Berliner Schwulenberatung kämpft gegen lesbische Sichtbarkeit

Startseitenfoto (c) Johannes Kram: Sigrid Grajek (hier in ihrer Claire Waldoff-Rolle) ist für den Berliner Preis für lesbische Sichtbarkeit nominiert

In Berlin eskaliert gerade ein Streit zwischen zwei geplanten Wohnprojekten, einem der lesbischen Initiative „RuT“ und einem der Schwulenberatung. Formal geht es um eine Ausschreibung, in der beide Organisationen um das selbe Grundstück konkurrieren. Die Sache ist sehr kompliziert. Beide Seiten haben gute Argumente . Beide Seiten betonen, dass es ihnen nicht darum geht, das jeweils andere Projekt zu verhindern, betonen den Respekt vor dem jeweils anderen Anliegen.

Ich habe mich bisher aus der Diskussion herausgehalten, weil ich beide Argumentationen nachvollziehbar fand, obwohl ich zugeben muss, dass mir die des lesbischen Projektes plausibler vorkam ( sehr vereinfacht gesagt geht es darum, dass die Lesben jetzt einfach an der Reihe sind).

Ich habe mich bisher auch aus der Diskussion herausgehalten, weil ich der Schwulenberatung abgenommen habe, dass sie es ernst damit meint, nicht mit den Lesben in Konkurrenz stehen zu wollen. Doch das sehe ich seit gestern anders.

Denn die Berliner Schwulenberatung kämpft ganz offensichtlich nicht nur gegen ein lesbisches Wohnprojekt. Sie kämpft ganz offensichtlich gegen die Repräsentanz von Lesben ganz allgemein.

Gestern habe ich einen Brief gelesen, den Marcel de Groot, Geschäftsführer der Schwulenberatung, bereits am 15. Juni an den Berliner Senator für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung, Dirk Behrendt, geschrieben hat. Behrendt ist als Senator zuständig für den neu ausgelobten „Berliner Preis für Lesbische* Sichtbarkeit“ , der in diesem Jahr erstmalig vergeben wird und der mit 3.000 Euro dotiert ist. (Die Preisverleihung ist morgen.)

In den Schreiben der Schwulenberatung an den Senator heißt es:

Mit dem Preis wird ein Zielgruppenranking betrieben, welches doch sehr zu kritisieren ist. Wir sind schon seit Jahren neben der Zielgruppe schwuler Männer für die Zielgruppe* Trans und Inter tätig. Auch wenn viele Diskriminierungserfahrungen dieser Zielgruppen sich leider gleichen, wie die gesellschaftliche Stigmatisierung und Ausgrenzung, so hat die Zielgruppe Trans* und Inter* noch erheblichen Nachholbedarf hinsichtlich der öffentlichen Wahrnehmung. Sie sind, wenn man so will, viel weniger sichtbar als schwule Männer oder lesbische Frauen. Wenn man über Sichtbarkeit spricht, haben Trans* und Inter* auf jeden Fall mehr Aufmerksamkeit verdient. Was sind die Gründe dafür, eine Teilgruppe besonders hervorzuheben?*

Nun, könnte man sagen: Weil die Mitglieder dieser „Teilgruppe“prozentual wahrscheinlich knapp eine Hälfte  der LGBTI*-Community stellen, aber ganz offensichtlich bedeutend weniger Repräsentanz in Öffentlichkeit und Gesellschaft haben. Und dass sie – ganz abgesehen davon, wer daran „schuld“ ist – dadurch auch bedeutend weniger Macht und dadurch etwa auch weniger Mittel für zielgruppengerichtete Projekte haben. Ich habe gerade ein Buch über Homophobie geschrieben, und obwohl ich in diesem Buch direkt schon am Anfang ausführe (und natürlich beklage), wie sehr „homo“ immer noch mit „schwul“ gleichgesetzt wird, werde ich von einem Großteil der Journalisten nach der „Schwulenfeindlichkeit“ befragt. (Selbst der SPIEGEL fasst das Buch mit dem Satz zusammen: „Es geht um die Frage, wie schwulenfeidlich dieses Land ist.“)

Aber ist das wirklich das Niveau, auf dem wir diskutieren wollen? Vor allem: Wollen wir wirklich eine (wie ich doch hoffe: unbestrittene) Misere nur deswegen nicht beheben, weil es auch andere Miseren in der Community gibt? Fangen wir jetzt wirklich an, das eine Problem mit anderen auszuspielen? Was für einen Nachteil haben Trans* und Inter* davon, dass für Lesben (etwas)  mehr gemacht wird? Was ist das für ein  Verständnis von Sichtbarkeit, das so tut, als ob die Sichtbarkeit der einen die der anderen etwas wegnimmt? (Ganz abgesehen davon, dass das lange ein Argument vieler lesbischen Aktivistinnen war, das Dank des „Lesben Raus!“- Buches von Stephanie Kuhnen  -„Lesben werden nicht automatisch sichtbarer, wenn Schwule unsichtbar werden“- gerade endlich überwunden scheint. Und ganz abgesehen davon, dass die Aspekte von Trans* und Inter* auch Teil des Themas lesbische Sichtbarkeit sind.)


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Doch nicht nur die unsolidarische, ganz offensichtlich nur auf den eigenen Vorteil bedachte Intervention ist ein Problem, das das Konzept einer Community, wie wir sie bisher verstehen, ganz grundsätzlich in Frage stellt. Denn die ganze Community wird gerade von außerhalb genau mit der Argumentationsweise attackiert, mit der die Schwulenberatung den Lesben eins auswischen will.

Ja, homosexuelle Sichtbarkeit wird von homophoben Heteros mit der gleichen Logik bekämpft, die die Schwulenberatung gegen lesbische Sichtbarkeit anführt!

So schreibt der BZ-Kolumnist Schnupelius in seiner Tirade gegen Preis:

Dabei bleibt die Frage offen, ob das wirklich Aufgabe des Staates ist. Wenn eine Frau die lesbische Liebe lebt, so ist das ihre private Angelegenheit, die nicht öffentlich bewertet werden muss.

Sie sollte auch nicht öffentlich bewertet werden, weil das zu Irritationen führt. Wenn eine lesbische Frau einen Preis vom Senat erhalten kann, eine heterosexuelle Frau aber nicht, dann wirkt es so, als ob die lesbische Liebe bevorzugt werden würde, als ob sie in den Augen des Preisgebers mehr Wert sei als die andere. Aber das ist sie nicht, sie ist gleichwertig.

Es ist nicht nur geschmacklos, sondern auch gefährlich, wie der Chef einer Schwulen-Institution dieses populistische Narrativ füttert, nach dem der Kampf gegen die Diskriminierung einer Minderheit ein Privileg, eine Bevorzugung ist. Ja klar muss für Trans“ und Inter* (und in vielen Bereichen auch noch für Schwule) mehr getan werden. Aber für Lesben eben auch!

Schwule sollten der Initiative gegen lesbische Sichtbarkeit also nicht (nur) aus Gründen der Solidarität mit den Lesben widersprechen und der Art und Weise wie Trans* und Inter* hier instrumentalisiert werden.

Sie sollten es tun, weil sich diese Initiative auch gegen sie selber richtet.

Mehr zum Thema im Blog:

„Was haben denn Schwule mit Lesben zu tun?“

​Die nächsten Lese- und Diskussionsveranstaltungen zum Buch zum Nollendorfblog,

„Johannes Kram: Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber …“:

19.06.  – KÖLN, ​09.07.- BERLIN​, ​09.08. – NÜRNBERG​, ​13.08. – LÜBECK, 16.08. – TRIER​, ​22.08. – ERFURT​, ​18.09. MÜNCHEN, weitere Termine in Kürze​

 

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8 “Kommentare ”

  1. Danke für deine Meinung.
    Wo kann man denn den Brief finden?
    Ist er öffentlich? Oder wurde er nur dir gezeigt? Wäre schon interessant ihn mal mit eigenen Augen zu lesen.
    “Gestern habe ich einen Brief gelesen, den Marcel de Groot, Geschäftsführer der Schwulenberatung, bereits am 15. Juni an den Berliner Senator für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung, Dirk Behrendt, geschrieben hat.“

  2. Oh, vielen Dank für diesen klugen Artikel!
    Ja, es stimmt, daß in der Öffentlichkeit/in den Medien „homo“ meist immer noch (!) gleichgesetzt wird mit „schwul“. Daß die Hälfte der „Homos“ „Lesben sind – egal.
    Schlimm – und symptomatisch.

    Wir Lesben und Schwule müssen zusammenhalten anstatt uns zu bekämpfen!
    Fühle mich leider oft wie im falschen Film.
    Ich habe nichts gegen Schwule,, vor allem nichts gegen die, die solidarisch sind 😉
    Und da kenn ich viele!
    Auf welche wie Marcel de Groot (s.o.) kann ich gerne verzichten.
    Ein Armutszeugnis.

  3. IAls Vorstandsmitglied eines Trans* und Inter* Vereines verbitte ich es mir so von der Schwulenberatung in Geiselhaft genommen zu werden. Wenn „wir“ etwas wollen sagen „wir“ das und brauchen keine ungebetene Schützenhilfe. Ansonsten interessieren sich die meisten „Schwulenvereine“ kein bischen für „unsere“ Wünsche und Bedürfnisse. Vielmehr werden wir durch solche Manöver eher unsichtbar gemacht.

  4. Viele lesbischen Projekte kämpfen doch auch für Trans und Inter (z.B. Seitenwechsel). Das ist doch kein Alleinstellungsmerkmal der Schwulenberatung… (die ja nun auch wirklich mit vielen Objekten von Charlottenburg über Schöneberg bis Kreuzberg sehr präsent ist).

  5. Ich bin das ewige Gerede um „lesbische (Un-) Sichtbarkeit“ satt. Mehr als ein Vierteljahrhundert lang habe ich mich homopolitisch engagiert. Lesben konnte ich dabei mit der Lupe suchen. Von sich reden machen Lesben mit idiotischen Forderungen (Paradebeispiel vor Jahren „Christina-Street-Day“) und verlogenen Aussagen wie der steilen These, die Nazis haben Lesben in gleicher Weise verfolgt wie Schwule. Wenn Lesben nicht sichtbar sind, dann deswegen, weil sie es in der breiten Masse bis heute nicht geschafft haben, sich ins Licht der Öffentlichkeit zu stellen. Warum denkt der Durchschnittsdeutsche bei Homosexualität immer nur an Schwule? Weil er Lesben nie als solche zu sehen bekommt außer selten mal im Fernsehen, wenn es um Regenbogenfamilien geht. Kein Wunder, dass ausgerechnet die als Ikone der Frauenemanzipation des 20.Jh.s geltende Alice Schwarzer ihr Lesbischsein immer unter der Decke gehalten und sich politisch nie für ihresgleichen eingesetzt hat. Sich verstecken, nirgends auftauchen – das ist heute noch die Devise. Aber dann plötzlich aus dem Schrank kriechen und klagen, unterdrückt und ausgeblendet zu werden. Einfach nur ein schlechter Witz. Da haben sie auch keinen Grund zu jammern, dass die heute in Deutschland bekannteste und politisch aktivste Lesbe ausgerechnet die Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag ist. Als wäre der bekannteste deutsche Schwule David Berger. Wen kennt die Öffentlichkeit sonst noch? Bettina Böttinger, Anne Will, Ex-Ministerin Hendricks (wenn die noch wem einfällt)… dann wird’s schon holprig. (Das rechtfertigt aber übrigens die dümmliche Kolumne des Herrn Schnupelius nicht.)

  6. Hallo Ralf,
    Dein Kommentar strotzt vor Unkenntnis. Das aber mal außen vor gelassen.
    Das, was Du hier betreibst, ist genau das, was uns alle schwächen wird. Wenn wir uns nur ordentlich untereinander zanken, zerfleischen und abwerten, muss das die Hetero-Mehrheit nicht mehr erledigen. Sie haben uns mit ein paar Rechte-Häppchen satt gefüttert und nun kann es losgehen mit dem Verschwinden in der Versenkung, weil wir nicht in der Lage sind, uns gegenseitig und miteinander stark zu machen.
    Darüber hinaus bestätigst Du das, was Du gerade eben abstreitest: Du willst gar nicht hingucken, warum Lesben sich innerhalb des Kampfes um gesellschaftliche Anerkennung und Gleichstellung durch die männlichen Teile der Community an die Seite gedrängt fühlen. Du haust einfach drauf.
    Übrigens wurde ich letztens von einer Heterakollegin gefragt, warum auf der Straße immer nur Lesben Hand in Hand oder Arm in Arm gehen, ob es denn wirklich soviel weniger Schwule als Lesben gäbe oder es daran liege, dass sie sich nicht trauten? Was soll ich ihr sagen?

  7. Hallo, Simone!

    Danke für den Tipp – wo ist diese Straße? 🙂 Aber im Ernst: Schwullesbische Emanzipationsarbeit – da hab ich 25 Jahre lang kaum Lesben angetroffen, 90% Schwule. Das ist kein ausgewogenes Verhältnis. Wenn die freilich den ganzen Tag auf dieser Straße rumlaufen, haben sie für queere Arbeit natürlich keine Zeit. Jo, billige Polemik…, wirst Du denken. ist aber schlicht meine Lebenserfahrung. Und noch was: Hand in Hand hab ich schon im Kindergarten gehasst, wenn wir uns in Zweierreihen aufstellen und abmarschieren mussten – und auch wenn mich meine Mutter an der Hand hielt, wenn wir in der Stadt unterwegs waren. Ist nicht mein Ding.

  8. Es ist nicht nur geschmacklos, sondern auch gefährlich, wie der Chef einer Schwulen-Institution dieses populistische Narrativ füttert
    ->
    einfach mal drüber nachdenken, dass es (außer mir) genügend Menschen gibt die diesen Standpunkt ebenfalls haben, nämlich dass lesbische Sichtbarkeit zum einen eine Gruppe besonders hervorhebt, zum anderen auch nicht auf diese Art hervorgehoben werden muss.
    Solange bekennende Männerhasserinnen in Institutionen wie dem Schwulen Museum rumgeistern, braucht niemand einen Preis, der diejenigen anfüttert, die nicht einmal in der eigenen Subkultur ohne Hass klarkommen.
    Niemand hat die Lesben gebeten sich kleinzumachen oder sich abzugrenzen. Wenn sie es dennoch tun, sollen sie das machen, aber dann muss man nicht diejenigen die in dieser Subsubkultur leben mit einem Preis wieder unter der selbstgewählten Käseglocke wieder hervorholen.

    Und ja, jetzt darfst du weiterätzen, dass wir, die Andesdenkenden (inkl. Schwulenberatung) gefährlich, populistisch, evt. sogar rechts sind, wahrscheinlich kommt auch flux wieder die AfD-Keule (ich kenne niemanden der die ernsthaft wählen würde – mich eingeschlossen!). Ist ja nicht die eigene Meinung, gell, da kann, nein, da muss man draufhalten. Denn es gilt hier wie in der ganzen linken Community (die sich anmaßt für alle zu sprechen, obwohl immer nur dieselben 2 Dutzend Gestalten das Maul aufreissen:): Wir haben ja nix gegen Andersdenkende, aber…

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