Skandal um 1Live-„Experiment“: WDR-Erklärung verhöhnt Homosexuelle

Was passiert eigentlich, wenn man einen Fuchs und einen Hahn in einen Käfig sperrt?

Es gibt bestimmte Experimente, die man nicht durchführen muss. Und wenn man es trotzdem tut, dann geht es denen, die das tun nicht darum, etwas herauszufinden. Denn sie wissen, was passiert, ihr Ziel ist ein anders: Sie wollen dabei zusehen, wie es passiert. Es ist kein Experiment. Es ist ein vorprogrammierter Unfall. Und der geht automatisch zu Lasten den Hahns.

Man musste wirklich hoffen, dass die WDR Redakteure, die auf die Idee kamen, in ihrem neuen 1Live Videoformat „Ausgepackt“ eine Lesbe auf gleicher Augenhöhe und vermeintlich ergebnisoffen mit einer Homohasserin zu konfrontieren, die der Meinung ist, dass Homosexualität eine Sünde ist und eine Krankheit, die man nicht ausleben müsse, irgendwann doch gemerkt haben, dass das keine gute Idee ist. (Die ganze Story auf queer.de)

Doch wie immer bei solchen Skandalen (und wenn das keiner ist, dann weiß ich es wirklich nicht) zeigen sich die Abgründe erst dann, wenn der Fehler nicht nur nicht gesehen und verstanden werden kann, sondern offenbart, dass es sich um ein ganz grundsätzliches Problem handelt. Und hier: Dass ein öffentlich rechtlicher Sender tatsächlich der Meinung ist, das Abfilmen eines selbst inszenierten Unfalles hätte irgendetwas mit Journalismus zu tun. Dass man Homosexuelle für tierversuchartige „Experimente“ missbrauchen kann, die man – zu recht – keiner anderen Zielgruppe zumuten würde:

„In unserem jungen Format „Ausgepackt“ geht es darum, Menschen mit völlig konträren Meinungen, Einstellungen und auch Lebensmodellen aufeinander treffen zu lassen. Wir wollen eine Situation schaffen, in der diese Menschen miteinander sprechen und sich austauschen. Die Argumente von Julia (23) stehen den Argumenten von Izzy (20) gegenüber – die widerspricht, die einordnet und die ganz persönlich auf Julias extreme Ablehnung reagiert.“

Hier stehen sich also wirklich „Meinungen“ und „Argumente“ gegenüber? Würde der WDR auch auf die Idee kommen, einen Schwarzen mit einem Rassisten alleine in eine Sendung zu setzen und zu schauen, was da passiert? Oder einen Juden mit einem Antisemiten? Ist es auch ein „Argument“, einem Juden zu sagen, dass das, was er ist, Sünde ist, ist es auch ein Argument einem Schwarzen zu sagen, er müsse ja nicht schwarz sein, wenn er nicht wolle. Wieso denken sie, dass sie das mit einer Lesbe machen können, wie können sie auch nur auf die Idee kommen, hier von „Lebensmodellen“ zu sprechen, die sich „begegnen“? Wo bitte ist der Erkenntnisgewinn?

Wäre es ein „Austausch“, so wie sie behaupten, dann könnte es passieren, dass der Hahn eine Chance hat, aber das hat er nicht. Das liegt nicht am Hahn, denn dem Hahn ist der Fuchs egal, könnte ihm egal sein, wenn es beim Fuchs umgekehrt genau so wäre. Aber der Fuchs will eben den Hahn fressen, es ist ganz egal, was der Hahn tut, wie gut er sich anstellt, ob er sich verteidigt, ob er sich gut verteidigt, ob er flieht.

In diesem vermeintlichen „Experiment“ gibt es einen Täter und ein Opfer. Einen der hasst, und einen, der gehasst wird. Wer eine solche Situation herbeiführt und das nicht sieht, wer so tut, als handele es sich um Gleichwertiges, wird selbst zum Täter.

Natürlich ist es wichtig, dass auch die Sicht von Homohassern in den Medien stattfindet, aber es ist eben die Aufgabe von Medien, diese einzuordnen und vor allem nicht die Betroffenen diesem Hass aussetzen, ohne die unterschiedlichen Ebenen als eine gemeinsame Ausgangsbasis zu behaupten.

In der Stellungnahme des Senders auf die Kritik an dem Format schreiben sie:

Ziel der Reihe „Ausgepackt“ ist es, unterschiedliche Meinungen gegenüberzustellen. Ohne eine zusätzliche Kommentierung sollen sich die User ihr eigenes Urteil bilden können. Nach unseren Programmgrundsätzen und nach unserem Selbstverständnis ist aber auch klar, dass wir für Toleranz einstehen – für alle Menschen und Lebensformen. 1LIVE bekennt sich ausdrücklich zur Akzeptanz gegenüber Homosexuellen. Wer unser Programm verfolgt, der weiß das.

Hier wird es nun richtig unverschämt, weil offensichtlich erwartet wird, dass man das unkommentierte und als gleichwertige Meinung titulierte Vorführen von Homosexuellen in Kauf nehmen soll, weil man aber „klar für Toleranz“ einstehe. Denn ob das stimmt, also ob der Sender tatsächlich klar für Toleranz einsteht, kann sich ja erst dann zeigen, wenn er es müsste, also genau hier, wo er sich explizit weigert es zu tun. Wenn er aber gleichzeitig von den Opfern seines Nicht-Einstehens verlangt, das nicht so zu empfinden, verhöhnt er sie. Er gibt ihnen die Schuld, weil sie ja nicht verstehen, dass sie ja gar nicht diskriminiert werden.

Wer hier nichts versteht, ist ausschließlich der WDR. Die Rechtfertigung ihres Unfalls beenden sie mit den Worten:

„Sollten sich jemand durch die Äußerungen der Protagonistinnen verletzt fühlen, dann tut uns das ausdrücklich leid.“

Vielleicht erklärt der WDR ja mal, wie er auf die Idee gekommen ist, dass solche Äußerungen nicht verletzen können. ♦

Hintergrund: Für genau solche Fälle haben wir damals den Waldschlösschen-Appell gegen Homohobie in den Medien ins Leben gerufen, der darauf basiert, dass Homophobie keine Meinung ist und fordert, dass folgende Aussagen in der medialen Berichterstattung nicht unwidersprochen bleiben und redaktionell eingeordnet werden sollen:

  • Homosexualität sei widernatürlich
  • Homosexualität sei eine Entscheidung
  • Homosexualität sei heilbar
  • Heterosexuelle Jugendliche könnten zur Homosexualität verführt werden
  • Homosexualität sei eine Begünstigung für sexuellen Missbrauch
  • Die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften sei eine Gefahr für die Gesellschaft
    (etwa, weil durch sie weniger Kinder geboren werden würden)

Bitte unterstützt den Appell!

Der WDR, der sich seiner Akzeptanz für Homosexuelle so sicher ist, tut sich übrigens nicht zum ersten mal schwer damit, diese auch journalistisch umzusetzen. Hier zwei Fälle, in denen auch der Waldschlösschen Appell hätte helfen können:

Frank Plasberg und die Geschichte des Menschenzoos

Sandra Maischberger erklärt Homosexualität zur „Gesinnung“

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8 “Kommentare ”

  1. Der religiöse Glaube dieser „Christin“ verlangt von der lesbisch liebenden Frau, daß sie ihre Art zu lieben und Zärtlichkeit und Sexualität zu haben einfach mal so, – zack – von einem Moment auf den anderen, auf Lebenszeit beenden soll. Und was ist, wenn die lesbisch liebende Frau dadurch schwer krank wird, weil sie seelisch auf die Zärtlichkeit in einer Partnerschaft angewiesen ist? –
    Psychoanalytisch betrachtet will „Christin Julia“ unterschwellig ihre lesbische Gesprächspartnerin „töten“. Einer der Gründe bei religiösen Homophoben dürfte wohl sein, daß sie ihre Daseinsberechtigung von einem geschlechtlich bipolar bestimmten Weltbild her beziehen. Die Existenz von homosexuellen Menschen bewirkt bei abergläubig-religiös Homophoben eine Art ontologischer Unsicherheit. Es besteht die Gefahr eines Vernichtungswunsches. Also: Der homosexuelle Mensch – oder doch wenigstens seine Art und Weise zu lieben – soll aus der Welt geschafft werden.

  2. Als öffentlich-rechtlicher Sender ist der WDR in gesteigerter und nicht zu umgehender Weise zur Achtung der Menschenwürde verpflichtet. Mit einer Sendung, deren einziger Zweck es ist, die Menschenwürde einer ganzen Bevölkerungsgruppe mit Füßen zu treten, und einer Extremistin beitragsfinanzierte Sendezeit für die Propagierung ihrer abscheulichen Gesinnung zu schenken, verletzt der WDR diese seine Pflicht vorsätzlich. Anders als vielfach geglaubt, wird das Klima keineswegs besser. Im Gegenteil. Je mehr der Hass in der Gesamtbevölkerung an Boden verliert, desto lauter und ungehemmter tritt er auf und desto unverschämter wird er von seinen Anhängern in Institutionen, die ihm eigentlich entgegenwirken müssten, unterstützt. Mich schockiert, wie sehr z.B. der WDR durchsetzt ist mit politisch-religiösen Extremisten, die die Macht haben, eine solche Hetzsendung zu produzieren, und die berufliche Konsequenzen offenbar nicht fürchten müssen. Ähnliche Aktionen gegen Schwarze, Sinti, Juden oder andere soziale Gruppen hätten zu einem deutschlandweiten Medienaufstand und letztlich zur Entlassung dieser Leute geführt. Gegenüber Schwulen und Lesben aber ist und bleibt all das erlaubt, was in Bezug auf die genannten anderen Gruppen zu Recht längst als verwerflich und durch nichts zu rechtfertigen angesehen wird.

  3. Wer nicht weiblich, oder homosexuell ist, wer nicht links oder grün wählt, wer Fleisch isst, wer nicht bedingungslos seine Gefühle und Meinungen dem Mainstream unterstellt, wer auch nur eine Spur gegen die Meinungen oder Denkweisen der führenden journalistischen „Erzieher“ hat, ist medial verloren. Wir sind mittlerweile wieder an einem Punkt angelangt wo Meinungen und Denkweisen, die nicht den führenden politischen und medialen Vorgaben entsprechen oder sonst wie abweichen soziale Ächtung, Jobverlust und öffentliche Anprangerung bedeuten.
    Die zumeist herbeigeredeten Luxusprobleme mancher Homosexueller mit der Judenverfolgung oder Rassismus gleichzusetzen ist starker Tobak. Wenn ich nicht voll hinter der homosexuellen Lebensweisen stehe und sie bedingungslos gutheiße und hype bin ich also Rassist, Nazi und das personalisierte Böse. Jeder soll so leben, wie es ihn glücklich macht. Ob hetero.- oder homosexuell. Besser oder schlechter ist keiner. Nur kommt es mittlerweile so rüber als wenn manche Homosexuelle für sich eine Sonderstellung sehen. Nicht nur ihr habt Probleme.

  4. Lieber Torsten, niemand will eine Sonderstellung. Trotzdem: Lesben und Schwule haben eine Sonderstellung. Sie wird ihnen zugewiesen von der kath. Kirche, vom politischen Islam, von rechten Parteien. Es ist die Sonderstellung derjenigen, die man zwar nicht mehr einsperrt, die man sogar toleriert (d.h. scheingroßmütig erträgt), denen man aber nicht volle rechtliche Gleichbehandlung und nicht volle gesellschaftliche Akzeptanz zubilligt. Dass ich z.B. jahrelang schlechter bezahlt wurde als meine heterosexuellen Kollegen, dass ich höhere Steuern zahlen musste als sie, dass unsereiner privat und medial immer wieder genötigt wird, sich für seine bloße Existenz zu rechtfertigen, dass unsere rechtliche Gleichstellung über Jahrzehnte hinweg in winzigen gesetzlichen Trippelschrittchen verschleppt wurde, dass wir unablässig zur Toleranz gegenüber dem auf uns abgeladenen Hass (der dann „Meinung“ genannt wird) aufgefordert werden, das sind ein paar Beispiele für die schwul-lesbische Sonderstellung, die sonst keiner sozialen Gruppe zugemutet wird. Mit Luxusproblem hat das nichts zu tun.

  5. @Torsten: Ja, das sind echt schlimme Probleme die Ihresgleichen so hat. Man darf nicht mehr Lautstark gegen Homosexuelle hetzen ohne hinterher als homophob bezeichnet zu werden. Echt schlimm.
    Übrigens wurden zur Nazizeit auch Homosexuelle verfolgt und getötet. Und auch nach der Nazizeit wurden Homosexuelle noch verfolgt. In vielen Ländern ist das heute noch der Fall. Das sie hier von “ herbeigeredeten Luxusprobleme“ sprechen ist entweder unsagbar dreist oder lässt auf tiefe Wissenslücken schließen.
    Ich weiß, dass Rechtspopulisten (die ja generell alles gerne verdrehen und zurechtbiegen wie es ihnen passt) gerne behaupten, Homosexuelle wollen eine Sonderstellung haben. Da liegen sie nur komplett daneben. Homosexuelle wollen eben genau das Gegenteil. Sie wollen die gleichen Rechte wie Heterosexuelle und in gleicher Weise behandelt werden. Wenn man die Ehe für Homosexuelle öffnet, heißt das nicht, dass man einer Minderheit Sonderrechte gewährt. Man hat stattdessen eine bestehende Diskriminierung entfernt und ihnen die gleichen Rechte zugestanden wie zuvor Heterosexuelle hatten.

    Aber um das nochmal deutlich zu machen, weil Rechtspopulisten dies scheinbar nicht begreifen wollen: Rassismus, Homophobie, Antisemitismus etc. sind keine Frage von Meinung oder Denkweisen. Sie dürfen die Partei wählen die sie wollen, Fleisch essen so viel sie wollen, niemand außer ihrer eigenen Paranoia (und der Gefallen, den sie in ihrer Opferrolle finden) hindert sie daran. Aber wenn sie Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder sexuellen (angeborenen!) Einstellung verurteilen, ist das nicht mehr von der Meinungsfreiheit gedeckt. Darüber, dass jeder Mensch Anspruch auf Freiheit und Menschenwürde hat muss nicht mehr diskutiert werden. Nicht im 21. Jahrhundert.

  6. „Würde der WDR auch auf die Idee kommen, einen Schwarzen mit einem Rassisten alleine in eine Sendung zu setzen und zu schauen, was da passiert?“

    Das kann eine sehr gute Idee sein:
    http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/45368/Ein-schwarzer-Pianist-entmachtet-den-Ku-Klux-Klan

    Und auch das kann eine gute Idee sein:
    https://www.washingtonpost.com/national/the-white-flight-of-derek-black/2016/10/15/ed5f906a-8f3b-11e6-a6a3-d50061aa9fae_story.html

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