Ist das Deutschlands dümmster Bundestagsabgeordneter?

Screenshot: karl-schiewerling.de

Nein, man soll nicht persönlich werden in der politischen Auseinandersetzung, und auch ein Fragezeichen hinter so einer Überschrift macht es nicht so viel besser.

Andererseits gibt es auch Untergrenzen politischer Redlichkeit und dann muss man halt schon noch mal nachfragen, wie so etwas passieren kann. Und ob vielleicht die Unterstellung von Dummheit noch die freundlichste aller anzunehmenden Möglichkeiten ist.

Worum gehts? Seit Anfang Mai gibt es den „EHE FÜR ALLE-MESSENGER“, nach Angabe der Initiatoren

„ein innovatives Kampagnen-Tool, das es User*innen ermöglicht in unter einer Minute ihre Wahlkreisabgeordneten von Union und SPD per E-Mail zu kontaktieren und für ihr Engagement zur Ehe-Öffnung zu plädieren.

Zum Hintergrund erklären die Macher:

„Die Legislaturperiode des Bundestages neigt sich dem Ende zu. Wir wollen jetzt die letzte Chance nutzen, vom amtierenden Bundestag ein JA zur ‚Ehe für alle‘zu erhalten. Daher konzentrieren wir uns auch vorerst nur auf Union (Blockade der Abstimmung) und SPD (100% Gleichstellung nur mit uns). Nach nicht einmal drei Wochen können wir bereits rund 40.000 versendete E-Mails verzeichnen.“

Wer es noch nicht ausprobiert hat, kann sich den Messager hier anschauen.

Einer der vielen, die den Messager schon genutzt haben, ist Carsten Uesbeck aus Coesfeld.

„Ich lebe in einer Partnerschaft und würde gerne heiraten“, erklärt er, „daher kam mir die Aktion von „Ehe für alle“, wo man seine zuständigen MdB’s anschreiben kann sehr gelegen. Wir möchten keine Lebenspartnerschaft eingehen, da wir nicht wie Bürger zweiter Klasse behandelt werden möchten, das öffentliche Zwangsouten nicht unterstützen und das man für gleiche Steuern, die man zahlt, auch die gleichen Rechte einfordern kann.“

Man darf wohl dankbar sein, dass Karl Schiewerling, CDU-Bundestagsabgeortneter aus seinem Wahlkreis im Münsterland, ihm überhaupt zurückgeschrieben hat. Aber trotz aller Dankbarkeit: Das, was er da zurückgeschreiben hat, ist schon, na ja, lesen Sie selbst:

„In verlässlichen und verbindlichen Partnerschaften sehe ich die besten Voraussetzungen für ein gelingendes Familienleben. Aus gutem Grund stellt Artikel 6 des Grundgesetztes die Ehe unter einen besonderen Schutz. Artikel 6 definiert die Ehe als Grundeinheit und Keimzelle der Familie und stellt sie damit über andere Partnerschaften, weil nur aus der Beziehung von Mann und Frau Leben weitergegeben wird und Zukunft entsteht. Ich möchte diesen Grundsatz unbedingt beibehalten, da er einen unersetzlichen Teil unserer sozialen und gesellschaftlichen Ordnung darstellt. Die Familie ist die grundlegende und damit wichtigste Einheit der Gesellschaft.

Wir alle – und damit meine ich die Politik genauso wie Wirtschaft, Kultur und alle anderen gesellschaftlichen Instanzen – sollten uns viel stärker dazu bekennen, dass die Kinder unsere Zukunft sind. Wir sollten diese nicht verspielen, sondern in den Mittelpunkt jeder Diskussion stellen. Schon jetzt merken wir die demografischen Folgen einer Entwicklung, die die Kinder nicht mehr als das Deutschland von morgen sieht, sondern nur noch als optionale Addition zur Ehe und im schlimmsten Fall als Hindernis in der Karriereplanung oder als unpassend zum persönlichen Lebensstil.

Es ist meine tiefste Überzeugung, dass wir ohne den Fokus darauf nicht nur unsere wichtigsten Werte und Grundlagen verlieren werden, sondern auf lange Sicht unsere Zukunft verspielen können. Und deshalb bin ich gegen die Öffnung der „Ehe für alle“.“

Hossa! Das ist nicht nur ein läppisches Bauchgefühl. Das ist Todesangst! Unsere Zukunft  steht auf dem Spiel wegen der Homo-Ehe! Dabei hatte CDU Mann Jens Spahn längt noch behauptet, man könne gegen die „Ehe für alle“ sein, ohne dabei homophob zu sein. Wenn dem so wäre, wenn es solche Argumente geben würde, ja: Warum fallen sie seinem Fraktionkollegen dann nicht ein?

Und vor allem: Wie muss man ticken, um wirklich zu glauben, Heteros würden wieder mehr Kinder bekommen, wenn man den Homos vom heiraten abhält? Ist es da nicht vielleicht sogar vorteilhaft zu vermuten, dass wir es hier mit Dummheit zu tun haben? Weil eine Unterstellung klarer Gedanken (und der völligen Ignoranz dessen, was in den letzten 20 Jahren hierzu diskutiert und erkannt worden ist)  ja zur Konsequenz hätte, etwas anderes annehmen zu müssen:

Dass er bewusst Schwachsinn verbreitet, also er nicht dumm ist, aber der festen Meinung ist, dass seine Wähler es sind?

Aber vielleicht ist er ja weder dumm, noch ein Zyniker.

Vielleicht hasst er ja einfach nur Kinder.

Es gibt nämlich wirklich einen Zusammenhang zwischen Kindern und der „Ehe für alle“. Beziehungsweise sogar drei:

1.) Wenn die Ehe so wichtig für das Kindeswohl ist, warum kann es dann ein CDU-Politiker verantworten, diese Statusmöglichkeit manchen Eltern zu verbieten?

2.) Die „Ehe für alle“ kann nicht die Homophobie in diesem Lande beenden, aber sie ist als ein Erleben gleicher Rechte eine Voraussetzung dafür, dass diese wirksam bekämpft werden kann. Homophobie ist ungesund, sie lässt Kinder schwach sein, weniger gerne leben, sie lässt manche davon sich umbringen. Die „Ehe für alle“ wäre – zumal sie ja niemanden etwas nehmen, niemanden belasten würde – wahrscheinlich das billigste, effektivste und wohl auch nachhaltigste Kinderschutzprogramm, das es in Deutschland je gegeben hätte. Umgekehrt sind die größten Opfer ihrer Verhinderer, also von Leuten wie Schiewerling: Kinder.

3.) Deutsche Kinder sind anders als ihre Altersgenossen in fast allen vergleichbaren westlichen Industriestaaten dazu verdammt, in einer gesellschaftlich rückwärts orientierten Situation aufzuwachsen. (Alleine in 14 EU-Staaten gibt die „Ehe für alle“, in den Niederlanden schon seit 17 Jahren) Deutsche Kinder hängen hinterher,  ihnen werden Erfahrungen moderner Gesellschaften verwehrt, die anderswo selbstverständlich sind. Stattdessen werden sie von „Konservativen“ mit Gaga-Weisheiten konfrontiert, die zeigen, dass es ihnen um alles Mögliche, aber sicherlich nicht um die Zukunftsfähigkeit der kommenden Generationen geht.

Ein Höhepunkt dabei ist sicherlich die folgende Erkenntnis, die ebenfalls Teil der Argumentation von Karl Schiewerling ist:

„Die gleichgeschlechtliche Ehe wäre eine Nivellierung aller Unterschiede zwischen Mann und Frau.“

Oh je.

Was haben Kinder diesem Mann nur angetan, dass ihm Kinder so egal sind?

Oder dann doch einfach nur dumm?♦

Mehr im Blog zum Thema:

Ist man homophob, wenn man gegen die „Ehe für alle“ ist?

Diesen Beitrag bei Facebook liken / sharen:

4 “Kommentare ”

  1. Sorry, aber blödsinnige Überschrift. Ein Bundestagsabgeordneter, der gegen die Ehe für alle ist. Davon gibt’s viele. Verschafft mehr Klick-Aufmerksamkeit als nötig.
    Klingt so, als wäre es eine Argumentation, die so dusselig ist, dass sie schon komisch ist.

  2. Mit einer ähnlichen Argumentationsweise würde Herr Schiewerling wahrscheinlich mal, das eine Unterstellung, auf das Gesetz zur Einführung des Frauenwahlrechts, und das Verbot von Gewalt in der Ehe reagiert haben. Auch das Verbot von Gewalt gegen Kinder musste gegen erhebliche Widerstände ihrer Eltern erkämpft werden. Jeder gesellschaftliche Fortschritt muss oft gegen Mehrheiten durchgesetzt werdeen, die davon überzeugt es, es in ihrer – christlich motivierten Überzeugung – mit der einzig seligmachenden zu tun zu haben. Vielleicht wird es nicht mehr lange dauern, bis auch die Kanzlerin nicht mehr umhin kommt, sich nicht länger nur auf ihr Bauchgefühl zu verlassen, sondern ihre Vernunft.

  3. Wo bitte Herr Schiewerling wird im Artikel 6 GG die Ehe auf eine Ehe zwischen Mann und Frau reduziert? Das müssen Sie wohl selbst in ihre Kopie von Hand reingeschrieben haben. Im offizielle Text kommen weder der Begriff Mann noch der Begriff Frau auch nur zur Sprache. Also ich würde die Eingangsfrage schon aufgrund dieses unsinnigen Ausgangspunktes Ihrer Argumentation eindeutig mit „ja“ beantworten wollen.

  4. Ich habe an dem Artikel nur zu kritisieren, dass der Umstand, dass Herr Schiewerling offenbar ziemlich dumm ist, leider noch lange nicht automatisch folgt, dass er auch der dümmste Bundestagsabgeordnete ist.

hier kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.