Der General

Günter ist Kießling ist tot. Da mein Coming Out in den 80ern war, waren die beiden ersten großen Themen, die ich als Teenager im Zusammenhang mit Homosexualität mitgekommen hatte, AIDS und Günter Kießling. Das erste stand dafür, besser keinen schwulen Sex zu haben, das zweite dafür, besser erst gar nicht schwul zu sein.

Ich habe Günter Kießling ein paar Jahre nach dem Skandal kennen gelernt, als ich in Frankfurt im gleichen Büro wie er arbeitete. Ich glaube nicht, daß er schwul war. Doch das war damals schon egal. Damals, Anfang der 90er hatte sich in der Gesellschaft schon die Haltung durchgesetzt, daß der eigentliche Skandal von 1984 nicht darin bestand, einen wahrscheinlich Heterosexuellen als homosexuell zu outen, sondern darin, daß Homosexualität überhaupt ein Vorwurf, ein Vergehen, ein Entlassungsgrund sein durfte. Ja, bis eben habe ich wirklich geglaubt.

Welt.de hat anläßlich des Todes von Günter Kießling einen Text von Claus Jacobi auf die Startseite gestellt. Dieser zeigt, dass der langjährige WELT-Chefredakteur und heutige BILD-Kolumnist zumindest bis vor zehn Jahren die wahren Ungeheuerlichkeiten der Geschehnisse nicht im Ansatz begriffen hatte. Die Tatsache etwa, daß Kießling „Beweise“ für sein Nicht-Schwulsein bringen konnte und dann als General rehabilitiert wurde bewertet Jacobi so:

    „Kein Vorwurf gegen ihn hielt Stand. Seine Unschuld wurde erklärt“

„Unschuld“ meint also „Nicht schwul“. Daß welt.de ausgerechnet diesen Text heute auswählt, ohne auch nur einen Versuch zu machen, den Skandal in seinem wahren Charakter zu benennen, zeigt, daß der Skandal im eigentlichen Sinne noch nicht vorbei ist.

Wahr ist: Günter Kießling konnte damals nur großes Unrecht geschehen, weil Homosexuellen großes Unrecht geschehen ist. Es wäre schön, wenn sich das mal rumspricht. Der Tod von Günter Kießling wäre ein trauriger, aber ein guter Anlaß dafür.

NACHTRAG:

Stefan Niggemeier hat jetzt dazu die ganze Geschichte. zu Jacobi und den Schwulen. Niggemeier:

    „Ich würde mich schämen, bei einem Medium zu arbeiten, das die Texte dieses Mannes veröffentlicht.“

 

NACHTRAG II (hab ich gerade bei bild.de gefunden):

      „Im deutschen Journalismus ist Claus Jacobi eine Institution – ein herausragendes Vorbild.“

Kanzlerin Angela Merkel

8 “Kommentare ”

  1. Ich erinnere mich noch sehr gut. Ich war damals noch nicht geoutet. Noch nie irgendwelche Kontakte gehabt. In der Berichterstattung im Fernsehen wurde immer leicht schmierig vom „Homosexuellenmilieu“ gesprochen. Bilder vom „Tatort“ immer nur im Dunkeln gezeigt. Mir wurde ganz schummerig, was da auf mich zu kommt. 😉

  2. erinnerungen. damals noch in köln.
    „Günter Kießling konnte damals nur großes Unrecht geschehen, weil Homosexuellen großes Unrecht geschehen ist“ – schönes resüme, zustimmung.

  3. Leider ist es nicht so, dass das ein Phänomen des letzten Jahrhunderts bzw Jahrtausends ist…

    Spiegel Online vom 23.11.2004:

    „Das ist schäbig, absurd, das ist Rufmord“, rief Schavan unter starkem Beifall in Tuttlingen aus. Sie bezog sich auch auf Zeitungsberichte. Immer wieder würden entsprechende Gerüchte gestreut oder werde über entsprechende Gerüchte geschrieben. Auf der ersten Regionalkonferenz vor einer Woche in Schwäbisch Gmünd hatten CDU-Mitglieder aus der Region Stuttgart ein Flugblatt verteilt, in dem absichtsvolle Mutmaßungen über angebliche „gleichgeschlechtliche Beziehungen“ Schavans verbreitet wurden.

    Rufmord?

  4. Ich hatte damals die Fragen für die Grünen an die Regierung vertreten durch Herrn Würzbach formuliert. Zwei Fragen führten dank vieler Zusatzfragen zu einer fast zweistündigen Debatte. Herr Würzbach kam für seinen Chef Wörner sehr ins Schwitzen.

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