{"id":8755,"date":"2018-03-02T12:11:27","date_gmt":"2018-03-02T10:11:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=8755"},"modified":"2019-03-02T13:13:32","modified_gmt":"2019-03-02T11:13:32","slug":"analverkehr-ist-der-deutsche-witz-warum-ich-ein-buch-ueber-homophobie-geschrieben-habe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=8755","title":{"rendered":"&#8222;Analverkehr ist der deutsche Witz&#8220; &#8211; Warum ich ein Buch \u00fcber Homophobie geschrieben habe."},"content":{"rendered":"<p>Seit gestern ist mein Buch im Handel, das auf diesem Blog basiert. Ich fordere darin eine neue Debatte um Homophobie in unserer Gesellschaft. Nicht weil alles immer schlechter wird, sondern weil &#8211; auch da so vieles besser geworden ist &#8211; es schwerer geworden ist, \u00fcber die noch bestehenden homophoben Strukturen und Denkmuster zu sprechen. Weil nach der &#8222;Ehe f\u00fcr alle&#8220; so eine merkw\u00fcrdige Stimmung entstanden ist: Was wollt ihr eigentlich noch, ihr habt doch schon alles?\u00a0 Weil sich eine &#8222;neue Homophobie&#8220; breit macht, die darauf beharrt, nichts gegen Lesben und Schwule zu haben, aber hinter dem &#8222;aber&#8220; dann eben doch oft beklagt, dass irgendwann auch mal gut sein muss. Vor allem aber: weil ich glaube, dass diese Gesellschaft ganz grunds\u00e4tzlich\u00a0 ein Problem mit Diversit\u00e4t hat, dass sie sich zwar darin gef\u00e4llt, &#8222;bunt&#8220; zu sein, aber gleichzeitig schnell eine Angst davor hat, dass es &#8222;zu bunt&#8220; wird und sich insgeheim w\u00fcnscht, dass sich das Anderssein der anderen nach festen Regeln und zu erf\u00fcllenden Erwartungen gestaltet. \u00dcber Homophobie reden hei\u00dft also \u00fcber unsere Gesellschaft reden, ja \u00fcber Deutschland reden, denn &#8211; und das zeigt die Geschichte der Beziehung der Deutschen mit ihren Homosexuellen &#8211; es eben in unserem Land einige Besonderheiten gibt, die nie so richtig betrachtet wurden.<\/p>\n<p>Warum hat sich der Paragraf 175 so lange gehalten, warum wurde das, was er (nicht nur mit dem homosexuellen Teil) der Gesellschaft gemacht hat, nie richtig aufgearbeitet? Warum kam die Ehe f\u00fcr alle ausgerechnet in einem Land, das sich so weltoffen empfindet, so viel sp\u00e4ter als in anderen westlichen L\u00e4ndern? Warum beharren in Deutschland so viele darauf, wie &#8222;egal&#8220; ihnen die Ehe\u00f6ffnung ist, warum werden Lesben und Schwulen unterstellt, dass ihre rechtliche Gleichstellung anderen etwas wegnimmt?<\/p>\n<p>Und auch darum geht es: Warum sind Homosexuelle in Deutschland immer noch eine Witzvorlage, die auf den Beklemmungen der 50er Jahre basiert, warum Homos immer noch eine Chiffre f\u00fcr peinlichen oder bedrohlichen Sex? Warum \u00fcberhaupt sind Homosexuelle vor allem Sex? Warum erz\u00e4hlt ein Kabarettist wie Dieter Nuhr tats\u00e4chlich noch den Witz mit der Seife, die man wegen der Homos unter der Dusche nicht fallen lassen soll. Ja, warum ist Analsex immer noch <em>der<\/em> deutsche Witz?<\/p>\n<p>Im Buch kritisiere ich eine Ausgabe des &#8222;Satire Gipfels&#8220; mit Dieter Nuhr anhand eines <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=3576\">Blog-Beitrages<\/a> von 2014:<\/p>\n<blockquote><p>In den wenigen Minuten, in denen er so tut, als ob er die Russen wegen ihrer Homophobie auslachen w\u00fcrde, um die Homos auszulachen, hat er sieben Gags gerissen, die darauf beruhen, dass schwuler Sex lustig ist, f\u00fcnf \u00fcber Analverkehr, drei Lacher hat er sich \u00fcber die L\u00e4cherlichkeit von Tunten abgeholt, und einen dar\u00fcber, dass auch Bisexuelle dauernd Sex haben.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und da ich die Reflexe kenne, auch noch mal hier zur Klarheit: Nat\u00fcrlich geht es nicht darum, jemandem etwas verbieten zu wollen, nicht darum, dass keine Fehler gemacht werden d\u00fcrfen, nicht darum, dass Homosexuelle einen besonderen Schutz f\u00fcr sich beanspruchen.<\/p>\n<p>Damit keine Missverst\u00e4ndnisse aufkommen, hier das, was ich dazu im Buch geschrieben habe:<\/p>\n<blockquote><p>&#8230; Dabei geht es nat\u00fcrlich nicht darum, ob man \u00fcber Homosexuelle lachen darf. Nat\u00fcrlich darf man, soll man, muss man. Und nat\u00fcrlich kann Humor nicht gerecht sein, er muss inkorrekt sein, \u00fcberzeichnen, Klischees strapazieren. Da es keine Spa\u00dfpolizei gibt, gibt es auch keine festen Grenzen und Regeln. Aber Homophobie bleibt Homophobie, auch wenn sie lustig ist. Und ob Lustiges homophob ist, ist sp\u00e4testens dann eindeutig, wenn damit eine Abwertung verbunden ist. Auch wenn man ihn mag, wenn man ihn wie Bully charmant \ufb01ndet, den dummen Homo. Wenn es der dumme Homo ist, wenn er dumm ist, weil er Homo ist: Dann ist es Homophobie. Ist es so schwer, den Unterschied zwischen \u201e\u00fcber etwas lachen k\u00f6nnen\u201c und \u201eetwas l\u00e4cherlich machen\u201c zu verstehen?<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich w\u00fcrde gerne mit meinem Buch dazu beitragen, dass wir die g\u00e4ngigen Reflexe \u00fcberwinden, dass ein Hinweis auf Homophobie m\u00f6glich ist, ohne dass er als Generalangriff auf die Person oder ihre Kunst betrachtet wird, dass jeder nicht automatisch jeden Homophobie-Verdacht entr\u00fcstet von sich weist, sondern akzeptieren kann, dass wir alle als Teil einer strukturell homophoben Gesellschaft nicht frei davon sind. Homophobie bedarf keiner Absicht, genau wie Rassismus und Sexismus keiner Absicht bedarf. Niemand ist perfekt, niemand ist fehlerfrei und soll es auch nicht sein. Aber es sollte m\u00f6glich sein, \u00fcber Fehler zu reden, dar\u00fcber, wie und warum sie entstehen, was die dahinter liegenden Erfahrungen und Gewohnheiten sind. Und nat\u00fcrlich auch dar\u00fcber, ob es \u00fcberhaupt Fehler sind, niemand hat die Deutungshoheit, es geht nicht dar\u00fcber, Urteile \u00fcber andere auszusprechen, sondern ins Gespr\u00e4ch zu kommen. Es geht nicht um Moral, es sollen keine Menschen bewertet werden, sondern ganz konkrete Aussagen und Darstellungsweisen.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass ich mich auf d\u00fcnnes Eis begebe, wenn ich die Bully-Filme problematisiere und ich selbst habe ja auch dar\u00fcber gelacht. Aber es kann doch beides richtig sein: Dass etwas gut gemeint und auch gemacht ist, seine Berechtigung in jederlei Hinsicht hat, aber trotzdem einen Punkt ber\u00fchrt, \u00fcber den man reden k\u00f6nnen muss. Gerade weil es ein Punkt ist, \u00fcber den zu reden es so schwierig f\u00e4llt: Scham. Wir sind es eben auch gewohnt mitzulachen, uns nicht \u00fcber Dinge zu \u00e4rgern, die uns tief im Inneren doch st\u00f6ren. Jeder geht damit anders um, und ich m\u00f6chte hier niemandem etwas einreden, was er f\u00fchlen sollte. Aber gerade weil die erfolgreichsten deutschen Filme Filme \u00fcber l\u00e4cherliche Tunten sind, gerade weil sie das Bild der Schwuchtel demonstrieren, also das Bild von etwas, von dem wir ganz fr\u00fch gelernt haben, dass wir es auf gar keinen Fall sein sollen, gerade weil es so schwierig ist, nicht mitzulachen, wenn die ganze Nation das doch so gerne m\u00f6chte, will ich dazu beitragen, dass auch das Gef\u00fchl des Unwohlseins seine \u00f6ffentliche Berechtigung hat. Das ist nicht besonders cool. Aber es ist eben auch nicht der Versuch irgendjemand irgendetwas verbieten zu wollen.<\/p>\n<p>Ich habe ein Buch \u00fcber Homophobie geschrieben, weil ich mir w\u00fcnschen w\u00fcrde, dass wir in unserer Gesellschaft es wirklich einmal schaffen, ernsthaft \u00fcber Homophobie\u00a0 zu reden. Ich wei\u00df, wie schwierig das ist, wie tief die Reflexe sitzen, wie schnell ein Hinweis auf Homophobie dem Verdacht der Spa\u00dflosigkeit, des Bevormundens, des Gutmenschentums, der bl\u00f6den Political Correctness und des Sich-Wichtigmachens ausgesetzt ist. Ich wei\u00df das, weil ich seit fast neun Jahren diesen Blog betreibe und all das immer wieder passiert. Aber durch diesen Blog wei\u00df ich auch, wie viele Menschen es gibt, denen auch nicht egal ist, wie \u00fcber Lesben und Schwule gesprochen und geschrieben wird wozu sie instrumentalisiert werden oder wie auf ihre Kosten politische Macht ausge\u00fcbt wird. Deswegen an dieser Stelle einen herzlichen Dank an all die, die sich auf ihre Art engagieren und die, die dieses Blog seit so vielen Jahren kritisch und unterst\u00fctzend begleiten und ohne es nicht nur dieses Blog, sondern auch das Buch nicht geben w\u00fcrde. Vielleicht kann das Buch zu einer solchen Debatte beitragen. Ich w\u00fcrde mich freuen, wenn wir sie gemeinsam f\u00fchren k\u00f6nnten.\u00a0\u2666<\/p>\n<p><strong>Schon dabei? Das Nollendorfblog ist unabh\u00e4ngig und werbefrei und lebt von der freiwilligen Unterst\u00fctzung seiner Leserinnen und Leser.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/steadyhq.com\/de\/nollendorfblog\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-8740 size-full\" src=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Steady-nollendorfblog-klein.png\" alt=\"\" width=\"442\" height=\"82\" srcset=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Steady-nollendorfblog-klein.png 442w, https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Steady-nollendorfblog-klein-300x56.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 442px) 100vw, 442px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Mehr dazu:\u00a0<\/em><em><a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=8291\">Das Nollendorfblog braucht Deine Unterst\u00fctzung.<\/a><\/em><\/p>\n<h5><strong>Das Buch zum Blog ist jetzt im Handel \/\u00a0<\/strong><strong>Der Vorverkauf\u00a0 zur Buchpr\u00e4sentation hat begonnen:\u00a0<\/strong><\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><strong>\u00a0<\/strong><strong>11. April 2018 -TIPI AM KANZLERAMT\u00a0<\/strong><\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4><strong>GROSSE BUCHPR\u00c4SENTATION\u00a0<\/strong><\/h4>\n<h4><strong>MIT TALK &amp; MUSIK<\/strong><\/h4>\n<h4><strong>\u201eICH HAB JA NICHTS GEGEN SCHWULE, ABER \u2026\u201c<\/strong><\/h4>\n<h5><strong>JOHANNES KRAM &amp; G\u00c4STE\u00a0<\/strong><\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><strong>U. a. mit Volker Beck, Jade Pearl Baker, Felix Martin, Jan Feddersen,\u00a0\u00a0<\/strong><strong>Romy Haag, Stephanie Kuhnen, Lili Sommerfeld,\u00a0<\/strong><strong>Georg Uecker, \u201eOperette f\u00fcr zwei schwule Ten\u00f6re\u201c.\u00a0\u00a0<\/strong><\/h5>\n<h5><strong>Am Fl\u00fcgel: Florian Ludewig.\u00a0<\/strong><\/h5>\n<h5><strong>\u00a0<\/strong><strong>Es lesen Matthias Freihof und Pierre Sanoussi-Bliss.<\/strong><\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><strong><a href=\"https:\/\/www.tipi-am-kanzleramt.de\/de\/programm\/programmuebersicht\/johannes-kram-buchpraesentation.html\">Infos und Tickets hier.\u00a0<\/a><\/strong><\/h5>\n<h5><strong><a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?page_id=8536\">Mehr: \u201eDas Buch zum Nollendorfblog.\u201c<\/a><\/strong><\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Buch zum Blog: Seit Anfang M\u00e4rz ist &#8222;Ich hab ja nichts gegen Schwule &#8211; \u00dcber die schrecklich nette Homophobie in der Gesellschaft&#8220; im Handel. Worum es geht. Und worum nicht ..<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8767,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[164,173,1],"tags":[],"class_list":["post-8755","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-164","category-das-wichigste-aus-zehn-jahren","category-politik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8755","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8755"}],"version-history":[{"count":25,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8755\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8782,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8755\/revisions\/8782"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/8767"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8755"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8755"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8755"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}