Jens Spahn lügt

Das Schlimme ist: Selbst dieser Blogbeitrag, also selbst ein Artikel, der Jens Spahn schon in seiner Überschrift zum Lügner erklärt, wird Wasser auf seine Mühlen sein, wird die, die das hören wollen, was er zu sagen hat, darin bestätigen, dass er recht hat.

Fast alles, was Jens Spahn in dieser Hipster-„Debatte“ sagt, ist gelogen, es ist ganz bewusst gelogen, im Sinne von: An den Haaren herbei gezogen. Aber noch schlimmer daran ist, dass es überhaupt nicht darum geht, ob es wahr ist, oder nicht, sondern nur darum, News zu erzeugen, die aufregt, News zu erzeugen, die ihn zum medialen Themensetter und zum mutigen Warner vor Überfremdung macht.

Und trotzdem muss man sich damit beschäftigen.  Obwohl es ein Dilemma ist, weil sich mit dem Unfug von Populisten zu beschäftigen, immer auch heißt, den Unfug zu konservieren. Doch gerade, weil Leute wie Spahn das wissen, gerade weil sie das Widersprechen des Lächerlichen provozieren und hoffen, dass man aus Angst dabei selbst lächerlich zu sein, möglichst satirisch, glossenhaft, also nicht ernsthaft politisch ist, muss man genau das tun:

Ihn ernst nehmen. Ihn nicht als provinziellen, trotteligen Spießer abtun. Sondern ihm ganz genau vorhalten, was er da tut und politisch bezweckt.

Schon der erste Satz seines „Zeit“-Beitrages ist eine Lüge ..

„Meine Beobachtung, dass in Cafés und Restaurants nur noch auf Englisch bedient wird, wurde zu Unrecht kritisiert.“

…, da natürlich niemand seine „Beobachtung“ kritisiert hat, sondern das, was er aus ihr schlussfolgert, das, wozu er sie instrumentalisiert.

Es ist die Methode Trump, die darin besteht, irgendetwas Wirres zu behaupten und die erwartete Kritik dann als Vorlage für die nächste wirre Behauptung zu benutzen und sich gleichzeitig als Opfer seiner medialen Kritiker zu inszenieren. Und weil er da auch all, das, was er in der „Zeit“ mit seiner „Beobachtung“ verbindet (also alles, was darüber hinausgeht, womit Spahn selbstverständlich recht hat: dass das Berlin-Mitte-Englisch auch seine alberne und selbstverständlich auch provinzielle Seite hat) eben einfach falsch ist.

Er macht sich gar nicht erst die Mühe, hier ernsthaft ein Phänomen, eine Entwicklung zu beschreiben, über die man tatsächlich diskutieren könnte. Gegen Anfang seines Artikels sagt er, er möchte nicht missverstanden werden und schreibt aus, wofür er streiten möchte:

„Es geht mir vor allem um uns Deutsche selbst.“

Doch dann beklagt er einerseits ein typisch deutsches Problem …

„Da ist sie wieder, die mangelnde deutsche Selbstverständlichkeit im Umgang mit der eigenen Sprache.“

… spricht von „provinzieller Selbstverzwergung“ und verweist quasi als Beweis auf Paris „wo man auf seine kulturellen Eigenheiten mit Recht sehr stolz ist“ so etwas „undenkbar“ wäre. Um dann an anderer Stelle zu beklagen, dass das alles doch kein Berliner Phänomen sei:

„Die neue Globetrotter-Szene trifft sich in Clubs, wo die gleiche Musik gespielt wird wie in Belgrad oder Brüssel. Und in Cafés, die exakt so eingerichtet sind wie die angesagten Läden in London oder Łódź. So werden die kulturellen Unterschiede nivelliert.“

Wer ist jetzt nach Spahns Logik der Sonderling? Berlin? Oder doch Paris? Ist es also doch eigentlich (fast) ganz Europa, das sich da verzwergt?

„Es geht mir vor allem um uns Deutsche selbst.“

Hä?

Und weiter geht’s:

„In vielen Berliner Kiezen ist so eine bunt schillernde Blase entstanden, in der sich alle betont weltoffen fühlen – dabei wird hier nur eine verschärfte Form des elitär-globalisierten Tourismus gelebt. Alle, die nicht mithalten können bei der Generation easyJet bleiben außen vor. Zum Beispiel diejenigen Deutschen, die des Englischen nicht so mächtig sind.“

Natürlich ist es nicht die „Generation Easyjet“, die sich in Berlin elitär verhält und dafür sorgt, dass andere „außen vor“ bleiben müssen, sondern vor allem die Generation „First Class“, für die in Berlin – egal in welcher Sprache! – private Luxus-Shopping-Touren organisiert werden, bei dem alle anderen im Wortsinne draußen bleiben müssen.

Die „Generation Easyjet“ ist genau das Gegenteil von elitär: Sie agiert offen und demokratisch, macht sich sichtbar, streitbar. Gerade auch weil ihr Verhalten mitunter albern ist.

Jens Spahn tut so, als ob die Tatsache, dass Leute wie seine Eltern in hippen Berliner Restaurants gekränkt werden würden, wenn sie dort auf ausschließlich Englisch sprechende Kellner träfen,  obwohl sehr wahrscheinlich genau das Gegenteil der Fall sein würde: Dass sie genau aus dem Grund dort in diesem Restaurant sind, nämlich genau um das hippe, englische eben so „verrückte“ bestaunen zu können.

Warum sollten sie es sich es sonst antun? Warum sich genau den Teil einer schier unendlichen Vielfalt aussuchen, der einem nicht passt?

Und genau das ist das, was Spahn eigentlich macht: Etwas, das ihm nachvollziehbarer Weise nicht passt, zum Problem, zur Gefahr erklären, Schuldige benennen. Die Grundprinzipien eines liberalen Miteinanders an einer Stelle für problematisch zu erklären, an der es unverdächtig erscheint, liberale Grundprinzipien anzugreifen.

Die Mitte-Hipster sind dafür ein dankbares, ein perfektes Opfer.

Jeder Schwule hat erfahren müssen, dass das Lächerlich-Machen von Menschen, die von vielen als sonderbar empfunden werden, ein einfaches Mittel ist, um Ängste zu schüren, die mit diesen Menschen gar nichts zu tun haben.

Man kann als Schwuler mit diesem Wissen, mit dieser Erfahrung umgehen und versuchen, andere Menschen davor zu schützen, für politisch motivierte Angstmache instrumentalisiert zu werden.

Man kann mit diesem Wissen, mit dieser Erfahrung natürlich auch das Gegenteil machen:

Man kann es so machen wie Jens Spahn. ♦

Vorschaufoto: (c) Nollendorfblog / Johannes Kram

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6 “Kommentare ”

  1. Danke –
    Offenbar ist Spahn bei David Berger in die Lehre gegangen, der auf die gleiche Weise seine Idiosynkrasien z.B. über den CSD, herausposaunt.
    Man muß aufhorchend spitze Ohren kriegen, wenn einer mit Begriffen wie dem „Normalbürger“ hantiert….

  2. Ich weiß ja nicht, wie’s anderswo aussieht, aber in München komm ich mit Deutsch noch ganz gut durch. Richtig ist freilich ein Hang zur Verenglischung vor allem in den Medien, gar nicht so sehr im privaten Alltag, wenn z.B. „melting pot“ gesagt wird statt Schmelztiegel oder „highlight“ statt Glanzlicht usw. Da beobachte auch ich mit Missvergnügen eine Entfernung von unserer Sprache, die keineswegs für Weltoffenheit steht, sondern schlicht für Dämlichkeit. Das kann ruhig auch mal in der Politik beklagt werden, aber der Herr Spahn kennt auch insoweit leider weder Maß noch Ziel.

  3. Sorry, aber Jens Spahn, den ich sonst niemals unterstützen würde, lügt kein bisschen. Wer das einfach so wegredet, dass man in Neukölln in einigen Läden nur auf englisch bedient wird oder im Prenzlauer Berg in manchen Frisörläden nicht auf Deutsch weiter kommt, der lügt. Wieso wird die Wahrheit immer so ungern gesehen? In Berlin wird es immer mehr zur Normalität, dass Englisch gesprochen wird. Das ist ein Fakt und keine Lüge – ich lebe seit 17 Jahren hier und erlebe diese Veränderungen ganz klar.

  4. Jens Spahn hat doch vollkommen recht! Anderes Beispiel: wechselt ein deutscher Fußballer nach Italien, Frankreich, Spanien oder England, dann wird von ihm erwartet, dass er innerhalb kürzester Zeit die Landessprache des jeweiligen Vereins erlernt. Anders in der Bundesliga, da sieht man Spieler, die nach 3-4 Jahren immer noch nicht einmal einfachste Fragen auf deutsch beantworten können. Würde ein Mesut Özil bei Arsenal kein englisch sprechen, oder Toni Kroos bei Real Madrid kein spanisch, die Vereine hätten sich längst von diesen Spielern getrennt.
    Dagegen gibt es in Deutschland sogar Politiker, die fordern, dass Deutsche (z.b. Beamte) gefälligst türkisch oder arabisch lernen sollen. Unfassbar in anderen Ländern.

  5. Mir fallen in München immer wieder Stellenangebote an Geschäften auf, die gute Deutschkenntnisse zur Voraussetzung einer Einstellung erklären. Vielleicht sind die vielgescholtenen Bayern doch zumindest sprachlich die besseren Deutschen als die Preußen in Berlin. Ich muss zugeben, es ist sehr lange her, dass ich in Berlin war. Damals war Deutsch dort noch Umgangs- und Geschäftssprache. In meiner Geburtsstadt Kaiserslautern, immerhin größte amerikanische Stadt außerhalb der USA, geht die Entwicklung übrigens in die umgekehrte Richtung. War bis vor etwa 15 Jahren dort noch Englisch weit verbreitet und im Alltag dauernd zu hören, kommt es inzwischen kaum noch vor, seit sich die Amis infolge 9/11 in ihren Stadtvierteln eingezäunt haben.

  6. Pingback: A Week in Pictures 34/2017 | André Herrmann - How about nö?

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