Russland-Demo: Die Kraft des Regenbogens und die wahre Größe von Renate Künast

Eigentlich wollte ich das schon am Sonntag Abend bloggen, direkt nach der Demo gegen die russische Homo-Poltik. Doch irgendwie blieb ich hängen: Auf dem Sofa und im Internet. Ich schaffte es einfach nicht, Facebook zu schliessen.  Ich wusste nicht, warum ich nicht loslassen konnte, es war einfach zu faszinierend, was dort am Abend nach der Demo passierte.

Marketing-Agenturen verwenden Social Media Monotoring Tools, um zu erfassen, wie und von welchen Zielgruppen sich über eine Marke oder ein Ereignis (etwa bei Facebbook) ausgetauscht wird. Sie können daraus nicht nur quantitative Aussagen ableiten, also nicht nur wie oft ein Thema von wie vielen Nutzern gepostet und diskutiert wird, sondern auch qualitative: Wie wird das Thema bewertet, was sind die vorherrschenden Meinungen, welche Relevanz, welchen emotionalen Bezug hat es.

Es würde mich sehr interessieren, was ein solches Monitoring über die Russland-Demo und ihre Teilnehmer aussagen würde. Ob es sich mit dem deckt, wie ich die Resonanz auf Facebook in den letzten Tagen wahrgenommen hatte.

Überraschend war dabei für mich nicht die grosse Anzahl der Beiträge und Fotos. Auch nach den CSDs gibt es diese Mitteilungswelle. Aber diese könnte unterschiedlicher sein zu der Reaktion auf die Russland-Demonstration am Sonntag.

Schon den Fotos sieht man an, dass die Botschaft nach der Demo eine ganz andere war: Kein Kostümwettbewerb, kein Schaulaufen einzelner Gruppen, weniger „Schaut, hier bin ich“ und dafür ganz viel „Hier sind wir!“. Und: „Wir sind Viele!“

Ähnlich dazu die Postings und Kommentare, die nach meinem Eindruck vor allem eine Richtung hatten: Erstaunen, Stolz, Gänsehaut, ein riesengrosses Wir-Gefühl, Freude darüber, dass es gelungen ist, ein gemeinsames Zeichen zu setzten. Dass die Solidarität mit Lesben und Schwulen in Russland keine bloße Formel, sondern ehrliches Anliegen war. Und immer wieder: So etwas hat es noch nicht gegeben! Die Szene kann mehr!

Vieles von dem, was ich gelesen habe, deutet auch einen Aha-Effekt: Während der CSD zu einer Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner geworden ist, hat diese Demo gezeigt, dass es möglich ist, die gesamte Bandbreite des Regenbogens durch gemeinsame Inhalte und Ausdrucksformen aufleben zu lassen. Natürlich hatte das vor allem mit der Eindeutigkeit, Fassungslosigkeit und Einigkeit zu tun, mit der die russische Homo-Politik verurteilt wird.

Trotzdem wäre es auch bei diesem Thema gut möglich gewesen, dass der Protest wie so oft von einer Nabelschau der Szene überlagert wird, bei nicht alle das gemeinsame Anliegen promoten sondern jeder nur sich selbst.

Dass es dazu nicht gekommen ist, dass es vielmehr zu einer von vielen nicht für möglich gehaltenen gemeinsamen Fokussierung und Integration der gesamten Szene gekommen ist, liegt vor allem an der Vorbereitung der Veranstalter.

Sie schafften es, fast alle Glaubenssätze zu widerlegen, die bisher über die Protestformen der LGBT-Szene im Umlauf waren: Dass es schwierig ist, Junge und Ältere zusammen zu bekommen, dass es keine kulturelle Codes und Symbole gibt, auf die sich alle verständigen können. So war „Enough is Enough“ auch ein gelungenes Experiment, das zeigt, was alles möglich ist. Wenn man es denn richtig macht.

Alleine, dass sie auf den Ehrgeiz zu verzichten hatten, ein eigenes Logo, eigene neue Identifikationssymbole zu schaffen hat wirklich etwas Grosses: Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die „Vertreter“ einer „Party-Generation“, also Leute dir über Sachen wie Partykonzepte, Branding und Corporate Design nachdenken, ganz auf die Kraft der guten alte Regenbogenflagge vertrauen? Wer, dass es möglich ist, eine Demo mit Musik zu bestücken, die alle verbindet, weil jeder merkt, dass jeder einzelne Song wohl überlegt und richtig platziert ist, egal aus welcher Epoche oder Szene er stammt.

Vor allem haben die Organisatoren, die sich selbst als eher unpolitisch bezeichnen, eine Demo hin bekommen, die hätte kaum politischer sein können. Eine gewisse Unbefangenheit (etwas böser kann man auch sagen: eine gewisse Naivität) war dafür kein Hindernis. Im Gegenteil: So wie wohl auch die meisten Demonstranten denken sie wenig in parteipolitischen Kategorien, machen sich wenig Gedanken um das politische Protokoll, sind frei von Verbandsdenken, frei von Loyalitäten, unbeidruckt von politischer Prominenz.

Man kann darin einen Schwachpunkt sehen, und im Vorfeld konnte es einem ja auch manchmal etwas schwindelig werden, etwa, als sie die Absage-Mail Wowereits in Netz stellten oder eine Online Petition gegen Westerwelle starteten (dieser solle sich endlich äußern, was dieser längst getan hatte) und damit Emotionen anheizten, die drohten, das gemeinsame Ziel aus den Augen zu verlieren.

Man kann darin aber auch eine Entwicklung sehen, die längst überfällig war: Dass sich eine junge Generation traut, die Initiative zu übernehmen mit ihren eigenen Möglichkeiten, Methoden. Dass sie auch die Erfahrung macht, wie es ist, sich zu verrennen, Fehler zu machen und darüber nachzudenken, wie sie mit ihnen umgeht. Kurz: was es bedeutet, Verantwortung zu haben. Ob jemand mit mit Verantwortung umgehen kann, zeigt sich erst im Praxistest. Diesen Test haben die Veranstalter und im übertragenen Sinn auch das von ihr repräsentierte Umfeld, auf dem heraus sich die Demo entwickelte, bestanden.

Doch der Erfolg von „Enough is Enough“ ist nicht nur das Ergebnis vieler kleiner richtiger Entscheidungen und Maßnahmen der Veranstalter, sondern deren Entschlossenheit, diese auch umzusetzen. 

Auch ein paar Tage danach ist es immer noch schwer zu glauben, dass es wirklich möglich war, den Logo & Promo-Kanibalismus kommerzieller Firmen, Einzelgruppen und politischer Organisationen, der sonst Veranstaltungen der LGBT-Szene überwuchert, zu überwinden. Dass bis auf wenige Ausnahmen fast alle bereit waren, der Bitte der Veranstalter nachzukommen und statt eigener Transparente und Visuals die Regenbogenflagge als das gemeinsame Zeichen der Solidarität in den Vordergrund zu stellen.

Dass es sich dabei nicht nur um Äußerlichkeiten handelt, sondern um einen für die gesamte Szene wichtigen Kulturbruch, zeigt das Verhalten von Renate Künast und anderen GRÜNE-Politikern, die mit einem eigenen grünen Transparent samt (kleinem) Parteilogo erschienen waren.

Die Veranstalter machten mehrere Anläufe, um sie davon zu überzeugen, wie alle anderen Politiker auf das Partei-Transparent zu verzichten. Künast konnte überhaupt nicht verstehen worum es überhaupt ging: Es könne doch nicht sein, dass man die Parteien erst um Unterstützung bitten würde, und dann nicht dabei haben wollte. Das klang so ein bisschen wie ein CDU-Politiker, der sich wundert, dass er bei einer Tagung des Bundes der Vertriebenen nicht mit Parteiflagge auf dem Podium sitzen darf.

Ich hatte das Gefühl, dass Renate Künast das Bedürfnis hatte, sich bei irgendjemand beschweren zu wollen. Und das es normalerweise üblich ist, dass sie das kann. Dass es in einer solchen Situation jemanden gibt, man kennt sich eben, irgendein Vorstandsmitglied von irgendwas, der dann vermittelt, irgendeine Lösung findet.

Doch diesen irgendjemand gab es nicht. Künast musste ganz alleine entscheiden, ob sie Teil der Protestkultur dieser Demonstration sein wollte. Oder ob sie gegen diese demonstrieren wollte. Sie hat sich für Letztes entschieden.

Dabei wäre es so einfach gewesen. Sie hätte eine der Heldinnen der Demo sein können und dazu noch in allen Zeitungen. Wenn sie bereit gewesen wäre das zu sein, was fast alle an diesem Tag waren: Ein Teil des Regenbogens.

PS:

Frau Künast hat dann doch noch eine Lösung gefunden, mit der sie zumindest sich selber überzeugen konnte: Auf das grosse grüne Banner wollte sie nicht verzichten, dachte aber, Größe zu beweisen, in dem sie den Teil der Folie nach hinten knicken liess, auf dem das Parteilogo abgebildet war.

Lange habe ich mich nicht mehr so für jemanden geschämt. Wer sich mit schämen möchte:

2013-08-31 13.11.27

 PPS:

Auch Anhänger der FDP demonstrierten lieber unter eigener Flagge.

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11 “Kommentare ”

  1. Künast hin – Künast her…..die JuLiS von der FDP hatten die Ohren bei den mehrfachen Aufrufen doch auf Parteienwerbung zu verzichten, einfach auf Durchzug gestellt….da war Renate noch harmlos!!!!!!!!!

  2. Schöner Beitrag,
    allerdings frage ich mich, warum sich ein Großteil des Textes mit Renate Kühnast beschäftigt, während ihre Gegenkandidatin Mechtild Rawert (die ohne Parteifahne dabei war) mit keinem Wort erwähnt wird.

  3. Ich finde die Kritik an Künast etwas überzogen. Schön, dass sie und andere Politiker da waren und sich für die gute Sache einsetzten. Das kleine Parteilogo sei ihr (von mir) gegönnt. Und die Linke(n) wedelte(n) doch auch mit Parteifahnen herum. Oder habe ich mich da verguckt?

  4. Bin am Wittenbergplatz zur Demo dazugestoßen. Da war nichts zu sehen von grünen Parteilogos. Dafür viele Linke- und FDP-Fahnen. Verstehe ihre Entrüstung daher nicht.

  5. Ist doch ne politische Demo. Ich finde es eher ein Skandal, dass sich Wowereit wegduckt und die Bundesregierung keine klare Stellung bezieht. Briefe und laue Reden reichen nicht mehr.

    Warum wird Russlands Mitgliedschaft in Europarat und OECD nicht in Frage gestellt?
    Warum wird der Russische Botschafter nicht einbestellt?
    Warum über die Städtepartnerschaft Berlin-Moskau nicht Druck gemacht oder ausgesetzt?
    Warum?

    Das Problem heißt nicht Künast, sondern Merkel, Westerwelle, Wowereit und Henkel!

  6. Die Kritik geht m.E. am Kern der Sache vorbei. Vielmehr sollte man sich doch freuen, wenn sich Parteien und die in ihnen aktiven Personen eines politischen Themas annehmen und es ehrlich unterstützen. (Und da hab ich bei Renate Künast wirklich keine Zweifel.) Man braucht diese Verbündeten in der Politik, wenn man was erreichen will – Lebenspartnerschaftsgesetz oder Abschaffung von 175, aber auch aktuelle Debatten wie Öffnung der Ehe und Adoption – oder eben die Menschenrechtslage in Russland zeigen dass.
    Auf diese Verbündeten zu verzichten, heißt: Sich selbst zu entmachten.

  7. Also, am Abend nach der Demo war ein Bericht in Tagesspiegel-Online, in dem Frau Künast unablässig zitiert wurde, als hätte sie höchstpersönlich die Demo geplant, angemeldet und gewuppt. Einfach mal eben versucht, das Schiff zu entern und unter eigener Flagge weiter zu segeln. Man kennt ja auch seine Journalistenspezis, die alles fein mitschreiben, was man so von sich gibt.
    Johannes gebührt Dank, hier mal dieses Profilierungsgetöse zu entlarven!

  8. Eine dieser wunderbaren Überraschungen der Demo war doch nicht nur das grossartige Engagement vieler Leute und Gruppen im Hintergrund, sondern auch die Tatsache, dass es auch funktioniert hat! Das geht eben nur, wenn (fast alle) sich daran halten, schon allein deshalb, weil sonst die stillen Unterstützer die Dummen sind. Ich glaube vielen Leuten ist nicht gar nicht bewusst, wie wichtig aber auch wie gewagt das Vorhaben war, diese Demo im Sinne eines deutlichen inhaltlichen und visuellen Zeichens frei von Kommerz- und Wahlkampf zu halten. Nach aller Erfahrung war das doch ein fast aussichtsloses Unterfangen. Kann man nicht gerade von einer Vorkämpferin wie Renate Künast erwarten, dass sie ein solches Vorhaben unterstützt, statt mehrmals minutenlang über die Logo-Grösse auf ihrem Banner zu streiten? Ich erwarte ja nicht, dass sie die Gründe für das Bemühen der Organisatoren und der offensichtlichen Riesenmehrheit der Teilnehmer teilt. Aber hätte sie nicht einfach spätestens nach dem zweiten Anlauf der Veranstalter mit der dringenden Bitte, auf das Transparent zu verzichten, nicht einfach sagen können: Ich sehe das zwar anders als ihr, aber ich sehe, es ist Euch wichtig, lasst uns das ein andermal diskutieren aber jetzt steht erstmal die Demo im Vordergrund!

  9. Eine insgesamt gelungene Demo und ein großes Lob an die Veranstalter für die
    hervorragende Organisation. Einzig auf den Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung (ein FDP-Mann) hätte ich gern verzichtet, offensichtlich auch
    viele der Teilnehmer.

  10. Guter Artikel, interessante Gedanken, bis eben auf die Tatsache, dass ich von dem grünen Plakat nichts mitbekommen habe, wohl aber von den gleich mehrfach vorhandenen, im letzten Kommentar erwähnten, aufdringlichen gelben JuLi-Fahnen, zu denen merkwürdigerweise niemand etwas gesagt hat.

    Für den nächsten Artikel wäre es für die Lesbarkeit dennoch eine kleine, aber feine Verbesserung, „ss“ und „ß“ richtig einzusetzen.
    „Grösse“ statt „Größe“ sieht einfach schlecht aus, liest und spricht sich falsch und stört den Lesefluss.

    MfG
    Ralph

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