{"id":8189,"date":"2017-10-29T14:18:03","date_gmt":"2017-10-29T12:18:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=8189"},"modified":"2019-03-02T12:45:04","modified_gmt":"2019-03-02T10:45:04","slug":"gegenrede-zu-boehmermann-bento-ist-nicht-der-tod-des-qualitaetsjournalismus-im-gegenteil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=8189","title":{"rendered":"Gegenrede zu B\u00f6hmermann: Bento ist kein schlechter Journalismus. Im Gegenteil!"},"content":{"rendered":"<p>Jan B\u00f6hmermann h\u00e4lt bento.de, das Jugendportal aus dem SPIEGEL-Verlag f\u00fcr unjournalistisch, zynisch und unseri\u00f6s.<em> (<a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/comedy\/neo-magazin-mit-jan-boehmermann\/bento-100.html\">Hier sein ca. 20 min\u00fctiger &#8222;Rant&#8220;<\/a> gegen das Online-Magazin aus der letzten\u00a0\u201eNeo Magazin Royale\u201c-Sendung)\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte dem widersprechen und aufzeigen, warum es das zumindest aus queerer Sicht nicht ist, warum ich vieles von dem, was die bento-Leute da machen, sogar f\u00fcr richtig guten Journalismus halte. Nun kann man nat\u00fcrlich sagen, dass der queere Aspekt nur ein Nebenaspekt sein kann, einer der f\u00fcr die grunds\u00e4tzliche Bewertung eines Mediums wenig hilfreich ist.<\/p>\n<p>Ich sehe das anders. Gerade weil es so viele Medien nicht schaffen, grunds\u00e4tzlich angemessen \u00fcber LGTBI-Themen zu schreiben, darf man vermuten, dass ein Medium, bei dem dies m\u00f6glich scheint, sich ein paar Fragen gestellt hat, die anderen Redaktionen bisher nicht in den Sinn kamen. Und dass es sich bei diesen Fragen eben nicht nur darum drehte, wie man zu Lesben, Schwulen und Co. stehen m\u00f6chte, sondern wie es ganz generell m\u00f6glich ist, eingefahrene Stereotype und Perspektiven zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass wer besser \u00fcber queere Menschen schreiben kann auch besser \u00fcber andere Menschen, besser \u00fcber Gesellschaft schreiben kann. Nun will ich nicht sagen, dass bento dies dauernd tut. Aber selbst wenn man sich &#8211; wie B\u00f6hmermann &#8211; nur deren Quatsch anschaut, dann ist es doch auffallend, dass dieser ganz ohne die Verlockung auskommt, LGTBI zu Quatsch zu machen.<\/p>\n<p>Vielleicht gibt es ja andere, die es noch besser machen. Aber keines der gro\u00dfen, &#8222;erwachsenen&#8220; Nachrichtenportale schafft es auch nur ann\u00e4hernd, queere Vielfalt so gut verst\u00e4ndlich, so angemessen aufzubereiten. Und das nicht nur unter dem Gesichtspunkt, dass es sich bei bento um eine junge, vermeintlich nachrichtenferne Zielgruppe handelt, der man alles etwas vereinfacht, schr\u00e4ger, knalliger nahebringen muss.<\/p>\n<p>Im Gegenteil:\u00a0 Bei fast allem, was dort \u00fcber LGTBI geschrieben ist, denkt man: Ja, so m\u00fcsste so auch bei den journalistischen Flagschiffen sein. So wie bento das macht, ist es nicht nur okay, sondern vorbildlich: Unaufgeregt, facettenreich, spannend. Und wirklich gut erkl\u00e4rt. Vor allem aber: LGTBI sind hier nicht die Exoten. Die bento-Leute haben es geschafft, womit sich die meisten anderen so verdammt schwer tun: Dass queere Themen keine Randthemen sind, sondern selbstverst\u00e4ndlich als Teil der Lebenswelt der Zielgruppe stattfinden.<\/p>\n<p>Die gilt sowohl f\u00fcr komplexere Themen als auch f\u00fcr die boulevardesken. Fangen wir mal mit denen an, also da, wo das Schreiben \u00fcber Lesben und Schwule in Deutschen Medien so besonders problematisch ist.<\/p>\n<p>Am 9. 7. <a href=\"http:\/\/www.bento.de\/queer\/heiratsantrag-londoner-polizistin-bekam-auf-der-pride-einen-antrag-von-ihrer-freundin-1497133\/\">hei\u00dft es bei bento:<\/a><\/p>\n<blockquote>\n<h2>Dieser Heiratsantrag an eine Polizistin ist zum Dahinschmelzen<\/h2>\n<\/blockquote>\n<div class=\"article-text no-top-bottom\">\n<section class=\"main-text drop lauftext\">\n<blockquote><p>So romantisch wie in einer deiner Lieblingsschnulzen: Eine <strong>Verkehrspolizistin<\/strong> war gerade im Einsatz bei der diesj\u00e4hrigen London Pride Parade, als ihr Arbeitstag sich als ein ganz besonderer entpuppte. Ihre Freundin machte ihr einen <strong>Heiratsanstrag<\/strong> \u2013 mitten in der bunten Menge der Demonstranten.<\/p><\/blockquote>\n<\/section>\n<\/div>\n<div class=\"article-text no-top-bottom\">\n<section class=\"main-text lauftext\">\n<blockquote><p>Die Menschen drumherum bejubelten das<strong> frisch verlobte Paar.<\/strong> Auch die Londoner Verkehrspolizei feierte die beiden und postete den\u00a0Antrag auf Twitter. Viele weitere Gl\u00fcckw\u00fcnsche folgten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Hier m\u00f6chte man die Autorin\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.bento.de\/autor\/beguem-duezguen\/\">Beg\u00fcm D\u00fczg\u00fcn<\/a> wirklich daf\u00fcr umarmen, dass sie weder in \u00dcberschrift noch in dem nachfolgenden Text die W\u00f6rter &#8222;Homo-Ehe!&#8220; oder &#8222;Lesbe&#8220; ben\u00f6tigte, weil das wirklich nicht das Thema war. Und auch daf\u00fcr, dass sie die Situation in &#8222;mitten in der bunten Menge der Demonstranten&#8220; verortete und damit der Versuchung eines Gro\u00dfteils ihrer Flagschiffmedien-KollegInnen widersteht, die immer noch glauben, dass man einen Gay Pride nicht ohne das Wort &#8222;schrill&#8220; beschreiben darf.<\/p>\n<p>Dass sich Boulevard-Berichterstattung nicht fast zwangl\u00e4ufig gegen Minderheiten richtet, in der diese letztendlich entweder Freaks\u00a0 oder Gef\u00e4hrder, oder beides sind, ist schon beachtlich. Dass aber solche bunten Geschichten nicht nur nicht mit einem letztlich doch verst\u00f6rendem, sondern einem rund um empathischen Blick f\u00fcr ein mehrheitlich heteronormatives Publikum aufgeschrieben werden, das ist nicht nur wirklich neuer, sondern auch wirklich besserer Journalismus. Denn im Boulevard, in den einfachen, in den\u00a0 auf- und anregenden Geschichten zeigt sich, ob es ein Medium wirklich auf Lesben, Schwule, Bi, Trans- und Intermenschen als Sensationsfutter verzichten kann oder will. Dass das Bento gerade als einem Medium gelingt, in dem es zum Gro\u00dfteil um Sensationelles und Aufregendes geht, zeigt: Bento kann und will.<\/p>\n<p>Was bento aus queerer Sicht so wertvoll macht, ist, dass es nicht nur aus queerer Sicht funktioniert. Aber eben auch. Sie schaffen es, fast alle wichtigen News um LGTBI abzubilden aber eben auch immer wieder einen genaueren tieferen Einblick in unterschiedlichste Themen rund um Queeres zu erm\u00f6glichen. Sie verbinden Leichtes mit Schwerem, Allgemeines mit Speziellem, und doch ist die Herangehensweise nicht beliebig: Soweit ich das \u00fcberblicken kann ist Homophobie hier (anders als in den meisten anderen Medien) eben keine Meinung, sondern: Homophobie.\u00a0 Dies bedeutet nicht, dass hier die Homo-Lobby am Werke ist, hier finden Beitrage statt, \u00fcber die man sich gerne auch als LGTBI-Aktivist gerne <a href=\"http:\/\/www.bento.de\/queer\/sexualitaet-und-politik-ich-bin-schwul-und-konservativ-kommt-endlich-klar-damit-1596645\/\">streiten<\/a> m\u00f6chte. Aber es gibt eben offensichtlich einen Grundkonsens dar\u00fcber, wo Meinung aufh\u00f6rt und Diffamierung beginnt. Oder, um es anders zu sagen: Wer mit Seriosit\u00e4t nicht nur Aufmachung und Stil meint, sondern auch das Hochhalten ethischer Grundregeln, f\u00fcr den muss &#8211; zumindest was queere Inhalte bestrifft &#8211;\u00a0 bento um ein vielfaches seri\u00f6ser erscheinen als etwa die FAZ, die darauf besteht, im Sinne der Meinungsfreiheit Homosexuelle in die N\u00e4he von Kindersch\u00e4ndern r\u00fccken zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Seit Jahren sitze ich in irgendwelchen Runden, die sich dar\u00fcber Gedanken machen, wie man LGTBI-Themen angemessen und interessant f\u00fcr ein Mainstream-Publikum aufbereiten k\u00f6nnte. Und gerade, weil es in diesem Blog nun seit \u00fcber acht Jahren auch dar\u00fcber\u00a0 geht, wie man es nicht machen sollte: Bento zeigt, dass es m\u00f6glich ist!<\/p>\n<p>Um das zu erkennen, gen\u00fcgt schon ein oberfl\u00e4chlicher Blick auf die letzten Monate. Etwa der Bericht \u00fcber ein Jugendfestival in der Schweiz, bei dem junge Menschen \u00fcber ihre <a href=\"http:\/\/www.bento.de\/queer\/coming-out-6-menschen-berichten-von-ihren-queeren-momenten-1673778\/\">&#8222;queeren Momente&#8220;<\/a> berichten, eine &#8222;Shopping List&#8220; zum Thema <a href=\"http:\/\/www.bento.de\/queer\/queere-literatur-diese-9-romane-brechen-mit-geschlechternormen-1536977\/\">&#8222;Diese 9 Romane brechen mit Geschlechternormen&#8220;<\/a> inklusive einer simplen aber stimmigen Definition von &#8222;queer&#8220; und sogar\u00a0 einem Haken zur Patsy l&#8217;Amour laLoves Beissreflexe-Debatte. Oder anl\u00e4sslich der CSDs ein Leitfaden wie und warum sich auch <a href=\"http:\/\/www.bento.de\/queer\/christopher-street-day-2017-wie-du-dich-fuer-lgbt-gleichstellung-engagieren-kannst-1431445\/\">Heterosexuelle f\u00fcr LGTBI-Gleichberechtigung einsetzten<\/a> k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Bento macht so vieles richtig, und vor allem so vieles richtiger, als wir uns es vor ein paar Jahren noch vorstellen konnten.<\/p>\n<\/section>\n<\/div>\n<p>Laut B\u00f6hmermann steht bento f\u00fcr das &#8222;Tod des Qualit\u00e4tsjournalismus&#8220;. Ich habe keine Ahnung, was B\u00f6hmermann unter &#8222;Qualit\u00e4tsjournalismus&#8220; versteht. Aber wenn bento f\u00fcr dessen Ende steht, dann sollte uns vor diesem Ende nicht bange sein.\u2666<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>Mehr zum Thema \/ Offenlegung:<\/em><\/p>\n<p><em>&#8222;Medien zeichnen ein verzerrtes Bild von Lesben und Schwulen, sagen die Initiatoren des &#8218;Waldschl\u00f6sschen-Appells&#8216;. Der Aufruf an Medienmacher, Diffamierungen gegen Homosexuelle nicht zu verharmlosen, wurde am Montag ver\u00f6ffentlicht. Der Spiegel leide beispielsweise an einem &#8218;Homo-Tourette-Syndrom&#8216;, sagt Mitinitiator Johannes Kram. Den &#8218;Hart aber Fair&#8216;-Moderator Frank Plasberg kritisiert Kram ebenso &#8211; f\u00fcr eine Sendung zur &#8222;Homo-Ehe&#8220;. Im MEEDIA-Interview sagt Kram: &#8218;Einige Medien spielen mit dem Feuer.'&#8220;:<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/meedia.de\/2013\/06\/12\/der-spiegel-hat-homo-tourette-syndrom\/\"><em>Interview (Juni 2013)<\/em><\/a><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>Mehr in diesem Blog:<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=5573\">&#8222;Der wahre Wert des B\u00f6hmermann-Gedichtes&#8220;<\/a><\/em><\/p>\n<p><em>Aus dem Archiv:<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?cat=74\">Artikelsammlung &#8222;Homophobie in den Medien&#8220;<\/a><\/em><\/p>\n<p><em>Diesen Beitrag bei Facebook liken \/ sharen:<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bento macht so vieles richtig, und vor allem so vieles richtiger, als wir uns es vor ein paar Jahren noch vorstellen konnten.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8209,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[163,101,74,169],"tags":[],"class_list":["post-8189","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-163","category-applaus-statt-meckern","category-medien","category-online"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8189","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8189"}],"version-history":[{"count":48,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8189\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8239,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8189\/revisions\/8239"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/8209"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8189"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8189"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8189"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}