{"id":8858,"date":"2018-05-14T14:50:59","date_gmt":"2018-05-14T12:50:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=8858"},"modified":"2019-03-02T12:00:35","modified_gmt":"2019-03-02T10:00:35","slug":"analverkehr-ist-der-deutsche-witz-warum-ich-ein-buch-ueber-homophobie-geschrieben-habe-2-2-2-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=8858","title":{"rendered":"Was Alltagsrassismus mit Hundekot zu tun hat: Schlimmer als Lindners B\u00e4cker-Anekdote ist sein Umgang damit"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>&#8222;Man kann beim B\u00e4cker in der Schlange nicht unterscheiden, wenn einer mit gebrochenen Deutsch ein Br\u00f6tchen bestellt, ob das der hochqualifizierte Entwickler K\u00fcnstlicher Intelligenz aus Indien ist oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, h\u00f6chstens geduldeter Ausl\u00e4nder. Damit die Gesellschaft befriedet ist, m\u00fcssen die anderen, die in der Reihe stehen, damit sie nicht diesen einen schief anschauen, und Angst vor ihm haben, sich alle sicher sein, dass jeder, der sich bei uns aufh\u00e4lt, sich auch legal bei uns aufh\u00e4lt. Die Menschen m\u00fcssen sich sicher sein, auch wenn jemand anders aussieht und nur gebrochen Deutsch spricht, dass es keine Zweifel an seiner Rechtschaffenheit gibt. Das ist die Aufgabe einer fordernden, liberalen rechtsstaatlichen Einwanderungspolitik.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Christian Lindner auf dem <a href=\"https:\/\/mailings.fdp.de\/node\/123621\">FDP-Parteitag<\/a> am 12. Mai 2018<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Warum Christian Lindners B\u00e4ckereianekdote\u00a0\u00a0&#8222;sumpfiger Alltagsrassismus&#8220; ist, hat Stefan Kuzmany auf <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/christian-lindner-in-der-baeckerei-allzu-kleine-broetchen-kommentar-a-1207539.html\">SPIEGEL ONLINE<\/a> -, warum es &#8222;\u00fcbelster Alltagsrassismus&#8220; ist, hat Hanna Zobel auf <a href=\"https:\/\/ze.tt\/die-debatte-um-lindners-baeckerei-anekdote-ist-nicht-hysterisch-sondern-angebracht\/\">bento<\/a> erkl\u00e4rt. F\u00fcr alle, die noch nicht ganz \u00fcberzeugt sind: Um herauszufinden, ob etwas rassistisch, homophob etc. ist, gen\u00fcgt meist einfach die Veranschaulichung des Gegenszenarios.\u00a0Der Berliner Journalist Dirk Ludigs hat das auf Facebook getan und zeigt so, was das Problem ist : &#8222;F\u00fcr Hellh\u00e4utige gilt die Unschuldsvermutung.&#8220;<\/p>\n<p>Besorgniserregend, dass ein Parteivorsitzender einer liberalen Partei das nicht erkennt. Doch noch schlimmer als das Erz\u00e4hlen dieser Anekdote finde ich, wie er mit der Kritik darauf umgeht. In einem <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/lindner.christian\/videos\/2134563026558256\/\">Rechtfertigungs-Video<\/a> behauptet er:<\/p>\n<blockquote><p>\u00a0\u201eWer in meinen \u00c4u\u00dferungen Rassismus oder Rechtspopulismus lesen will, der ist doch etwas hysterisch unterwegs.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Was Linder da macht ist nicht weniger als der Versuch, jede Auseinandersetzung \u00fcber Rassismus unm\u00f6glich zu machen. Denn wenn selbst ein solchen Beispiel nicht dazu dienen kann, \u00fcber Rassismus zu reden, was denn sonst? Man braucht bei offensichtlichen Rassismus nicht dar\u00fcber streiten, ob er Rassismus ist, weil er ja offensichtlich ist. Ich halte auch die B\u00e4cker-Anekdote f\u00fcr offensichtlich, f\u00fcr eindeutig rassistisch, aber auch dar\u00fcber kann man, muss man streiten. Doch wie kann das geschehen, wenn Lindner schon den Versuch einer solchen Debatte als &#8222;hysterisch&#8220; abtut?<\/p>\n<p>\u00c4hnliches<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/homophobie-dabei-duerfen-die-doch-jetzt-sogar-heiraten-1.3932570\"> erlebe ich gerade mit Dieter Nuhr<\/a>, dem ich homophobe Witze vorwerfe. Auch er schlie\u00dft das aus:\u00a0&#8222;Der Vorwurf der Homophobie ist, was meine Person angeht, absurd.&#8220; Absurd. Hysterisch. So einfach ist das in Deutschland. Doch Rassismus und Homophobie wird man nicht so leicht los wie Hundekot, das ist nicht weg, wenn man es nicht mehr sieht, wenn es nicht mehr stinkt. Ressentiments stecken tiefer, da kommt man nur dran, wenn man bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen.<\/p>\n<p>Alltagsrassismus ist schlimm, aber wir sind alle nicht davor gefeit. Das entschuldigt ihn nicht, aber es hilft, ihn zu erkl\u00e4ren: Wir leben in einer Gesellschaft in der rassistische Stereotype nie richtig beleuchtet werden. Und wir leben in einer Gesellschaft, die sich als liberal empfindet, und in der es zum guten Ton geh\u00f6rt, eben nicht rassistisch, homophob etc. zu sein. Daher auch die starken Abwehrreflexe: Rassistisch, homophob, das sind immer die anderen. Man muss nicht b\u00f6swillig sein, nicht absichtlich handeln, um etwas rassistisches zu sagen. Ja, wir alle haben es wahrscheinlich schon getan. Niemand von uns ist perfekt und wir k\u00f6nnen von niemandem verlangen, dass er perfekt ist. Aber was wir von uns wie von anderen verlangen k\u00f6nnen, ist, dass wir bereit sind zu lernen, hinzuh\u00f6ren, dar\u00fcber zu reden. Lindner k\u00f6nnte ja versuchen zu erkl\u00e4ren, was daran nicht rassistisch ist. Aber selbst dazu ist er nicht bereit. Lindner k\u00f6nnte auch sagen: Sorry, ist mir rausgerutscht, war bl\u00f6d, passiert mir nicht wieder. Oder: Hab ich nicht so gesehen, aber jetzt verstehe ich, was daran problematisch ist. Aber auch das kann er oder will er nicht.<\/p>\n<p>Seine Anekdote mag eine Dummheit gewesen sein. Sp\u00e4testens die versuchte Rechtfertigung dieser Anekdote ist es nicht mehr.<\/p>\n<p>Shit happens. Aber noch schlimmer ist es, andere mit der Schei\u00dfe zu bewerfen, die man selbst verursacht hat. Nicht jeder, der etwas Rassistisches sagt, ist schon ein Rechtspopulist. Aber jemand, der ausschlie\u00dft, dass er etwas Rassistisches gesagt haben k\u00f6nnte, weil es sich nicht als rassistisch empfindet, und jemand, der dann auch noch, die, die dar\u00fcber reden wollen diskreditiert, macht den Job der Rechtspopulisten besser, als die es je k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Denn das rechtspopulistische Deutschland hat nur so viel Macht, wie das Rest-, das liberale Deutschland ihm zugesteht. Wenn Linder das nicht selbst merkt oder seine Partei ihm das durchgehen l\u00e4sst, sollte sie aufh\u00f6ren, sich liberal zu nennen.\u00a0\u2666<\/p>\n<p><strong>Wir brauchen Deine Unterst\u00fctzung! 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