{"id":7972,"date":"2017-08-25T19:08:39","date_gmt":"2017-08-25T17:08:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=7972"},"modified":"2019-03-02T11:57:56","modified_gmt":"2019-03-02T09:57:56","slug":"jens-spahn-luegt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=7972","title":{"rendered":"Jens Spahn l\u00fcgt"},"content":{"rendered":"<p>Das Schlimme ist: Selbst dieser Blogbeitrag, also selbst ein Artikel, der Jens Spahn schon in seiner \u00dcberschrift zum L\u00fcgner erkl\u00e4rt, wird Wasser auf seine M\u00fchlen sein, wird die, die das h\u00f6ren wollen, was er zu sagen hat, darin best\u00e4tigen, dass er recht hat.<\/p>\n<p>Fast alles, was Jens Spahn in dieser Hipster-&#8222;Debatte&#8220; sagt, ist gelogen, es ist ganz bewusst gelogen, im Sinne von: An den Haaren herbei gezogen. Aber noch schlimmer daran ist, dass es \u00fcberhaupt nicht darum geht, ob es wahr ist, oder nicht, sondern nur darum, News zu erzeugen, die aufregt, News zu erzeugen, die ihn zum medialen Themensetter und zum mutigen Warner vor \u00dcberfremdung macht.<\/p>\n<p>Und trotzdem muss man sich damit besch\u00e4ftigen. \u00a0Obwohl es ein Dilemma ist, weil sich mit dem Unfug von Populisten zu besch\u00e4ftigen, immer auch hei\u00dft, den Unfug zu konservieren. Doch gerade, weil Leute wie Spahn das wissen, gerade weil sie das Widersprechen des L\u00e4cherlichen provozieren und hoffen, dass man aus Angst dabei selbst l\u00e4cherlich zu sein, m\u00f6glichst satirisch, glossenhaft, also nicht ernsthaft politisch ist, muss man genau das tun:<\/p>\n<p>Ihn ernst nehmen. Ihn nicht als provinziellen, trotteligen Spie\u00dfer abtun. Sondern ihm ganz genau vorhalten, was er da tut und politisch bezweckt.<\/p>\n<p>Schon der erste Satz seines <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2017-08\/cdu-jens-spahn-hipster-parallelgesellschaft\">&#8222;Zeit&#8220;<\/a>-Beitrages ist eine L\u00fcge ..<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Meine Beobachtung, dass in Caf\u00e9s und Restaurants nur noch auf Englisch bedient wird, wurde zu Unrecht kritisiert.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8230;, da nat\u00fcrlich niemand seine &#8222;Beobachtung&#8220; kritisiert hat, sondern das, was er aus ihr schlussfolgert, das, wozu er sie instrumentalisiert.<\/p>\n<p>Es ist die Methode Trump, die darin besteht, irgendetwas Wirres zu behaupten und die erwartete Kritik dann als Vorlage f\u00fcr die n\u00e4chste wirre Behauptung zu benutzen und sich gleichzeitig als Opfer seiner medialen Kritiker zu inszenieren. Und weil er da auch all, das, was er in der &#8222;Zeit&#8220; mit seiner &#8222;Beobachtung&#8220; verbindet (also alles, was dar\u00fcber hinausgeht, womit Spahn selbstverst\u00e4ndlich recht hat: dass das Berlin-Mitte-Englisch auch seine alberne und selbstverst\u00e4ndlich auch provinzielle Seite hat) eben einfach falsch ist.<\/p>\n<p>Er macht sich gar nicht erst die M\u00fche, hier ernsthaft ein Ph\u00e4nomen, eine Entwicklung zu beschreiben, \u00fcber die man tats\u00e4chlich diskutieren k\u00f6nnte. Gegen Anfang seines Artikels sagt er, er m\u00f6chte nicht missverstanden werden und schreibt aus, wof\u00fcr er streiten m\u00f6chte:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Es geht mir vor allem um uns Deutsche selbst.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Doch dann beklagt er einerseits ein typisch deutsches Problem &#8230;<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Da ist sie wieder, die mangelnde deutsche Selbstverst\u00e4ndlichkeit im Umgang mit der eigenen Sprache.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8230; spricht von &#8222;provinzieller Selbstverzwergung&#8220; und verweist quasi als Beweis auf Paris &#8222;wo man auf seine kulturellen Eigenheiten mit Recht sehr stolz ist&#8220; so etwas &#8222;undenkbar&#8220; w\u00e4re. Um dann an anderer Stelle zu beklagen, dass das alles doch kein Berliner Ph\u00e4nomen sei:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die neue Globetrotter-Szene trifft sich in Clubs, wo die gleiche Musik gespielt wird wie in Belgrad oder Br\u00fcssel. Und in Caf\u00e9s, die exakt so eingerichtet sind wie die angesagten L\u00e4den in London oder \u0141\u00f3d\u017a. So werden die kulturellen Unterschiede nivelliert.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Wer ist jetzt nach Spahns Logik der Sonderling? Berlin? Oder doch Paris? Ist es also doch eigentlich (fast) ganz Europa, das sich da verzwergt?<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Es geht mir vor allem um uns Deutsche selbst.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>H\u00e4?<\/p>\n<p>Und weiter geht&#8217;s:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;In vielen Berliner Kiezen ist so eine bunt schillernde Blase entstanden, in der sich alle betont weltoffen f\u00fchlen \u2013 dabei wird hier nur eine versch\u00e4rfte Form des elit\u00e4r-globalisierten Tourismus gelebt. Alle, die nicht mithalten k\u00f6nnen bei der Generation easyJet bleiben au\u00dfen vor. Zum Beispiel diejenigen Deutschen, die des Englischen nicht so m\u00e4chtig sind.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es nicht die &#8222;Generation Easyjet&#8220;, die sich in Berlin elit\u00e4r verh\u00e4lt und daf\u00fcr sorgt, dass andere &#8222;au\u00dfen vor&#8220; bleiben m\u00fcssen, sondern vor allem die Generation &#8222;First Class&#8220;, f\u00fcr die in Berlin &#8211; egal in welcher Sprache! &#8211; private Luxus-Shopping-Touren organisiert werden, bei dem alle anderen im Wortsinne drau\u00dfen bleiben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die &#8222;Generation Easyjet&#8220; ist genau das Gegenteil von elit\u00e4r: Sie agiert offen und demokratisch, macht sich sichtbar, streitbar. Gerade auch weil ihr Verhalten mitunter albern ist.<\/p>\n<p>Jens Spahn tut so, als ob die Tatsache, dass Leute wie seine Eltern in hippen Berliner Restaurants gekr\u00e4nkt werden w\u00fcrden, wenn sie dort auf ausschlie\u00dflich Englisch sprechende Kellner tr\u00e4fen, \u00a0obwohl sehr wahrscheinlich genau das Gegenteil der Fall sein w\u00fcrde: Dass sie genau aus dem Grund dort in diesem Restaurant sind, n\u00e4mlich genau um das hippe, englische eben so &#8222;verr\u00fcckte&#8220; bestaunen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Warum sollten sie es sich es sonst antun?\u00a0Warum sich genau den Teil einer schier unendlichen Vielfalt aussuchen, der einem nicht passt?<\/p>\n<p>Und genau das ist das, was Spahn eigentlich macht: Etwas, das ihm nachvollziehbarer Weise nicht passt, zum Problem, zur Gefahr erkl\u00e4ren, Schuldige benennen. Die Grundprinzipien eines liberalen Miteinanders an einer Stelle f\u00fcr problematisch zu erkl\u00e4ren, an der es unverd\u00e4chtig erscheint, liberale Grundprinzipien anzugreifen.<\/p>\n<p>Die Mitte-Hipster sind daf\u00fcr ein dankbares, ein perfektes Opfer.<\/p>\n<p>Jeder Schwule hat erfahren m\u00fcssen, dass das L\u00e4cherlich-Machen von Menschen, die von vielen als sonderbar empfunden werden, ein einfaches Mittel ist, um \u00c4ngste zu sch\u00fcren, die mit diesen Menschen gar nichts zu tun haben.<\/p>\n<p>Man kann als Schwuler mit diesem Wissen, mit dieser Erfahrung umgehen und versuchen, andere Menschen davor zu sch\u00fctzen, f\u00fcr politisch motivierte Angstmache instrumentalisiert zu werden.<\/p>\n<p>Man kann mit diesem Wissen, mit dieser Erfahrung nat\u00fcrlich auch das Gegenteil machen:<\/p>\n<p>Man kann es so machen wie Jens Spahn.\u00a0\u2666<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>Vorschaufoto: (c) Nollendorfblog \/ Johannes Kram<\/em><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>Diesen Beitrag bei Facebook liken \/ sharen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und genau das ist das, was Spahn eigentlich macht: Etwas, das ihm nachvollziehbarer Weise nicht passt, zum Problem, zur Gefahr erkl\u00e4ren, Schuldige benennen. 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