{"id":7867,"date":"2017-07-23T17:04:28","date_gmt":"2017-07-23T15:04:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=7867"},"modified":"2019-03-02T11:57:56","modified_gmt":"2019-03-02T09:57:56","slug":"wir-sind-staerker-als-wir-dachten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=7867","title":{"rendered":"Wir sind st\u00e4rker als wir dachten"},"content":{"rendered":"<p>Geben wir es doch zu, wir hatten doch alle auch etwas Angst, dass nach der Entscheidung f\u00fcr die Ehe f\u00fcr alle die Community auseinanderdriftet, also noch mehr als sonst, und nat\u00fcrlich kann das noch passieren. Vielleicht ist das auch gar nicht schlimm, sondern sogar auch notwendig, zumindest in dem Sinne, dass wir nun endlich mehr auf die Vielfalt unserer Identit\u00e4ten schauen k\u00f6nnen, endlich andere Aspekte diskutieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch trotzdem ist mein Eindruck nach meinen bisherigen CSDs (in K\u00f6ln, Trier und Berlin), dass es eine verbl\u00fcffende Einigkeit in den wichtigsten Punkten gibt: Dass die Ehe f\u00fcr alle nat\u00fcrlich nicht das Ende unserer Bewegung ist und der Notwendigkeit, weiter gemeinsam zu k\u00e4mpfen. Und zweitens, dass jeder und jede, den ich getroffen habe, eben nicht nur von sich selbst gesprochen hat, also nicht dar\u00fcber, was er f\u00fcr sich erreichen m\u00f6chte, sondern explizit auch f\u00fcr die Teile der Community, denen er selbst nicht angeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Ich habe bisher immer gedacht, dass der gemeinsame Feind, also der Teil der Gesellschaft, der uns als Inhaber gleicher Rechte ablehnt, es ma\u00dfgeblich war, der uns auch gemeinsam stark gemacht hat. Dass wir diesen Feind brauchen, um uns als Community zu sehen, dass wir nur deshalb \u00fcber all das Trennende hinwegsehen, weil wir dieses gemeinsame strategische Ziel der rechtlichen Gleichstellung vor Augen haben, egal wie wir pers\u00f6nlich dazu stehen. Dass es einfach mittlerweile zu viele unterschiedliche Interessen und Ziele gibt, als dass sie sich in diesem wabberigen Community-Konstrukt gemeinsam angehen lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Noch vor wenigen Wochen hatte ich sarkastisch die Community mit dem Vielv\u00f6lkerstaat Jugoslawien verglichen und die Ehe\u00f6ffnung als einen Moment, der die wie der Tod Titos einen k\u00fcnstlich zusammengehaltenen Bund aus- und gegeneinander bringen kann.<\/p>\n<p>Ich glaube auch immer noch, dass die Gefahr besteht, also jetzt nat\u00fcrlich nicht eine Art B\u00fcrgerkrieg, aber schon, dass lange schwelende Konflikte nun eine ganz andere Dynamik bekommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und trotzdem denke ich jetzt auch, dass auch das Gegenteil stimmt: Dass uns der gemeinsame Feind nicht nur k\u00fcnstlich in einem bestimmten Ma\u00dfe zusammen gehalten hat, sondern uns dieser Druck von Au\u00dfen auch viel mehr gegeneinander gestellt hat, als wir das bisher gesp\u00fcrt haben.<\/p>\n<p>Durch diese elenden unw\u00fcrdigen Kampf gegen das Eheverbot wurden wir alle gezwungen in elende und unw\u00fcrdige Strategien, dieses zu \u00fcberwinden. Jeder von uns hat auf seine Art versucht, da irgendwie das beste draus zu machen, pers\u00f6nlich, politisch, doch das bedeutete eben auch, dass es eine Unzahl von elenden unw\u00fcrdigen Strategien gab, die einer Unzahl von elenden unw\u00fcrdigen Strategien gegen\u00fcber stand. Das alles passte nicht zusammen, konnte nicht zusammen passen.<\/p>\n<p>Unterdr\u00fcckung, ja, sorry, ja, auch die Verwehrung von gleichen Rechten ist eine Form der Unterdr\u00fcckung, f\u00fchrt eben dazu, dass alles, was man macht, auch eine destruktive Seite hat. Weil das aufgezwungene Sich-Wehren sich eben auch gegen die wehrt, die das gleiche Ziel haben, aber aufgrund ihrer unterschiedlichen Leben, Wahrheiten und eben: Strategien gerade ganz anders unterwegs sind. Weil die Strategien der anderen den eigenen gef\u00e4hrlich sind.<\/p>\n<p>Und so ist es meine Erfahrung, dass seit der Ehe\u00f6ffnung eben nicht der Drang besteht, dass nun endlich jeder &#8222;hier&#8220; ruft, und &#8222;jetzt bin endlich ich dran&#8220;. Sondern dass wir uns \u00fcber unsere Vielfalt freuen k\u00f6nnen, dar\u00fcber, dass wir nun nicht mehr Energie f\u00fcr diese ewigen und nie zu beantwortenden Fragen verschwenden m\u00fcssen. Nicht, dass es diese Fragen, diese Gegens\u00e4tze \u00a0nicht mehr gibt, also: Anpassung oder Randale, laut oder leise, Party oder Politik, \u00dcberzeugen oder Druck, privat oder \u00f6ffentlich. Aber diese Fragen, diese Gegens\u00e4tze sind nicht mehr spielentscheidend, wir m\u00fcssen uns nicht mehr gegenseitig zu Raison rufen, wenn wir denken, dass der andere (es ist ja immer der andere) es gerade so falsch macht und gerade dabei ist, die gemeinsame Sache zu verraten.<\/p>\n<p>Gleiche Rechte f\u00fcr alle machen eben alle auch souver\u00e4n, wir sind uns in unserer Unterschiedlichkeit keine tiefe Bedrohung mehr. Es ist eben genau dieses Gef\u00fchl von Freiheit, das in den letzen Wochen sp\u00fcrbar war, eine merkw\u00fcrdige, nie gekannte Freiheit, eine, die Blockaden in uns l\u00f6st, von denen wir gar nicht wussten, dass es Blockaden sind. Dass wir auf einmal ganz anders miteinander reden k\u00f6nnen. Oder: Endlich miteinander reden k\u00f6nnen statt streiten, misstrauen, einander \u00fcberzeugen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Und so glaube ich auch, dass diese &#8211; durchaus im doppelten Sinne &#8211; Geschichte uns nicht nur als Einzelne st\u00e4rker macht. Sondern auch als Community.<\/p>\n<p>Ich glaube jeder von uns, und das sage ich bewusst als schwuler wei\u00dfer Mann, wei\u00df, wer gerade mehr privilegiert ist und wer nicht, und worum wir uns jetzt k\u00fcmmern m\u00fcssen. Nat\u00fcrlich werden da jetzt nicht mehr so mit der gemeinsamen Intensit\u00e4t und Klarheit mitgehen, wie das zum Schluss bei der Ehe f\u00fcr alle der Fall war. Aber ich glaube, das ist auch gar nicht notwendig.<\/p>\n<p>Nicht weil die noch verbliebenen Themen nicht so wichtig w\u00e4ren. Sondern \u00a0weil die Wegfall des einen gro\u00dfen Themas nun auch Reserven freisetzt, die wir viel zielgerichteter nutzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich wird es K\u00e4mpfe geben, geben m\u00fcssen, um Sichtbarkeit, um Macht, und um Geld. Aber auch wenn wir uns in den letzten Jahren immer wieder bescheinigt haben, dass wir eigentlich nicht zusammen k\u00f6nnen: Wir k\u00f6nnen es eben doch.<\/p>\n<p>Die CSDs dieses Sommers sind der Beweis daf\u00fcr. Und deswegen werden sie gebraucht. Denn nach dem Kampf um gleiche Rechte k\u00f6nnen wir uns jetzt endlich auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist: Emanzipation. F\u00fcr jeden einzelnen von uns. Und f\u00fcr jeden einzelnen Teil der Community.<\/p>\n<p>Die Bewegung lebt. Und sie ist st\u00e4rker, als wir dachten!<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>Zum Thema hier im Blog:<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=7725\"><em>Ehe f\u00fcr alle: Eine kleine Nachhilfestunde (nicht nur) f\u00fcr Heteros<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>&#8212;<\/em><\/p>\n<p><em>Diesen Beitrag bei Facebook liken \/ teilen:<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die CSDs haben gezeigt: Gleiche Rechte f\u00fcr alle machen eben alle auch souver\u00e4n, wir sind uns in unserer Unterschiedlichkeit keine tiefe Bedrohung mehr. 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