{"id":8307,"date":"2017-11-24T17:41:43","date_gmt":"2017-11-24T15:41:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=8307"},"modified":"2019-03-02T11:57:55","modified_gmt":"2019-03-02T09:57:55","slug":"was-haben-denn-schwule-mit-lesben-zu-tun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=8307","title":{"rendered":"Was haben denn Schwule mit Lesben zu tun?"},"content":{"rendered":"<p>In Stephanie Kuhnens <a href=\"http:\/\/www.querverlag.de\/books\/Lesben_raus.html\">Sammelband<\/a> &#8222;Lesben Raus! &#8211; F\u00fcr mehr lesbische Sichtbarkeit&#8220; gibt es ganz viele Stellen, an denen ich aus meiner schwulen Perspektive, aus meiner Erfahrung als schwuler Aktivist gerne dazwischenrufen m\u00f6chte, wo ich &#8222;Ja, aber&#8220; sagen m\u00f6chte oder fragen: &#8222;Jetzt echt?&#8220;.<\/p>\n<p>Diskussionen zwischen Lesben und Schwulen \u00fcber lesbische Sichtbarkeit machen selten Spa\u00df, meist nerven sie, sie gehen ans Eingemachte und scheitern oft schon bei der Frage, was denn das Eingemachte \u00fcberhaupt ist. Es geht um Macht, Privilegien und M\u00f6glichkeiten, um Definitionen, Erwartungen, um alte Geschichten. Es geht auch darum, wie sch\u00f6n das alles zusammen passen k\u00f6nnte, denn das tut es ja, wenn man nicht dar\u00fcber reden muss, was dieses Zusammen eigentlich ist. Aber das geht halt auch nicht, das Nichtdr\u00fcberreden, zumindest nicht, wenn man das Politische nicht ausklammern will, wenn es also um Interessen geht. Also geht es immer wieder von Neuem los. Lesben und Schwule sind sich gegenseitig wie Familienmitglieder, die man sich nicht aussuchen konnte, konkurrierende Geschwister, schicksalhaft verbunden. Sie wissen, womit sie sich gegenseitig auf die Palme bringen k\u00f6nnen. Und sie tun es. Sie kennen sich zu gut, und dann doch wieder gar nicht. Jetzt nach dem gewonnenen gemeinsamen Kampf f\u00fcr die Ehe f\u00fcr alle, bei dem immer wieder aufkommende Konflikte hinten angestellt werden mussten (oder je nach Sichtweise: durften), w\u00e4re eine gute Gelegenheit f\u00fcr geschwisterliche Beziehungsarbeit. Andererseits: Wozu braucht man sich jetzt noch? Oder, aus schwuler Perspektive gefragt: Was haben wir \u00fcberhaupt mit Lesben zu tun?<\/p>\n<p>An diesem Punkt kann man Kuhnens Buch ziemlich klar zusammen fassen: Eine ganze Menge. Wer als Schwuler glaubt, dass Lesben als gesellschaftliche Gruppe nur eine Art Koalitionspartner, eine Art strategischer Verb\u00fcndeter sind, und das Gemeinsame nur dem gemeinsamen Feind, und der Notwendigkeit gemeinsamer St\u00e4rke geschuldet ist, der irrt. Das Geschwisterliche liegt schon darin begr\u00fcndet, dass sich auch die rein auf Schwule bezogene Homophobie auf Misogynie begr\u00fcndet, also darauf, dass die Assoziation mit dem Weiblichen mit einer Abwertung verbunden ist. Schwulenhass ist auch Frauenhass. Auch die schwule Emanzipationsgeschichte war keine, in die sich die Lesben dann irgendwann eingereiht h\u00e4tten. Es war eher umgekehrt: Die moderne Homobewegung entstammt dem Feminismus, der Frauenbewegung. Nat\u00fcrlich hat man als Schwuler das Recht, sich nicht mit Feminismus besch\u00e4ftigen zu m\u00fcssen. Es w\u00e4re aber wohl dann eher eine Besch\u00e4ftigung mit einer Selbstbehauptung, die die gesellschaftlichen Spannungsfelder und das eigene Verstricktsein darin ausblenden m\u00f6chte. Und zur Wahrheit geh\u00f6rt eben auch, dass Lesben, etwa in der AIDS-Krise, ganz selbstverst\u00e4ndlich an der Seite der Schwulen mitmarschiert sind, w\u00e4hrend die Vorw\u00fcrfe vieler Lesben nicht unbegr\u00fcndet sind, dass sich die meisten Schwulen bei vermeintlich reinen Lesbenthemen eher nicht so angesprochen gef\u00fchlt haben.<\/p>\n<p>Schwule profitieren von Lesbischer Unsichtbarkeit. Ob und wie Schwule diese &#8211; bewusst und unbewusst &#8211; auch selbst f\u00f6rdern, billigen oder in Kauf nehmen ist eine andere Frage. Die meisten von uns, ob lesbisch oder schwul, h\u00e4tten dazu etwas zu sagen, k\u00f6nnten Geschichten erz\u00e4hlen und Dinge berichten, die erkl\u00e4ren, wo das so ist, warum das so ist, oder eben auch nicht. Ich habe leider nicht viele solcher Diskussionen erlebt, die dann wirklich konstruktiv geblieben sind. Wir sind alle nicht nur Teil der L\u00f6sung sondern auch das Problem.<\/p>\n<p>Um so wichtiger ist es, dass es jetzt dieses Buch gibt, das gleich am Anfang klar macht, dass es nicht darum geht, Schuld zu verteilen, sondern L\u00f6sungen zu suchen. Dabei macht Kuhnen einen entscheidenden Schritt. Sie schreibt, f\u00fcr lesbische Sichtbarkeit m\u00fcsse grundlegende und selbstkritische Basis- und Definitionsarbeit geleistet werden. Und:<\/p>\n<blockquote><p>Bisher wurde die Sichtbarkeit in Abgrenzung zu schwuler Sichtbarkeit errechnet. Schwule Sichtbarkeit ist der Ma\u00dfstab, an dem sich Lesben und ihre Sichtbarkeit messen lassen m\u00fcssen und sich selbst auch dazu in Bezug setzen. Funktioniert das \u00fcberhaupt, ohne eine unheilvolle Konkurrenz zu schaffen oder die vorhandene noch gr\u00f6\u00dfer werden zu lassen?<\/p><\/blockquote>\n<p>Und dann:<\/p>\n<blockquote><p>Lesben werden nicht automatisch sichtbarer, wenn Schwule unsichtbar werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist ein kleiner, aber entscheidender Satz. Er erm\u00f6glicht eine Auseinandersetzung, die so oft so schwierig wurde, weil oft die gegenteilige Behauptung im Raum stand, eine Behauptung, die es f\u00fcr Schwule sehr schwierig machte, in der ganzen Sache irgendwas richtig zu machen. Der Verzicht auf die eigene Sichtbarkeit kann keine L\u00f6sung sein. Er w\u00fcrde es f\u00fcr alle eine Verschlechterung bedeuten.<\/p>\n<p>Aber nur, weil Schwule nicht alles Schuld sind, bedeutet das nicht, dass sie sich so einfach aus der Verantwortung stehlen k\u00f6nnen. Sichtbarkeit bedeutet Macht und die ist in der Community ungleich zu Lasten der Lesben verteilt, und zwar deutlich. &#8222;Lesben raus!&#8220; zeigt an vielen Beispielen, wie selbstverst\u00e4ndlich homosexuelle Projekte als schwule Projekte verstanden werden, wie unkritisch Aufmerksamkeit, Strukturen und Gelder zu den M\u00e4nnern wandern. In &#8222;Lesben raus!&#8220; k\u00f6nnen Schwule nicht nur viel wichtiges \u00fcber Lesben lernen, sondern vor allem auch \u00fcber sich selbst.<\/p>\n<p>Das ist nicht immer sch\u00f6n. Aber wichtig ist es schon. Lesben und Schwule haben sich einiges zu erz\u00e4hlen. Doch jetzt ist f\u00fcr Schwule auch ein guter Zeitpunkt, einmal zuzuh\u00f6ren.\u00a0\u2666<\/p>\n<p><strong>Das Nollendorfblog braucht Deine Unterst\u00fctzung!\u00a0 Mitmachen ist jetzt ganz einfach:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/steadyhq.com\/de\/nollendorfblog\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-8351\" src=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/steady_button.png\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/steady_button.png 850w, https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/steady_button-300x53.png 300w, https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/steady_button-768x136.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>Hintergrund: <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=8291\">Das Nollendorfblog braucht Deine Unterst\u00fctzung.<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur weil Schwule nicht alles Schuld sind, bedeutet das nicht, dass sie sich so einfach aus der Verantwortung stehlen k\u00f6nnen. 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