{"id":8263,"date":"2017-11-02T12:35:43","date_gmt":"2017-11-02T10:35:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=8263"},"modified":"2019-03-02T11:57:55","modified_gmt":"2019-03-02T09:57:55","slug":"patsy-lamour-lalove-ueber-martin-dannecker-er-war-schwul-bevor-es-das-wort-in-dem-sinne-gab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=8263","title":{"rendered":"Patsy l&#8217;Amour laLove \u00fcber Martin Dannecker: Er war schwul, bevor es das Wort in dem Sinne gab."},"content":{"rendered":"<p><em>die Martin Dannecker ist einer der ganz Gro\u00dfen der Homosexuellenbewegung im Nachkriegsdeutschland.\u00a0<\/em><em>Er ist ihr Vordenker und hat sie zusammen mit Rosa von Praunheim losgetreten.<\/em><\/p>\n<p><em>Etwas Heldenverehrung tut unserer Community gut. Jetzt nach der Ehe f\u00fcr alle, in deren Kampf sich die Bewegung in einem jahrelangen Dauerspagat verrenken musste zwischen dem Dazugeh\u00f6ren-Wollen und dem Anderssein-Verteidigen ist sie eine willkommene, ja vielleicht eine notwendige Lockerungs\u00fcbung. Der Blick auf das Lebenswerk von Martin Dannecker zeigt, was uns zugemutet wurde, was wir uns selber zugemutet haben, zumuten mussten, durften, was uns alles in den Knochen steckt, jetzt wo wir aufrecht stehen k\u00f6nnen keine \u00dcbung mehr ist, sondern Gewohnheit. <\/em><\/p>\n<p><em>Aber dieser Blick zeigt auch, dass die W\u00fcrde eines Menschen nicht davon anh\u00e4ngig ist, ob er in der Mitte der Gesellschaft mitl\u00e4uft, dass wir f\u00fcr das was wir sind, keine Erlaubnis brauchen, dass wir Anderssein in unseren Geschichten nicht wegdeuten, nicht wegschieben, sondern als etwas begreifen sollten, das uns hilft,\u00a0 frei und souver\u00e4n zu sein.<\/em><\/p>\n<p><em>Martin Dannecker hat all des nicht nur gedacht, gefordert und erstritten. Er hat es auch gelebt. &#8222;Faszination Sex&#8220; hei\u00dft die Ausstellung im Schwulen Museum*, die ab heute zur gemeinsamen Heldenverehrung einl\u00e4dt, uns freuen zu d\u00fcrfen, dass es in unserer gemeinsamen Geschichte so jemanden wie Martin Dannecker gegeben hat. <\/em><\/p>\n<p><em>Und gibt!.\u00a0\u2666<\/em><\/p>\n<p><em>&#8222;Faszination Sex&#8220; wurde kuratiert von Patsy l&#8217;Amour laLove. Zur Ausstellungs-Er\u00f6ffung habe ich ihr einige Fragen \u00fcber das\u00a0 Leben und Wirken von Martin Dannecker gestellt, und dar\u00fcber, wie sie das zu einer Ausstellung gemacht hat:<\/em><\/p>\n<p>Wenn man durch die Ausstellung geht, sp\u00fcrt man die Bewunderung, die Du als Kuratorin f\u00fcr Dannecker hast: Es ist auch eine Hommage. Wie ist Dein Verh\u00e4ltnis zu ihm?<\/p>\n<blockquote><p>Ja, das Gef\u00fchl kommt richtig an, ich bis fasziniert von Danneckers Werk. Das meint sein Auftreten und sein Werk. Seiner Theorie merkt man die Leidenschaft an, er brennt f\u00fcr seine Themen. Und er schreibt sich als Schwuler in seine Texte ein. Als ich vor einigen Jahren begann, mich mit den Polit-Tunten der 1970er Jahre zu besch\u00e4ftigen, stie\u00df ich auf seine Texte und lernte ihn dann 2011 pers\u00f6nlich kennen. Das ist schon beeindruckend. Darum hat die Ausstellung einen \u00e4sthetischen Schwerpunkt, es geht um Dannecker als Person, aber auch als Figur und Erscheinung.<\/p><\/blockquote>\n<p>Was muss man beachten, wenn man so eine Ausstellung \u00fcber eine lebende Person macht? Welchen Einfluss hatte er?<\/p>\n<blockquote><p>Martin hat sich komplett zur\u00fcckgehalten und mir keinerlei Vorgaben gemacht. Dagegen h\u00e4tte ich mich auch verwehrt. Fragen des Respekts und der Achtsamkeit gegen\u00fcber der Privatsph\u00e4re spielen nat\u00fcrlich eine Rolle. Und auch die andauernde Reflexion dar\u00fcber, dass eine Ausstellung \u00fcber jemanden, den man kennt und sch\u00e4tzt, schnell zu idolisierend werden kann. Ich versuche in der Ausstellung damit ironisch umzugehen und mein Anliegen offenzulegen: Man soll sich mit Dannecker besch\u00e4ftigen, denn sein Werk ist unglaublich wichtig. Interessant war f\u00fcr mich die Erfahrung, dass je l\u00e4nger ich an der Ausstellung arbeitete, desto mehr entfernte sich der Gegenstand der Ausstellung von der Person Martin Dannecker, die ich pers\u00f6nlich kenne. Das hat durchaus Vorteile.<\/p><\/blockquote>\n<p>Du hast gesagt, Dannecker war schwul, bevor es das Wort in dem Sinne, also Selbstbezeichnung gab. Wie meinst Du das?<\/p>\n<blockquote><p>Der Psychoanalytiker und fr\u00fcherer Mitbewohner von Martin, Reimut Reiche, bezeichnet ihn im Interview als Kulturhero. Martin trug einen taillierten gl\u00e4nzenden Lackmantel, Stiefel und eine get\u00f6nte Sonnenbrille und das Mitte der 1960er Jahre. Er war als Homosexueller zu erkennen und machte daraus nirgens einen Hehl. Das ist, was schwul ab 1971 durch die Schwulenbewegung zu bedeuten begann: Selbstbewusst homosexuell zu sein und damit nach au\u00dfen zu treten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Was ist Danneckers wichtigstes Verdienst?<\/p>\n<blockquote><p>Er ist der wichtigste deutsche Theoretiker zur Homosexualit\u00e4t der Nachkriegszeit, hat die westdeutsche Schwulenbewegung initiiert und die erste gro\u00dfe Studie \u00fcber Schwule ver\u00f6ffentlicht, die nicht pathologisierend war.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Satz, nachdem nicht der Homosexuelle pervers ist, sondern die Gesellschaft in der er lebt, ist wohl einer der wichtigsten der deutschen Homosexuellenbewegung, wenn nicht sogar der wichtigste. Viele wissen bis heute nicht, dass dieser Satz von Dannecker stammt und nicht von Rosa von Praunheim. In der Ausstellung h\u00e4ngt ein altes Plakat des gleichnamigen Films. Da fehlt der Name Danneckers. Warum ist das so? Was war Danneckers Anteil an dem Film, der ja immerhin als Ausl\u00f6ser der Bewegung gilt?<\/p>\n<blockquote><p>Martin Dannecker hat mit seinen Notizen 1969 bereits grob den Text vorgelegt, der in dem Film gesprochen wird. Zum Teil sind ganze S\u00e4tze darin nachzulesen. Ich denke, er legte damals keinen gro\u00dfen Wert darauf, namentlich auf dem Plakat zu stehen. Ihm ging es da sehr um die Sache, die Schwulen aus dem Schlaf zu rei\u00dfen. Seinen namentlichen Ruhm bekam er ja au\u00dferdem trotzdem, er wurde schnell zum beliebten Talk-Gast und seine Texte wurden breit rezipiert. Dass er aber der Mit-Urheber des Films ist, werde ich nicht m\u00fcde, \u00fcberall zu betonen!<\/p><\/blockquote>\n<p>In der AIDS-Krise war Dannecker der wichtigste Gegenspieler des damaligen CSU-Hardliners Peter Gauweilers aus der Community. Sein Konzept gegen HIV und AIDS war die Freiheit Homosexueller und der Kampf gegen die Ausgrenzung. Wie sehr hat dieses Engagement den Kampf gegen HIV und AIDS gepr\u00e4gt? Wie sehr die Entwicklung der deutschen Homosexuellenbewegung?<\/p>\n<blockquote><p>Er ist w\u00e4hrend der AIDS-Debatten seiner politischen Haltung aus den 1970er Jahren treu geblieben: Radikal auf der Seite der Subjekte, ihren W\u00fcnschen und ihrer Sexualit\u00e4t. Das hei\u00dft, einerseits unterst\u00fctzte er HIV-Positive darin, auf der eigenst\u00e4ndigen Sexualit\u00e4t weiterhin zu beharren. Martin rief dazu auf, auch ungesch\u00fctzten Sex nicht moralisch zu verurteilen, sondern zu verstehen zu versuchen, warum Leute viel und ohne Gummi Sex haben wollen. Das brachte ihn fr\u00fch zu seiner bis heute beibehaltenen Kritik an den Pr\u00e4ventionskampagnen der AIDS-Hilfen. Man sollte aufh\u00f6ren, das Kondom zu erotisieren, so eine zentrale Forderung Danneckers, und stattdessen auf schwule Lust pochen und diese durch Aufkl\u00e4rung ernst nehmen. Oft wird ausschlie\u00dflich Rita S\u00fc\u00dfmuth genannt, ich denke auch, weil sie f\u00fcr viele eine Mutterfigur ist. Aber man sollte dabei Vorreiter wie Martin Dannecker, Michael Bochow oder Wolfgang Vorhagen nicht vergessen: Schwule, die in einer h\u00f6llischen Zeit versuchten, einen k\u00fchlen Kopf zu bewahren, sich f\u00fcr AIDS-Kranke und deren Leben einzusetzen und neue Ma\u00dfst\u00e4be schwuler Solidarit\u00e4t zu setzen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Bewegst Du Dich auch in seinen Fu\u00dfstapfen? Kann man sagen, dass Du seine Arbeit auf gewisse Weise weiterf\u00fchrst? Als Theoretikerin? Als Aktivistin? Als \u00f6ffentliche Figur?<\/p>\n<blockquote><p>Ich besch\u00e4ftige mich als Geschlechterforscherin mit der Schwulenbewegung, mit Sexualit\u00e4t und Aktivismus mit psychoanalytischer Theorie, auch mit den Ans\u00e4tzen Martin Danneckers. Und ich scheue wie Martin die Kontroverse nicht, wenn ich davon \u00fcberzeugt bin, dass man weiterdenken muss. Da sehe ich \u00c4hnlichkeiten. Was ich auf jeden Fall versuche, ist, seine Theorie und seine politische Haltung weiterhin einzubringen. Wenn mir das mit der Ausstellung ein St\u00fcck weit gelingt, ist f\u00fcr mich schon viel damit erreicht!<\/p><\/blockquote>\n<p><em>&#8222;Faszination Sex: Der Theoretiker &amp; Aktivist Martin Dannecker&#8220; ist bis zum 28. Februar im Schwulen Museum* Berlin zu sehen.\u00a0<\/em><em>Es gibt es <a href=\"http:\/\/www.schwulesmuseum.de\/ausstellungen\/view\/faszination-sex-der-theoretiker-aktivist-martin-dannecker\/\">gro\u00dfes, spannendes Rahmenprogramm<\/a>.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Vernissage: 2.11.2017, 19.00 Uhr. Eintritt frei. \u2666<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Faszination Sex&#8220;: Das Schwule Museum zeigt eine Hommage an den Bewegungs-Helden Martin Dannecker. Da m\u00fcssen wir hin!<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8269,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[163,55,3],"tags":[],"class_list":["post-8263","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-163","category-community","category-berlin"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8263","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8263"}],"version-history":[{"count":26,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8263\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8290,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8263\/revisions\/8290"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/8269"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8263"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8263"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8263"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}