Queer in den Medien: Homosexualität ist keine Privatsache und Stonewall war keine Online-Petition!

Johannes Kram auf der Queer Media Society – Foto: Markus Kowalski

Gestern durfte ich bei der Gründung der „Queer Media Society“ vor ca. 150 Medienschaffenden die Eröffungsrede halten. Die Society hat das Ziel, die Präsenz unserer Community in den Medien zu verbessern. Es war eine sehr bewegende Veranstaltung mit TeilnehmerInnen aus allen Medienbereichen: JournalistInnen, SchauspielerInnen, ProduzentIinnen, RegisseurInnen usw. (mehr dazu im taz-Bericht, über die anderen RednerInnen und die Diksussion)

Hier der (gekürzte) zweite Teil meiner Rede, der von Sichtbarkeit von LGBTI in den Medien handelt (im ersten Teil ging es vor allem um die Themen meines Buches, also die „schrecklich nette Homophobie„, Homophobie in Gesellschaft, Medien und natürlich auch Dieter Nuhr):


Homosexuelle Emanzipation geht nicht ohne Gesicht zeigen. Nicht ohne Out sein. Das gilt auch und gerade für Homosexuelle in den Medien. Und ja, auch für SchauspielerInnen und Schauspieler. Doch dann gibt es die, die sagen: Aber Homosexualität, das ist doch eigentlich Privatsache.

Ich glaube, wer sagt, dass Homosexualität eine Privatsache ist, der lügt sich in die Tasche: Niemand käme doch auf die Idee, dass es ein Problem sein könnte, die Heterosexualität eines Menschen offen anzusprechen. egal, ob dieser dem eingewilligt hat oder nicht! Der einzige Grund, warum Homosexualität eine Privatsache sein sollte, ist also die Homophobie. Sich nicht zu outen bedeutet demnach, sich den Gesetzmäßigkeiten der Homophobie zu fügen.

Wer von einer Privatentscheidung spricht, macht Homophobie zum Privatproblem, so, als hätte er oder sie sich die Homosexualität, als hätte er sich die Homophobie selbst ausgesucht.

Damit das klar ist: Niemand sollte gegen seinen Willen geoutet werden. Und wir können nicht verlangen, dass sich jemand outet. Aber erwarten können wir es schon.

Ja, es ist ein Dilemma, und es ist nicht gerecht, weil die, die sich outen, ihre Karriere einer Belastungsprobe aussetzen, die die Heteros nicht haben. Und trotzdem: Wenn Homosexualität irgendwann keine Benachteiligung, kein Risiko mehr sein soll, dann müssen wir Benachteiligungen und Risiken eingehen. Wir müssen aber vor allem Konzepte dafür haben, dass diese Risiken minimiert sind. Das kann kein einzelner schaffen. Genau wie wir erwarten können, dass – im Sinne einer diskriminierungsärmeren Welt – nicht nur ein paar wenige dieses Risiko wagen, sondern möglichst alle dazu beitragen, dass das Risiko irgendwann keines mehr sein wird, so sehr können diese SchauspielerInnen und Schauspieler auch erwarten, dass wir als Community daran arbeiten, dass es nicht nur ihr Problem ist.

Jeder springt für sich allein. Wir können niemanden den Sprung vom 10 Meter-Brett abnehmen. Aber wir können zumindest dafür sorgen, dass im Becken Wasser ist.

Wie das gehen kann? Vielleicht können wir da gleich in der Diskussion drüber reden. Hier nur so viel: Wir müssen auch wieder lernen, im Durchsetzen unserer Interessen, unserer, ich sage bewusst: Unversehrtheit, unserem Recht darauf, dass unsere Benachteiligungen minimiert werden, radikaler zu sein. Und nicht nur darauf vertrauen, dass die Zeit das schon irgendwie regeln wird.

Nur nett sein bringt nichts. Die Zeit regelt gar nichts. Und 50 Jahre nach Stonewall muss man vielleicht wieder daran erinnern: Auch Stonewall war keine Onlinepetition!

Und was die Drehbücher, die Formate, die Rollen betrifft: Glaubt Ihr, Netflix zeigt nur deshalb so viele queere Charaktere und Stoffe, weil es so viele queere Kunden gibt? Ich glaube, es zeigt sie, weil diese Charaktere und Stoffe, etwas über die gesamte Gesellschaft aussagen.

Und deswegen müssen wir aufpassen, dass – wenn wir uns heute hier versammeln – um mehr Repräsentanz und mehr Sichtbarkeit in den Medien einzufordern, dass es nicht nur darum gehen kann, dass wir öfter vorkommen. Es muss auch darum gehen, dass es ein Bewusstsein um die Komplexität von Identitäten gibt. Dabei geht es um Widersprüche, Dilemmata, unterschiedliche, teilweise gegensätzlicher Ziele:

Wir wollen endlich als ganz normale Charaktere sichtbar sein, die nicht vor allem ihr Anderssein zur Schau stellen. Einerseits. Denn andererseits haben wir darum gekämpft, endlich anders sein und auch stattfinden zu dürfen!

Wir wollen endlich, dass Homo- oder Transsexualität nicht immer nur als Problem, sondern als Normalität gezeigt wird. Einerseits. Denn andererseits wollen wir, dass endlich unsere Opfergeschichten angemessen gezeigt werden.

Wir wollen, dass es egal ist, ob eine Figur LGBTI ist. Anderseits wollen wir zeigen, dass, und wo es eben nicht egal ist.

Wir wollen keine Klischees, keine Stereotypen mehr sein. Aber andererseits sind viele dieser Stereotype auch ikonenhafte Ergebnisse und auch Erfolge von Queer Culture!

Wir wollen, dass es nicht immer um Sex geht. Andererseits haben wir auch dafür gekämpft, dass wir keine bürgerlichen, aseptischen Homos mehr sein müssen!

Ja, das ist komplex. Aber vor allem für Medienmacher doch auch verdammt spannend! Es geht nicht nur darum, ob wir vorkommen. Es geht nicht nur darum, ob wir in wichtigen Rollen vorkommen.

Es muss darum gehen: Wie!

Ich glaube, dass der große Erfolg amerikanischer Serien und auch immer öfter hiesiger Serien auch damit zu tun hat, dass es bei den Hauptfiguren nicht vor allem darum geht, sich mit ihnen identifizieren zu können. (Die angeblichen oder tatsächlichen mangelnde Identifikationsmöglichkeiten mit queeren Figuren wird ja bei und immer wieder als Grund, genannt, warum es so wenige davon gibt.)

Ich glaube, dass es den Machern dieser Serien vor allem darauf ankommt, dass man sich für die Figuren interessiert. Dass sie auch abseitige, sprerrige Typen sein dürfen. Hauptsache, man will wissen, was mit ihnen ist.

Natürlich braucht es Identifikationsfiguren! Aber es braucht vor allem echte Figuren. Und wenn sie echt sind, und wenn sie komplex sind, dann interessiert man sich auch für den Stoff, ganz unabhängig davon ob es queere Figuren sind. Doch dafür müssten wir in Deutschland anfangen, mehr Gefühl dafür zu entwickeln, dass Diversität eine Bereicherung ist und nicht etwas, das man aushalten muss.

Was wir eigentlich brauchen -vor allem in den Themen und Stoffen – ist die Neugier, die Wertschätzung, die wirkliche Akzeptanz von Vielfalt. Und das bedeutet mehr Stoffe, in denen eben am Ende nicht immer Konsens ist, wo am Ende nicht immer alles Verstörende beseitigt ist, sondern Inhalte, bei denen man am Ende Lust hat mehr von dem zu erfahren, was selbst man so gar nicht ist.

Mit Toleranz und gut gemeinten, aber in Wahrheit gönnerhaften Erzählungen kommen wir nicht weiter. (…)

Lasst uns das ändern. Lasst uns unsere Gesellschaft verändern, in dem wir die Medien verändern.

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