{"id":9302,"date":"2018-10-28T12:33:01","date_gmt":"2018-10-28T10:33:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=9302"},"modified":"2019-03-02T12:00:34","modified_gmt":"2019-03-02T10:00:34","slug":"erste-politikerin-gegen-folter-partnerland-malaysia-gruene-queerpolitische-sprecherin-stellt-sich-gegen-messe-berlin-2-2-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=9302","title":{"rendered":"Ich bin trans und ich lasse mich nicht zum Schweigen bringen! Wie die \u00c4rzte Zeitung versucht, Kritik zu verhindern"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n<p><strong>Ein Gastbeitrag von Jonas Recker<\/strong><\/p>\n<p>Am 16. Oktober erschien in der <a href=\"https:\/\/www.aerztezeitung.de\/\">\u00c4rzte Zeitung online<\/a> in der Rubrik \u201ePanorama\u201c ein \u00f6ffentlich zug\u00e4nglicher Artikel von Nicola Zink mit dem Titel \u201eIm falschen K\u00f6rper geboren: Ist es jetzt Mode, transgender zu sein?\u201c Und weil der Titel noch nicht rei\u00dferisch genug ist, folgt dann ein Teaser, bei dem man denkt, man sei bei einem gro\u00dfen \u00fcberregionalen Boulevardblatt gelandet:<\/p>\n<p>\u201eSie lassen sich f\u00fcr den \u201aPlayboy\u2019 fotografieren oder treten bei \u201aDeutschland sucht den Superstar\u2019 auf \u2013 Transsexuelle verstecken sich nicht mehr wie fr\u00fcher. Warum f\u00fchlen sich immer mehr Kinder und Jugendliche im falschen K\u00f6rper geboren?\u201c (\u00c4rzte Zeitung online, 16.10.2018)<\/p>\n<p>Ja. Playboy und DSDS sind wirklich die allerersten Dinge, die mir beim Thema trans* Personen in der \u00d6ffentlichkeit einfallen. Sie haben noch das Dschungelcamp vergessen, liebe \u00c4rzte Zeitung.<\/p>\n<p>Allein diese ersten paar Zeilen haben mir und vielen anderen schon gereicht, wie die auf vielen Kan\u00e4len ge\u00fcbte Kritik zeigt. Aber leider wurde es noch viel besser. Oder vielmehr, der Artikel h\u00e4lt alles, was der Titel schon androht: Unter dem Deckmantel einer wissenschaftlichen Berichterstattung zweifelt er an, dass Kinder und Jugendliche auch schon vor der Pubert\u00e4t ihr richtiges Geschlecht zuverl\u00e4ssig kennen k\u00f6nnen. Der Beitrag vermittelt, gespickt mit Zitaten des Kinder- und Jugendpsychiaters Dr. Alexander Korte, dass die zu beobachtende Zunahme an entsprechenden trans* Selbstidentifikationen ein bedenklicher Trend sei. Laut Korte verhei\u00dfen die Diagnosen Geschlechtsidentit\u00e4tsst\u00f6rung\/Geschlechtsdysphorie \u201egleichzeitig Aufmerksamkeit und Status des Besonderen\u201c (zitiert in Zink 2018).<\/p>\n<p><a name=\"_GoBack\"><\/a>Sowohl an Kortes Ansichten als auch an der so genannten \u201eLittman-Studie\u201c, deren Ergebnisse im Beitrag referiert werden, wurde \u2013 auch in wissenschaftlichen Kreisen \u2013 vielfach und umfassend Kritik ge\u00fcbt (vgl. z.B. Alex Baraschs Zusammenfassung der <a href=\"https:\/\/slate.com\/human-interest\/2018\/08\/rapid-onset-gender-dysphoria-study-criticism-is-not-censorship-its-good-science.html\">Littman-Studie auf Slate<\/a>; Aussagen von Meyenburg und W\u00fcst im <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2016\/47\/transsexualitaet-kinder-jugendliche-geschlecht-umwandlung\">ZEIT online Artikel \u201eDas ist kein Spleen\u201c,<\/a> 24.11. 2016; den <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2016\/47\/transsexualitaet-kinder-jugendliche-geschlecht-umwandlunghttps:\/\/www.zeit.de\/2016\/47\/transsexualitaet-kinder-jugendliche-geschlecht-umwandlung\">Bento-Artikel<\/a>&nbsp; oder die <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2016\/47\/transsexualitaet-kinder-jugendliche-geschlecht-umwandlung\">dgti-Pressemitteilung<\/a> zu Zinks Beitrag in der \u00c4rzte Zeitung.<\/p>\n<p>Diese Kritik m\u00f6chte ich hier nicht wiederholen (auch wenn sie es wert w\u00e4re, wiederholt zu werden). Worum es mir hier geht ist zum einen die Tatsache, dass die \u00c4rzte Zeitung besagten Artikel in dieser Form \u00fcberhaupt ver\u00f6ffentlicht hat; zum anderen \u2013 und dies noch viel mehr \u2013 geht es mir um die Art und Weise, wie die \u00c4rzte Zeitung und insbesondere ihre Social Media-Redakteur*innen mit der Kritik umgehen, die von trans* Personen an dem Beitrag ge\u00fcbt wurde.<\/p>\n<p>Auf Facebook formulierte Kritik an der Ver\u00f6ffentlichung des Beitrags wurde vom Social Media-Team gel\u00f6scht, weggewischt und diffamiert. Beispielweise wurde mir \u00f6ffentlich unterstellt, man habe meinen Beitrag l\u00f6schen (lassen) m\u00fcssen weil ich \u201eausfallend\u201c geworden sei. Allein diese Unterstellung hat mich ziemlich fassungslos gemacht. Ich vermute, dass damit meine Feststellung gemeint war, dass die \u00c4rzte Zeitung \u201eTransfeindlichkeit verbreitet\u201c. Zugegebenerma\u00dfen nicht diplomatisch formuliert. Dies bezog sich auf den Artikel selbst sowie auf einen transfeindlichen Kommentar darunter, der von der \u00c4rzte Zeitung in der gesamten Zeit, in der der Artikel \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich war nicht entfernt wurde.<\/p>\n<p>Liebe \u00c4rzte Zeitung: Wenn Sie nicht transfeindlich genannt werden wollen, dann geben Sie doch transfeindlichen Inhalten keine Plattform.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich wurde jegliche Kritik, die trans* Personen an dem Beitrag ge\u00fcbt haben mit der Begr\u00fcndung weggewischt, es handele sich um einen Kongressbericht. Zitat <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/AerzteZeitung\/\">Facebook-Team der \u00c4rzte Zeitung<\/a>: \u201eDass (sic) ist so, wie wenn die ARD \u00fcber einen AfD-Parteitag berichtet \u2013 vertritt die ARD deshalb AfD-Positionen? Nat\u00fcrlich nicht. (&#8230;) Journalistisch ist der Artikel vom Handwerk v\u00f6llig ok\u201c (23.10.2018).<\/p>\n<p>Liebe \u00c4rzte Zeitung: Wenn die ARD \u00fcber einen AfD-Parteitag berichtet, macht sie sehr deutlich, dass die Positionen, \u00fcber die sie dort berichtet, die der AfD sind. Das ist Ihrer Autorin zumindest in der Version des Artikels, die bis zum 25.10. frei online zug\u00e4nglich war nicht gelungen. Ich darf Sie an den \u201egehaltvollen\u201c Teaser erinnern. Und: zwar wird Herr Korte h\u00e4ufig w\u00f6rtlich zitiert und einmal auch darauf hingewiesen, dass er etwas bei einem Kongress gesagt habe \u2013 viele Passagen im Beitrag sind aber nicht entsprechend gekennzeichnet und lesen sich folglich wie ein Bericht der Autorin \u00fcber den aktuellen Forschungsstand. Dies gilt insbesondere f\u00fcr den Absatz zur Littman-Studie. Eine kritische Einbettung sowohl der Aussagen Kortes, als auch der Littman-Studie fehlt v\u00f6llig. Auch auf der Konferenz wird es kritische Nachfragen gegeben haben, die im Artikel h\u00e4tten erw\u00e4hnt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber selbst wenn der Artikel \u2013 der nun mittlerweile wenigstens bereits im Teaser entsprechend als Kongressbericht gekennzeichnet ist \u2013 genau das ist: Sie, liebe \u00c4rzte Zeitung, haben als Medienorgan eine gesellschaftliche Verantwortung. Ihre Redaktion ist es, die entscheidet welche Artikel in welcher Form ver\u00f6ffentlicht werden. Klar k\u00f6nnen Sie sich auf das Recht der freien Meinungs\u00e4u\u00dferung berufen, wie Ihr Social Media-Team das auf Facebook gebetsm\u00fchlenartig tut. Aber wenn Sie sich entscheiden, einer auch aus Fachkreisen vielmals kritisierten Meinung eine solche Plattform zu geben \u2013 ohne eine angemessene kritische Einbettung \u2013 dann hat das ganz reale Folgen f\u00fcr trans* Personen und insbesondere Kinder und Jugendliche.<\/p>\n<p>Die rechtlichen und medizinischen H\u00fcrden, die trans* Personen \u00fcberwinden m\u00fcssen, um Anerkennung und notwendige medizinische Behandlungen zu erhalten, sind unangemessen hoch. Insbesondere Kinder und Jugendliche stehen hier vor noch Mal h\u00f6heren H\u00fcrden und erfahren dadurch teils massives, durch nichts zu rechtfertigendes Leid.<\/p>\n<p>Der Beitrag von Frau Zink reproduziert unkritisch und ohne eine notwendige Rahmung Positionen und Studien, die darauf abzielen, den Zugang von trans* Personen zu medizinischen Ma\u00dfnahmen zu erschweren. Mit dieser unkritischen Darstellung versch\u00e4rft die \u00c4rzte Zeitung als Fachorgan die ohnehin schon untragbare Situation weiter, indem sie in unangemessener Art und Weise Zweifel an den Selbstaussagen von trans* Menschen \u00fcber ihre Geschlechtsidentit\u00e4t sch\u00fcrt und den Anschein erweckt, dies sei durch wissenschaftliche Erkenntnisse gerechtfertigt.<\/p>\n<p>Insbesondere unter trans* Kindern und Jugendlichen ist die Rate von Suizidversuchen deutlich h\u00f6her, als bei cis Personen. Ein Beitrag, der einseitig wissenschaftlich zweifelhafte und bereits umfassend kritisierte \u201eErkenntnisse\u201c reproduziert, und damit sowohl bei potenziell lesenden Eltern, als auch bei medizinischem Fachpersonal Zweifel an der Verl\u00e4sslichkeit einer Selbstidentifikation sch\u00fcrt, ist vor diesem Hintergrund unverantwortlich.<\/p>\n<p>Sinnbildlich f\u00fcr den best\u00fcrzenden und unverantwortlichen Umgang der \u00c4rzte Zeitung mit der ge\u00fcbten Kritik ist, dass sie den Beitrag mittlerweile hinter einer Registrierungsseite versteckt hat. Er ist jetzt nur noch f\u00fcr Personen \u201evom Fach&#8220; zug\u00e4nglich. Vor dem Hintergrund, dass es in den Aussagen im Beitrag im Kern um die Rechtfertigung von medizinischem Gatekeeping geht ist dieser Ausschluss von trans* Personen und anderen Personen der \u00d6ffentlichkeit aus diesem Diskurs besch\u00e4mend.<\/p>\n<p>Aber wie schrieb mit das Social Media-Team der \u00c4rzte Zeitung auf Facebook?<\/p>\n<p>\u201eDas ist v\u00f6lliger Unsinn, wir haben keine Machtposition\u201c (private Nachricht, 23.10.2018).<\/p>\n<p>Na dann. \u2666<\/p>\n<div id=\"main\">\n<section id=\"primary\" class=\"site-content\">\n<div id=\"content\" role=\"main\">\n<article id=\"post-9132\" class=\"post-9132 post type-post status-publish format-standard has-post-thumbnail hentry category-politik\">\n<header class=\"entry-header\"><strong>Wir brauchen Deine Hilfe! Das Nollendorfblog bleibt werbefrei und unabh\u00e4ngig durch die freiwillige Unterst\u00fctzung seiner Leserinnen und Leser.&nbsp;<\/strong><p><\/p>\n<hr>\n<p class=\"entry-title\"><a href=\"https:\/\/steadyhq.com\/de\/nollendorfblog\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-8740 size-full\" src=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Steady-nollendorfblog-klein.png\" sizes=\"auto, (max-width: 442px) 100vw, 442px\" srcset=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Steady-nollendorfblog-klein.png 442w, https:\/\/www.nollendorfblog.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/Steady-nollendorfblog-klein-300x56.png 300w\" alt=\"\" width=\"442\" height=\"82\"><\/a><\/p>\n<p>Mehr dazu:&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=8291\">Das Nollendorfblog braucht Deine Unterst\u00fctzung.<\/a><\/p>\n<hr>\n<\/header>\n<\/article>\n<\/div>\n<\/section>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gastbeitrag: Ein Artikel der \u00c4rzte Zeitung, der daran zweifelt, dass Kinder und Jugendliche auch schon vor der Pubert\u00e4t ihr richtiges Geschlecht zuverl\u00e4ssig kennen k\u00f6nnen, steht in der Kritik. Doch nicht nur der Beitrag selbst, sondern auch der Umgang mit den Reaktionen ist unverantwortlich, so Jonas Recker: &#8222;Auf Facebook formulierte Kritik an der Ver\u00f6ffentlichung des Beitrags wurde vom Social Media-Team gel\u00f6scht, weggewischt und diffamiert.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":9309,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[164,55,145,3,1,141],"tags":[],"class_list":["post-9302","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-164","category-community","category-gastbeitraege","category-berlin","category-politik","category-trans"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9302","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9302"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9302\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10162,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9302\/revisions\/10162"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/9309"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9302"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9302"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9302"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}