{"id":945,"date":"2013-01-30T14:15:37","date_gmt":"2013-01-30T12:15:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=945"},"modified":"2019-03-02T11:39:02","modified_gmt":"2019-03-02T09:39:02","slug":"debattengeil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=945","title":{"rendered":"&#8222;Debattengeil&#8220;: Nicht \u00fcber alles kann man diskutieren"},"content":{"rendered":"<div id=\"_mcePaste\" style=\"position: absolute; left: -10000px; top: 0px; width: 1px; height: 1px; overflow: hidden;\">Eine Minderheit oder deren &#8222;Vertreter&#8220; \u00a0kann &#8222;der&#8220; Mehrheit schlicht nicht erkl\u00e4ren, wie sie f\u00fchlt und warum, wodurch und wie sie sich bedroht und verletzt f\u00fchlt. Zumindest nicht in Form einer Debatte. F\u00fcr die Mehrheit ist das schwer zu verstehen, deshalb bem\u00fcht sie sich, mit Vergleichen zu n\u00e4hern. Aber so richtig kann das nicht gelingen.<\/div>\n<div id=\"_mcePaste\" style=\"position: absolute; left: -10000px; top: 0px; width: 1px; height: 1px; overflow: hidden;\">Wer es trotzdem immer wieder versucht, ist nicht naiv, sondern debattengeil. Wer immer nur Show Down will, nimmt Verluste nicht in Kauf, sondern produziert sie. \u00a0Auch Frauen sind eine Minderheit, n\u00e4mlich dann, wenn es um den formalen Zugang zu Macht und ihren Ritualen geht. Ob und wann eine Frau sich als Opfer von Sexismus sieht, kann ebenso nicht Gegenstand eines Verhandlungsprozesses sein, in der es eine Gegenseite gibt, die reflexhaft relativierende Begleitumst\u00e4nde heranf\u00fchrt. Jede Minderheit bleibt der Mehrheit, in der sie sich befindet, in gewissem Ma\u00dfe unverst\u00e4ndlich und fremd. Dies f\u00fchrt oft zum Vorwurf an die Minderheit, sie sei ja nicht nur f\u00fcr ihren Minderheitenstatus selbst verantwortlich, sondern f\u00fcr die Aggression, der dieser ausl\u00f6st. So ist der Jude selber Schuld am Antisemitismus so wie Homosexuelle an der Homohobie.<\/div>\n<div id=\"_mcePaste\" style=\"position: absolute; left: -10000px; top: 0px; width: 1px; height: 1px; overflow: hidden;\">Diese Funktionsweise l\u00e4sst sich besonders deutlich an vielen Medienreaktionen auf die Demonstrationen homosexueller Gruppen zum Papstbesuch im vorletzten Sommer beobachten. Demonstriert wurde unter anderem gegen die Unterst\u00fctzung der katholischen Kirche \u00a0f\u00fcr Staaten, in denen Homosexualit\u00e4t streng und oft auch mit dem Tod bestraft wird, da sie deren Recht verteidige, &#8222;gewisse sexuelle Handlungen&#8220; zu regulieren und gewisse &#8222;sexuelle Verhaltensweisen&#8220; per Gesetz zu verbieten. Ulrich Deppendorf fand die Proteste in der ARD damals typisch deutsch und kleinlich, ohne die Vorw\u00fcrfe \u00fcberhaupt zu thematisieren und f\u00fcr Focus-Herausgeber Helmut Markwort war das gar ein Grund, Schwule darauf hinzuweisen, doch bitte nicht mehr so minderheitigunangenehm aufzufallen: &#8222;W\u00e4hrend die Show-Schwulen von Berlin auf der Stra\u00dfe krakeelen, marschieren die etablierten Homosexuellen durch die Institutionen und arbeiten an ihrer Karriere.&#8220;<\/div>\n<div id=\"_mcePaste\" style=\"position: absolute; left: -10000px; top: 0px; width: 1px; height: 1px; overflow: hidden;\">Nein, Sexismus, Antisemitismus und Homophobie sind keine Stilfragen. Und wenn sich jemand an gemeinsamen Tischen nicht sexistisch, antisemitisch oder homophob \u00e4u\u00dfert, bedeutet gar nichts dar\u00fcber, ob er es an anderen Stellen tut oder tun wird. Minderheiten nerven, wenn sie darauf aufmerksam machen, was sie bedroht. Das liegt in der Natur der Sache. Da gibt es nichts zu debattieren. Aber eine Menge zu lernen. Die letzten zwei Wochen w\u00e4ren eine gute Gelegenheit daf\u00fcr gewesen<span style=\"color: #252525; font-family: 'PT Sans', Arial, sans-serif; font-size: 0.85em; line-height: 1.5em;\">Eine Minderheit oder deren &#8222;Vertreter&#8220;\u00a0 kann &#8222;der&#8220; Mehrheit schlicht nicht erkl\u00e4ren, wie sie f\u00fchlt und warum, wodurch und wie sie sich bedroht und verletzt f\u00fchlt. Zumindest nicht in Form einer Debatte. F\u00fcr die Mehrheit ist das schwer zu verstehen, deshalb bem\u00fcht sie sich, mit Vergleichen zu n\u00e4hern. Aber so richtig kann das nicht gelingen.<\/span><\/div>\n<p style=\"margin: 1.1em 0px; padding: 0px;\"><em>\u00dcber Br\u00fcderle ist alles N\u00f6tige geschrieben worden, auch von mir (<\/em><span style=\"font-style: italic;\">in meiner Medienkolumne <\/span><a style=\"font-style: italic;\" href=\"http:\/\/www.vocer.org\/de\/kolumne\/do\/detail\/id\/4\/hier-ist-berlin.html\">&#8222;Hier ist Berlin&#8220;<\/a><span style=\"font-style: italic;\"> auf <\/span><a style=\"font-style: italic;\" href=\"http:\/\/www.vocer.org\/de\/aboutvocer.html\">VOCER<\/a><span style=\"font-style: italic;\">).<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 1.1em 0px; padding: 0px;\"><em>Die sogenannte Sexismusdebatte l\u00e4sst mich etwas schaudern, wenn ich mir vorstelle, wie das irgendwann einmal aussehen wird, wenn aus noch unsch\u00f6nerem Anlass eine \u00a0breitere \u00d6ffentlichkeit \u00a0sich damit auseinander setzten muss, \u00a0dass auch Homophobie Sexismus ist. <\/em><\/p>\n<p style=\"margin: 1.1em 0px; padding: 0px;\"><em>Da das hier ein monothematisches Blog ist, nachfolgend der Teil meines Textes, der auch und vor Allem hier hin geh\u00f6rt: <\/em><\/p>\n<p style=\"margin: 1.1em 0px; padding: 0px;\">(&#8230;) Eine Minderheit oder deren &#8222;Vertreter&#8220; \u00a0kann &#8222;der&#8220; Mehrheit schlicht nicht erkl\u00e4ren, wie sie f\u00fchlt und warum, wodurch und wie sie sich bedroht und verletzt f\u00fchlt. Zumindest nicht in Form einer Debatte. F\u00fcr die Mehrheit ist das schwer zu verstehen, deshalb bem\u00fcht sie sich, mit Vergleichen zu n\u00e4hern. Aber so richtig kann das nicht gelingen.<\/p>\n<p style=\"margin: 1.1em 0px; padding: 0px;\">Wer es trotzdem immer wieder versucht, ist nicht naiv, sondern debattengeil. Wer immer nur Show Down will, nimmt Verluste nicht in Kauf, sondern produziert sie. \u00a0Auch Frauen sind eine Minderheit, n\u00e4mlich dann, wenn es um den formalen Zugang zu Macht und ihren Ritualen geht. Ob und wann eine Frau sich als Opfer von Sexismus sieht, kann ebenso nicht Gegenstand eines Verhandlungsprozesses sein, in der es eine Gegenseite gibt, die reflexhaft relativierende Begleitumst\u00e4nde heranf\u00fchrt. Jede Minderheit bleibt der Mehrheit, in der sie sich befindet, in gewissem Ma\u00dfe unverst\u00e4ndlich und fremd. Dies f\u00fchrt oft zum Vorwurf an die Minderheit, sie sei ja nicht nur f\u00fcr ihren Minderheitenstatus selbst verantwortlich, sondern f\u00fcr die Aggression, der dieser ausl\u00f6st. So ist der Jude selber Schuld am Antisemitismus so wie Homosexuelle an der Homohobie.<\/p>\n<p style=\"margin: 1.1em 0px; padding: 0px;\">Diese Funktionsweise l\u00e4sst sich besonders deutlich an vielen Medienreaktionen auf die <a href=\"http:\/\/derpapstkommt.lsvd.de\/?page_id=72\">Demonstrationen homosexueller Gruppen zum Papstbesuch<\/a> im vorletzten Sommer beobachten. Demonstriert wurde unter anderem gegen die Unterst\u00fctzung der katholischen Kirche \u00a0f\u00fcr Staaten, in denen Homosexualit\u00e4t streng und oft auch mit dem Tod bestraft wird, da sie deren Recht verteidige,<a href=\"http:\/\/www.queer.de\/detail.php?article_id=14610\"> &#8222;gewisse sexuelle Handlungen&#8220; zu regulieren und gewisse &#8222;sexuelle Verhaltensweisen&#8220; per Gesetz zu verbieten<\/a>. Ulrich <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/bab\/\">Deppendorf <\/a>fand die Proteste in der ARD damals typisch deutsch und kleinlich, ohne die Vorw\u00fcrfe \u00fcberhaupt zu thematisieren und f\u00fcr Focus-Herausgeber Helmut Markwort war das gar ein Grund, Schwule darauf hinzuweisen, doch bitte nicht mehr so minderheitigunangenehm aufzufallen: &#8222;W\u00e4hrend die Show-Schwulen von Berlin auf der Stra\u00dfe krakeelen, marschieren die etablierten Homosexuellen durch die Institutionen und arbeiten an ihrer Karriere.&#8220; <em>(dar\u00fcber hatte ich <a href=\"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/?p=679\">hier <\/a>bereits gebloggt)<\/em><\/p>\n<p style=\"margin: 1.1em 0px; padding: 0px;\">Nein, Sexismus, Antisemitismus und Homophobie sind keine Stilfragen. Und wenn sich jemand an gemeinsamen Tischen nicht sexistisch, antisemitisch oder homophob \u00e4u\u00dfert, bedeutet gar nichts dar\u00fcber, ob er es an anderen Stellen tut oder tun wird. Minderheiten nerven, wenn sie darauf aufmerksam machen, was sie bedroht. Das liegt in der Natur der Sache. Da gibt es nichts zu debattieren. Aber eine Menge zu lernen. Die letzten zwei Wochen w\u00e4ren eine gute Gelegenheit daf\u00fcr gewesen.<\/p>\n<p style=\"margin: 1.1em 0px; padding: 0px;\"><em>Aus: <a href=\"http:\/\/www.vocer.org\/de\/artikel\/do\/detail\/id\/347\/die-bruederle-augstein-bruecke.html\">&#8222;Die Br\u00fcderle-Augstein Br\u00fccke&#8220;. Der ganze Text ist<\/a> erschienen auf VOCER am 29. Januar 2013<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p> Eine Minderheit oder deren &#8222;Vertreter&#8220;  kann &#8222;der&#8220; Mehrheit schlicht nicht erkl\u00e4ren, wie sie f\u00fchlt und warum, wodurch und wie sie sich bedroht und verletzt f\u00fchlt. Zumindest nicht in Form einer Debatte. F\u00fcr die Mehrheit ist das schwer zu verstehen, deshalb bem\u00fcht sie sich, mit Vergleichen zu n\u00e4hern. Aber so richtig kann das nicht gelingen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[159,1],"tags":[],"class_list":["post-945","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-159","category-politik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/945","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=945"}],"version-history":[{"count":24,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/945\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1987,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/945\/revisions\/1987"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=945"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=945"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nollendorfblog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=945"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}