen. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #3a3e44;\"><span style=\"font-family: System Font,serif;\">Die Rhetorik und Methodik, die Patsy an diesem Abend auff\u00fchrt, erinnert erschreckend an die derjenigen Kr\u00e4fte, die seit einigen Jahren den gesellschaftlichen Rollback anf\u00fchren. Nein: Ein Argument, eine Rhetorik ist nicht deshalb automatisch falsch, weil sie Applaus von der \u201efalschen\u201c Seite finden. Ein Argument ist dann falsch, wenn es nicht argumentiert, sondern behauptet, wenn es so tut, als ob man sich mit der Annahme seiner Unrichtigkeit gar nicht besch\u00e4ftigen muss. Aber es ist nicht nur die Wortwahl rund um den Vorwurf vermeintlicher \u201eSprechverbote\u201c, der Pose des \u201edas wird man doch wohl endlich mal sagen d\u00fcrfen\u201c, mit der sich Patsy hier verirrt, es ist das Prinzip dahinter: Ein Populismus, der nicht zuspitzt, sondern verzerrt. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #3a3e44;\"><span style=\"font-family: System Font,serif;\">Wir brauchen dringend eine Debatte \u00fcber queeren Aktivismus. Und Patsy brauchen wir daf\u00fcr auch. Aber nicht als Populistin. Davon haben wir genug.\u2666<\/span><\/span><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Nachtrag (29.04. 2017):<\/p>\n<p>Ich habe den Titel des Beitrags ge\u00e4ndert. Vorher stand da: &#8222;Das Problem mit Patsy l&#8217;Amour laLove.&#8220; Ich habe nat\u00fcrlich kein Problem mit Patsy als Person, ich habe sie hier auch nie mit Rechtspopulisten verglichen, es geht in diesem Beitrag ausschlie\u00dflich um die hier beschriebenen Methoden und die Rhetorik.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Diesen Beitrag auf Facebook liken \/ sharen:<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Patsy bel\u00e4sst es eben nicht nur dabei zu beschreiben, was falsch l\u00e4uft, sie prangert nicht nur (zu recht!) das L\u00e4cherliche, Destruktive bis B\u00f6sartige eines Diskurses an. 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