{"id":8354,"date":"2017-11-26T14:03:56","date_gmt":"2017-11-26T12:03:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=8354"},"modified":"2019-03-02T11:57:55","modified_gmt":"2019-03-02T09:57:55","slug":"75-von-praunheim-geburtstag-wir-brauchen-rosa-wir-brauchen-den-rosa-in-uns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=8354","title":{"rendered":"75. von Praunheim-Geburtstag: Wir brauchen Rosa. Wir brauchen den Rosa in uns!"},"content":{"rendered":"<p>Rosa von Praunheim hat zusammen mit <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=8263\">Martin Dannecker<\/a> die moderne deutsche Homosexuellenbewegung losgetreten. Daf\u00fcr geb\u00fchrt ihm ewiger Dank. Doch Rosa zu seinem 75. Geburtstag vor allem f\u00fcr das zu preisen, was aus heutiger Sicht unstrittig richtig und wichtig war, wird ihm nicht gerecht.<\/p>\n<p>Der schrille &#8222;Paradiesvogel&#8220;, den vor allem mainstreamige Medien gerade aus ihm machen, ist eine Verniedlichung, eine Verharmlosung, die nicht so harmlos ist, wie sie scheint. Auch wenn es ihm zu g\u00f6nnen ist, dass ihm heute da Liebe zuf\u00e4llt, wo es fr\u00fcher Ekel war, dass das, was fr\u00fcher Provokation war, heute keine mehr ist, so ist es doch gerade in der Stunde des Feierns so wichtig hervorzuheben, warum es einen Rosa von Praunheim gebraucht hat. Und immer noch braucht.<\/p>\n<p>Die Gesellschaft ist auch heute noch von Homosexuellenfeindlichkeit durchtr\u00e4nkt. Und so sehr das Umarmen, das Abfeiern homosexueller Ikonen durch die &#8222;Mitte der Gesellschaft&#8220; ein vor Jahren noch undenkbarer Erfolg bedeutet (und man nicht genug darauf hinweisen, kann, dass die Gesellschaft nicht nur eine bessere, sondern eine andere geworden ist!), so sehr ist der Fortschritt auch einer, der auf dem R\u00fccken eines R\u00fcckschritts geschieht. Denn das, was da gefeiert und umarmt wird, ist nicht nur Differenz, sondern auch gew\u00fcnschte Anpassung:<\/p>\n<p>Die rechtliche Gleichstellung wurde immer wieder, und weitgehend unwidersprochen damit begr\u00fcndet, dass Homosexuelle &#8222;b\u00fcrgerliche&#8220; Werte lebten. Ein Gro\u00dfteil des Wohlwollens ist der Wille nach homosexueller\u00a0 Unauff\u00e4lligkeit. Frank Plasberg, begr\u00fcndete seine aktuelle Zustimmung f\u00fcr die Ehe f\u00fcr alle damit, dass es ja dann keine Homo-Weihnachtsm\u00e4rkte geben m\u00fcsse. Doch er meinte damit nicht die Homo-Spie\u00dfigkeit solcher Events. Worauf er sich bezog: In einer Sendung zu &#8222;Homo-Ehe&#8220; hatte er 2012 einen auf einem lesbisch-schwulen Weihnachtsmarkt einen Adventskalender mit halbnackten M\u00e4nnermodels abfilmen lassen um dann gegen die &#8222;Homoehe&#8220; mit dem Argument zu wettern, warum eigentlich jemand gleiche Rechte will, der &#8222;sonst so viel Wert aufs Anderssein legt\u201c. (<em>Mehr dazu hatte ich damals <a href=\"http:\/\/www.vocer.org\/die-geschichte-des-menschenzoos\/\">hier<\/a> aufgeschrieben<\/em>). Es ist davon auszugehen, dass diese Logik breite Zustimmung in der Bev\u00f6lkerung findet, dass die &#8222;Gew\u00e4hrung&#8220; gleicher Rechte mit der Erwartung verbunden ist, dass Homosexuelle jetzt doch bitte etwas weniger homosexueller sein m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Rosa von Praunheim war immer skeptisch, was die Ehe f\u00fcr alle betraf, und ist es heute noch. Ich teile seine Ablehnung nicht, doch finde ich jetzt, wo die rechtliche Gleichstellung Realit\u00e4t geworden ist, seine Argumente um so wichtiger: Es muss weiter darum gehen, sich eine andere Gesellschaft vorzustellen, und f\u00fcr andere, eigene Formen des Zusammenlebens zu k\u00e4mpfen. Schwule und Lesben d\u00fcrfen spie\u00dfig sein. Aber gegen die Erwartung, dass sie es sein sollen,\u00a0 m\u00fcssen wir jetzt mehr denn je angehen.<\/p>\n<p>Und vielleicht ist das ja auch dem langen Kampf f\u00fcr die Ehe f\u00fcr alle und dem Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung geschuldet: Wenn man sich die Aktivistenszene heute anschaut, f\u00e4llt auf, wie wenige Protagonist*innen heute bereit sind anzuecken und dabei nicht nur die Zuneigung der Heteros sondern auch der eigenen Community aufs Spiel zu setzen. Egal, wie man Rosas Outing von Hape Kerkeling und Alfred Biolek heute bewerten m\u00f6chte, egal, ob man es richtig findet oder falsch: In einer Situation, in der nicht der Homosexuelle pervers ist, sondern die Gesellschaft, sind nicht die Homosexuellen Schuld, dass es nur richtig-falsche oder falsch-richtige Handlungsalternativen gibt. Gehandelt werden musste trotzdem.<\/p>\n<p>Die Situation in Deutschland ist heute eine andere. Und trotzdem sind wir in Deutschland heute in einer \u00e4hnlichen Situation: Auch heute ist Nicht-Handeln keine Option, wenn es darum geht, die Homo- und Transsexuellenverfolgung um uns herum nicht hinnehmen zu wollen, auch heute sind deutlichere, unbequemere Aktionen gefragt, um den staatlich gef\u00f6rderten Hass gegen LGTBI* in der n\u00e4chsten Nachbarschaft zu bek\u00e4mpfen. Was machen wir eigentlich gerade zu \u00c4gypten? Wie bereit sind wir, Fu\u00dfball-Deutschland die gute Laune zu verderben, in dem wir klar machen, dass die kommende Fussballweltmeisterschaft auch eine gewaltige PR-Aktion mit dem Ziel ist, einem homophoben Regime ein freundliches, weltoffenes Gesicht zu verleihen?<\/p>\n<p>Hierf\u00fcr brauchen wir Rosa. Was wir aber vor allem brauchen ist der Rosa in uns!<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>(Foto:\u00a0Von Queryzo &#8211; Eigenes Werk, <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=38429149\">CC-BY-SA 4.0<\/a>,)<\/p>\n<p><strong>Das Nollendorfblog braucht Deine Unterst\u00fctzung!\u00a0 Mitmachen ist jetzt ganz einfach:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/steadyhq.com\/de\/nollendorfblog\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-8351\" src=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/steady_button.png\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/steady_button.png 850w, https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/steady_button-300x53.png 300w, https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/steady_button-768x136.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><em>Hintergrund:<\/em><\/span><\/p>\n<p><em> <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=8291\">Das Nollendorfblog braucht Deine Unterst\u00fctzung.<\/a><\/em><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><em>Mehr zum Thema: <\/em><\/span><\/p>\n<p><em>Nollendorfblogger Johannes Kram zu Rosa von Praunheims &#8222;Skandalouting&#8220;:<\/em><em>\u00a0&#8222;Damals war Homosexualit\u00e4t an sich schon ein Skandal. Es hat sich vieles entspannt und verbessert, aber die Skandalisierung findet auch heute statt, nur viel geschickter und teilweise auch gef\u00e4hrlicher.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong><em><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/news\/2016-12\/09\/medien-vor-25-jahren-rosa-von-praunheims-skandal-outing-09182205\">\u00a0zeit.de<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>Diesen Beitrag bei Facebook liken \/ teilen:<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch heute ist Nicht-Handeln keine Option, wenn es darum geht, die Homo- und Transsexuellenverfolgung um uns herum nicht hinnehmen zu wollen. 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